Weitere Kontroverse zu Ungarn: Prof. Detlef Kleinert vs. Júlia Váradi – mit Umfrage

Da wir in der Zeit der Kontroversen über Ungarn leben, möchte ich den Lesern des Blogs eine Kontroverse zweier Kommentatoren in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ von Ende Dezember 2011 nicht vorenthalten.

Es traten gegeneinander an: Prof. Detlef Kleinert, ehemals ARD-Südosteuropakorrespondent in Wien, und Júlia Váradi, Mitarbeiterin u.a. des oppositionsnahen Radiosenders Klubrádió in Budapest.

Anlass der Kontroverse war die Auszeichnung zweier ungarischer Journalisten, Mária Vásárhelyi und Dániel Pál Rényi durch die Organisation „Reporter Ohne Grenzen“.

Die Vorlage lieferte Kleinert, der er die Auffassung vertrat, vieles der heutigen Kritik an Ungarn sei weniger von ehrlichenrSorge um die Pressefreiheit, als vielmehr von ideologischen Motiven – konkret: Parteinahme für die heutige Opposition – bestimmt:

http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/720019/Es-geht-um-Ideologie-nicht-um-Pressefreiheit?from=suche.intern.portal

Einige Auszüge:

Seit die Ungarn den Fehler begangen haben, „falsch“ zu wählen, reißen die Kampagnen nicht ab. Freilich, es sind immer die gleichen durchsichtigen Phrasen, mit denen der Untergang der Demokratie beschworen wird, es sind immer die gleichen Gestalten, die – vom Heil des Sozialismus getragen – die Freiheit in Gefahr sehen, und es sind immer dieselben Kronzeugen, die sich da als Informanten zur Verfügung stellen. Man kennt all die billigen, längst widerlegten Vorwürfe, ist nicht einmal mehr verstimmt.“

Dabei soll keineswegs übersehen werden, dass sich die Regierung Orbán vielfach ungeschickt verhalten hat, so auch bei der Neuordnung der Medienlandschaft.

Die Letzten aber, die nun vom Tod der Pressefreiheit reden sollten, sind jene Kolonnen, die zuvor die korrupten linken Regierungen unterstützt haben, denen es mitnichten um Pressefreiheit, sondern vielmehr um Ideologie geht. Wie gesagt: Die Ungarn haben halt „falsch“ gewählt, deshalb müssen die Blockwarte des Klassenkampfes in Österreich und Deutschland nun ihre Kampagnen fahren.“

Bleibt an Substanz: Die Organisation „Freedom House“ hat Ungarn in Sachen Pressefreiheit in der Kategorie „frei“ eingestuft, und Preisträger Renyi hat bei der Preisverleihung in Wien darauf hingewiesen, dass es keinen einzigen konkreten Fall für die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Ungarn gebe.“

Váradi stellte in ihrer Replik die Ungarn-Kompetenz Kleinerts in Frage und weist den Inhalt seines Kommentars, wie auch den Tonfall, als „aggressiv und ignorant“ zurück:

http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/720026/Aggressivitaet-Ignoranz-verblueffen

Es ist zwar nicht meine Aufgabe, darüber zu spekulieren, warum ein ehemaliger Balkan-Korrespondent einer deutschen Fernsehanstalt, der nach meinen Informationen kaum je über Ungarn berichtet hat, nun in einer so aggressiven und zugleich ignoranten Weise die Kritiker der Orbán-Regierung angreift. Es ist auch nicht meine Absicht, das Mediengesetz, dessen fragwürdige Bestimmungen das ungarische Verfassungsgericht dieser Tage verworfen hat, zu analysieren. Ich bin überzeugt, dass die Leser der „Presse“ über die Lage im Nachbarland vollauf informiert sind.“

Ob und warum zum Beispiel Maria Vasarhelyi gegen zwei „linke Kollegen“ (übrigens wegen frauenfeindlicher und beleidigender Adjektive) prozessiert, hat nichts zu tun mit ihren von der Jury anerkannten Leistungen als Publizistin und Kommunikationswissenschaftlerin.

Ob sie und ihr junger preisgekrönter Kollege, Daniel Pal Renyi, für linke oder rechte Zeitschriften schreiben, hat nichts zu tun mit dem Wahrheitsgehalt ihrer Enthüllungen über die Mediensituation oder Schlüsselfiguren an der Spitze der allmächtigen Kontrollorgane.“

Was mich als langjährige ungarische Rundfunkjournalistin verblüfft, ist die Tatsache, dass jemand, der selbst Journalist ist, eine so angesehene Institution wie „Reporter ohne Grenzen“ und die beiden Preisträger unvermittelt angreift. Dies geschieht in einem Stil und mit Adjektiven, die aus diversen Rechtfertigungs- und Berichtigungsbriefen ungarischer Botschafter (nicht zuletzt auch in Wien) und aus Kommentaren regierungsnaher Medien bekannt sind: „Es sind immer die gleichen durchsichtigen Phrasen, mit denen der Untergang der Demokratie beschworen wird…“ Zu dieser Taktik gehört auch die Methode, die Kritiker persönlich anzugreifen und zu diskreditieren.“

Übrigens: Erst in der vergangenen Woche hat die ungarische nationale Medienbehörde dem letzten freien Radiosender „Klubradio“ die Frequenz entzogen.“

Der von Kleinert erwähnte Freedom House Bericht (2011) ist hier abrufbar:

http://www.freedomhouse.org/template.cfm?page=22&year=2011&country=8053

Mehr zur Diskussion um Klubrádió hier:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/12/21/klubradio-erste-einzelheiten-der-ausschreibung-bekannt/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/10/01/klubradio-die-mar-vom-anschlag-auf-einen-unabhangigen-sender/

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11 Kommentare zu “Weitere Kontroverse zu Ungarn: Prof. Detlef Kleinert vs. Júlia Váradi – mit Umfrage

  1. Das Beachtliche an den beiden Artikeln ist, dass Váradi offensichtlich Kleinerts Statement von der Presse vorgelegt wurde – anders konnte sie unmöglich auf Argumente seines Artikels eingehen und somit das letzte Wort haben.
    So sehr ist die „bürgerliche“ oder zumindest „unabhängige“ Presse bereits verkommen…

  2. Der Krieg der links- und neoliberalen und „Sozialisten“ gegen die FIDESZ-Regierung und persönlich Viktor Orban ist eine einmalige Sache in der Geschichte der europäischen Demokratien.
    Es ist ohne Beispiel in dieser geschichte, daß die Medien und viele Politiker demokratischer Staaten sich langfristig und beinahe kritiklos einer Lügencampagne anschließen: ohne verläßlichen Informationen, ohne gewissenhafte recherchen werden die hassausbrüche (oft in raffinierter Form als Sorge für Ungarn und die Demokratie) der ehemaligen Kommunisten (der Milliardär Gyurcsany war der Sekretär der Kommunistischen Jugendorganisation der Regierung von Janos Kadar, der die ungarische Revolution von 1956 brutal niedergeschlagen hat) und „freien Demokraten“ repliziert – auch von renommierten Medien.
    Die Sender ARD und ZDF schießen sich dieser Campagne an. Gegenkommentare und -darstellungen werden mit wenigen Ausnahmen nicht veröffentlicht.
    Die Wurzeln des Hasses von Varadi und ihrer ideologischen „Verwandten“ gegen Ungarn (ja, gegen die Kultur und Identität dieser Nation) müßten erforscht und transparent gemacht werden, um diesen Krieg in faire Kommunikation umzuwandeln.
    Die andere Seite des Problems: Die ungarischen Intellektuellen, die Ungarns Unabhängigkeit und kulturelle Identität verteidigen und nach demokratischen Normen aufbauen möchten, sind leider nicht in der Lage, die Interessen des Landes und der Nation effektiv zu vertreten.

  3. Herr Szilágyi, wieso erwähnen Sie nicht die Kommunisten die Fidesz-Politiker wurden?
    Glauben Sie wirklich, dass nur Kommunisten oder ehemalige Kommunisten V. Orbán und Fidesz kritisieren?

    Und wer bestimmt was die Kultur und Identität der ungarischen Nation ist?
    Gehören Imre Kertész, György Konrád, Péter Esterhazy, György Dalos nicht dazu?

  4. Für mich hat Prof. Kleinert von Ungarn so viel Ahnung wie ich von einer Herzoperation, wenn nicht, ist es bewusste Fehlinformation.

    Wer sich jetzt bei Frau Vásárhelyi an dem Klubradiosatz aufhängt, blendet aus.

    @Szilagyi Janos

    Sie haben bei Ihrem Statement über Frau Vásárhelyi und ihre ideologischen Verwandten, noch die Worte „unungarisch und jüdisch“ vergessen.
    Ansonsten kann man gut herauslesen woher Ihr Hass kommt 😉

    • *Für mich hat Prof. Kleinert von Ungarn so viel Ahnung wie ich von einer Herzoperation, wenn nicht, ist es bewusste Fehlinformation*

      Da haben Sie aber mal den Nagel auf den Kopf getroffen.
      Denn Kleinert befindet sich da wohl ja wohl in allerbester Gesellschaft, oder?
      Man muss nur mal die deutschsprachige Presse lesen.

  5. frau váradi ist eine politisch stark positionierte journalistin aus dem (auchtung vereinfachung!) äußeren konrád kreis. sie ist eine dezidiert gegnerin der fidesz-regierung. ihre argumente beziehen sich nicht auf die aussagen von herrn kleinert, sondern auf die tatsache, dass er überhaupt aussagen wagt. das alles ist ihr gutes recht, aber sie ist fürwahr keine unabhängige instanz.

  6. Mich würde doch mal interessieren was man eigentlich unter der Aussage

    *klubradio…dem letzten freien Sender*
    verstehen darf?
    Ist jetzt z.B. Tilos Radio von FIDESZ besetzt oder noch schlimmer???

  7. Kullancs, Tilos ist ein Musikradio, das ein oder zweimal in der Woche auch ein politisches Programm (2 Stunden) jedoch keine Nachrichten ausstrahlt.

  8. An Richter Janos: Sie verwechseln Liebe mit Hass. Die eigene Nation zu lieben, oder weniger ausgeprägt mögen, ist nicht nur Barack Obama, Angela Merkel oder Sarkozy und den Bürgern ihres Landes erlaubt, sondern auch Viktor Orban und den Bürgern des Landes sowie Menschen, die außerhalb von Ungarn leben, und sich mit der ungarischen Nation identifizieren können.

    An Karl Pfeifer: Ob und wie Herr Kertesz, Konrad, Esterhazy und Dalos sich mit der ungarischen Nation identifizieren, ist deren persönliche (und evtl. auch politisch geäußerte) Angelegenheit.
    Es ist ein Irrtum übrigens, wenn manche das ungarische Nationalgefühl als Schimpfwort benutzen.

  9. Szilágyi Janos, schade, dass wir nicht Ihre Meinung erfahren. Aber meiner Meinung nach irren Sie sich. Mehr als die subjektiven Gefühle, der von mir erwähnten, ist es wichtig zu wissen, wie die Bevölkerung denkt.
    Ungarn ist ein gespaltenes Land, ein Teil der Bevölkerung wertet diese Schriftsteller als Ungarn, die einen wertvollen Beitrag zur ungarischen Kultur leisten, ein anderer Teil aber grenzt sie aus, meint sie seien „fremdherzig“ u.ä.m.
    Und gerade hier sehe ich den Unterschied zwischen Ungarn und Österreich. Als Imre Kertész den Nobelpreis erhielt, gab es eine regelrechte Schmutzkampagne in Ungarn gegen ihn. Hingegen haben sich mit Ausnahme weniger Rechtsextremisten die meisten Österreicher sich sehr gefreut als Elfriede Jelinek den Nobelpreis erhalten hat. Auch diejenigen freuten sich, die nicht unbedingt alle Standpunkte der Schriftstellerin teilen.

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