Wie immer: Getrennte Veranstaltungen zum Nationalfeiertag

Die schlechte Tradition, den ersten von drei Nationalfeiertagen im Jahr nach politischen Lagern getrennt zu begehen, hat auch dieses Jahr Bestand. Das Land gedenkt dem Aufstand gegen die Habsburger in den Jahren 1848/1849. Sowohl die regierungskritische Zivilorganisation „Milla“ (Eine Million für die Pressefreiheit) als auch die Regierungsanhänger versammelten große Menschenmengen.

Berichte:

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-03/ungarn-protest-regierung-orban

http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/proteste-um-viktor-orban-hunderttausende-ungarn-demonstrieren-gegen-die-regierung-und-dafuer_aid_724550.html

http://index.hu/belfold/2012/03/15/tomeg_itt_is_ott_is/

Fotogalerie:

Milla: http://index.hu/belfold/2012/03/15/tomeg_itt_is_ott_is/#gallery_2755010|2754922

Regierung: http://index.hu/belfold/2012/03/15/tomeg_itt_is_ott_is/#gallery_2754798|2754806

Video:

http://index.hu/belfold/2012/03/15/marcius_15._videon/

8 Kommentare zu “Wie immer: Getrennte Veranstaltungen zum Nationalfeiertag

  1. Zahlenspiele zum 15. März

    Wieder geht es um zwei Kundgebungen in Ungarn. Da bereits vor einigen Monaten vorgekommen ist, dass der deutschsprachige Zeitungsleser über Demonstrationen in Ungarn ein vollkommen falsches Bild bekommen hat, hat mich interessiert, wie es diesmal mit der ungarischen Wirklichkeit und deren Bild im deutschsprachigen Pressespiegel ausschaut. Zahlen kann man leicht miteinander vergleichen so bleibe ich bei den Teilnehmerzahlen:

    1) Ungarische Medien
    Kundgebung der Regierungsanhänger
    Laut MTV (öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt): 250 000 Teilnehmer
    Laut Mandiner.hu (Internetportal): 250 000 Teilnehmer
    Regierungskritische Medien halten sich hier mit konkreten Zahlen zurück. Es wird allgemein anerkannt, dass diese Kundgebung mehr Teilnehmer hatte, als die Kundgebung der Regierungsgegner.

    Kundgebung der Regierungsgegner (Milla)
    Laut Népszabadság (Tageszeitung, regierungskritisch): Zehntausende
    Laut ATV (Fernsehsender, regierungskritisch): 30 000 Teilnehmer
    Laut Klubrádió (Radio, regierungskritisch): Zehntausende
    Die Organisatoren stellten auch die Zahl von 100 000 Teilnehmer in den Raum. Die Zahl von 100 000 Teilnehmer wurde auch in einigen ungarischen Medien genannt, allerdings wurde immer darauf hingewiesen, dass es um die Einschätzung der Organisatoren ist oder die Organisatoren wurden zitiert.

    Aufgrund ungarischer (auch regierungskritischer) Medienberichte kann angenommen werden, dass die Kundgebung der Regierungsanhänger mindestens 2-3-mal größer war, als die der Regierungsgegner.

    2) Deutschsprachige Medien
    Focus:
    „Hunderttausende Ungarn demonstrieren gegen die Regierung – und dafür“
    http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/proteste-um-viktor-orban-hunderttausende-ungarn-demonstrieren-gegen-die-regierung-und-dafuer_aid_724550.html

    Zeit:
    „Tausende Unterstützer der Regierung versammelten sich auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament in Budapest.“
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-03/ungarn-protest-regierung-orban#comments

    SZ:
    „Zehntausende Menschen sind am ungarischen Nationalfeiertag in der Hauptstadt Budapest auf die Straße gegangen. Teilweise demonstrierten sie für, teilweise gegen die Führung des rechtskonservativen Regierungschefs Viktor Orban.“
    http://www.sueddeutsche.de/politik/zehntausende-ungarn-demonstrieren-fuer-und-gegen-orban-1.1310037

    Spiegel:
    „Auf den Straßen von Budapest sind am Nationalfeiertag Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, gegen die Regierung Orbán – aber auch für sie.“
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821669,00.html

    NZZ:
    „Zehntausende gegen Orban“
    http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/zehntausende_gegen_orban_1.15779104.html

    Standard:
    „Aus Anlass des symbolträchtigen Nationalfeiertags versammelten sich vor dem Parlamentsgebäude etwa 200.000 Unterstützer Orbans. Die Regierung sprach von rund 250.000 Anhängern. An der Kundgebung der Opposition beteiligten sich etwa 100.000 Regierungsgegner.“
    http://derstandard.at/1331779762934/Hunderttausende-demonstrieren-fuer-und-gegen-Regierung

    • Die Meldungen in den deutschen Blättern beruhen auf der dpa. Und „dpa“ heißt Gregor Mayer. Damit ist alles gesagt. Wem das als Erklärung nicht reicht, der logge sich bei Facebook ein und suche nach „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“.

      Ich bin bei Meldungen, die mit „dpa“ überschrieben sind, aus o.g. Gründen ausgesprochen kritisch, was deren Aussagekraft, Wahrheitsgehalt bzw. deren Vollständigkeit betrifft. Man sehe es mir nach. Oder anderes gesprochen: Wer gegen Orbán einen Feldzug führt, kann das gerne tun; ich weiß aber nicht, ob man mit einer so klaren Voreingenommenheit auch für eine Presseagentur berichten sollte.

    • Die Sprecherin reagiert nicht „auf die Rede von Orbán“, sondern beantwortet die Frage eines Journalisten, in der er suggeriert: „Yesterday Mr. Orbán seemed to compare the European Commission to the soviets and the Habsburgs.“

      Würden Sie bitte aufzeigen, wo genau in seiner Rede Orbán „die EU-Kommission mit den Sowjets und den Habsburgern verglichen“ hat? Erst danach macht eine Debatte über die Aussage der Kommissionssprecherin Sinn.

      Die Rede Orbáns ist hier in voller Länge abrufbar: http://www.fidesz.hu/index.php?Cikk=178801

      • @HV Lieben Dank für den Link.

        Ich habe mir die Rede angesehen. Die Suggestion, von der sie sprechen, dürfte gerechtfertigt sein. 2 Beispiele können das verdeutlichen.

        (Zum besseren Zitieren verweise ich auf die englischen Übersetzungen in den Berichten der Financial Times und vom Guardian. Leider gibt es auf den offiziellen Regierungs- bzw. FIDESZ-Seiten nur unvollständige Auszüge)

        1. Vergleich EU-SU: „We are more than familiar with the character of unsolicited comradely assistance, even if it comes wearing a finely tailored suit and not a uniform with shoulder patches.“
        http://www.guardian.co.uk/world/2012/mar/15/hungary-prime-minister-orban-eu

        2. Orban zieht einen deutlichen Bogen von 1848 zu 2012:
        „Hungary could not have stood against the pressure and things dictated from abroad in the winter of 2011-2012 if it were not for those hundreds of thousands of people who stood up to show everyone that Hungarians will not live as foreigners dictate it, will not give up their independence or their freedom …“ Orban sagt dies an einem Tag, der an den Beginn des „Freiheitskrieges“ gegen die Unterdrückung durch Habsburg gedenken soll!
        http://blogs.ft.com/brusselsblog/2012/03/the-eu-soviet-barroso-takes-on-hungarys-orban/#axzz1pP2RnrJA

        Auch die Aussage: „We do not need the unsolicited assistance of foreigners wanting to guide our hands,“ einen Tag, nachdem Herr Orban an die Kommision einen Brief geschrieben, in dem er die Wiederaufnahme der IWF-Verhandlungen verlangt, dürfte Herrn Barroso nicht gefallen haben.

        Klicke, um auf OrbanLetter.pdf zuzugreifen

        Übrigens: Nicht ich (als Person) fühle mich angegriffen, sondern Herr Barroso. Und die Tatsache, dass die Sprecherin die Stellungnahme von Herrn Barroso abgelesen hat, zeigt, dass die Stellungnahme vorbereitet war und nicht nur nur dem Empfinden eines Journalisten entspricht. Die Sprecherin reagiert also sehr wohl auf die Rede vom 15. März.

      • War das nicht beim Märzfeiertag 2011, wo Orbán sinngemäß sagte, dass Ungarn sich weder von den Habsburgern noch von Moskau etwas habe sagen lassen und dass es sich deshalb jetzt auch von Brüssel nichts vorschreiben lassen wolle? In diesem Jahr hat er solche direkten „Vergleiche“ nicht gebracht. Die Kommission bzw. allgemeiner: die Europäer bekamen zwar Schelte, aber eher dafür, dass sie im Umgang mit Ungarn angeblich die Zeichen der Zeit nicht erkennen würden.

        Orbán sagte, die ungarischen Freiheitskämpfe hätten die Welt immer ein Stück vorangebracht, wenngleich Europa anfangs stets misstrauisch gegenüber den ungarischen Erhebungen gewesen sei. 1848/49 habe Ungarn den Feudalismus attackiert und irgendwann sei er dann zusammengebrochen. 1956 habe man dem Kommunismus einen Schlag versetzt und später sei er untergegangen. Auch jetzt schauten die „europäischen Bürokraten“ wieder voller Misstrauen auf Ungarn, weil es neue Wege gehen wolle.

        Die historischen Parallelen sollten dem Zuhörer wohl klarmachen: die Ungarn werden auch diesmal Recht behalten, wenngleich sie zunächst wieder einmal allein kämpfen müssten. Schon die 1848er Revolutionäre hätten gewusst, dass eine Nationalbank nicht unabhängig vom Volk sein könne, sondern das Land gegen fremde Interesse verteidigen müsse. Gegen Ende der Rede heißt es, Europa könne selbst eine Kolonie des Weltfinanzsystems werden, wenn es nicht rechtzeitig handele.

        Skandalös finde ich das alles nicht, aber typisch für Orbáns Art, Politik zu machen. Meiner Ansicht nach hat der Ministerpräsident eine gute Gelegenheit verpasst, seinen Anhängern eine vielleicht unbequeme Einsicht zu vermitteln: Das Gerede von den Verschwörungen gegen Ungarn ist Unsinn, Brüssel macht nur seine Hausaufgaben. Das Pressebild ist eine Sache, die Arbeit der Kommission eine andere. Er hätte den EU-Gegnern unter seinen Wählern sagen können, dass sie sich auf dem Holzweg befinden und ihre Plakate wegpacken sollen. Es hätte eine große pro-europäische Rede werden können. Schade eigentlich.

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