Staatssicherheit: Ministerpräsident Orbán spricht sich für eine Öffnung der Archive für die Betroffenen aus

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat sich in einer Antwort auf die Frage der Abgeordneten Ágnes Vadai (DK) zum Umgang mit den Akten der ungarischen Staatssicherheit geäußert.

Vadai, ehemalige Vorsitzende des Parlamentarischen Ausschusses für Nationale Sicherheit (damals noch MSZP), stellte dem Ministerpräsidenten mehrere Fragen, die auf Kontakte oder eine Zusammenarbeit Orbáns mit der ehemaligen sozialistischen Staatssicherheit abzielten. Im Einzelnen:

„Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

Wie ein Lauffeuer verbreiten sich im Internet zwei angeblich aus dem Historischen Archiv der Nationalen Sicherheitsdienste stammende und in Kopie beigefügte Dokumente, die ernsthafte Fragen aufwerfen. Das eine spricht davon, dass der Staatssicherheitsdienst am 25. September 1981 den Versuch unternommen haben soll, sie als sog. „gesellschaftlicher Kontakt“ anzuwerben. Dieses Dokument ist wahrscheinlich authentisch, nachdem Sie selbst eingeräumt hatten, dass es einen solchen Anwerbungsversuch gegeben haben soll.

Das andere, am 23. Juni 1989 gefertigte Dokument soll belegen, dass Sie unter dem Namen „Gábor Győri“ für die Staatssicherheit tätig gewesen sein sollen. Einige Ihrer einstigen Mitstreiter und heutigen politischen Gegner haben zum Ausdruck gebracht, dass dieses Dokument eine Fälschung sei. Ich hingegen glaube, dass es im Interesse Ungarns und auch Ihrer Person liegt, dass Sie selbst bestreiten.

Aus diesem Grund frage ich den Herrn Ministerpräsidenten:

1.)    Sind die beiden beigefügten Dokumente tatsächlich Fälschungen?
2.)    Haben Sie irgendwann, auf irgend eine Art und Weise mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet?
3.)    Waren Sie vor dem Systemwechsel geheimer Mitarbeiter des Staatssicherheitdienstes, dessen geheimer Beauftragter, Agent, bezahlter Agent oder irgendein Mitglied des geheimdienstlichen Netzwerks, oder gar operativer Offizier oder „streng geheimer“ Offizier (ung. SZT-tiszt)?
4.)    Haben Sie Kenntnis davon, dass einer der Minister oder Staatssekretäre Ihrer Regierung, ein Mitglied der Fidesz-KDNP-Fraktion, oder ein seit dem Regierungswechsel mit den Stimmen Ihrer 2/3-Mehrheit gewählte Personen vor dem Systemwechsel geheimer Mitarbeiter des Staatssicherheitdienstes, dessen geheime Beauftragte, Agenten, bezahlte Agenten oder Mitglieder des geheimdienstlichen Netzwerks, oder gar operative Offiziere oder „streng geheime“ Offiziere waren?
5.)    Sind Sie nicht der Auffassung, dass nur die vollständige Öffnung der Geheimdienstarchive derartigen Verdacht gegenüber Ihnen und anderen unschuldigen Bürgern zerstreuen könnte?
6.)   Unterstützen Sie die vollständige Öffnung der Geheimdienstarchive?“

Die vollständige Frage ist hier einsehbar.

Ministerpräsident Orbán führt in seiner Antwort aus, die beiden von der Abgeordneten genannten Dokumente seien seit Jahren der Öffentlichkeit bekannt. Orbán schreibt, es habe während der ersten Phase seines Militärdienstes einen erfolglosen Anwerbeversuch gegeben. Im Anschluss daran habe man ihn, seine Frau und Freunde durch den Sicherheitsdienst überwachen lassen. Die Aktion trug den Namen „Viktória“. Die von Orbán angehängten Dokumente belegen dies: Zu den Betroffenen der Maßnahmen gehörten seine Frau Anikó Lévai, der heutige Parlamentspräsident László Kövér und der EU-Abgeordnete József Szájer. Zu den Dokumenten (u.a.) aus dem Jahr 1989 (Seite 25 der Antwort Orbáns) und deren Echtheit äußert sich Orbán allerdings ebensowenig wie zur Frage Vadais nach ehemaligen Mitgliedern bzw. Kontaktpersonen der Staatssicherheit in den Reihen der Fidesz/KDNP-Fraktionen.

Orbán tritt in seiner Antwort dafür ein, die Archive des Geheimdienstes Betroffenen zu öffnen. Er betont, dass aufgrund des Inhalts der Akten diejenigen, die seinerzeit abgehört und in ihren Rechten verletzt wurden, bestimmen müssten, wem die Inhalte zugänglich gemacht würden. Andernfalls kämen privateste Inhalte an die Öffentlichkeit. Dies zu entscheiden, stehe im Recht der Betroffenen.

Advertisements

29 Kommentare zu “Staatssicherheit: Ministerpräsident Orbán spricht sich für eine Öffnung der Archive für die Betroffenen aus

  1. Orbán ist zu lange Politiker, als dass er auf Fragen, mit denen er sich festnageln ließe, antwortet. So bleibt unklar, ob das Dokument aus 1989, das ihn als „gesellschaftlichen Kontakt“ bezeichnet, echt, gefälscht (d.h. nicht vom angeblichen Urheber stammend) oder aber „echt“, jedoch inhaltlich unzutreffend ist. In einem Buch über den Radio Free Europe – Verfasser: László Kasza – las ich im vergangenen Jahr, welch große Phantasie die Verfasser solcher Dokumente mitunter an den Tag legten – niemand geringeres als Paul Lendvai durfte sich mit Erfolg darauf berufen, obwohl er nachweislich eine Liste von Teilnehmern eines Dissidententrefens an die Staatsmacht weitergab (er betonte allerdings, die Liste sei schon jedermann bekannt gewesen)…

    Zum Radio Free Europe:

    https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/12/19/168-ora-veroffentlicht-beitrag-eines-ehemaligen-mitarbeiters-des-radio-free-europe-zum-thema-lendvai/

  2. Also wieder Lendvai und Staatsmacht HV. Das haben wir doch schon mal diskutiert. Die damalige Opposition hatte ein Interesse, dass diese Zusammenkunft bekannt wird. Und Lendvai war damals Chef des Osteuropabüros des ORF und hatte enge Kontakte mit der österr. und der ung. Regierung, das war hier in Wien bekannt.

  3. Fakt ist, alle Parteien haben bislang verhindert, dass es zu einer guten Lösung kommt. Und da gab es auch einen Vorschlag, dass doch jede betroffene Person seine Akte mitnehmen könnte.
    D.h. in allen Parteien gab es Leute mit Butter auf dem Kopf.

  4. Terrier, da haben Sie eine vielfach ausgezeichnete Quelle angegeben Dr. Dr.Csaba Ilkei der auch bei Kuruc Info publiziert.
    Für „Ausgezeichnete Arbeit“ vom Ministerrat ausgezeichnet (1982)
    „Munkaérdemrend“ Arbeitsauszeichnung Bronze (1965)
    MTV „Ausgezeichneter Mitarbeiter“ (1976)
    Zehn Niveaupreise des MTV Präsidiums (1969-1990)
    Niveaupreis des Präsidenten des ung. Radios (1978)
    CivilParlament Civil Diplom (1998)

    Wir erfahren aus den vorgelegten Dokumenten nichts Neues. P.L. war Zwischenträger zwischen Bruno Kreisky und János Kádár. Und hat als ORF Osteuropachef enge Kontakte aufrechterhalten zur ungarischen Botschaft.
    Was bitte Terrier ist daran neu, was wir noch nicht gewußt haben?

    • „Was bitte Terrier ist daran neu, was wir noch nicht gewußt haben?“

      Geehrter Herr Pfeiffer,

      Die Öffentlichkeit hat bis zu den ersten Enthüllungen aus den Geheimarchiven des ung. Stasi über die zwielichtigen Rollen des Herrn Herrn Lendvai praktisch rein gar nichts gewusst. Und wenn der gute alte Schlaumeier, um falsche Fährten zu legen, Ihnen nicht bereits schon früher etwas relativ harmloses gebeichtet hat, Sie auch nicht. Wenn doch, dann müssten auch Sie, wie er über sehr gute Kontakte verfügt haben und verfügen.

      Sie sollten Terrier lieber in der Gegenwartsform fragen:

      Was ist neu, was wir über Paul Lendvai noch nicht wissen?

      Das werden wir vielleicht aus seinen Memoiren erfahren, wenn er seine Hanswurstiade beendet erklärt hat.

      Was wissen wir 100%-ig über ihn?

      Dass er, der nicht unbegabte Stehaufmännchen, sich in Wien zu seinem Vorteil vom Ex-AVH Mitglied zu einem nicht unsympathischen Wiener-Schleimer mutiert hat.

  5. Sie haben gefragt Herr Pfeifer und ich muss antworten… auch dann, wenn ich versuche Sie auszuweichen. Was Sie persönlich ,oder in königlicher Mehrzahl wissen, könnte man nur ahnen und ableiten. Interessiert mich auch nicht. Hoffentlich sind aber nicht alle HV-Bloger soooooo gut informiert, deshalb halte ich nützlich die “ Experten“ vorzustellen. Wie Sie dr.Ilkei vergestellt haben. Übrigens, ich bin kein „Experter“ bezüglich des kuruc.info , trotzdem halte ich die Inoffiziellen Mitarbeiter, hálózati személyeket, informatorilor Securităţii , usw. als Abschaum der Gesellschaft. Immer und überall.

    • terrier,

      Scheren Sie sich nichts um solche voreingenommene Vorhalte,
      und lassen Sie sich von niemandem einschüchtern. Auch Herr Karl Pfeiffer hätte genug vor seiner eigenen Haustüre zu kehren, was er offensichtlich nicht besonders gerne tut.

      Es spielt doch keine Rolle ob von rechts oder von links unangenehmen, enthüllenden Dokumente veröffentlicht werden.

  6. terrier, halten Sie auch manchen Fideszpolitiker für Abschaum deswegen? Oder legen Sie die Hand ins Feuer, dass es bei Fidesz keine IM gibt?

    Ich habe keinen Nachweis gefunden, dass P.L. IM gewesen wäre. Und dass er zwischen Bruno Kreisky und János Kádár vermittelt hat und als Osteuropachef des ORF Kontakte mit der ung. Botschaft hatte, auch das ist bekannt.

    Ich habe aufmerksam diese Zusammenstellung von Ilkei gelesen. Da gibt es keinerlei neue Fakten über P.L. Wenn Sie aber da etwas Neues gefunden haben, dann bitte ich Sie das den Lesern mitzuteilen.

    • „terrier, halten Sie auch manchen Fideszpolitiker für Abschaum deswegen? Oder legen Sie die Hand ins Feuer, dass es bei Fidesz keine IM gibt?“

      Karl Pfeiffer,

      Abschaum und amoralische Individuen gab es und gibt es in allen Parteien dieser Welt, so auch bei FIDESZ. Es gibt derer genug in Ungarn und auch in Österreich usw.

      Das Problem oder die Tragik der Ungarn besteht darin, dass Ungarn seit Ende 1944 bis 2010 mit Ausnahme etwa eines guten Jahrzehnts – nachweislich – praktisch vom Abschaum regiert, beherrscht, terrorisiert wurde.

      Wo wäre Ihrer Ansicht nach zB. das vielberühmt demokratische Engelland, wenn es unser Schicksal hätte auf sich nehmen müssen?

      • …“ Ende 1944 bis 2010″…

        Ziemlich eng gefasstes Zeitfenster – in beide Richtungen.
        Welches ist übrigens das gute Jahrzehnt gewesen?

      • Hallo Farkas,

        Ab Oktober 1944 als in meinem Heimatland der Pfeilkreuzer Abschaum mit Hilfe von Nazideutschland die Macht übernahm sind wir Ungarn aus dem einen Regen in die andere Traufe geraten, bis zum heutigen Tag.

        Nach der Nazi-Weltmacht kamen die kommunistischen Welterlöser, deren ebenfalls verbrecherisches Wüten ganzer Mittel-Ost-Europa (im Vergleich zum 45 Jahre lang verteufeltem kapitalistischen Westen) zusätzlich noch wirtschaftlichen Elend bescherte. Nach der sog. Wende haben uns dann die Kinder und Enkelkinder von Rákosi über Péter Gábor und und dem schleimigen Apró Antal den Rest gegeben.

        Heute ringt und zappelt Ungarn im Würgegriff des Kapitals. Was wollen Sie von mir sonst noch hören?

        Warum ich der nationalkonservativen Regierung trotz all ihrer Fehler den Daumen drücke?

        Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass ausgerechnet diejenigen die auf die Ungarn und die halbe Welt jahrzehntelang Elend und Leid gebracht und das Land in den Dreck gefahren haben, uns daraus herausholen wollen.

        Dank massiver Propaganda (az egyszerű ember hülyítése) der linksliberalen Medien, wurde dieser Irrglaube unter den einfachen Leuten jahrelang mit Erfolg verbreitet. Der Wahlerfolg von 2006 hat die linksliberalen „Rattenfänger“ so in Machtrausch versetz, dass ihre korrupte Hemmungslosigkeit keine Grenzen mehr kannte. Die Quittung kam und war so vernichtend, dass vom Wehklagen und Geheul dieser Bande die halbe Welt bis heute widerhallt.

        Die Hunde bellen, doch die ungarische Karawane muss und wird weiterziehen.

      • Hallo Herr Unger,

        ich weiß, Geschichtsrevision ist derzeit große Mode in Ihrem Heimatland, sich vom Holocaust reinzuwaschen, die Horthy-Ära zu rehabilitieren.
        Sie scheinen da ja ganz konform zu gehen.
        Sie schrieben:
        „Ab Oktober 1944 als in meinem Heimatland der Pfeilkreuzer Abschaum mit Hilfe von Nazideutschland die Macht übernahm sind wir Ungarn aus dem einen Regen in die andere Traufe geraten, bis zum heutigen Tag.“

        Zu Ihrer Information:
        Zwischen Mitte Mai und Anfang Juli 1944 wurden unter Horthy 430 000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert.
        Ohne den tatkräftigen Einsatz der ungarischen Bürokratie und der Sicherheitskräfte wäre es nicht gelungen, fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Provinz in Ghettos zu konzentrieren, auszurauben und schlussendlich binnen sieben Wochen zwischen dem 15. Mai und dem 6. Juli in Viehwaggons nach Auschwitz-Birkenau zu deportieren.

        Wie stehen Sie also zur Horthy-Ära?
        Und welches Jahrzehnt war doch gleich das Gute Ihrer Meinung nach?
        Würde mich wirklich interessieren.

  7. Es wäre gut wenn die Archive, der Personen des öffentlichen Lebens, für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden würden. Es ist nach meiner Ansicht eine Grundbedingung und damit eine Chance für eine ehrlichere Politik. Solange das nicht geschieht, wird sich weder in der Politik noch im Volk etwas ändern und man kann dankbar sei für jede nicht gefälschte Information.

  8. echinops, warum haben sich alle Parteien gesträubt diese Dokumente in Ungarn – ähnlich wie in Deutschland – publik zu machen?

    • Weil keiner weiß, wer was mitgehen lassen hat und was wirklich im Reißwolf gelandet ist. Nähere Auskunft kann da sicherlich György Dalos erteilen. Oder lesen Sie einfach sein so hochgerühmtes Werk „Die Balatonbrigade“. Es lässt zumindest Insiderwissen vermuten.

      • Und wer weiß, ob nicht solche Akten, die in Ungarn im Reißwolf gelandet sind, nicht als Kopien bei anderen Geheimdiensten unter Verschluß liegen.

      • Herr Herche, Sie wollen Herrn Dalos eine Stasi-Vergangenheit anhaengen? Das sind schwere Vorwuerfe. Welche Anhaltspunkte ausser dem Roman „Balatonbrigade“ haben Sie noch?

      • Lieber Ungarnfreund,
        ich finde Herrn Peter Herche´s Rückschluss nicht so weit weggeholt, mir kam auch sofort dieser Gedanke als ich eine Leseprobe im Internet fand. Wahrscheinlich bin ich mit diesen Gedanken im Unrecht. Das Herr György Dalos darüber schreibt beweist das er Geheimdienst à la Stasi nicht gut findet.
        In der Leseprobe beschreibt er Gefühle, wie ein Mensch dazu kommt seine eigene Tochter zu bespitzeln. Es ist sehr hautnah beschrieben. Dazu kommt, dass, im besonderen, schlaue Menschen entweder Opfer der Bespitzelung oder Ziel einer Anwerbung waren. Grüße Kugel..

      • Peter Herche,
        bei einer Podiumsdiskussion am 5.2.12 in Berlin haben sich Dalos und Gauck als alte Freunde bezeichnet.
        Diese Freundschaft scheint mir Quelle des authentischen Eindrucks der „Balatonbrigade“ zu sein.
        Hier zum Nachhören: http://stiftung-aufarbeitung.de/veranstaltungsnachlese-2012-3180.html?id=1801
        Man sollte György Dalos persönlich fragen. Gelegenheiten wären bei Lesungen in Berlin am 10.4.12 im Collegium Hungaricum und am 19.4.12 im Museum Pankow.

      • „Welche Anhaltspunkte ausser dem Roman “Balatonbrigade” haben Sie noch?“

        @Ungarnfreund

        So man denn den Ungarn so freundlich gewogen ist und die Mühe auf sich genommen hat, um die wunderbare, einzigartige, ja wertvolle ungarische Sprache zu erlernen, wird man den feinen Unterschied zwischen einer ‚fogós kérdés’ und einer fogas kérdés kennen.

        Ich setze voraus, dass jemand, der sich selbst als ‚Ungarnfreund’ tituliert, frm Unterschied kennt. Und ich frage zurück:

        Wer sind Sie, „Ungarnfreund“, dass Sie mir diese Frage stellen?

        (Das erste Mal in meinem Leben wurde ich am 25.10.1971 in der MfS Kreisdienststelle Calau von Ltn. Bremer verhört, weil ich ein Sperrgebiet betreten hatte. Das Verhör dauerte ca. zwölf Stunden. Ich war hrtsfr 16 Jahre alt und ließ mir nichts anhängen. Ich bin aus der Sache heil herausgekommen, merkte mir aber für mein ganzes Leben, dass ein nicht allgemein zugängliches Gebiet zwar betreten werden kann, man dabei aber immer Vorsicht walten lassen sollte.

        Ein zweites Mal wurde ich am 29.08.1973 gegen 19 Uhr bei Boizenburg an der Elbe im Grenzsperrgebiet festgenommen und noch am selben Tag zur Befragung auf das Volkspolizei-Kreisamt Hagenow verbracht. Über die Befragungen wurden Protokolle erstellt. So hielt Oberleutnant Vossmeier von der Abteilung K / Sachgebiet IV am 30.08.1973 fest, dass ich als Befragter erklärt hätte, nicht mit der Absicht nach Boizenburg Krs. Hagenow gefahren zu sein, um ein ungesetzliches Verlassen der DDR vorzubereiten. Ich sei auf dem Wege zur Ostsee irrtümlicher Weise [sic!] dort angekommen. Die persönlichen Sachen wie

        1 Fernglas
        1 Taucherkompaß
        1 DDR Autoatlas
        1 Europakarte
        1 Stechzirkel
        1 Schlafsack
        1 Badehose
        50, – M Bargeld

        hätte ich für die Fahrt zur Ostsee eingepackt. Ich soll hartnäckig bestritten haben, dass ich diese Gegenstände für ein ungesetzliches Verlassen der DDR verwenden wollte. Als Beweis, dass ich es nicht vorhatte, die DDR ungesetzlich verlassen zu wollen [sic!], hätte ich erklärt, sofort umgedreht und zurückgegangen zu sein, nachdem ich das Hinweisschild „Grenzsperrgebiet“ „Betreten nur mit Sondergenehmigung gestattet“ gelesen habe. Danach sei ich festgenommen worden.

        Beim letzten Verhör am 31.08.1973 durch den Leiter der Kriminalpolizei II, Oberleutnant der K, Genossen Prahl wurde ich laut Protokoll gefragt, warum und zu welchem Zweck ich an die Ostsee fahren wollte. Ich hätte darauf geantwortet, den Freund meines Bruders, Martin Eichler in Wismar besuchen zu wollen. Ich soll auch gesagt haben, dass es eine derartige Person wohl in Wismar gebe und Martin Eichler ein Studienfreund meines Bruders sei. Ich selbst hätte ihn auch schon einmal gesehen. Es gäbe jedoch keinen Kontakt zu ihm. Auch seine Wohnanschrift wäre mir nicht bekannt. Ich hätte nicht die Absicht, diesen zu besuchen. Ich hätte ihn nur als Reiseziel bei der Kontrolle angegeben, um die Grenzpolizisten zu täuschen, da mir die Reise nach Wismar sonst doch nicht abgenommen worden wäre. Ich hätte auch sagen können, dass ich nach Bautzen will, doch hätte man mir das wahrscheinlich noch weniger geglaubt, zumal es auch nicht richtig sei, dass ich nach Bautzen möchte. Laut Protokoll sei ich bei der Aussage geblieben, dass ich ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, an die Ostsee fahren wollte, um dort meinen Urlaub zu verbringen. Urlaub an der Ostsee hielte ich für besser als Urlaub in Sachsen.

        Ich wurde schließlich am 31.08.1973 gegen 19 Uhr aus dem Gewahrsam der VPKA Hagenow entlassen und der Transportpolizei Hagenow-Land übergeben. Von der Dienststelle wurde veranlasst, dass ich gegen 21 Uhr mit dem Zug in Richtung Forst/Lausitz fuhr. Es steht nicht im Protokoll, dass ich in Berlin und in Cottbus jeweils von der Transportpolizei in Empfang genommen und bis zur Abfahrt des Anschlusszuges streng bewacht wurde. In Forst übergab mich die Polizei schließlich meinem Vater.
        Ich habe mir damals für mein Leben gemerkt, dass Ehrlichkeit am längsten währt. Ich wollte nämlich wirklich keinen Urlaub im Gelben Elend von Bautzen machen, was mir sogar meine Vernehmer geglaubt haben. Denen hat das später der Oberstleutnant Wagner, Leiter der Unterabteilung 1. LvD der Hauptabteilung I/LSK-LV des MfS aber übel genommen. Aber das war nicht mehr meine Sorge. Dem Freund meines Bruders ist nichts passiert. Vielleicht hätte es plausibler geklungen, wenn ich eingeknickt wäre und angegeben hätte, ihn gut zu kennen. Er wäre dann auch in die Mühlen geraten und …. – wer weiß – wer weiß

        Ein drittes Mal wurde ich im September 1973 in der Nähe der Ortschaft Ják festgenommen. Bei dem Verhör war ein Dolmetscher zugegen. Ich konnte damals kein Wort ungarisch und der Dolmetscher sprach nur gebrochen deutsch, was ihm, so schien es mir, peinlicher war als mir. Über das Verhör gibt es kein Protokoll. Ich erinnere mich aber, glaubhaft gemacht zu haben, dass ich die Kirche von Ják, ein Kleinod unter den ungarischen Kirchen , besichtigen wollte, vorher aber gemusst hätte. Weil es keine öffentliche Toilette in Ják gab, sei ich in den Wald gegangen. Ich glaube nicht, dass der Vernehmer mir das abgekauft hat, ich hatte nämlich wieder meine ganze Ausrüstung im Rucksack, inklusive Stechzirkel und Tauchkompass. Aber die Sache ging für mich schließlich doch glimpflich aus.

        Man merke sich, jeder muss mal, aber niemand muss immer die Wahrheit sagen.

        Ich hoffe hiermit hinreichend erklärt zu haben, warum ich auf die Frage des „Ungarnfreundes“ nicht eingehe, jedenfallssolange er/sie seine/ihre Identität/en nicht preisgibt/geben.

        Im übrigen kann ja jeder selbst den Herrn Dalos fragen und darüber in diesem Forum berichten. Ich bin schon jetzt gespannt, was dabei rauskommt.)

        Mir ist er das erste Mal in Bremen begegnet. Ich war mit meinem „ápoló“ vom ungarischen Staatsschutz unterwegs. Wir lieferten damals eine Floppy-Diskette mit Daten über den ungarischen Untergrund nach Bremen. Internet gab es noch nicht. Dass mein Begleiter als „baráti kapcsolat“ (K/3 12-14) in den Akten auftaucht, ist durch belegt. Heute ist meine „baráti kapcsolat“ übrigens Jobbik Mitglied. Er war auch in den Parteien MIÉP, SzDSz, MDF, ganz am Anfang seiner Karriere auch úttörő und dann KISZ-Mitglied. Und natürlich war er einer der ersten in der „Magyar Gárda“.

        Manchmal wundere ich mich, was für blöde Fragen mir gestellt werden!
        Ich lass mich doch nicht von Gysi & Co. linken.

        http://www.freiewelt.net/blog-4165/gregor-gysi-und-die-l%FCge.html
        http://www.freiewelt.net/blog-4178/gysi-und-die-l%FCge-%282%29.html

      • Herr Herche, ich war ein Schulkind als die Mauer fiel. Was Sie erlebt haben moegen, kenne ich Gott sei Dank nur aus Buechern und Filmen. Da ich Herrn Dalos als Autor vieler interessanter Sachbuecher und Romane schaetze, wollte ich einfach wissen, was Sie gegen ihn haben. Ihrer langen Antwort ist in dieser Hinsicht allerdings wenig zu entnehmen.

    • Die Dokumente sind soviel ich weiss zugänglich für Forscher. Dh jede interessierte Partei – und sei es zB per Buchverlag oder politisch verbündetem Institut – kann im Prinzip per Forschungsauftrag an die Archive heran. Sowieso wissen alle in der Politik alles über den Gegner, da alle mal regierten und die Archive kennen. Aber auch unabhängige Wissenschaftler können, und tun das auch, nach Schmutz suchen.

      Zugang ist freilich durch den jeweiligen Forschungsauftrag begrenzt. Selbst dann kann man ein Resumé der Akten einsehen, deren Korpus einem unzugänglich bleibt.

      Ein relativ wenig beachtetes Thema ist dabei, dass ein zentrales Ziel der Stasi die Kirchen waren, und dass es gelang, diese sehr viel gründlicher zu unterwandern als etwa in Polen.

      Diese Tatsache sollte speziell bei etwaigen heutigen rassistischen Ausfällen mancher Kleriker beachtet werden,

      Ich kann mir vorstellen, dass eine christlich orientierte Regierung, die die Kirchen zu strategischen Partnern machen möchte, diese Unterwanderung nicht an die große Glocke hängen will.

      Der jetzige Primas Peter Erdö ist der einer der ersten „authentischen“ Kirchenmänner, der aus diesem Sumpf herausragt.

      Dann ist da die Sache mit den kompromittierten Politikern aller etablierten Parteien, und jenen, die zwar gute Leute sind, aber eventuell angreifbar (zB Martonyi)

      Und dann die Wirtschaft und ihre Spitzenleute.

      Und die Auslandsspionage – noch heute tätige Agenten will man nicht entlarven.

      • Ein relativ wenig beachtetes Thema ist dabei, dass ein zentrales Ziel der Stasi die Kirchen waren, und dass es gelang, diese sehr viel gründlicher zu
        unterwandern als etwa in Polen.

        Wenig beachtet, da für Viele „peinlich“.
        Kardinal Primas Wyszynski, der Wahrer der christlichen Identität des polnischen Volkes, konnte im Land bleiben, wohingegen Kardinal Fürstprimas Mindszenty, durch seine kompromisslose Haltung der atheistischen kommunistischen Ideologie gegenüber, für die Politik zum Störfaktor wurde. Sobald Kardinal Mindszenty in der Verbannung war, hatte das Regime leichtes Spiel die katholische Kirche in Ungarn gründlichst zu unterwandern (Stichwort: Friedenspriester).

    • Karl Pfeifer, ich bin überzeugt das jeder einzelne mehr oder weniger Dreck am Stecken hat. Egal welche Verfehlungen ans Tageslicht kommen würden, es würde sich auch in den Köpfen einprägen, dass jede verlogene Handlung irgendeinmal ans Licht kommt. Dazu könnte man sehr gut sehen, zu was ein Mensch im Stande ist und daraus lernen und Mechanismen einführen um eine Wiederholung zu erschweren. Wichtig dabei wäre, möglichst einige unabhängige Instanzen.

  9. Die Angelegenheit Stasi am Plattensee ist eine die von Historikern gründlich erforscht wurde und darüber wurde bereits vor dem Buch von György Dalos berichtet in Medien und Wissenschaft.
    PH erklären Sie uns doch, was Sie unter Insiderwissen charakterisieren, meinen Sie, dass G.Dalos von diesen Arbeiten wußte, oder dass er sein Insiderwissen als jemand erworben hat, der mit Stasi oder III/III zusammengearbeitet hat? Klarheit bei solchen Aussagen ist erwünscht.

  10. Kollege Kálnoky,

    Ihre Bemerkung über ungarische Kleriker, die sich rassistische (antisemitische) Bemerkungen erlauben, ist sehr zutreffend.
    Als ich mich Anfang der 80er Jahre mit katholischen Waffenverweigerern befassste, erzählten mir einige, die damals katholische Theologie studierten, dass die üblesten Spitzel im Unterricht antisemitische Bemerkungen machten.

    Die Arbeitsgruppe Fehér Hollók leistet eine hervorragende Arbeit bei der Erforschung des kommunistischen Spitzelwesens in den ungarischen Glaubensgemeinschaften. http://hollok.hu/
    Meines Wissens nach hat keine ungarische Glaubensgemeinschaft dafür gesorgt, dass alle Spitzelakten die sie betreffen publiziert werden.

    Ich musste zig Mal meine III/III Papiere reklamieren und habe bis heute nicht alles erhalten. Doch es läuft immer noch besser als in Österreich, wo ich vor vielen Jahren mich an die Polizei wandte und nur die Kopie eines Vermerks erhielt, dass ich versuchte einer ungarischen Staatsbürgerin zu helfen, das österr. Einreisevisum zu erhalten.

    echinops: Natürlich haben Sie Recht. Das wäre wünschenswert. Doch so wie es jetzt ausschaut, schätze ich wird sich Fidesz wirklich hüten alles für die Forschung freizugeben. Das war früher unter MSZP, SZDSZ und MDF nicht anders. Ich denke auch in Ungarn hat man zuviel Schmutz unter den Teppich gekehrt und es könnte nur wohltun, würde man das alles aufarbeiten und zwar ehrlich und nicht als Teil eines politischen Hickhacks.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s