Schmitt will es beweisen: „Ich schreibe eine neue Doktorarbeit“

Staatspräsident Pál Schmitt bleibt im Amt. Zumindest nach einer heutigen Aussage. Die Entziehung des Doktortitels habe nichts mit seinem Amt als Präsident zu tun.

Hier das Interview mit Schmitt im ungarischen öffentlichen Fernsehen:

Das Staatsoberhaupt betrachtet den Entzug des Doktortitels als ungerechtfertigte Maßnahme, er betonte, irgendwann werde „die Gerechtigkeit siegen“. Er habe die Doktorarbeit in „ehrenhafter, harter Arbeit“ verfasst und sogar ein „summa cum laude“ erhalten. Nun gehe es um ihn persönlich, um seine Ehre und die Gerechtigkeit. Er werde beweisen, dass er auch heute noch, im Alter von 70 Jahren, in der Lage sei, den aktuellen strengen wissenschaftlichen Standards zu entsprechen, und daher mit der Abfassung einer PhD-Arbeit beginnen.

http://mno.hu/belfold/megszolal-schmitt-pal-1064938

Woher Schmitt wohl die Zeit nehmen möchte, die man landläufig für die Abfassung einer Dissertation benötigt?

Nachtrag:

Nach einem Bericht des Internetportals origo.hu kam es heutezu einem Treffen von Regierungs- und Fideszvertretern, bei dem die Causa Schmitt besprochen wurde. Der Fidesz-Vizepräsident Lajos Kósa soll dort die Auffassung vertreten haben, es diene der Glaubwürdigkeit des Amtes und der Regierung, wenn Schmitt zurücktrete. Die Mitglieder des Gremiums entscieden sich jedoch, dem Präsidenten 1-2 Tage Zeit zu geben, in denen sich herausstellen solle, ob er in der Lage ist, „das Spiel zu wenden“.

Dem Origo-Bericht zufolge soll Ministerpräsident Orbán Schmitt bereits gestern um seinen Rücktritt gebeten haben.

http://www.origo.hu/itthon/20120330-schmitt-nem-akar-lemondani.html

Nachtrag vom 01.04.2012:

Schmitt gab der Sendung „Vasárnapi újság“ des staatlichen Radiosenders MR 1 am heutigen 1. April ein Interview zur Plagiatsaffäre.

http://www.hirado.hu/Hirek/2012/04/01/07/Schmitt_a_szenatus_tullepte_hataskoret.aspx

Er betont, er werde nicht zurücktreten. Die Affäre habe nichts mit seinem heutigen Amt zu tun. Die Kritik bewertet er als Angriff „auf das Amt des Staatspräsidenten“ und als Versuch, das „Land herabzuwürdigen“.

Staatspräsident Pál Schmitt verliert Doktorwürde

Die Promotionsrat der Budapester Semmelweis-Universität hat heute entschieden, den ungarischen Staatspräsidenten den Doktortitel zu entziehen. Schmitt war vor einigen Monaten in den Verdacht geraten, einen Großteil seiner Dissertation wörtlich aus einem französisch verfassten Werk abgeschrieben zu haben (HV berichtete).

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,824055,00.html

Nach der Entscheidung des heutigen Tages dürfte die Frage an Brisanz gewinnen, ob und ggf. wie lange der Präsident weiter im Amt haltbar ist.

Presseberichte:

http://mno.hu/belfold/rendkivuli-hirek-visszavontak-schmitt-pal-doktori-cimet-1064623

http://nol.hu/belfold/visszavontak_schmitt_pal_doktorijat

 

 

 

Polemische Rückschau: Johanan Shelliem, der Märchenonkel, und „sein Ungarn“

Bereits vor einiger Zeit – am 04.03.2012 – sendete das öffentlich-rechtlich finanzierte Bayern 2 Kulturjournal einen Bericht des Journalisten Johanan Shelliem über Ungarn.

Der Hörbeitrag ist hier (ab 41:50) abrufbar:

http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=9718248

Der von Unwahrheiten, Plattitüden, Verzerrungen und Weglassungen nur so strotzende Beitrag wurde von demselben Journalisten gefertigt, der im Januar 2012 in einem Bericht für das (ebenfalls von Gebührenzahlern finanzierte) Deutschlandradio wahrheitswidrig behauptet hatte, die rechtsradikale (Oppositions-)Partei Jobbik sei in Ungarn an der Regierung beteiligt.

Der Beitrag beginnt mit einer Aussage des Schriftstellers György Dalos: Dieser macht die ungarische Rechte für die vorhandene Spaltung der Gesellschaft verantwortlich. Die Rechte habe alle Personen, die nicht ihrer Meinung gewesen seien, als fremdherzig und nicht zur Nation gehörig bezeichnet. Das Thema war hier im Blog, auch unter Mitwirkung von Herrn Dalos, schon mehrfach kontrovers behandelt worden. Doch ist diese einseitige Schuldzuweisung keinesfalls unstreitig: Ebenfalls in den 90er Jahren herrschte – in einem noch ganz überwiegend linksliberalen Pressemarkt – eine Tendenz vor, die rechten Parteien als rechtsextrem und mitunter gar faschistisch zu karikieren. Was Dalos nicht sehen möchte, ist die wohl beiderseits in etwa gleichauf zu veteilende Verantwortung der politischen Lager für die jetzige Situation.

Doch zurück zu Shelliem: Ein weiterer Höhepunkt is die Behauptung, mit der ungarischen Verfassung seien den

antisemitischen und fremdenfeindlichen Ankündigungen Taten gefolgt„.

Welche Ankündigungen oder Taten – von Seiten der Regierungsmehrheit – denn „antisemitisch“ gewesen sein sollen, wird dem geneigten Zuhörer verschwiegen. Es wäre interessant zu hören, wie man beim Bayerischen Rundfunk gedenkt, einen der schwersten Vorwürfe, die man in der europäischen Politik heute erheben kann, zu untermauern. Es sei denn, der Vorwurf des Antisemitismus gehört zur Meinungsfreiheit eines jeden aufrechten Demokraten.

Das Ende der Einleitung enthält sodann die Ankündigung dessen, was man nach dieser Ouvertüre erwarten kann:

„Johanan Shelliem war in diesen Tagen in Budapest und zeichnet in Gesprächen mit Künstlern, Intellektuellen und Schriftstellern ein Bild der gegenwärtigen Zustände.“

Ich denke, auch ohne den Beitrag gehört zu haben, ahnt man, dass man es abermals nur mit den usual suspects Ágnes Heller, György Konrád, Paul Lendvai, András Schiff, eventuell noch György Bolgár vom Klubrádió und Vertretern der Opposition zu tun bekommen wird. Man wird (nur Bolgár fehlt) nicht enttäuscht:

Unser Ungarn-Experte Johanan Shelliem beginnt mit der Behauptung, die Beamten von Viktor Orbán zeigten den Bürgern an der Donau gerade, zu was sie im Stande seien: Die Regierung habe sich für die nächsten Jahre alle größeren Plätze in der Hauptstadt reservieren lassen. Natürlich um Demonstrationen der Opposition, allem voran der regierungskritischen jungen Zivilorganisation „Milla“ („Eine Million für die Pressefreiheit“), zu verhindern.

All das behauptete Herr Shelliem in einem am 04.03.2012 über den Äther gehenden Bericht, kurz nach dem er „in diesen Tagen“ in Ungarn gewesen sei. Der kleine Schönheitsfehler: Bereits einen Monat zuvor, am 01.02.2012, wurde – über den oppositionsnahen Radiosender Klubrádió – bekannt, dass die Veranstaltung von Milla entgegen der Behauptungen im Internet statfinden konnte. Hungarian Voice berichtete umgehend. Nochmals: Mehr als einen Monat, bevor Shelliem das glatte Gegenteil über die (Zitat Shelliem) „junge ungarische Diktatur“ auf Bayern 2 behauptete.

Die Wahl des „alternativen Staatspräsidenten“ konnte übrigens stattfinden, Sieger wurde der Rapper Dopeman, der in einem Lied namens „BAZMEG“ („Fickt Euch!“) mit der gesamten ungarischen Politik (nicht nur mit der Regierung) abrechnet. Gratulation…

Im Anschluss folgt eine Analyse der (Zitat) „Lukács-Schülerin und Jüdin“ Ágnes Heller, einer bekennenden Gegnerin Viktor Orbáns, über die Oppositionsbewegung. Sie berichtet über eine aus ihrer Sicht eintretende „Wende“ auf der Staße, die Menschen würden aus ihrer Apathie erwachen und sich für die Freheit einsetzen.

Es folgt Shelliem, der von der

Orbánschen Vision der Wiedergeburt Großungarns

spricht. Abermals bleibt dem Hörer verborgen, was Shelliem sagen will: Will Orbán Krieg gegen die europäischen Nachbarn führen? Annektieren? Oder doch nur einen Teppich ausrollen? Jedenfalls aber wolle Orbán „die Medien staatlich gleichschalten“ (nicht nur „die staatlichen Medien gleichschalten“, was ein Unterschied wäre, weil diesen Versuch bislang jede ungarische Regierung unternommen hatte…). Nein, alle Medien. Offenbar sind die oppositionellen Blätter Népszava, Népszabadság (die auflagenstärkste Tageszeitung Ungarns), 168 óra und der private Fernsehsender ATV zwischenzeitlich auch von Orbán-Anhängern unterwandert: Allesamt Medien, die zum Teil sehr kritisch über Orbán und seine Regierung berichten. Was Shelliem, der der ungarischen Sprache offenbar nicht mächtig ist, wohl schwerlich selbst beurteilen kann. Bei seiner, von Fakten ziemlich unbeeindruckten Sichtweise wird der Fall Klubrádió zu einem Kampf „zwischen der Regierung und den Demokraten“ (ein „Kampf“ übrigens, der zwischenzeitlich von den ungarischen diktatorisch unterwanderten Gerichten erstinstanzlich zu Gunsten von Klubrádió entschieden wurde. Schwamm drüber, warum sich mit Belanglosigkeiten aufhalten.

Im Anschluss daran erinnert Shelliem an den Leserbrief des Pianisten András Schiff an die Washington Post, in dem dieser Anfang 2011 – kurz vor der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Ungarn –  die Berechtigung des Landes, den Ratsvorsit u übernehmen, in Frage gestellt hatte. Übrigens nachdem er, Schiff, jahrelang geschwiegen hatte, obwohl es in den Jahren 2008-2009 – und damit vor Orbán – zu mehreren grausamen Morden an ungarischen Roma gekommen war. Den die regelmäßigen Aufmärsche der „Ungarischen Garde“ vor 2010 ausweislich seines beredten Schweigens kaum störten? Schiffs Vorpreschen, das im Hinblick auf den Zeitpunkt wohl als gut gemeinte Unterstützungsaktion für die dahinsiechende ungarische liberale Opposition gemeint war, die seit 20 Jahren versucht, die ungarische demokratische Rechte mit Rechtsradikalen in einen Topf zu werfen, verpuffte übrigens, wie vorauszusehen war, wirkungslos. Dass die Reaktionen in Ungarn waren, wie Schiff zutreffend schildert, zwar zum Teil schäbig, nicht frei von Antisemitismus und mitunter gar kriminell, ist unstreitig. Ebenso wie der Umstand, dass solche „Aktionen“ letztlich nur einer Partei nutzen können: Jobbik.

Im Zusammenhang mit den (zwischenzeitlich wohl im Sande verlaufenen) Ermittlungen gegen mehrere Angehörige der ungarischen Akademie der Wissenschaften (Shelliem: „Drei Juden und zwei Deutschstämmige“) stellt Shelliem die Sichtweise der Regierung wie folgt dar:

Die Ungarn selbst seien stets gut.“

Wer, wann, wie solche Blödheiten verkündet haben soll, verschweigt der Journalist. Er würde sich bei der Zitatejagd auch schwer tun. Es folgt die Behauptung (wieder ohne Quellenangabe), im Rahmen der Berichterstatung über den Fall Dominique Strauss-Kahn sei

unzählige Male von seiner jüdischen Nase

die Rede gewesen. Bemerkenswert die daran anschließende Einspielung von Paul Lendvai, der sich nicht mit dem Fall-Strauss-Kahn beschäftigt, sondern auf die wirtschaftlichen Probleme des Landes hinweist und darauf, dass dies die wahren Probleme seien, nicht aber, das die Regierung aktiv Antisemitismus betreibe. Der Eindruck, dass die Einspielungen Lendvais irgendwie künstlich auf den Erzählfaden Shelliems abgestimmt und zurechtgeschnippelt wurden, mag sich auch nach dem zweiten Hören nicht verflüchtigen, sondern eher verstärken.

Der Erzählfaden „Rassismus und Antisemitismus“ führt uns mit Hintergrund-Atmosphäre ratternder Trambahnen nach Budapest. Noch einmal zur Erinnerung: Der Bericht stammt vom 04.03.2012: Der Name István Csurka, Dramaturg und seit der Wende eher durch seinen aggressiven Antisemitismus als durch seine Stücke zu zweifelhafter „Berühmtheit“ gelangt, wird aufgegriffen. Der „hetzt“ (in Gegenwartsform) gegen Juden und Liberale. „Hetzte“ im Präteritum wäre wohl passender gewesen, denn der Imperfekt steht für eine in der Vergangenheit begonnene und beendete Handlung. Zum Zeitpunkt des Berichts und „einiger Tage zuvor“, genau gesagt, seit 01. Feruar 2012, ist István Csurka nämlich tot. Kein Grund zwar, den Antisemitismus Csurkas zu verschweigen. Aber muss man einen Toten als eine (in Gegenwartsform) „hetzende“ Person und damit eine gegenwärtige Gefahr darstellen? Die Fehler im Bericht mehren sich, der Verdacht, es könnte sich gar nicht um Fehler handeln, steigt…

Alles nur Einbildung? Warten wir ab bis zum großen, kulturpolitischen Hauptkritikpunkt. Shelliem behauptet, der Budapester Oberbürgermeister (István Tarlós) habe innerhalb der Spielzeit den bisherigen Intendanten des Új Szinház (Neues Theater),

István Márta, durch den Jobbik-Aktivisten György Dörner und seinen Spielleiter István Csurka ersetzt.“

Ob es für unseren Protagonisten Shelliem im März des Jahres 2012 eine Rolle spielenmag, dass die tatsächlich vorgesehene Ernennung des Duos Dörner/Csurka vom Oberbürgermeister bereits im Dezember 2011 nicht mehr in der ursprünglichen Form aufrechterhalten wurde und sich Tarlós – wohl auch wegen des internationalen Drucks – offen gegen Csurka aussprach? Und dass Csurka nicht mehr Spielleiter wurde? Passen die Nichternenung und der Tod des István Csurka nicht in den Erzählfaden? Da Shelliem über die Demonstration vor dem Theater am 01.02.2012 berichtet, war es möglich, den Bericht entsprechend abzufassen.

Der Bericht endet mit weiteren Bezugnahmen auf die „Diktaur“ des heutigen Ungarn.

Es bleiben zwei Fragen zurück:

1. Warum fühlen sich Journalisten wie Johanan Shelliem, die ausweislich der obigen Inhalte von Ungarn nur wenig bis gar nichts wissen, zu solchen Berichten ermuntert? Ist es der Drang, um jeden Preis vor aufkommenden Nazigefahren zu warnen? Ist es ehrliche Furcht? Oder ist es – was noch viel schlimmer wäre – pure Dummheit und Boshaftigkeit? Erstere könnte man durch Aufenthalte in Ungarn und Gespräche mit der gesamten politischen Palette  sicher zum Teil zerstreuen (dass es beunruhigende Entwicklungen in Ungarn gibt, soll hier nicht verschwiegen werden). Gegen Boshaftigkeit ist man hingegen machtlos.

2. Wo bleibt Marco Schicker, der Chefredakteur des  Pester Lloyd eigentlich in solchen Momenten? Er, der so viel Wert auf Sachkunde legt, zuletzt die fehlende Ungarnkenntnis der in Deutschland lebenden „Jubel-Ungarn“ verhöhnt hatte und die Auffassung vertritt, nur derjenige, der in Ungarn und nicht im „gut gepolsterten Ausland“ lebe und die Verhältnisse am eigenen Leib spüre, dürfe über Ungarn berichten, scheint gegenüber Beiträgen wie dem obigen eine deutlich höhere Toleranzschwelle zu haben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Andreas Unterberger über Ungarn

Der Blogger Andreas Unterberger, ehemaliger Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse und der Wiener Zeitung, hat einen längeren Bericht zu Ungarn verfasst:

http://www.eu-infothek.com/article/viel-auslaendische-hysterie-viele-eigene-fehler-viele-mutige-reformen

Kurzer Auszug:

Drei Tage lang intensives Eintauchen in ungarische Verhältnisse machen klar: Erstens, die von der Linken geschürte Hysterie ist völlig absurd, dass in Ungarn Demokratie oder Rechtsstaat abgeschafft werden. Zweitens, diese Hysterie ist auch deshalb ein Fehler, weil sie zu einer Stärkung der radikalen Rechten führt und die ungarischen Sozialisten nach ihrer schweren Niederlage tendenziell eher noch mehr diskreditiert. Drittens aber: Die ungarische Regierung hat neben vielen wichtigen und sinnvollen Reformschritten einige gravierende Fehler begangen, die das Land noch Jahre zurückwerfen werden.“

Der Orbán-Besuch in München – und wie ihn der Pester Lloyd interpretiert

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hielt sich in der vergangenen Woche in der bayerischen Landeshauptstadt München auf. Der von der deutschen Presse kritisch begleitete Besuch enthielt u.a. eine Veranstaltung im Haus der Bayerischen Wirtschaft (Gastgeber: Randolf Rodenstock) sowie Treffen mit dem Ministerpräsidenten Horst Seehofer und Finanzminister Markus Söder (beide CSU). Der Besuch war von Wirtschaftsthemen dominiert, unter anderem wurden die Verluste der Landesbank-Tochter Magyar Külkereskedelmi Bank Rt. (MKB) und die sektorspezifischen Sondersteuern besprochen, die – soweit der Telekommunikationssektor betroffen ist – in der vergangenen Woche zur Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens durch die EU-Kommission gegen Ungarn geführt hatten (HV berichtete).

Hier eine Presseschau:

http://www.sueddeutsche.de/r5s387/535038/Seehofer-empfaengt-Rechtspopulisten-Orbaacute;n.html

http://www.welt.de/regionales/muenchen/article13939799/Staatsregierung-macht-Druck-auf-Viktor-Orban.html

http://www.merkur-online.de/nachrichten/politik/roter-teppich-einen-schwierigen-gast-2249123.html

Ein Bericht sui generis findet sich im Pester Lloyd:

http://pesterlloyd.net/html/1213exilungarn23.html

Neben der Kritik an dem Auftritt Orbáns und dessen Botschaften verkündet Marco Schicker, Chefredakteur des Lloyd, gemeinsam mit seinem Mitautor mit schäumendem Mund eine Mischung aus Verachtung, Hohn und Ablehnung gegenüber den in Deutschland lebenden „orbántreuen“ und damit a priori rückständigen Exilungarn und ihren Nachkommen:

„Bei all seinen öffentlichen Auftritten wurde Orbán von jubelnden Exilungarn geradezu hysterisch begrüßt, es waren die üblichen Transparente von „Keine Lügen über Ungarn“, „Viktor wir sind mit Dir“ etc. zu sehen, Blumensträuße wurden überreicht, kurze, herzzerreißende Treueansprachen waren zu vernehmen, vereinzelt flossen Tränen (der Freude), geradezu tumultartige Begeisterung schwappte durch die Landeshauptstadt. Wenn die Groupies sich noch für gleiche Kleidung entscheiden, sind sie von Nordkoreanern kaum mehr zu unterscheiden.“

„Der orbántreue Teil der Exilungarn agiert dabei nur vordergründig politisch, ihre Triebkraft ist eher tiefenpsychologischer Natur. Wie viele Menschen, die ihre Heimat verlassen haben oder verlassen mussten, neigen sie zur Überhöhung und Romantisierung der „alten Zeiten“. Häufig kamen die in Deutschland lebenden Ungarn in der Folge des 1956er Aufstandes gegen das stalinistische System. Sie sind deshalb oft (nicht immer, viele sind auch in Europa angekommen und hüten sich vor der Nähe dieser „Superungarn“) besonders treue und lautstarke Orbán-Anhänger, weil sein historisierendes Ungarn-Bild ihnen in gewisser Weise ihren Heimatverlust, bzw. den Verlust dessen, was sie sich von der Heimat einbilden wollen, ersetzt und er ein klares Feindbild zeichnet.

Wer nicht für uns ist, ist Kommunist, was wieder dem simplen Weltbild vieler CDUler sehr entgegenkommt, die ja noch im Kalten Krieg geschult wurden und seit dem auf der Stelle paddeln. Noch übler sind jedoch die Nachfahren dieser Emigranten dran, die ihr Ungarnbild samt ihrem Namen aus zweiter Hand mitbekommen haben und den Mangel an Kenntnis mit einem Überschwang an Meinung und Mitteilungsbedürfnis kompensieren. Sie merken oft schon gar nicht mehr das allgemeine Kopfschütteln, das sie umgibt, weil sie es in ihrer gefühlsduseligen Schieflage für zustimmendes Nicken halten.“

Tiefenpsychologische Gehversuche, die leider nicht viel mehr dokumentieren als die festgefahrenen Feindbilder derjenigen, die sich zu solchen Pamphleten hinreißen lassen. Nach diesem Weltbild bekämpfen die „Guten“ Orbán (auch Begriffe wie „Faschismus“, „Puszta-Putin“ sind hierbei wohl notwendige Übel, da sie Kompromisslosigkeit demonstrieren sollen…), zeichnen Ungarn als Pestbeule oder Neandertaler, und natürlich lesen und lieben alle Aufgeklärten den Pester Lloyd. Die „Anderen“ seien hingegen diejenigen, die (angeblich) eine Art von Alleinvertretungsanspruch für das Wahre und Richtige erheben und andere Meinungen diffamieren. Ob dem Leser des Lloyd-Beitrags auffällt, das Schicker genau das tut, was er kritisiert?

Ob Zeilen wie die obigen sich dazu eignen, Streitkultur zu fördern, sei zudem dahingestellt. Vielleicht sollen sie es gar nicht. Aus diesem Grund darf wohl auch der Hinweis auf den eigenen Sachverstand nicht fehlen: Die Nachfahren der Exilungarn sind für Schicker diejenigen, die „noch übler dran sind“, weil sie ihr Ungarnbild nur aus zweiter Hand mitbekommen haben. Einseitg und wenig originell, aber jedenfalls ein Versuch, die andere Meinung als unqualifiziert abzutun. Kostproben für diese, dem Pluralismus spottende Sichtweise gab es auch schon hier im Blog, als dem Macher und einem ungarischstämmigen Journalisten plump und ad personam vorgeworfen wurde, „jeder Balaton-Tourist“ sei „mehr Ungar als die beiden zusammen“. Bravo!

Das bemerkenswerte an den obigen Zeilen ist, dass sämtliche erhobenen Vorwürfe auf den/die Autoren zurückfallen. Und schlimmer noch: So wie Schicker argumentiert üblicher Weise die ungarische extreme Rechte, wenn sie behauptet, über Ungarn dürfe nur derjenige sprechen, der Ungar ist dort mindestens 180 Tage im Jahr wohnt. Beim Pester Lloyd gilt das natürlich mit einer Einschränkung: Wer sich der mitunter recht undifferenzierten und polemischen Kritik an Ungarn von links anschließt, der hat sich dadurch flugs zum Experten gemausert, Modernität und EU-Tauglichkeit inklusive. Nochmals: So kann differenzierte Kritik nicht wachsen, wird vielmehr die bestehende Spaltung der Gesellschaft weiter vertieft.

Es gibt sie, die „Jubel-Ungarn“, die bisweilen wirre Leserbriefe an deutsche Zeitungen verfassen und bei allen lokalen Veranstaltungen präsent sind. Sie, die mitunter auch Jobbik-Flugblättchen vor Wahlen verteilten, werden von der Mehrheit der Teilnehmer belächelt, gewiss aber nicht ernst genommen. Auch ist es zutreffend, dass viele in der älteren Generation in einem Weltbild verharren, das eher von verbal-kämperischem Antikommunismus als von dem Blick für die Chance in der EU bestimmt sind und traditionell „rechts“ wählen. Diese Sichtweise aber auch den in Deutschland lebenden Nachkommen ungarischer Exilanten nachzusagen und ihnen den Sachverstand abzusprechen, zeugt von einer gewissen Ahnungslosigkeit, wenn nicht gar Ignoranz. Weder ist die Gruppe homogen (sie enthält auch flammende Gegner der derzeitigen Regierung, wie einige Blogs und im Tonfall unangemessene Kommentare beweisen), noch hat sie die Zeit, sich fortwährend politisch für die aktuelle ungarische Regierung zu engagieren.

Es wäre schön, wenn derjenige, der sich dazu berufen fühlt, Demokratie zu fordern, auch ein hierzu zwingend erforderliches Element respektieren würde: Die Meinungsfreiheit des Andersdenkenden.