DRadio interviewt György Dalos zu Ungarn und seinem neuen Buch „Der Fall des Ökonomen“

Ein hörenswertes Interview von DRadio-Kultur mit dem Schriftsteller György Dalos:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1704792/

Sehr trefflich folgender Abschnitt:

Welty: Und 2012 im Ungarn unter Viktor Orban, das viele nicht mehr verstehen, und auch in der EU beobachtet man die Entwicklung ja mit großer Sorge?

Dalos: Es gibt da zwei verschiedene Dinge. Das erste, dass Ungarn teilweise selbst verschuldet in einen Interessenkonflikt mit der EU und mit den Banken geraten ist – ich sage teilweise selbst verschuldet, weil andererseits waren natürlich die grundsätzlichen Probleme des Landes ohnehin da.

Es gibt aber auch eine ideologische Seite, nämlich dass die überwiegend linksliberalen Medien in Westeuropa natürlich diese Art von pathetisch-romantisierendem Nationalbild sehr schlecht ertragen können, und da gibt es natürlich auch so eine gewisse Oberflächlichkeit, zu wenig Wunsch, sich ein bisschen in die tieferen Schichten der Psychologie, ich würde sagen, der ungarischen Gesellschaft hineinzubegeben. Aber ich glaube, dass da Ungarn keine Ausnahme ist. Die Griechen versteht man ebenso wenig.

Welty: Helfen Sie uns doch ein bisschen dabei, die Ungarn besser zu verstehen.

Dalos: Man muss versuchen, über Ungarn so zu reden – und ich spreche jetzt nicht darüber, dass man unbedingt die jeweilige Regierung in Schutz nehmen muss; ich bin sozusagen fast ein geborener Oppositioneller -, aber man muss auch erklären, dass es sich um ein Nationalbewusstsein handelt, was aus einer Kette von falschen oder wirklichen Frustrationen und Enttäuschungen besteht.

 

16 Kommentare zu “DRadio interviewt György Dalos zu Ungarn und seinem neuen Buch „Der Fall des Ökonomen“

  1. „auf der einen Seite Randgruppen, die offen antisemitisch und rassistisch sind“ György Dalos

    Freilich sind heute Jobbik & Co heute nicht mehr Randgruppen sondern gehören zur Mitte der ungarischen Gesellschaft. Laut Meinungsforschung hat Jobbik heute mehr Anhänger als MSZP.

    Dazu haben die Liberalen auch ihren Beitrag geleistet, als sie für die Freiheit des Nazidiskurs eintraten.
    Ist das auch das Resultat der Fidesz Politik, die glaubt mit einem Anfachen der nationalistischen Emotionen und mit eigenen Agitatoren wie Zsolt Bayer und Bencsik, die nebenbei auch Antisemitismus transportieren Jobbik den Wind aus den Segeln nehmen zu können?

    Die nationalistischen Urlaute aus Ungarn werden in der EU gehört und bei aller Sympathie mit Ungarn und den Problemen der ungarischen Minderheiten in den Nachfolgestaaten, muss man doch fragen dürfen, warum ungarische Politiker die EU mit der Sowjetunion gleichstellen?

    Die Antwort, die man darauf erhält ist, weil das die Menge gerne hört. Das Problem dabei ist, spätestens eine Stunde später haben schon die Nachrichtenagenturen, solche Sprüche in die Weltsprachen übersetzt.

    Das wissen natürlich auch Orbán & Co und die provozieren mit Absicht die Stimmungen in der EU, die fragen, ob denn Orbán wirklich glaubt, damit schneller und zu besseren Bedingungen Anleihen zu erhalten von der EU und von IWF.

    Viele nüchtern gebliebene intelligente Ungarn sind von diesem Konfrontationsstil entsetzt.
    Anderen gefällt es und für die spielt es auch keine Rolle wenn die Lebensqualität in ihrem Land schlechter wird. Wichtig ist für sie die Illusion der einheitlichen ungarischen ethnischen Volksgemeinschaft und dass Ungarn „keine Kolonie wird“.
    Wer hat die besseren Karten, die EU & IWF oder Viktor Orbán?
    Zur Zeit ist ein Euro 290 Forint wert. Manche Wirtschaftsfachleute sagen voraus, dass der Euro bald 340 Forint wert sein wird, wenn Orbán so weiter macht. Doch solche Probleme beschäftigen diejenigen nicht, die sinnlose nationalistische Phrasen von sich geben,

    • „Die Antwort, die man darauf erhält ist, weil das die Menge gerne hört.“

      und gemäß vorliebe konservativ denkender menschen für vergangene denkstrukturen, auch mit möglichst breiter anschlusskraft ans wählende publikum.

      über unbekanntes zu denken ist hirnphysiologisch aufwendiger und wird nach möglichkeit vermieden.

    • Ungarn hatte noch nie die besseren Karten, egal welcher große, mächtige Akteur aktuell gerade im Land mitmischt.

      Weil die Menschen sich Jahrhunderte lang durch diese Realität durchgebissen haben, sind sie so, wie sie sind.

  2. Und manche Zungen behaupten, dass die EU den Bach untergeht, dass die Staatsverschuldung zu viele Länder ergreift und somit das Euro sich nicht mehr halten kann. Dass die Deutschen schon mal den Plan B ausarbeiteten, der den Austritt aus der EU und die Wiederaufnahme der Landeswährung in DM beinhalten soll. Dass Griechenland unter der Führung der EU und der IWF sich niemals erholen wird. Dass die Deutschen weiterhin Millionen von Steuergeldern in das bodenlose Fass „Griechenland“ schmeißen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer jetzt am Pranger steht, Orban oder die EU. Man sollte zuerst bei sich selbst im Hof kehren, bevor man die Nachbarn anschreit, wie schmutzig es bei denen ist.

  3. Ich hab mir lange überlegt, ob ich das Interview überhaupt lese.
    Aber es hat sich gelohnt.
    weil
    es sich auch hier wieder zeigt, wo ich mich beim Kommentar (würde ich jetzt gerne hervorheben das Wort Kommentar) dazu „festbeiße“

    *auf der einen Seite Randgruppen, die offen antisemitisch und rassistisch sind”*
    oder ob ich den ganzen Satz sehe
    .
    oder ob ich mir beispielsweise aus einem anderen Satz einen Teil heraus suche und dazu dann Stellung nehmen würde.

    *.. was mit der Wiedergutmachung läuft. .. die jüdischen Opfer, nicht zu ihrer Wiedergutmachung oder nur sehr spät gekommen sind….. und dann habe ich gehört, dass eine Mafia in den USA aufgeflogen ist.*
    Ich glaube dazu könnte man auch eine Menge sagen????

    Es kommt eben immer auf die Sichtweise an.

  4. „Es gibt aber auch eine ideologische Seite, nämlich dass die überwiegend linksliberalen Medien in Westeuropa natürlich diese Art von pathetisch-romantisierendem Nationalbild sehr schlecht ertragen können, und da gibt es natürlich auch so eine gewisse Oberflächlichkeit, zu wenig Wunsch, sich ein bisschen in die tieferen Schichten der Psychologie, ich würde sagen, der ungarischen Gesellschaft hineinzubegeben. Aber ich glaube, dass da Ungarn keine Ausnahme ist. Die Griechen versteht man ebenso wenig.“

    Europaweit wird Patriotismus, im Sinne von Vaterlandsliebe, gerne mit Vergötzung der Nation verwechselt; Religion, Werte und Tradition sind Schandbegriffe geworden.
    Auch gilt es als politisch vollkommen korrekt, daß die „Rechte“, also Konservative, die die Erfahrungen ihrer Ahnen pflegen und die geschichtliches Wissen fordern mit dem Wort „rückständig“ belegt wird.

    • Auf den Umgang mit den von Ihnen genannten Dingen kommt es an. Ein paar Thesen zum Nachdenken: Religion ist erstmal Privatsache, kann nicht verordnet werden und richtet viel Schaden an, wenn sie sich mit Macht verbindet. Nicht nur Konservative haben Werte, sondern auch Liberale, Grüne und Sozialisten, nur eben andere oder in anderer Reihenfolge. Wer Traditionen pflegt, muss sich damit abfinden, dass es der Nachbar vielleicht gern etwas moderner hat. In die Geschichte kann man vieles hinein interpretieren, genauso wie in die Bibel oder andere heiligen Schriften. Niemand soll Sie schelten, wenn Sie die Ehe und große Familien propagieren, solange Sie Leuten, die andere Lebenswege gehen, Ihre Sichtweise nicht gesetzlich oder durch gesellschaftlichen Druck aufdrängen wollen.

  5. „…also Konservative, die die Erfahrungen ihrer Ahnen pflegen und die geschichtliches Wissen fordern…“

    das ist aber kein „rechtes“ privileg…

  6. Lieber Túró Rudi, Sie zitieren und schreiben (nachdem Sie sich doch entschlossen haben das Interview zu hören): .. was mit der Wiedergutmachung läuft. .. die jüdischen Opfer, nicht zu ihrer Wiedergutmachung oder nur sehr spät gekommen sind….. und dann habe ich gehört, dass eine Mafia in den USA aufgeflogen ist.*
    Ich glaube dazu könnte man auch eine Menge sagen???? – Ichbin gespannt auf „die Menge“, die Sie dazu sagen können. Tatsache ist, dass in der USA eine Gruppe von ehemaligen Sowjetbürgern aufgeflogen ist, welche den Not alter jüdischen Auswanderer ausgenützt haben.
    Zu Károly Pfeifer: Jobbik ist heute am politischen Rand, womit ich nicht ihre Gefährlichkeit unterschätzen würde. Es ist auch nicht so, dass Rassismus und Antisemitismus ein Monopol ausschliesslich dieser Partei wäre – vielmehr drángt diese Gift quer durch politischen Parteien und sitzt in der beleidigten historischen Mentalität der Gesellschaft.

    • Sehr geehrter Herr Dalos,
      *Tatsache ist, dass in der USA eine Gruppe von ehemaligen Sowjetbürgern aufgeflogen ist, welche den Not alter jüdischen Auswanderer ausgenützt haben.*
      Genau, und das hat mich verblüfft, dass dies von Ihnen erwähnt wurde.Ich meine mich erinnern zu können das dies gern verschwiegen wurde??

  7. Lieber Túró Dani, ich habe zu dieser Behauptung vor zwei Jahren keine geheime Quellen, sondern nur öffentlich zugängliche amerikanische und russische oder russischsprachige israelische Zeitungen sowie einige deutsche Zeitungsberichte benützt. Die israelische Medien fassen solche Fragen nie mit Samthandschuhen an. Aber mein Roman handelt von einem anderen Fall.

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