Die ZEIT: Interview mit dem ungarischen Außenminister János Martonyi

Die ZEIT bringt ein ausführliches Interview mit dem ungarischen Außenminister János Martonyi:

http://www.zeit.de/2012/06/Ungarn-Interview-Martonyi/seite-1

Das Interview führten Alice Bota und Jörg Lau.

36 Kommentare zu “Die ZEIT: Interview mit dem ungarischen Außenminister János Martonyi

      • „Es ist meine tiefe Überzeugung, dass Ungarn seinen Platz in einer starken EU hat, die immer enger und tiefer zusammenarbeitet.“

        werden diesbezüglich ausreichend deutliche zeichen seitens dieser regierung gegen die gegenwärtige anti-eu-stimmung gesetzt? mmn nein.

        und welchem zweck soll der bezug zu einer starken eu (auch am ende des interviews) dienen?
        Ist man denn überhaupt bereit bei einer stärkung konstruktiv mitzuarbeiten? Oder wird gehofft, dass es es gar nicht zu einer solchen kommt? eine bleibende schwächung der eu könnte ein selbstzweck sein, um das konstruierte feindbild (mit dem sich ja offensichtlich allzu leicht stimmung machen lässt) zu pflegen und darauf beruhendes wahlverhalten in zukunft nutzen zu können.

        „Er bat um Argumente, auch bei seinem Auftritt im Europäischen Parlament. Lasst uns eure Argumente wissen! Dann können wir uns dazu verhalten.“

        das ist mindestens merkwürdig.soll das etwa heissen die verträge zum beitritt wurden unterschrieben und nicht verstanden? und dann auch hier wieder die gleiche frage: wird sich denn überhaupt genügend an der demokratischen entwicklung der eu beteiligt? mir erscheint diese haltung zu passiv und abwartend…die demokratische eignung müsste geprüft werden.

        „In all diesen Ländern sind feindselige Stimmungen gegen die EU oder Brüssel zu verzeichnen.“
        „Es gibt übrigens EU-Gründungsmitglieder, gegen die drei- bis viermal so viele Verstoßverfahren liefen.“

        verbessern diese feststellungen das agieren der regierung?

        „Die Spaltung der ungarischen Gesellschaft wird überbewertet.“

        aus meiner sicht und erfahrung ist dies eine ungebührliche verharmlosung mit dem evtl ungewollten eingeständnis an der lage nicht ändern zu wollen. eine revolution fordert halt ihre opfer…oder?

        „Ich selbst bin befreundet mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Sozialisten.“

        sehr gut, und das reicht schon?

        „Es gibt eine klare Trennlinie, die zwischen allen demokratischen Parteien auf der einen und der rechtsradikalen Jobbik auf der anderen Seite verläuft.“

        tut mir leid, kann ich nicht erkennen. Wird sie denn öffentlich eindrücklich genug geächtet? falls dies geschehen ist, hätte ich dazu gerne quellen.

        „Allerdings könnte die Kampagne, die heute gegen Ungarn geführt wird, dazu führen, dass Jobbik stärker wird.“

        fein, somit bauen wir auch gleich schon mal dem, aus meiner sicht erwartbaren, erstarken dieser formation vor und zeichnen uns, wie gewohnt, jetzt schon einmal unverantwortlich für eine solche entwicklung.

        „Ich bin zufrieden, wenn die ungarischen Medien unzufrieden sind.“

        klingt das nicht nach absichtlicher provokation? ist die spaltung in der gesellschaft also doch in ordnung?

        „Das Internet wird von der Opposition beherrscht, die Mehrheit der Zeitungen auch.“

        ist ein ausdruck des bedauerns?

        „Nein, das Mediengesetz war ein Mix aus politischen Stellungnahmen und juristischen Regeln. Aber von außen betrachtet schien es, als hätten die politischen Stellungnahmen Gesetzesrang.“

        wer kann glaubhaft versichern, dass dies nicht von innen betrachtet genau so gewollt war?

        ist es nicht an der zeit die aktuell etwas ruhigere lage dazu zu nutzen, zweifler am demokratischen verständnis der aktuere zu überzeugen. Ein paar grundsatzreden im parlament könnten dazu doch sicherlich dienlich sein.

  1. Ich finde es erst mal gut, dass sich der ungarische Außenminister den berechtigten Fragen deutscher Journalisten stellte und vor allem, dass er das Interview der liberalen „Zeit“ gegeben hat. Er hätte es sich auch einfacher machen können und zur konservativen F.A.Z. gehen können. Mein Gesamteindruck: Martonyi hat sich in seinen Antworten einmal mehr als Mann des Ausgleichs erwiesen, aber auch als jemand, der erkennbar zwischen den Stühlen sitzt. Wieviel Einfluss der Außenminister im Kabinett oder gar gegenüber der Fidesz-Fraktion im Parlament wirklich hat, ist unklar.

    Einige Einwürfe und Fragezeichen von „g.stillt“ haben ihre Berechtigung. Um nur einen Punkt herauszugreifen: Es ist gut, dass Martonyi (persönlich) eine klare Trennlinie zwischen Jobbik und den übrigen Parteien erkennt. Ich hoffe, dass solche Aussagen nicht nur für deutsche Leser bestimmt sind, sondern auch in der Heimat getroffen und/oder von den ungarischen Medien rezipiert werden. Die gemeinsame Abgrenzung gegenüber Jobbik sollte den demokratischen Parteien in Ungarn nach der Verbrennung einer EU-Fahne durch einen Jobbik-Politiker und der Vona-Aussage: „Wir sind keine Demokraten“ eigentlich leichter fallen denn je.

    Leider ist bislang kaum erkennbar, dass die übrigen Parteien gegenüber Jobbik und den „Garden“ wirklich eine gemeinsame Linie vertreten würden. Die einzige mir erinnerliche positive Ausnahme in der parlamentarischen Praxis war die Verschärfung des Strafgesetzbuchs nach den Vorfällen in Gyöngyöspata. FIdesz, KDNP, MSZP und LMP stimmten seinerzeit mit ja, Jobbik mit nein.

    • Das ist tatsächlich ein neuer Ton. Fidesz hatte sich ja vor und nach der Wahl als Kraft der Mitte zwischen zwei Extremen (MSZP und Jobbik) dargestellt. Dass nun von einem demokratischen Lager versus Jobbik die Rede ist, klingt neu, speziell nach Orbáns ungutem Vergleich der MSZP mit dem Geist von Hitlers Mein Kampf (nun gut, umgekehrt machen es die Linken ganz ähnlich und nennen Fidesz gerne faschistoid).

      Mal sehen ob sich da in den nächsten Wochen etwas tut. Vielleicht kann sich die Linke ja auch mal zu einer Änderung des Tons überwinden.

      Übrigens bin ich erleichtert, dass Vona sich als Nicht-Demokrat geoutet hat. Ich bin sicher, das kostet Umfragepunkte und wird die Partei schwächen. Ungarn wird letzten Endes nicht für diese hysterischen Dilettanten seine Demokratie und europäische Identität riskieren.

      • Herr Kálnoky,

        was das „Outing“ von Vona und seine Folgen angeht, bin ich weniger optimistisch. Ich denke, Jobbik wird noch einige Zeit von der generellen Situation profitieren können. Die innere Sicherheit auf dem Land ist unverändert schlecht, die Landbevölkerung ist von Existenzangst geprägt, hinzu kommen die Ansagen aus Brüssel und der Umgang mit Ungarn (auch wenn es vielen wehtut: auch das Ungarn-Bashing stärkt Jobbik). Einige wenige aus einem Sammelsurium von Gründen, die den Rattenfängern die Menschen in die Arme treiben.

        Was die von Ihnen zitierte Aussage Vonas angeht, so feiert er gerade wieder einen „Erfolg“: Er wird nämlich unvollständig wiedergegeben. Und das gibt ihm abermals Auftrieb bei seinen Anhängern. Ich will hier Vona nicht verteidigen, weise aber darauf hin, was er genau sagte:

        Demokraták sem vagyunk. Demokraták sem vagyunk abban az értelemben, amivé az mára züllött. Nem vagyunk, mert a mi szellemi centrumunk nem a pénz és a töke. (…)

        Ich habe mir Mühe gegeben, auch nur einen einzigen Pressebericht zu finden, der Vonas Aussage über das furchterregende „Wir sind keine Demokraten!“ hinaus wiedergibt. Es ist mir nicht gelungen. Ich nenne das einen Erfolg von Jobbik. Gerade weil die Aussage Vonas, das demokratische System sei heute (auch) dadurch gekennzeichnet, Menschen in Abhängigkeit zu halten, so weit ich mich entsinne, in ähnlicher Form auch schon beim Pester Lloyd zu lesen war, und insoweit nicht mit dem Hinweis auf typisch rechtsradikales Gepolter abgetan werden kann.

        Vona und sein Haufen können (und werden!) sich wieder einmal als Opfer darstellen. Vona sagte bereits in seiner Rede, er werde für diese Worte heftigste Kritik erfahren. Und die Journaille läuft in die Falle. Über diese Vorlage – Vona kann sich als weiser Politiker mit quasi-hellseherischen Fähigkeiten darstellen – bin ich traurig, genau genommen sogar sehr wütend. Weil Jobbik nichts Gutes will, auch wenn sie sich als Retter aufspielen.

        Man sollte auch bei der verständlichen Abneigung gegenüber Jobbik, die ich teile, sauber arbeiten, denn alles andere wird von Jobbik postwendend in politisches Kapital umgewandelt.

  2. Dank für die Nuancierung. Und es stimmt, die EU benimmt sich genau so,, als wolle sie Ungarn verlieren.. Die Ereignisse um Malev & Folgeprobleme werden dieses Gefühl noch verstärken. Wenn gleichzeitig Fidesz Brüssel gegenüber folgsamer wird, öffnet das vielleicht Spielräume für Jobbik.

    Dennoch, die Formulierung hat einen Klang, der für viele Ungarn eher abstossend wirkt, besonders wenn man es mit den Ruf Vonas nach einer Hinwendung zur Türkei (und abwendung von Europa) verbindet. Das sind nicht die Art von Reizworten, die beim Bürger gut ankommen.

      • Ich weiß aus „zuverlässiger“ Quelle, dass Jobbik Sponsoren hat. Ich weiß auch noch mehr, bloß das sag ich nicht ungeschützt.

        Mal was ganz anderes, ehe der Verdacht entsteht, ich hätt‘ ’ne Stasimacke.

        Wenn ich ein Mütterchen hätte, und mein Mütterchen mich sponsern würde, und wenn mein Mütterchen auf deutsch-russische Energiepartnerschaft stehen tät, na dann fiele es mir gar nicht schwer, bei Gelegentheit mal ein T-shirt überzustreifen, auf dem Gazprom steht. Ist alles eine Frage der Dankbarkeit und des Anstandes.

        Apropo Anstand: Ist immer wieder lustig, wenn Vona oder Dalos oder Pfeifer den Anstandswauwau abgeben.

        Anstandswauwaus sind die „Chaperons“ in der politischen Öffentlichkeit.
        Anstandswauwaus wachen über die moralische Integrität ihrer Feinde.
        Ich bin wirklich froh, dass es noch Herrn Pfeifer im Westen, Dalos im Osten, Vona und den großen Anstand an sich gibt.

        Csurka, der trotz seiner „unannehmbaren Ideen eine würdevolle Haltung“ wahrte, ist ja inzwischen tot.

        Vorbildlich UNANSTÄNDIG.

  3. Lieber Herr Kálnoky, was könnte die EU tun, um die Tragödie des Malévs zu verhindern? Mir scheint diese Tragödie auch unsere Regierung(en) nicht besonders interessiert zu haben, denn sie bahnt sich seit zumindest fünfzehn Jahren an und selbst die rechtliche Lage (etwa zwischen Budapest Airport und Staat) ist ungeklärt. Was unsere Beziehung zur EU anbelangt, ist Martonyis Intervew in Formulierungen geschickter als es früher war und das meine ich bei einem Diplomaten eundeutig positiv. (Er stellt sich nicht unbedingt hinter jeder Dummheit seiner Regierung.) Eine winzige Hoffnungsschimmer für mich ist auch eine Äusserung von János Lázár im http://www.nol.hu zu der Möglichkeit von Konsultationen mit den parlamentarischen Parteien über (einige?) zukünftige Gesetze. Das ist noch alles unklar. Die demokratischen Parteien sind zunächst skeptisch, allerdings neigen sie vorsichtig zur Teilnahme. Ich glaube, sowohl der Kreis der Beteiligten als auch die Themen könnten etwas breiter gefasst werden.
    Lieber Herr Herche, ich möchte gerne auf Ihre Bemerkung reagieren, in der Sie Karl Pfeifer, Gábor Vona und mich in einen Topf werfen, ich verstehe aber von der sicher fein und sogar geistreich gemeinten Bemerkung („Anstandswauwau“) kein Wort. Offensichtlich steckt dahinter ein Geheimwissen, das Sie mit der Öffentlichkeit des HV ebenso nicht „ungeschützt“ teilen wollen, wie Ihre profunden Kenntnisse über die Sponsoren der Jobbik.

    • Lieber Herr Dalos,

      Malev wird eventuell erst dadurch zur Tragödie, dass die EU zugleich gegen Ungarn die Excessive Deficit Procedure aktiviert hat – aus der Ungarn schlecht entweichen kann, wenn aufgrund vertraglicher Verpflichtungen bzgl Malev gegenüber Budapst Airport eine Sofortzahlung von 1,5 Miliarden Euro fällig wird. Das kann es sehr schwer machen, 2012 die Brüsseler Defizitvorgaben zu schaffen. In der EU wird man diese Zusammenhänge vorher ge- und erkannt haben. (Möglicherweise kommt bald ein ähnlicher Nackenschlag in Bezug auf die BKV).

      Wenn die Defizitvorgabe nicht geschafft wird, werden auch noch Kohäsionsfonds entzogen für 2013, in Höhe von zwei Milliarden Euro – eine europäische Premiere, womit eine denkbar schlechte Ausgangsposition für Fidesz geschaffen würde bei den Wahlen 2014.

      Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Ungarn die Stimmung gegenüber der EU verbessern wird. Der Eindruck, der entstehen kann, ist, dass Brüssel Ungarn eine negative Sonderbehandlung zuteil werden lässt, um Parteipolitik zu betreiben. Ich hoffe, das ist nicht der Fall, und ich hoffe noch mehr, dass die EU darüber nachdenkt, was wohl in einigen Jahren die Folgen sein werden, wenn sie die Sympathie der Bevölkerungen ganzer Länder verliert – Griechenland ist ja in dem Sinne schon verloren.

      • Die Annahme, es könnte möglicher Weise das Ziel der EU-Kommission sein, die Position des Fidesz bis zur Wahl 2014 zu schwächen, ist jedenfalls eine offene Diskussion wert. Da kommt sehr viel auf einmal: Rückforderung der Malev-Beihilfen, Vertragsverletzungsverfahren, Kreditlinie, und plötzlich, ganz plötzlich sind die Kohäsionsfonds auch noch gefährdet. Anders als noch zu Zeiten der Vorgängerregierung, als mit Geldern europäischer Steuerzahler sogar Diskotheken-Lichtanlagen (!) finanziert wurden – damit die ungarische Landbevölkerung weiß, wie „bärig“ man im Westen feiert 🙂 …

        „Die Kommission“ gibt es nicht, sondern Kommissare, d.h. Politiker, die einem enormen medialen Druck ausgesetzt sind. Die Frage lautet also, wer sich im Bezug auf Ungarn besser Gehör verschaffen kann, welche politische Richtung primär den medialen Druck aufbaut. Wer die „Experten“ sind, deren Worte wie eine Sänfte überall hingetragen werden.

        Eine Verschwörung gibt es nicht. Aber es gibt eine kleine Zahl landes- und sprachkundiger Personen und Persönlichkeiten mit eindeutiger politischer Positionierung, die sozusagen Dauergäste der deutschen Journaille sind. Und sogar unwahre Behauptungen oder fragwürdige Bewertungen werden wahr bzw. plausibel, wenn sie sich in wissenschaftliche Verpackung mogeln. Den Rest besorgen dann mäßig informierte Journalisten, die wie die Lemminge voneinander abschreiben (siehe die kritiklos verbreiteten Falschmeldungen zum Mediengesetz oder die idiotische Behauptung, Jobbik sei Mitglied der Regierungskoalition) und sich nur noch in den zu vergebenden Negativattributen übertrumpfen. Bad news sell.

        Neulich traf sich Kommissarin Neelie Kroes gar mit György Bolgár und András Arató – dem Gyurcsány-Handküsser – vom Klubrádió; wer sonst hatte jemals dieses Privileg? Katolikus Rádió, dem man 2010 den Zuschlag verweigerte (the winner was: Klubráááádióóóó), jedenfalls nicht. Seinerzeit sagte der MSZP-Vorsitzende im Rundfunkrat übrigens sinngemäß in Richtung Fidesz, man müsse trotz des Geredes über Verhältnisse wie in einer Bananenrepublik den Willen einer 2/3-Mehrheit (gemeint war die linke/liberale Mehrheit im Rundfunkrat) akzeptieren. Ja, ich höre es schon: Das war seinerzeit richtig, denn damals war Ungarn ja noch eine Demokratie. Heute ist alles anders, und man darf das, was man gestern gut fand oder jedenfalls duldete, als Menetekel für die Abschaffung des Rechtstaates heranziehen 🙂

        Was Demokratie ist, bestimmen offenbar andere als die 53% Wähler, die Fidesz und Orbán ihre Stimme gaben. Etwa diejenigen, die bei Berichten über Anti-Regierungs-Demos Bilder von Pro-Regierungs-Demos zeigen oder in kaum zu überbietender Plumpheit die Bilder von rechtsextremen EU-Fahnen-Verbrennern der oppositionellen Jobbik dann einblenden, wenn von Demos für die Regierung gesprochen wird. Oder diejenigen, die – wie der Tagesspiegel – Ungarn als Pestbeule am „gesunden europäischen Volkskörper“ darstellen (hier die Karikatur). Oder diejenigen, die zum Sturz Orbáns und zum Boykott aufrufen (wie György Konrád: „Je früher Orbán weg ist, desto besser wird es uns ergehen“). Warum machen viele derer, die Dialog einfordern, es eigentlich nicht besser als die heutige Regierung?

      • HV, Kommissare sind nicht gewählt, ich denke der Druck ihrer Regierungen ist stärker als der der Medien. Und denen geht es ja gerade jetzt darum, „mehr Europa zu wagen“, also nationale Demokratie zu entmachten. Wer stört da?

    • Sehr geehrter Herr Dalos,
      mein Nachbar hat mich gestern auf der Straße angehalten. Er zeigte in Richtung Garten und sagte in etwa, die Schmetterlinge frieren, mussen futtern. Er selbst bibberte vor Kälte.
      Wir beide verstehen uns gut. Er ist letztes Frühjahr hier eingezogen und erlebt wohl zum ersten Mal in seinem Leben einen Winter mit Minusgraden weit unter Null. Mein Nachbar kommt aus Afrika, wo es, so vermute ich, beides gibt, Vögel und Schmetterlinge. Keine Ahnung, warum er sprachlich so wenig differenziert. Aber ich verstehe ihn trotzdem.

      Zur Sache: Ich habe Sie, Vona und noch etwas im gleichen Atemzug genannt. Warum lassen Sie den Anstand unter den Tisch fallen und behaupten, ich hätte Sie mit zwei anderen in einen Topf gesteckt. Ich verstehe ja noch ohne weiteres, dass Sie beim Wort Hölle gleich an einen Kessel denken, in dem sündige Seelen im eigenen Saft schmoren. Aber ich zielte auf etwas anderes ab, als ich Sie, Herrn Pfeifer und den Vona mit ‚Anstand’als dem „Dritten der Vergleichung“ nannte. Ich gebe Ihnen Recht, das ‚Anstand’ als Tertium Comparationis nur bedingt geeignet ist, um das Geneinsame, in dem drei verschiedene Personen des Zeitgeschehens übereinstimmen könnten, aufzuzeigen. Mitnichten ist Anstand ja das Kriterium, an dem sich eine Person des öffentlichen Lebens heute noch zu messen lassen hat. Denken Sie nur an den ungarischen Präsidenten oder die vielen anderen, die sich z.B. als Wissenschaftlerinnen versuchen lassen. Ich kenne sogar eine Lehrbeauftragte, die mit Falschzitaten die Gute Sache verfolgt und – überhöht ausgedrückt – an der Destabilisierung Europas mitwirkt.

      Sie können auch nicht behaupten, dass ich ‚alles in einen Topf werfe’, weil ich einen Verstorbenen Hassprediger nenne und protestiere, wenn der Politiker postum als Schriftsteller Ehrung erfährt.

      Denn in diesem Punkt sehe ich eine Übereinstimmung zwischen Ihnen und Gábor Vona. Der hat 2009 nämlich auch relativiert und im Zentralorgan des Komitats Zala kundgegeben, dass er den Hassprediger mehr für einen „drámaíró“, einen Dramatiker, denn für einen Politiker hielte.

      Sie schreiben, Herr Dalos, er hätte sich Sie zum Feind gemacht.
      Wollte er sich auch Vona zum Feind machen, als er diese Zeilen schrieb? Sie kennen hoffentlich die Passage aus seinem literarischen Werk, die ich hier absichtlich nur im Original zitiere:

      „Az ember szégyelli magát, ha diplomás embereknek kell az ábc-t magyarázni. Baló Györgyné Morvai Krisztina, aki először észrevette a palesztin asszonyok kiszolgáltatottságát és szót emelt értük az ENSZ-ben, most észrevette a borsodi magyar falvak cigányoknak való kiszolgáltatottságát és feltette az életét Vona Gábor szefárd zsidóval együtt a magyarság cigánybűnözés alóli felszabadítására. Ez operettlibrettónak is rossz..“

      Quelle: http://www.miep.hu/index.php?option=com_content&view=article&id=2526?utm_source=mandiner&utm_medium=link&utm_campaign=mandiner_201202:lefele-menekuelni&catid=41:hirek&Itemid=63

      Nennen Sie das wegen mir Literatur. Aber lassen Sie die Lobeshymne, der Hassprediger habe trotz der „unannehmbaren Ideen eine würdevolle Haltung“ gewahrt.

      In Szigliget hat her im Suff nicht nur die Leute beschimpft, sondern da hat der Dramatiker gelegentlich auch in die Ecke gekotzt. Das weiß ich aus „zuverlässiger“ Quelle.

      Was die Sponsoren von Vona angeht, den der Dramatiker den Sephardim zurechnet, da müssen Sie einfach nur die HVG lesen.
      Steht zwar nicht alles in der Zeitung, woher Jobbik das Geld bekam, jedenfalls heute noch nicht, aber die Zeiten ändern sich schnell.

      http://m.hvg.hu/hvgfriss/2010.04/201004_Jobbik_merlegkanyarok

      http://m.hvg.hu/hvgfriss/2010.02/201002_JoBBIKFoRINToK_VIZSGALoDo_uGYESZSEG_Penzker

      Unverhofft kommt oft!

  4. Einige unmögliche Äußerungen des außenpolitischen Sprechers von Jobbik, Gyöngyösi, haben das ungarische Außenministerium kürzlich dazu veranlasst, in einer offiziellen Erklärung auf Distanz zu gehen und gleichzeitig die Vermengung der Regierungspolitik mit Jobbik-Positionen durch Teile der (ausländischen) Presse entschieden zurückzuweisen:

    http://www.kormany.hu/en/ministry-of-foreign-affairs/news/statement-of-the-foreign-ministry-on-the-jerusalem-post-s-article-of-5-february-2012-about-hungary

    Den Bezugsartikel aus der „Jerusalem Post“ finden Sie hier:

    http://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=256481

    Und hier der Artikel aus dem „Jewish Chronicle“, auf den sich wiederum die „Post“ bezieht:

    http://www.jta.org/news/article/2012/02/05/3091520/hungarian-political-leader-questions-holocaust-israel

    Gyöngyösi fühlt sich jedoch erst mal „missverstanden“ und holt zum Gegenschlag aus:

    http://jobbik.hu/rovatok/orsz%C3%A1gos_h%C3%ADrek/gy%C3%B6ngy%C3%B6si_m%C3%A1rton_manipul%C3%A1lt%C3%A1k_a_nyilatkozatomat

    Meinungen und Kommentare zu diesem Vorgang würden mich interesseren.

  5. Was sich in den deutschsprachigen Medien bezüglich Ungarn-Berichterstattung abgespielt hat ist so etwas, wie eine mediale Kernschmelze. Ein Prozess hat sich verselbstständigt, ein Zustand ist eingetreten, den so die Meisten der Beteiligten nicht gewollt haben. Die von mir so hochgeschätzte deutsche Presse berichtet über Ungarn in vielen Fällen in einer Manier und auf einem Niveau, wofür das Prädikat „schlechte Propaganda“ nicht vermessen ist. Was macht aber Journalisten, die bei anderen Themen qualitativ hochwertige Arbeit auf den Tisch legen im Fall Ungarn zu „Propagandisten“? Die Überzeugung. Die Mehrheit dieser Journalisten ist tatsächlich davon überzeugt, dass in Ungarn die Demokratie in Gefahr ist. Das führt zu einer engagierten Berichterstattung, in einer nächsten Stufe zum Verlust der Objektivität. Der deutschsprachige Leser, die deutsche Öffentlichkeit hat kaum noch Chancen ausgewogene, objektive Information über Ungarn zu beziehen.

    Dieser mediale Super-GAU ist die Folge von einem unglücklichen Zusammenspiel von mehreren Faktoren. Ein wichtiger Faktor war die katastrophal schlechte Kommunikation der ungarischen Regierung gegenüber westlichen Medien, während Fidesz-Gegner es verstehen, ihre (oft nicht ganz faire) Botschaften mit großer Professionalität in der deutschen Presse zu unterbringen.

    Es sieht so aus, dass die ungarische Regierung nun eine neue Strategie für die Kommunikation mit den westlichen Medien hat. Es war höchste Zeit.

    http://hvg.hu/itthon/20120206_lazar_hibak

    • @ Halász János: Zur katastrophalen Kommunikation gesellten sich zudem handfeste Fehler der Regierung und der ihr wohlgesonnenen Kreise (Beispiele: Verfassungsgericht, Strafprozessreform, öffentlich-rechtliche Medien). Und auch das Thema Verfassung – z.B. die Nichtdurchführung einer Volksabstimmung – war in einigen Punkten mehr als unglücklich, nicht nur in kommunikativer, sondern auch in rechtlich-politischer Hinsicht. Man könnte und sollte mit einer solchen Machtfülle jovialer agieren, das würde auch besser zur beschworenen „nationalen Einheit“ passen als der mitunter gemachte Ansatz, Teile der Nation kategorisch zu verteufeln oder auszuschließen. Ich hoffe, der Ansatz des „wir haben Fehler gemacht und wollen uns korrigieren“ ist kein Strohfeuer und vor allem mehr als kurzfristiges politisches Kalkül. Ungarn braucht eine angemessene Streitkultur, keine verfeindeten politischen Lager, die sich gegenseitig vernichten wollen.

      Dem Kern Ihrer Aussagen stimme ich zu. Fidesz hat es bis heute nicht geschafft, mit der Presse zu kommunizieren – der Gegner kann es. Und eines steht für den informierten Beobachter fest: Das, was man im Mainstream über Ungarn liest und hört, ist absichtliche Verzerrung, Angstmache. Gerade gestern meldete sich ein Herr bei einem Vortrag von Martonyi zu Wort und beschwerte sich darüber, in Ungarn gebe es keine freie Presse mehr. Uninformiertes Geschwätz. Dieser Herr ließ sich sogar von der Tatsache, dass in ungarischen Medien beinahe alles „gegen die Regierung“ gesagt und geschrieben wird, nicht von seiner Überzeugung abbringen. Und auch nicht von der Tatsache, dass die Mehrheit der Printmedien in ausländischer Hand sind und der öffentlich-rechtliche Fernsehbereich (der in der jüngeren Vergangenheit tatsächlich wieder einmal zur Farce verkommen ist) gerade einmal 15-20% des Marktes darstellt. Der Rest: Private.

      • Dieser Beitrag ist der Witz des Jahrtausends. Ich war selbst bei dem Vortrag anwesend.

        „Denn spätestens jetzt wurde deutlich, dass mehr als die Hälfte des Publikums aus beherzten und systemtreuen Ungarn bestand. Selbstredend meldeten sich alle zu Wort und traten für ihr Ungarn ein, das in den westlichen Medien völlig zu Unrecht durch den Dreck gezogen worden sei.“

        Man kann so etwas nicht anders bezeichnen als eine glatte Lüge. Es gab einige wenige Wortmeldungen (bei einem bis zum Anschlag gefüllten Saal), nur zwei unreflektierte Dorftrotteln redeten von einer Verschwörung gegen Ungarn (einer nahm sogar Bezug auf Ribbentrop und Veessenmayer), selbst die sog. „systemtreuen“ Ungarn (eine Unverschämtheit, wie ich finde) lachten den armen Irren aus.

        Es gab diesen sogenannten „Eklat“ nicht. Der Herr am Ende der Veranstaltung wurde nicht „gnadenlos ausgebuht“, er stellte auch überhaupt keine Frage, sondern behauptete schlichtweg ohne jeden stichhaltigen Beweis, es gebe in Ungarn keine Meinungs- und Pressefreiheit mehr. Im Hinblick auf diese Bemerkung ging ein etwas größeres Raunen durch das Publikum, einige Zuhörer zeigten ihre Empörung. Er konnte seine Auffassung, nachdem Herr Mahr von der Gesellschaft für Außenpolitik um Ruhe gebeten hatte, aber ohne Einschränkung darlegen. Martonyi antwortete, in Ungarn könne jeder seine Meinung sagen, der Herr möge ungarische Zeitungen lesen und den zu 80% privat beherrschten privaten Medienmarkt verfolgen.

        Der „andere ungarische Fragensteller“ kritisierte die Kommunikationspolitik Ungarns, sagte auch, dass die hysterische Berichterstattung den Blick auf die wahren Probleme verschließe. Bei Wittmann klingt das wie folgt:

        „Ein anderer ungarischer Fragesteller wollte wissen, warum die ungarische Regierung nichts gegen diese ganzen Unwahrheiten, die außerhalb Ungarns verbreitet würden, tue. Er könne es kaum mehr aushalten, denn es vergehe kein Tag, ohne dass beim Blick in die Zeitung sein ungarisches Herz blute. Schließlich wisse jeder Ungar, dass die Lage in seinem Land ganz anders sei und im Ausland völlig unwahr dargestellt würde.“

        So wurde das nie gesagt. „Sein ungarisches Herz blute“… Ich bin wirklich fassungslos bei so viel Unredlichkeit. Auch das Wort „Unwahrheiten“ fiel aus dem Mund des „anderen ungarischen Fragenstellers“ nicht.

        Im übrigen hat Martonyi nicht gesagt, er könne diesen „westlichen Rassismus“ nicht verstehen. Auch das ist Wortverdreherei in Reinkultur. Was soll das?

        Was allerdings richtig ist: Martonyi sagte, Kommunikation sei nicht sein Beruf. Dies sorgte für allgemeines Amüsement. Auch hier sehe ich nicht, wieweit das Publikum geteilt gewesen wäre. 🙂

        Es bleibt dabei: Einen „Eklat“ herbeizuphantasieren, ist bösartig. Und entlarvt Herrn Thomas Wittmann, von dem ich nie zuvor im Zusammenhang mit Ungarn gehört habe, als Geschichtenonkel. Als einen derer, die es ja gar nicht geben soll und die sich viele Ungarn und andere Menschen angeblich nur einbilden.

        Quod erat demonstrandum.

    • Ich kann Sie beruhigen, Her Pfeifer. Herr Martonyi hat das nicht gesagt.

      Er sprach in völlig anderem Zusammenhang über die FAZ, die NY Times und andere Blätter, nämlich in seiner Antwort auf die Frage des „anderen ungarischen Fragestellers“, der von Martonyi wissen wollte, weshalb die ungarische Regierung nicht besser kommuniziere und den Berichten, die selbst in der FAZ, NY Times und anderswo nicht immer ganz sachlich ausfallen, mehr oder weniger tatenlos zusehe. Dieser Herr wollte Martonyi auf die Notwendigkeit hinweisen, Regierungspolitik angemessen zu kommunizieren.

      Der Zusammenhang mit dem angeblichen Gewäsch um „linksradikale“ Berichte (die Dame sprach übrigens von „linksliberal“ – ein kleiner, aber feiner Unterschied) bestand nicht. Ich betrachte es als Tugend von Presseleuten, wenn sie nicht aus Wortfetzen etwas zusammenstückeln, sondern im Zusammenhang berichten.

      Thomas Wittmann ist für mich ein dreister Nachrichtenfälscher, einer, der sich getrost um den Posten des Dani Papp bewerben könnte. Offenbar einer der vielen, die in dem allgemeinen Aufruhr versuchen, auch noch ihre Sprechblase zu entleeren, ganz wie die 80 Millionen deutschen Bundestrainer zu Zeiten der Fußball-WM.

      Es gab übrigens auch andere kuriose Wortmeldungen. Ein Herr mit Wiener Dialekt stand auf und bezichtigte die ungarische Regierung im Zusammenhang mit der Konvertierung der Fremdwährungskredite der „Enteignung“. Das (Zitat!) „Menschenrecht der Banken“ sei verletzt, immerhin hätten die österreichischen Banken sehr viel in der Region getan (ja, genau das, was Banken tun, nämlich Geld verdienen). Auch dieser Rechts- und Wirtschaftsexperte konnte seine Gedankenflut ungehindert loslassen, die „systemtreuen Ungarn“ griffen ihn weder verbal noch körperlich an. Auch er sorgte für ein wenig Amüsement.

      Martonyi antwortete ruhig und souverän, indem er darauf hinwies, dass es sich letztlich um eine Risikoteilung zwischen Bankan und Kreditnehmern handele, der Verlust der Banken deutlich geringer ausgefallen sei als anfangs prophezeit und – ein gutes Argument – sich plötzlich alle wegen eines 20-30% Kursabschlages in Ungarn beschweren, wohingegen ein 70% Verlust er Banken bei Investitionen in griechischen Staatsanleihen wortlos hingenommen werde.

      Wie gesagt, es gab insgesamt ca. 7 Wortmeldungen. Wenn sich „alle zu Wort gemeldet“ hätten, wie der Starjournalist Wittmann behauptet, säße ich heute noch nicht wieder auf dem Sofa. Der Saal war völlig überfüllt.

      Und wenn ich mir etwas wünschen darf, Herr Pfeifer: Bitte sehen Sie doch diesmal davon ab, einen Beitrag auf Grundlage eines Beitrages zu verfassen (etwa nach dem Motto „according to Thomas Wittmann, foreign secretary Martonyi said….“). Auch wenn es in den Fingern noch so juckt, sich über nie gefallene Äußerungen zu empören. Ich habe nämlich weder Zeit noch Lust, mich wieder ein Jahr lang mit Ihnen über die wahren Aussagen Martonyis zu streiten, wenn sich Thomas Wittmann nicht korrigiert. 🙂

      • Scheint nicht der einzige Knaller zu sein, den „Treffpunkt Europa“ zum besten gibt. Vor einiger Zeit folgende Aussage:

        Endlich. Es wurde auch Zeit. Während Ungarn unter Victor Orban seit 2008 unaufhaltsam freiheitsfeindliche und antidemokratische Gesetze verabschiedet hat und die extreme Rechte in europäische Regierungen, wie zum Beispiel in Griechenland, eingezogen ist, befand sich die öffentliche Meinung in Europa scheinbar im Standby-Modus – bis jetzt.“

        http://www.treffpunkteuropa.de/Ungarn-Keine-Toleranz-dem-Azubi-Diktator,04769

        Da wird „Victor“ Orbán, der seit Geburt mit Vornamen Viktor heißt, als „Azubi-Diktator“ beschimpft, gleichzeitig aber behauptet, das Land „unter Orbán“ verabschiede seit 2008 freiheitsfeindliche und antidemokratische Gesetze. Der nach originellen Attributen geifernde „Azubi-Journalismus“ entpuppt sich abermals als schlimmste Art des Angriffs auf den Intellekt. 2008 war Orbán nämlich noch in der Opposition.

      • Ist es nicht möglich, in Fällen, in denen ein Journalist nachweisbar Unwahrheiten schreibt eine Richtigstellung zu verlangen? In Deutschland gibt eis schließlich auch Medienaufsicht…

  6. Verzeihung!! Ich habe hier nur meine Meinung gesagt, und diese an einem Beispiel illustriert. Ellenlange Monologe und ein Bombardement an Gegendarstellungen zeugen zwar von Kommunikationswillen, und ich danke für die zahlreichen Antworten, aber sie formen meine Meinung auch zu einer ernsthaften Frage:

    Gibt es ein kommunikatives Problem? …denn die Missverständnisse häufen sich!

    • „Gibt es ein kommunikatives Problem?“

      selbstverständlich menschlich

      „In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.

      (Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt.)“

      – Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7: Die wiedergefundene Zeit

      • @g.stillt
        vielen Dank für ihren Antwort;
        und Danke, dass Sie es so deutlich auf auf den Punkt gebracht haben!

  7. g.stillt eine interessante Frage. I
    Interessant fand ich gestern bei der Anhörung János Áder: „ha elfogynak az érvek, akkor a fejünkhöz vágják az antiszemitizmus vádját“. „Wenn die Argumente ausgehen, dann wirft man uns die Beschuldigung des Antisemitismus an den Kopf“
    M.Gyöngyösi, Mitglied der außenpoliitischen Kommission des ungarischen Parlaments, erklärte dem Londoner Jewish Chronicle einiges was für Empörung sorgt. Zum Beispiel das Juden in Ungarn unerwünscht sind.
    Siehe dazu:
    http://antisemitism.org.il/article/69758/leading-official-hungarian-extremist-party-accuses-jews-colonializing-country

    Der Präsident der jüdischen Gemeinden Ungarns im ATV fordert eine klare Distanzierung von Gyöngyösi. Er kritisiert mit Recht V.O. der sich nicht der Diskussion mit Leuten wie Gyöngyösi stellt und nichts gegen das Vorpreschen von Jobbik tut.

    http://atv.hu/belfold/20120209_feldmajer_peter

  8. Lieber Herr Herche,
    ich kenne die Geschichte um István Csurka in Szigliget (1973) und könnte noch mehrere ähnliche Geschichten erzählen, ich habe es auch in Ungarn oft genug getan. Unter anderem schrieb ich über seinen letzten publizistischen Feldzug gegen Vonas Partei, den er als Teil der „jüdischen Weltverschwörung“ betrachtete. Ich habe,. sozusagen, eine „alte Geschichte“ mit István Csurka, der mich 1999, während der Vorbereitung zum Schwerpunkt Ungarn auf der Frankfurter Buchmesse der „Verjudung“ der ungarischen Literatur bezichtigt hatte. Offensichtlich war für ihn meine bescheidene Person von lang anhaltendem Interesse, denn er sah mich noch drei Wochen von seinem Ableben, Mitte Januar 2012 in dem gewohnten Kontext:. „Die internationale Spekulation um den beabsichtigten Sturz der Zweidrittel (also der Regierung Orbán – Gy. D.) verfügt über einen internen Kampflager, eine Avantgarde. Diese Avantgarde besteht nur scheinbar aus den Freimaurern um den SZDSZ (die ehemaligen Liberalen), die (Öko-Partei) LMP sowie die MSZP (Sozialisten) sowie aus der soeben gegründeten Gyurcsány-Partei, sondern ist in Wirklichkeit ein wenig breiter: Sie enthält auch die Juden von Pest, wie Konrád, Dalos und Co., die in Berlin leben, von den Deutschen ausgehalten werden und statt den Deutschen holocaustisieren (sic!- Gy. D.), sowie die andere, in Amerika deponierte Freimaurergarde, an die noch der Kampflager der in Israel lebenden alten und neuen Juden gehören, oder von diesen sogar geführt sind.“ Soll ich, lieber Herr Herche, mit diesem Toten diskutieren, oder eher mit den Lebenden um Jobbik-Kurucinfó, in der eine Protesterklärung von vielen ungarischen Intellektuellen so apostrophiert wird: „Eine für einen Viehwaggon genügende Anzahl von Juden unterstützt Gyurcsány.“ Was erwarten Sie von mir, Herr Herche, und wieso vergleichen Sie mich und Karl Pfeier mit Vona? Bertolt Brecht sagte, es gibt nur einen einzigen Satz, der aus keinem Munde falsch klingen kann: „Ich schäme mich.“ Ich empfehle Ihnen diesen Satz in die Erinnerung.

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