Wer wird Schmitts Nachfolger?

Nach dem gestrigen Rücktritt von Staatspräsident Pál Schmitt beginnt nun die Suche nach dem Nachfolger.

Einem Bericht des Internetportals Index.hu zufolge habe Ministerpräsident Viktor Orbán – noch vor dem Rücktritt Schmitts – auf einer Sitzung der Fidesz-Parlamentsfraktion betont, sollte Schmitt sich zum Rücktritt entscheiden, solle ein politisch „weiter rechts“ stehender Kandidat das Amt übernehmen. Zudem solle der neue Präsident auch beim Verfassungsgebungsprozess mitgewirkt haben.

Die Zahl der möglichen Kandidaten sinkt damit bereits deutlich. Zunächst wurde über László Kövér, den aktellen Parlamentspräsidenten, spekuliert. Kövér gilt als am rechten Rand des Fidesz stehend, er fiel – vor seiner Wahl zum Präsidenten des Hohen Hauses – oft durch harsche und zum Teil unangemessene Bemerkungen gegen den politischen Gegner auf. Er ist Mitbegründer der Partei und soll über das Parteibuch mit der „Nr. 1“ verfügen.

Im Hinblick auf seine Mitwirkung am Verfassungsgebungsprozess könnte auch József Szájer, der aktuell im EU-Parlament sitzt, in Betracht kmmen. Seine Chancen dürften aber aus atmosphärischen Gründen begrenzt sein: Szájers Frau hat jüngst das Amt der Leiterin des Landesgerichtsamtes übernommen, was europaweit zu Missmut unter Kritikern der Orbán-Regierung geführt hatte. Es ist nicht zu erwarten, dass sich Fidesz abermals dem Vorwurf von „Vetternwirtschaft“ aussetzen möchte.

Als aussichtsreich gilt der EU-Parlamentarier János Áder. Er gilt als gemäßigter Konservativer und gehört – wie Kövér – zu den ältesten Weggefährten Viktor Orbáns. Der Jurist Áder trat dem Fidesz 1988 bei, war in den Jahren 1986-1990 bei der Ungarischen Akademie der Wissenschaften im Bereich Soziologie tätig (Forschungsgebiet: Die gesetzgeberische Tätigkeit des Parlaments) und übte in den Jahren 1998-2002 das Amt des Parlamentspräsidenten aus.

http://index.hu/belfold/2012/04/03/mar_nem_koverre_gondolnak_ader_az_uj_jelolt/

Teile des Fidesz scheinen einen „starken Präsidenten“ als Gegengewicht zum Parteivorsitzenden und Regierungschef Viktor Orbán zu favorisieren vgl. den Bericht des Online-Portals Origo.hu). Diese Rolle könnten sowohl der wenig diplomatische Kövér (er soll den zurückgetretenen Präsidenten Schmitt als „Paprika Jancsi“, als „Hanswurst“, bezeichnet haen) als auch Áder, weniger Szájer erfüllen. Allerdings gehören weder Kövér noch Áder zu den besonders beliebten Politikern – was bei Áder daran liegen dürfte, dass von ihm derzeit weniger in der nationalen Politik zu hören/zu sehen ist. Das Verhältnis zwischen ihm und Orbán ist nicht konfliktfrei.

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27 Kommentare zu “Wer wird Schmitts Nachfolger?

  1. Allein die Tatsache, dass Kövér als Option überhaupt gehandelt wird, ist beunruhigend.

    Und warum soll es ein politisch „weiter rechts“ stehender Kandidat sein? Weil dieser qua seiner persönlichen Ausrichtung ausgleichend in alle Richtungen wirken kann?

    Oder soll er per se gar nicht als „bester gemeinsamer Nenner“ möglichst viele Teile der ungarischen Bevölkerung ansprechen und repräsentieren?

    • Ein rechts von Orbán stehender Präsident könnte die Gesellschaft zu den Jobbik-Themen hin öffen, ohne mit der Partei Jobbik in direkten Kontakt treten zu müssen, denn der Staatspräsident steht ja über den Parteien.

      Das könnte für László Tőkés sprechen, der als Mann der reformierten Kirche auch das Nationale mit dem Religiösen verbinden könnte. Damit könnten auch desillusionierte Wähler an FIDESZ gebunden werden oder gar zu Jobbik abgewanderten Wählen für FIDESZ zurückgewonnen werden.

  2. Nun ausser den oben genannten gibt es (lt.index.hu)
    noch andere Kanditaten
    Martonyi János,Pálinkás József ,Vizi E. Szilveszter, Trócsányi László ,Tőkés László.Eine Frau wird nichtmal genannt!

    Ich war neugierig, wer denn auf der Seite von index.hu bei „Volkes Stimme“ an erster Stelle liegt und hab mal „abgestimmt“ Jetzt kann man natürlich sofort!! auf meine Gesinnung schließen, aber ich hab auch auf den Kanditaten getippt der *momentan* die meisten Stimmen hat.

  3. Versteh gar nicht, warum keiner auf Matolcsy kommt – würde doch gleich zwei Probleme lösen und die Chance eröffnen, ohne Gesichtsverlust, endlich einen fähigeren Wirtschaftsminister zu installieren. Für den Präsidentenposten wird er ja wohl ausreichend qualifiziert sein (seine eigene Unterschrift zu beherrschen).

    • Wie ich gestern schrieb, scheint es in Teilen des Fidesz den Wunsch zu geben, einen „starken“ Präsidenten zu nominieren. Matolcsy dürfte sich hierfür kaum eignen. Áder oder Kövér hingegen schon.

      Ich tippe derzeit auf Áder. Oder – vielleicht – Herrn Martonyi, über dessen Ausscheiden vor 2014 ohnehin schon gesprochen wurde. Letzterer dürfte selbst über Zweifel mancher Kritiker erhaben sein.

      • Einziger Makel an Martonyi wäre die vermutete IM-Tätigkeit. Vielleicht ist das sogar der Hauptgrund dafür, dass sich Fidesz der LMP-Initiative für ein Lustrationsgesetz zunächst verweigerte. Trotz seiner hervorragenden Tätigkeit als Außenminister könnte ihm das auf die Füße fallen. Rechts von Orbán stünde er allerdings schon mal nicht. Köver erfüllte dieses Kriterium vielleicht. Áder kennt außerhalb Ungarns kaum einer, aber immerhin dürfte er als MdEP anders als der Präsident des ung. Parlaments mit dem Englischen mindestens eine Fremdsprache beherrschen, was ja als Staatspräsident nicht schaden kann.

      • Martonyi wäre sicherlich gut, aber es würde auch ein guter Aussenminister verloren gehen. Teile (!) der Fidesz hätten sicher gerne einen starken Präsidenten, aber was hätte Orban davon?

      • *Ich tippe derzeit auf Áder.*
        Der Kanditat hat 100Punkte 😉
        Scheint so zu sein.Habe es selber jetzt gerade gelesen und man kann es -erstaunlicherweise auch schon in der ausländischen Presse finden.
        Sein persönliches Pech ist, dass er auch Gründungsmitglied von FIDESZ war.Damit gehört er ja automatisch sofort zum Freundeskreis von B.ZS.
        Na, hoffentlich ist er kein Legastheniker, hat nicht allzuviel von hier nach da kopiert usw.
        Aber man muss nur lange genug suchen, es findet sich sicher irgendwas.

    • Ist das Ihr Ernst? Nun, die Idee ist unter einem Gesichtspunkt interessant: Lázár bekäme endlich einen Audi A8 als Dienstwagen. Diese Kategorie ist nämlich dem Staatspräsidenten vorbehalten. 🙂

    • Das Mindestalter für das Amt des Staatspräsidenten von 35 Jahren gemäß Art. 10 Abs. 2 Ung. GG hätte Lázár 😉

  4. MSZP schlägt Sólyom vor und Fidesz will tatsächlich Martonyi, ein ehemaliges MSZMP Mitglied zum Präsidenten machen?

  5. HV,
    Diejenigen, die Ungarisch können, werden feststellen, dass ich gesagt habe, dieses Klatschen hat mich an die Art erinnert wie man unter Rákosi geklatscht hatte, was ich natürlich nur aus Filmen erfahren habe. Mich hat das peinlich berührt. Ich habe mich ausdrücklich auf die Art des Klatschen bezogen.

    • Dieses gleichförmige Klatschen irritiert mich jedes Mal, wenn ich in Ungarn ein klassisches Konzert oder eine andere Kulturveranstaltung besuche. Woher haben die Ungarn das? Ist das wirklich ein Erbe der Rákosi-Zeit? In Deutschland klatscht man jedenfalls allgemein viel individueller, was sich in meinen westlichen Ohren auch viel schöner und freier anhört 😉

      • Tja, ich kann mich natürlich täuschen. Vielleicht bin ich hier mehr in Kulturveranstaltungen als in Deutschland. Mir scheint jedenfalls, dass die Ungarn wirklich einen anderen Stil der Beifallsbekundung haben, und es fällt mir jedes Mal auf. Das würde es doch nicht, wenn da nicht etwas anders wäre als bei uns. Ich meine die zweite Hälfte des Applauses nach dem Abgang Schmitts, wo alle im Gleichklang klatschen. Das ist meines Erachtens in Deutschland so nicht üblich.

      • Werter Ungarnfreund!

        Ich könnte mir Ihre Irritation mit einer möglicherweise zu starken Objekt-Fixierung auf den Partner Ungarn erklären.

        Ich glaube, ich kann sie verstehen. Was rhytmisches Klatschen angeht, so empfinde auch ich fast ein Grauen, wenn ich zum Beispiel das hier sehe:

        Es soll dazu auch ein Interview mit einem der bekanntesten Intellektuellen Ungarns geben, der im letzten Jahrzehnt (übrigens) eine scharfe Marxismuskritik entwickelt hat /Zitat Pressemappe vom 8.1..2011; XVI. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz/.

        Bei meiner Recherche fand ich aber nur solche, an sich wertvolle Beiträge:

        http://www.presseurop.eu/de/content/article/1350881-allein-gegen-orban-und-besser-so

        Und das:

        http://www.gruene-linke.de/2011/12/02/die-internationale-des-postfaschismus/

        oder das:

        http://www.sozonline.de/2012/03/ein-wenig-petain-ein-wenig-dollfuss/#more-4036

        Könnten Sie mir nicht weiterhelfen?

  6. HV ich kann mir nicht helfen, mir ist diese Art des Klatschens nicht sympathisch.und habe das klar zum Ausdruck gebracht.
    Wäre ich Ungar, so würde ich mir Gedanken machen, warum solche ausgewogene Diskussionen in der Regel nicht in den königl. Medien geführt werden.

  7. *Wäre ich Ungar, so würde ich mir Gedanken machen, warum solche ausgewogene Diskussionen in der Regel nicht in den königl. Medien geführt werden.*

    @Herr Pfeifer, ich mache mir nicht nur Gedanken, ich mache mir Sorgen, dass solche Diskussionen in den „königlichen Medien“ (nennen wir sie mal M1) nicht geführt werden.Könnte natürlich daran liegen, dass es dann wieder irgendwelche Leute gibt (nennen wir sie mal Milla), die dann irgendwie und irgendwas an so einer Diskussion auszusetzen haben und evtl. fordern , dass man sie aus dem Programm streicht????
    Rein theoretisch natürlich, denn wer sich für Presse- (Medienfreiheit ) erinsetzt. dem würde natürlich sowas nie niemals nicht einfallen.

  8. Turó Rudi,
    also ich habe nie die Meinung der dogmatischen Liberalen geteilt, dass man in Mitteleuropa sklavisch alles nachahmen muss, was in den USA funktioniert.

    ..
    .

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