Staatliches ungarisches Fernsehen: Abermals ein Bericht „der eigenen Art“ über die Demonstrationen

Das staatliche ungarische Fernsehen berichtete am 2. Januar 2012 in den Abendnachrichten auf MTV 1 um 19:30 Uhr über den Festempfang zu Ehren der neuen ungarischen Verfassung. Im Anschluss daran berichtete der Sender über die vor dem Opernhaus versammelten Demonstranten – und löste den nunmehr dritten „Nachrichtenfälschungsskandal“ innerhalb eines Jahres aus.

Der Reporter von MTV war in einer Position vor dem Opernhaus zu sehen, von der aus die mehreren zehntausend Demonstranten nicht zu sehen waren. Im Hintergrund waren zwar lautstarke Rufe und Pfiffe zu hören, der Sender erwähnte in der meistgesehenen Nachrichtensendung um 19:30 Uhr (vergleichbar mit Heute oder der Tagesschau) verschwieg jedoch die Größe der versammelten Menschenmenge völlig. Auch ein kurzer Kameraschwenk endete just an der Stelle, an der sich die durch eine Polizeiabsperrung vom Opernhaus getrennten Demonstranten aufhielten.

http://videotar.mtv.hu/Videok/2012/01/02/20/MTV_Hirado_2012_januar_2_19_30.aspx

(Der Bericht ist ab 4:45 min zu sehen)

Die eigenartige und im Hinblick auf die Wiederholungstäterschaft des staatlichen Fernsehens keinesfalls mehr zufällig wirkende oder als harmloser „fachlicher Fehler“ erscheinende Berichterstattung macht die staatlichen Medien, zur Farce. Man könnte sagen: Wenn sich plötzlich solche „Fehler“ häufen, wäre es wohl besser gewesen, keine Mitarbeiter beim staatlichen Rundfunk zu entlassen.

Im Jahr 2011 war das MTV bereits zweimal in die Kritik geraten: Der erste Fall war die fälschende Zusammenfassung eines Berichts über den grünen EU-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit durch den später beförderten ehemaligen Jobbik-Funktionär Dániel Papp, der zweite die Herausretuschierung des ehemaligen Obersten Richters des Landes, Lomnici, aus den Abendnachrichten.

Die staatliche Nachrichtenagentur erklärte den Vorfall abermals mit bloßen fachlichen Fehlern. Es gebe nur einen Grund für die Darstellung: Den Mitarbeitern vor Ort sei die für einen Rundumblick erforderliche technische Ausstattung nicht rechtzeitig zur Verfügung gestanden. Und schließlich sei in anderen Sendungen umfassend berichtet worden. Ein windiger Erklärungsversuch.

Bereits im Oktober 2011 war es zu einem „pünktlichen“ Ausfall von Verkehrsüberwachungskameras am Ort einer Massendemonstration gekommen (Hungarianvoice berichtete). Der private Betreiber des Systems hatte sich ebenfalls damit erklärt, das Geld fehle für eine reibungslose Übertragung. Sämtliche Kameras im übrigen Stadtgebiet funktionierten aber.

Ihr seid keine Journalisten, Ihr seid eine Schande für Euren Berufsstand. Und macht das Land nebenbei vor der ganzen Welt lächerlich.

Nachtrag:

Wie heute bekannt wurde, hat der Kommunikationschef des staatlichen Rundfunkfonds MTVA, László Szabó, sein Amt niedergelegt. Index.hu und 168óra berichten:

http://index.hu/kultur/media/2012/01/03/tavozott_az_mtva_kommunikacios_igazgatoja/

http://www.168ora.hu/itthon/deresre-huzzak-hirhamisito-hiradot-88646.html

18 Kommentare zu “Staatliches ungarisches Fernsehen: Abermals ein Bericht „der eigenen Art“ über die Demonstrationen

    • Herr Tamás hat sicher nicht unrecht, wenn er feststellt, dass die ausländischen Kritiker sicherlich auch eine eigene Agenda verfolgen. Dies läßt sich in der Tat vor allem bei der europäischen Kommission kaum leugen. In seinem letzten Satz bemängelt er, dass „das ungarische Volk weder im Land noch im Ausland über mächtige Verbündete verfügt“… Zumindest (halbscherzhaft) musste ich dabei aber auch denken: Zumindest dieses Problem scheint die Regierung mit China und dem Iran zu lösen gedenken..Ob das wirklich besser ist?! 😉

  1. Kullancs bemüht jetzt den „revolutionären Marxisten“ Miklós Tamás Gáspár (TGM). Damit auch die deutschsprachigen Leser verstehen um was es geht hier ein Zitat aus einer linksextremistischen Publikation vom 4.11.2011.

    „Als ich begann, mit dem bürgerlichen Mainstream zu brechen, gab es keinen Ersatz mehr, also musste ich zum revolutionären Marxisten werden. Ich konnte keine andere intelligente und glaubwürdige Lösung erkennen. Man muss den Fakten ins Gesicht sehen. Es ist keine bequeme Wahl oder eine Wahl, die die Mehrheit der Bevölkerung trifft, aber das ist egal. Ich denke, alle anderen Möglichkeiten haben sich erschöpft….

    Die Gegnerschaft zu der neoliberalen Globalisierung nimmt überwiegend nationalistische Formen an. Es ist notwendig, in einem mehr oder weniger demokratischen Land der Nation zu erklären, wie und warum die Regierung sich traut, den Bedürftigen solche Mittel zu verweigern. Die Antwort heißt, den Konflikt über Kriminalisierung und Schüren von Rassismus auszutragen, also zu sagen, dass all die Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, sich rassisch von uns unterscheiden, dass sie rassisch minderwertig sind im Fall der Roma, oder faule Versager, stützeabhängige Schmarotzer im Fall des »White Trash«, des weißen Mülls. Die Antwort lautet dann, mehr Gefängnisse zu bauen, mehr Polizei einzusetzen und das Proletariat, das Prekariat und die Unterklasse an ihrem Platz als Minderwertige zu halten. Es ist ziemlich verblüffend, wie sehr die allgemeine Antwort auf die Krise, die galoppierende Gesetzlosigkeit und die sich ausbreitende Armut antiplebejisch sind. Der offene Hass gegen alte Rentner, die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger als »Parasiten« findet sein Gegenstück in dem Hass auf die herrschende Ordnung des Kapitals als »ausländisch«. Die westlich-liberale Kritik am osteuropäischen Rassismus, an Fremdenfeindlichkeit und Neofaschismus wird als Finte verstanden, den »nationalen« Widerstand einem wurzellosen kosmopolitischen Finanzkapital und lebenszerstörender »politischer Korrektheit« auszuliefern. Die Stärkung der Rechten heißt nicht nur, dass alte widerliche, quasifaschistische Traditionen wiedererstehen, sondern es ist auch eine Antwort auf sozialen Zusammenbruch und Auflösung. Die Rechte verspricht Ordnung, sozialen Zusammenhalt und das Überleben der Mittelschicht, vor allem für junge weiße, christliche Mittelschichtfamilien.“
    http://www.linkswende.org/5243/Gaspar-Miklos-Tamas-Ich-bin-tief-beschaemt

  2. „Das in der Vergangenheit schon so oft enttäuschte ungarische Volk…“

    aus:http://www.presseurop.eu/de/content/article/1350881-allein-gegen-orban-und-besser-so

    eine gern genommene selbstzuschreibung – verstellt den blick, aber ist vermutlich psychologisch sinnvoll.

    zudem wird wahrscheinlich unzulässig verallgemeinert, dass mal wieder zu wenig mächtige verbündete ungarn zur seite stehen…(nach belieben sind’s auch gerne mal zu viel)

    wollte man dazu in redlicher weise stellung nehmen, müssten die stigmata alle einmal auf den prüfstand. die verständliche, und beizeiten ,aber auch irrationale, sehnsucht nach unabhängigkeit sollte einmal ohne aufregung hinterfragt werden dürfen.

    hierzu müsste/könnte/sollte ein öffentlicher diskurs stattfinden.

    nur so liesse sich vermutlich ein wirklich neuer identifikationsmythos aufbauen…und nebenbei evtl. die weltsicht ein bisschen freundlicher gestalten.

    ein weiter weg.

  3. Jobbik pflegt enge Kontakte zum Iran. Es gibt auch Hinweise auf finanzielle Unterstützung, wenn auch bis jetzt keine Beweise dafür vorgelegt wurden.
    Es gibt Fidesz-Politiker die an „östliche Winde“, an eine chinesische oder russische Finanzunterstützung glauben, aber bislang kam es nicht dazu.
    Und eine Entwicklung à la Weißrussland kann sich nur der ärgste Feind Ungarns wünschen.

  4. Werter Herr Pfeifer,
    „Kullancs bemüht jetzt den „revolutionären Marxisten“ Miklós Tamás Gáspár (TGM)“

    falsch, ganz falsch weil nämlich mein Satz dazu war…
    *die 100000 Demonstranten*
    Morgens waren es in der Presse zehntausend Demonstranten, mittags dann schon mehrere zehntausend und abends 100000.Da war ich dann doch erstaunt über die wundersame Vermehrung der Demonstranten.

    Wollte ich mich in der Kunst des Journalismus üben = das Weglassen, wars wieder nix. 😉

  5. Lieber Kullancs,

    da ich selber auf der Demo war: Die Organisatoren sprechen von 100.000. Das ist vielleicht etwas zu großzügig gezählt. Feststeht: Der Andrassy ut war gefüllt vom Oktogon bis kurz vor der Oper… Wenn wir also die Breite des Andrassy ut mit ca 35 m Schätzen, und die Länge der Demonstration mit ca 500…. und dann annehmen, dass ca 4 Menschen pro Quadratmeter Platz fanden.. (zum Vergleich, die BKV rechnet wohl mit 6 Menschen / qm) dann sind das schon mal locker 70.000 Menschen.. Also war es in der Tat eine wundersame Anzahl von Menschen… Weit mehr als die 8.000 von denen Herr Szijartó sprach.. Der hat aber vielleicht wirklich nicht mehr Menschen gesehen.. Nach dem Ende der Gala hatten es die Feirenden sehr eilig, die Oper durch den Hinterausgang mit gesenktem Blick zu verlassen, wäherend die Demonstranten – direkt vor der Oper waren es natürlich viel weniger wegen der Enge der Straße – den Polizisten Pogácsen gaben 🙂

  6. Kullancs, ich habe das schon begriffen. Aber das passiert doch immer wieder.
    Auch in Wien gibt es immer verschiedene Zahlen nach einer Demo, je nach dem wer berichtet. Dass da verschiedene Zahlen genannt werden ist doch keine große Überraschung.
    TGM hingegen hat wieder seinen Weg zum Revoluzzertum gefunden. Vor ein paar Jahren diskutierte ich mit ihm im Studio von ATV, da ging es um die Meinungsfreiheit einer jungen Pfeilkreuzlerin, wir kamen nicht auf einen gemeinsamen Nenner.
    Cordi herzlichen Dank für Ihren Bericht vom „Tatort“. Auch wenn es „nur“ 70.000 waren, ist das an einem kalten Januarabend ein ganz schönes Resultat. Während der warmen Jahreszeit werden es sicher mehr sein.

  7. @cordi,
    na das ist doch mal eine Aussage, mit der kann ich leben und die ich akzeptiere.Allerdings:waren es wirklich nur Leute, die gegen die jetzige Regierung protestiert haben??

    Wenn man sich das Video bei MNO so anschaut kommt man auf ein anderes Ergebniss (wobei ich das Niveau der gegenseitigen „Diskussionen“ mal ausblenden will)
    Sollte das video manipuliert sein??
    Was bin ich froh in der Provinz zu wohnen;-)

    http://mno.hu/?block=mno_video_popup&param=media_id=17980&id=1521

  8. Schande, was mit den öffentlich-rechtlichen Medien passiert. Und in Magyar Nemzet kein Wort. Erst dachte ich sie berichten von 200.000 auf der Titelseite … das war aber die Zahl der Devisenkredit-Tilger.

  9. LIeber Kollege Kálnoky,
    Ein Glück, dass es noch ATV gibt. Da sah ich doch – wenn auch die Tonqualität nicht sehr gut war – einen ziemlich guten Bericht und ein Gespräch der ausgezeichneten Olga Kálmán mit dem Politologen Kéri und dem Historiker Gerö.
    Die Politik nicht über unangenehme Ereignisse zu berichten erinnert an den türkischen Admiral, dessen Aufgabe es war Malta zu erobern, nachdem ihm das nicht gelang und er zur Hohen Pforte zitiert wurde, erklärte er „Malta yok“. Es gibt kein Malta.
    Im Moment habe ich das Gefühl, es kann den Satirikern nicht sehr gut gehen in Ungarn, denn die Realpolitik übertrifft die Satire und macht die Satiriker brotlos. Nur fällt es schwer darüber zu lachen.
    Ich beneide nicht die ungarischen Diplomaten, deren Aufgabe es ist das zu verteidigen und wegzuerklären.

  10. Lieber Kullancs,

    als ich um 18 Uhr auf dem Andrássy út angekommen war, war dieser voll mit Menschen. Ich stand direkt an der Kreuzung zur Nagymezö utca, wo zeitgleich eine Gegendemonstration von irgendwelchen verirrten Lichtern stattfand. – die paar 100 habe ich nicht mitgezählt. Als ich vor mich gesehen habe, stand ca 20-30 Meter vor der Oper quer eine Bühne und wenn irgendwo das „Orbán takaradj“-erklungen ist, sind wirlich Sprechchöre losgebrochen, die ich sonst nur aus einem Fußballstadion kenne.. Also gebe ich Ihnen mein Wort, dass die erdrückende Mehrheit der Leute, die auf dem Andrássy út standen sicherlich keine Freunde des FIDESZ waren – was natürlich nicht bedeutet, dass sie eine andere Partei präferieren.. Gyurcsany-Freunde und die Kriminelle waren es definitiv nicht – auch wenn der FIDESZ das so verbreietn ließ.
    Was das Video von MNO angeht: Ich habe keine wirkliche Anhung, wann die Aufnahmen dazu enstanden sind. Ich vermute, dass die Aufnahmen deutlich nach der Demonstration und direkt vor der Oper entstanden sind. Auch scheinen mir die Dinge nicht chronologisch geordnet zu sein, aber naja.. Auf jeden Fall kann ich Ihnen versichern, dass um 18.30 Uhr der ganze Andrássy út voll war – da kann ich Ihnen gerne auch Fotos zukommen lassen, die mit dem Handy gemacht wurden (also nicht wirklich reif für’s Fernsehen 🙂 )

  11. Pingback: Peinlich: Rádió Kossuth zensiert “Theatertipp” von Péter Esterházy | Hungarian Voice - Ungarn News Blog

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