László Kövér im Interview: „Wir können den Präsidenten nicht vom Mars einfliegen“

„Wir können den neuen Präsidenten doch nicht vom Mars einfliegen“ – so lautet die Reaktion des Parlamentspräsidenten László Kövér auf Spekulationen und Forderungen der Opposition rund um neuen Kandidaten für das höchste Staatsamt. Kövér, der selbst als möglicher Aspirant gehandelt wird, äußert sich im Interview mit der Tageszeitung Magyar Hírlap:

„László Kövér zerbricht sich nicht den Kopf, ob er geeignet für das Amt des Staatspräsidenten sei, und meint, János Áder wäre ein ausgezeichnetes Staatsoberhaupt. Der Politiker sagte unserer Zeitung, dass die eigene Werteordnung, die eigenen politischen Ziele, nicht die Diktate der Opposition darüber entscheiden würden, welche Kandidaten ausgewählt würden.

– „Es gibt geeignetere Personen für das Amt des Staatspräsidenten” – das sagten Sie im Zusammenhang mit der Kandidatensuche. Warum halten Sie sich selbst nicht für geeignet?
– Ich habe keine so schlechte Meinung von mir, um mich für ungeeignet zu halten, dieses – rechtlich gesehen nicht besonders starke – Amt  auszufüllen. Ich glaube nur, es gibt, nach Abwägung aller Punkte, Bessere für diesen Posten. So lange die Reihe derer vor mir nicht leer ist, will ich mir über meine Eignung nicht den Kopf zerbrechen. Ich will nicht den Eindruck erwecken, eine noch gar nicht ausgesprochene Aufforderung ablehnen oder annehmen zu wollen.

– Es gab noch keine Aufforderung? Die Presse berichtet von Ihnen als aussichtsreichsten Kandidaten.
– Die Ereignisse von Montag haben dazu geführt, dass man über einen neuen Kandidaten nachdenkt. Die Situation ist jedoch anders als im Jahr 2010, als wir Pál Schmitt nominierten. Die damalige politische Situation unterscheidet sich von der heutigen. Wir suchen also keinen „Pál Schmitt 2.0“, sondern eine Person, die in der jetzigen Lage die beste Wahl wäre. Ich glaube, dass wir uns bei dieser Entscheidung nicht von der Opposition beeinflussen lassen sollten. Unsere Wertordnung, unsere politischen Ziele entscheiden darüber, wen wir zum Kandidaten ernennen. Wie ich schon sagte, ist das Amt ein eher symbolisches, bedeutet also keine tatsächliche politische Macht. Die laufenden Konflikte betreffen somit in erster Linie gar nicht die Person oder die Bedeutung des Amtes. Das wesentliche, worum es geht, ist die Frage, wie man die Angriffe auf die Person des Präsidenten am besten mit solchen auf diejenige Partei verbinden kann, welche den Präsidenten unterstützt; das kam in der Causa Schmitt mehr als deutlich zum Ausdruck.

– Halten Sie János Áder für einen geeigneten Kandidaten?
– Ich bin nicht unbefangen, wenn es um ihn geht. Er ist ein Freund, und ich kenne ihn sehr lange. Aus diesem Grund traue ich mich nicht, zu sagen, dass er ein ausgezeichneter Präsident wäre. Er hat am Runden Tisch der Opposition (Anm.: HV zu Zeiten der Wende) gesessen und an den Verhandlungen teilgenommen, hat sich bei der Verfassungsgebung eingebracht, nun arbeitet er im EU-Parlament. Diese Erfahrungen prädestinieren ihn für das Amt.

– Aber macht ihn nicht seine Fidesz-Laufbahn zur idealen Zielscheibe der Opposition?
– Wir dürfen nicht den Fehler machen, den Diktaten der Opposition zu folgen, die sich übrigens – wie deren Interessen – fortlaufend ändern. Die Erwartung an die Person des Staatspräsidenten ist, dass er die Einheit der Nation verkörpern kann. Árpád Göncz, der im Zeitpunkt seiner Nominierung Geschäftsführer des SZDSZ gewesen ist, war ebenso geeignet wie das MSZP-Mitglied Katalin Szili, die seinerzeit, im Jahr 2005, Parlamentspräsidentin war und zur Kandidatin gemacht wurde (Anm. HV: Sie unterlag gegen László Sólyom). Jetzt, wo wir einen Kandidaten suchen, sprechen sie natürlich wieder von „Parteisoldaten“. Bislang hatte jeder Präsident irgendwelche Parteiverbindungen. Ich könnte es auch so ausdrücken: Wir können ja keinen Präsidenten vom Mars einfliegen.
– Können wir damit rechnen, dass mehrere Kandidaten zur Wahl stehen werden?
– So, wie ich unseren Parteivorsitzenden kenne, ist er keiner, der nicht entscheiden könnte, wer derjenige sein soll, den er am 16. April der Fidesz-Parlamentsfraktion vorschlägt.“

http://www.magyarhirlap.hu/belfold/a_marsrol_nem_hozhatunk_elnokot.html?utm_source=mandiner&utm_medium=link&utm_campaign=mandiner_201204

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35 Kommentare zu “László Kövér im Interview: „Wir können den Präsidenten nicht vom Mars einfliegen“

  1. „So, wie ich unseren Parteivorsitzenden kenne, ist er keiner, der nicht entscheiden könnte, wer derjenige sein soll, den er am 16. April der Fidesz-Parlamentsfraktion vorschlägt.”“

    Wenn das nicht Kövér sondern ein Linker das gesagt hätte, dann wäre ein Sturm der Entrüstung ausgebrochen, man hätte protestiert, dass doch Fidesz keine Führerpartei sondern eine demokratisch strukturierte sei.

  2. Herr Pfeifer, da Sie hier den Begriff „Führerpartei“ verwenden, möchte ich darauf hinweisen dass Kövér darüber spricht, dass Orbán sich wohl entscheiden kann, wen er der Fraktion als Präsidentschaftskandidaten vorschlagen wird. Ich glaube, dass es in anderen Ländern auch nicht unüblich ist, dass ein Parteivorsitzender in so einer Lage einen Kandidaten vorschlägt. Daher bin ich über den Begriff „Führerpartei“ in diesem Zusammenhang erstaunt, insbesondere deshalb, weil der Begriff historisch sehr belastet ist.

  3. Halász János, Natürlich wird in demokratischen Parteien der Vorsitzende Vorschläge machen können, aber entscheiden tut da eine Körperschaft. Das wird der Form nach auch bei Fidesz der Fall sein, aber in Wirklichkeit so wie schon László Kövér hier sehr treffend meinte entscheidet Orbán.

    Es gibt eine Menge Wörter die historisch belastet sind, die wir aber nicht aus der deutschen Sprache herausnehmen können, nur weil die Nazi diese Wörter auch gebraucht bzw. mißbraucht haben. Worauf es ankommt Herr Halász ist der Kontext und ich habe mit keinem Wort Orbán oder Fidesz in die Nähe der NSDAP gerückt.

    Allerdings habe ich schon konkret auf Gemeinsamkeiten zwischen Fidesz und Jobbik aufmerksam gemacht. und dazu liefert mir leider Fidesz genug Gelegenheiten. Jobbik ist meiner Meinung nach eine neonazistische oder neofaschistische Partei. Wovon man sich erst unlängst (am 3. April) im ungarischen Parlament überzeugen konnte, als ein Jobbik Abgeordneter die Ritualmordbeschuldigung gegen Juden wieder einmal erhob. Und er zitierte den Pfeilkreuzler L. Marschalkó. Auf ungarisch sagt man az alma nem esik mesze a fától.

    • Nachdem Sie so gerne die vermeintliche Seelenverwandtschaft zwischen Fidesz und Jobbik betonen: Betonen Sie doch auch, dass die ungarische Regierung die schändlichen und hirnverbrannten Aussagen von Zsolt Baráth verurteilt hat.

      http://www.hirado.hu/Hirek/2012/04/04/22/Uszitasnak_tartjak_es_elitelik_a_jobbikos_kepviselo_szavait.aspx

      Die Einigkeit der übrigen Parteien im Bezug auf die Verurteilung der Aussage Baráths wurde nur durch eine Gruppierung gestört: Die „Demokratische Koalition“. Die verstieg sich zu der Aussage, in das Regime Orbáns passe sogar der Vorwurf des Ritualmordes. Was ist das nur für ein politischer Stil?

    • Herr Pfeifer, zweifelsohne ist Orbán ein starker Parteivorsitzender und es ist nicht zu erwarten, dass sein Kandidat für den Staatspräsidenten von der Partei nicht angenommen wird. Ich konnte mich nicht erinnern, den Begriff „Führerpartei” hier in Deutschland in Verbindung mit einer demokratischen Partei gehört zu haben. Eine kurze Internetrecherche hat mich eines Besseren belehrt. Böswillige Zungen haben bereits die CSU unter Franz Josef Strauß, die SPD unter Schröder oder die Grünen unter Joschka Fischer Führerpartei genannt. Damit ist Fidesz unter Orbán in bester Gesellschaft. Da Sie zu den schärfsten Kritikern der ungarischen Regierung gehören, muss ich einsehen, dass die Verwendung des Begriffs Ihrerseits eine gewisse Logik hat.

      Und trotzdem: ihr Satz „Allerdings habe ich schon konkret auf Gemeinsamkeiten zwischen Fidesz und Jobbik aufmerksam gemacht“ bestätigt mich in meinem spontanen Anfangsverdacht. Der Begriff „Führerpartei“ hat hier die Funktion, Fidesz ein bisschen braun zu färben…

  4. HV Die ungarische Regierung hat zwei Tage gebraucht.
    Fakt ist, dass Herr Parlamentsvizepräsident Lezsák (Fidesz) von dieser schändlichen Rede vorher Bescheid wußte. Es war ein abgekartetes Spiel, dass man dies tun ließ unter dem Vorsitz von Herr B. von Jobbik. Und man hat den Herrn Staatssekretär Fónagy dazu bestimmt, dort etwas zu sagen.
    Doch bei solch einer Aussage wie die des Herrn Baráth hätte ich erwartet, dass die Antwort auch im Parlament gegeben wird und nicht in einer Presseaussendung an MTI. Wenn das nicht geschieht, weil man ja nicht verzichten will mit Jobbik zu kungeln.

    Das ist ein politischer Stil, nach Innen einen Zsolt Bayer antisemitisch hetzen zu lassen, Jobbiks Vorschläge (Trianon Gedenken und Entfernung der Karolyi Statue z.B.) durchzuführen, um sich dann nach aussen auf eine Presseerklärung und auf den Herrn Fónagy zu berufen, der ausdrücklich sagte, er wisse nicht ob er im Namen der Regierung spreche.
    Die Kritik von DK ist in diesem Fall voll berechtigt. In diesem Parlament wurden schändliche Rassengesetze beschlossen und wenn eine antisemitische Rede mit Berufung auf einen Pfeilkreuzler geschwungen wurde, dann erwartet man sich eine energische Antwort. Braucht Fidesz Jobbik denn man kann ja nie wissen wie die nächsten Wahlen ausgehen, oder dass mit dieser Passivität Fidesz hofft doch die von ihr zu Jobbik abgewandten Wähler wieder zurückzugewinnen?

    • Bei Ihnen wird immer das eine Ergebnis herauskommen: Selbst wenn sich Fidesz auf den Kopf stellen würde, so würden Sie der Partei anlasten, dass sie nicht mit den Ohren wackelt. Wenn sich Ihre Thesen so besser verkaufen lassen, bitte. Zustimmen muss ich Ihnen trotzdem nicht.

      Halten wir doch einmal fest, was János Fónagy im Namen der Regierung als unmittelbare Antwort auf die unsägliche Rede des Jobbik-Abgeordneten gab:

      „Vielen Dank, Herr Präsident. Ich weiß nicht, ob ich im Namen der Regierung oder im eigenen Namen sprechen soll, aber ich glaube, dass sich Jobbik mit dem, was in den vergangenen 10 Minuten hier gesagt wurde, genau dorthin bewegt hat, wo viele sie vermuten. Die Erwähnung des Ritualmordes von Tiszaeszlár reißt Jahrunderte alte Wunden auf. Sie, die so etwas sagen, und diejenigen, die so etwas beklatschen, müssen mit dem Urteil der ungarischen Gesellschaft und der ganzen Welt rechnen. Und wundern Sie sich nicht, wenn das Land und die Welt so über sie urteilen, wie es der vernünftigere Teil der ungarischen Gesellschaft seinerzeit tat. Es tut mir leid, dass ich so etwas sagen muss, und ich bedaure, was in den letzten zehn Minuten hier gesagt wurde.“

      Wie kommen Sie auf die Idee zu behaupten, die Regierung habe „zwei Tage gebraucht“ und es sei „ein abgekartetes Spiel“ gewesen? Hat Ihre Phantasie keine Grenzen, oder sind Sie gar Anhänger von Verschwörungstheorien, obwohl sie diesen Personenkreis sonst immer anderswo vermuten? Die Krone setzen Sie dem ganzen noch mit ihrer Wortverdreherei auf, indem Sie schreiben, Herr Fónagy habe „ausdrücklich gesagt, er wisse nicht, ob er im Namen der Regierung spreche“. Eine wirklich gewagte Auslegung, wenn man sich die Antwort Fónagys im Kontext ansieht.

      Sogar die Israel Times schreibt: „Barath’s speech was immediately condemned in the legislature by Janos Fonagy of the governing Fidesz party, who said “mentioning the blood libel case of Tiszaeszlar tears open centuries-old wounds.”

      Fazit: Das anwesende Regierungsmitglied gab eine verurteilende Antwort. Später kam noch eine offizielle Verurteilung der Regierung dazu. Spätestens jetzt weiß ich, dass es Ihnen aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen unmöglich scheint, auch nur einmal das Rundum-Verurteilen sein zu lassen. Schade.

  5. HV Sie sagen etwas was so nicht stimmt. Herr Fónagy fragte explizit ob er diese Antwort im Namen der Regierung gibt oder nicht.
    Wenn also Herr Fónagy nicht wußte, ob er diese Rede im Namen der Regierung gibt oder nicht. Dann gehe ich davon aus, dass er keinen klaren Auftrag hatte. Wichtig war dem Ausland zu zeigen, wir lassen so etwas nicht unbeantwortet. Im Inland aber zeigt Fidesz damit, liebe Jobbik wir sind ja mit Euch in so vielen Sachen einig, wir haben Eure Initiativen Trianon Gedenktag und Entfernung der Karolyi Statue durchgeführt, wir betrachten Euch als potentielle Koalitionspartner und den Wählern von Jobbik: wir können ja nicht alles stillschweigend hinnehmen, aber wir haben ja einen Zsolt Bayer, der zwar nicht so weit in der Geschichte zurückgeht wie der Jobbik-Neonazi, nur bis Orgovány, wo die Sondereinheiten von Horthy ein schreckliches Pogrom veranstalteten.
    HV Israel Times hat eine Kurzmeldung von Associated Press übernommen, die schon zur Weißwaschung von Fidesz dient.

    • Ihren Versuch, krampfhaft aus diesem Vorgang Honig saugen zu wollen, kann ich nur mit Kopfschütteln quittieren. Nehmen Sie an, Sie wären Fónagy gewesen und hätten den Müll der Jobbik angehört…hätten Sie dann, um Karl Pfeifer aus Wien zufrieden zu stellen, vor Ihrer Antwort einen „klaren Auftrag“ der Regierung eingeholt? Und so lange die Sitzung unterbrechen lassen? Wäre das Thema selbst nicht so traurig und bedrückend, so müsste ich jetzt lachen.

    • Herr Pfeifer, ich habe mir gerade die Aufzeichnung von Fónagys Antwort auf parlament.hu angeschaut. Fónagy hat das Wort in seiner Eigenschaft als Vertreter der Regierung ergriffen. Wenn er seine Rede dann mit dem Satz „Ich weiß nicht, ob ich im Namen der Regierung oder im eigenen Namen sprechen soll“ beginnt, interpretiere ich es so, dass er seine persönliche Betroffenheit auch zum Ausdruck bringen will. Diese Interpretation wird auch durch den Kontext bestätigt.

  6. „Ich glaube, dass wir uns bei dieser Entscheidung nicht von der Opposition beeinflussen lassen sollten.“

    und

    „Bislang hatte jeder Präsident irgendwelche Parteiverbindungen. Ich könnte es auch so ausdrücken: Wir können ja keinen Präsidenten vom Mars einfliegen.“

    Nicht „beeinflussen lassen sollten“, aber zumindest theoretisch könnten. Ich will an dieser Stelle einmal mehr einwerfen, dass Ungarn und seine politische Kultur sich auf einen Schlag ein gutes Stück ins Positive entwickeln könnte, wenn einmal die stärkere Kraft einen unkonventionellen Weg ginge und tatsächlich einen in irgendeiner Form parteiübergreifenden Kandidaten ins Spiel brächte.

    Alternatives Gedankenspiel: wäre doch spannend was für Reaktionen auf allen Seiten es gäbe, wenn ein in vielerlei Hinsicht brauchbarer Kandidat vorgeschlagen würde, sagen wir beispielsweise von der LMP, der eher aufgrund seiner Herkunft eher als apolitisch oder zumindest schwerlich greifbar, in ein gängiges Raster „steckbar“ wäre.

    und schließlich

    „Die Erwartung an die Person des Staatspräsidenten ist, dass er die Einheit der Nation verkörpern kann.“
    …so dass man sich im Kern widerspricht, wenn man sich bei der Wahl nicht von der Opposition beeinflussen lassen möchte, an anderer Stelle gar von deren „Diktat“ spricht.

    Es sei denn, im Hintergund steht argumentativ nach wie vor die Überzeugung, dass durch die letzte Wahl die überwiegende Mehrheit des ungarischen Volkes sich hinter Fidesz gestellt hat und dadurch auch quasi ein Alleinentscheidungsanspruch/ bzw. ein Wählerauftrag entstanden ist. So wird es jeder Politiker, so lange die Legislaturperiode es hergibt, (fast immer) behaupten.

    Andererseits: wenn es doch nur um ein „symbolisches“ Amt handelt, warum sollte dann nicht doch – Anschluss an den obigen Gedanken – einmal ein symbolischer Akt vollzogen und eine Persönlichkeit gesucht und gefunden werden in einem offeneren Prozess, der die Chance quasi automatisch erhöhen würde, wirklich jemanden zu finden, der der größte gemeinsame Nenner ist, sprich für mehr Ungarn nicht nur eine akzeptable, sondern auch eine respektable, einende Persönlichkeit von entsprechendem Format darstellt.

    Träumerei, ich weiß. Mir geht es nur einmal darum, eine Chance aufzuzeigen, aus einer Position der vermutlich einzigartigen historischen Stärke heraus, wahre Größe zu zeigen und dabei ggf. Mauern nachhaltige zu durchbrechen. Träumerei, ich weiß.

  7. HV wenn Sie schon solche Hypothesen in den Raum stellen, dann war es ja wirklich kein Zufall, dass außer den Jobbik abgeordneten (und auch derjenige, der bei dieser Sitzung den Vorsitz führte gehört dazu) lediglich János Fónagy sich im Raum befand. Denn eine solche Rede muß vorher dem Vorsitzenden oder in diesem Fall dem stellvertretenden Vorsitzenden (Sándor Lezsák) angezeigt werden. Und Baráth hat das den Statuten entsprechend getan und seine Rede wurde auch mit „130 Jahre Tiszaeszlár“ angekündigt.
    HV es geht weder um meine Befindlichkeit noch darum mich zufriedenzustellen.
    Denn als die antisemitischen Abgeordneten während der achziger Jahre des 19 Jahrhunderts im ungarischen Parlament solche Sprüche machten, hat die Mehrheit der ungarischen Abgeordneten dies heftig abgelehnt. Lajos Kossuth, der damals noch lebte, hat aus dem Exil auch dazu eine klare Stellungnahme abgegeben. Wie Baráth beklagen konnte wurde 1937 der Dichter J. Erdélyi wegen seines hetzerischen Gedichts zu zwei Wochen Arrest verurteilt.
    Allein nach der deutschen Besatzung 1944 konnten solche Töne unwidersprochen im Budapester Parlament erklingen, weil ja demokratische Abgeordnete in KZs verbracht wurden oder sich versteckt halten mußten.
    Bereits Endre Ady hat klare Worte gefunden gegen die Ritualmordlegende.

    HV können Sie mir noch ein Land in der EU nennen, wo solch eine Rede im Parlament gehalten werden kann?

    • Herr Pfeifer, ich kann Ihnen spontan kein Land nennen, in dem ich schon eine solche Rede gehört habe. Ich kenne aber weder die Reden der SNS in der Slowakei, der Front National in Frankreich, der NPD in den deutschen Länderparlamenten oder extremer Rechter in Polen oder anderswo im Detail. Leider führe ich kein – in diesem Moment sinnvolles – Antisemitismus-Dossier, wie Sie es möglicher Weise zur Verfügung haben. Mir ist allerdings ein Eklat im EU-Parlament erinnerlich, als Jean Marie Le Pen sich dazu verstieg zu behaupten, die Gaskammern seien „ein Detail der Geschichte des 2. Weltkrieges“. Und mit Verlaub, die Ansprachen Haiders und Straches waren doch auch nicht ohne?

      Tatsache ist, dass keine noch so üble Rede anderswo das, was Baráth gesagt hat, rechtfertigen könnte.

  8. Also noch einmal, Balczo fragt Fónagy als Vertreter der Regierung zu sprechen, worauf Fónagy sagt er wisse nicht ob er als Vertreter der Regierung spricht. Wer halbwegs Ungarisch versteht, kann dies selbst feststellen.
    Le Pen wurde von einem Gericht in Frankrech wegen dieser Aussage rechtskräftig veurteilt.
    HV Sie haben aus Israel Times eine Associated Press Kurzmeldung zitiert. Hier aus einer längeren Meldung aus der gleichen Zeitung: „In a protest letter Wednesday to the parliamentary leadership, the senior leaders of Hungary’s umbrella Jewish organization, Mazshisz, called Barath’s speech “straight from the dark Middle Ages” and demanded that government authorities “immediately take such legislative and other steps” to prevent and penalize such speeches.

    Warning against the “growing threat” of mounting anti-Semitism, they said the Hungarian parliament must not allow lawmakers to hide behind their parliamentary immunity in order to make “openly racist, anti-Semitic remarks.”

    The right-wing government parties and their leaders, they said, had the direct responsibility to ensure that such openly anti-Semitic manifestations were not tolerated.“

    Ich habe bereits in „Le Monde“ einen Artikel über das Thema gelesen und kann mir vorstellen, dass auch andere Medien darüber berichten werden. Auf ATV hat der Rechtsanwalt György Magyar vorgeschlagen, solche Provokationen wie die von Baráth zu ignorieren. Das halte ich für vollkommen falsch. Wenn es auch keine rechtliche Mittel gibt, sollte da das Parlament eindeutig zeigen, dass solche Reden nicht geduldet werden.

    Hier in Österreich wurde auch ein solcher Kult (Judenstein in Tirol) betrieben, doch der katholische Bischof Reinhold Stecher (der nicht mehr amtiert) hat diesen Kult 1988 – mit Rückendeckung aus dem Vatikan – verboten. Dass einige ewig gestrige Antisemiten noch hinpilgern kann die Kirche nicht verhindern. Doch Würdenträger der Kirche sind nicht darunter. D.h. die katholische Kirche in Österreich signalisierte damit nicht zum ersten Mal ihren Standpunkt ganz klar.

  9. Es hätte mich wirklich gewundert, wenn heuer zum Osterfest keine Attacke geritten würde. Wieviele V-Männer von Szilvásy waren eigentlich an der Gründung von Jobbik beteiligt? 1989 wurde ja auch nichts dem Zufall überlassen! Jobbik und die paramilitärischen PR-Truppen sind sozusagen die Fettnäpfchen, in die man das Orbán-Regime jedesmal vor Ostern tappen lässt, um die Glut zu erhalten.

    • „Wieviele V-Männer von Szilvásy waren eigentlich an der Gründung von Jobbik beteiligt?“

      Ich kenne die Antwort leider nicht, wäre aber sehr interessiert, sie zu erfahren. Im Hinblick darauf, dass das Parteiverbotsverfahren gegen die deutsche NPD im ersten Anlauf daran scheiterte, dass die Partei von V-Leuten durchsetzt war, gilt auch hier (wie in der Politik insgesamt): Es ist alles möglich. Aber auch das Gegenteil von allem.

      Wir jugendlich Unbedarfte, die im Westen aufwachsen durften, (zumeist) unbehelligt von Spitzeln (höchstens, wie meine Familie, mit Einreiseverboten belegt…), können uns vielleicht nicht vorstellen, zu welcher Boshaftigkeit, zu welcher Schweinerei die alten Seilschaften in der Lage sind. Ich erinnere mich z.B. an eine „Terrorwarnung“ kurz vor einer Fidesz-Großveranstaltung (während der Ära Gyurcsány); nicht nur einer meiner Budapester Freunde sagte seinerzeit, dass diese Meldung einzig dazu dienen sollte, die Veranstaltung zu verhindern – man sprach offen von „Geheimdienstmethoden“. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht werden die kommenden Jahre/Jahrzehnte aber Aufklärung bringen. Und den einen oder anderen, der heute von Verschwörungstheorien spricht, rot werden lassen.

      Beim Namen Szilvásy – einer Figur, der seit der Wende immer irgendwie mitspielte, von Antall bis Gyurcsány/Bajnai – halte ich grundsätzlich alles für möglich.

  10. Laut P.H. ist Jobbik Kreatur des ungarischen Geheimdienstes und ä.m. Fakt ist aber dass Herr Vona seine politische Karriere an der Uni und in den bürgerlichen Kreisen begann, wohin er von V.O. eingeladen wurde. Da gibt es auch ein schönes Foto.

    Meine Herren, wenn also Jobbik eine Kreatur des Geheimdienstes oder der Linken sein soll, dann verstehe ich es nicht, warum es dem ungarischen Ministerpräsidenten so schwer fällt, sich von diesen Jobbik-Neonazi zu distanzieren.
    Zumal ja jetzt schon Herr Lipták (USA) ihn darum gebeten hat.
    http://nol.hu/kulfold/amerikaban_is_hir_lett_a_jobbikos_uszitas
    Und den wird wohl niemand beschuldigen können, im Auftrag einer linken oder jüdischen Weltverschwörung zu handeln.

  11. PS Damit ich nicht beschuldigt werde, mich an einer linken, liberalen oder anderen Weltverschwörung gegen Ungarn zu beteiligen, will ich hier klar stellen, dass ich prinzipiell der Meinung bin und diese auch oft ausgedrückt habe, dass Jean Paul Sartre Recht hatte: „Der Antisemitismus fällt nicht in die Kategorie von Gedanken, die das Recht auf freie Meinungsäußerung schützt“.

    Das ist auch der Grund warum ich nach der Verurteilung des britischen „Historikers“ David Irving in Wien, ein Essay in London publizierte und die diesbezügliche österreichischen Gesetzgebung befürwortete.
    Freilich wäre es besser, wenn die Gesellschaft dazu in der Lage wäre. Aber in Ungarn wo laut einer 2012 durchgeführten Meinungsumfrage 63% der befragten Personen an antisemitischen Vorurteilen hängen, ist das jetzt nicht möglich.
    http://www.adl.org/PresRele/ASInt_13/6266_13.htm

    Ich habe bereits vor Jahrzehnten gegen die dogmatische liberale Auffassung geschrieben, dass die ungarische Gesellschaft dafür sorgen wird, solche „Anschauungen“ zurückzudrängen. Erst unlängst diskutierte ich darüber in Élet és Irodalom. Solange man Jobbik als eine normale Partei betrachtet, wird dies nicht möglich sein und bei dieser Gelegenheit darf man auch LMP nicht vergessen, wo es Politiker gibt die mit Jobbik Leuten kungeln.

    HV Interessant, dass Sie sich ausgerechnet auf Zitate einer israelischen Zeitung kaprizieren und nicht den Wortlaut Fónagy berücksichtigen. Welche Prügel bekam ich, weil ich die FAZ zitierte. quod licet…

    • „HV Interessant, dass Sie sich ausgerechnet auf Zitate einer israelischen Zeitung kaprizieren und nicht den Wortlaut Fónagy berücksichtigen. Welche Prügel bekam ich, weil ich die FAZ zitierte. quod licet…“

      Netter Versuch, aber leider nicht sehr treffsicher. Ich finde es ebenfalls interessant, dass eine israelische Tageszeitung, der man den Vorwurf antisemitischer/verharmlosender Umtriebe nicht machen kann, ausdrücklich die Verurteilung durch Fónagy betont. Aber selbst aus diesem morschen Holz wollen Sie was zimmern; nicht wundern, wenn Ihnen der Dachstuhl zusammenfällt.

      In der Sache schließe ich mich Halász János an.

      All das hat übrigens nicht das Geringste damit zu tun, dass Sie vor einiger Zeit ein nachweisliches Falschzitat der FAZ in die Welt weitergetragen und seine Wirkung durch demonstrative moralische Empörung verstärkt haben. Wenn Sie diese Debatte erneut eröffnen möchten, geben Sie einfach Bescheid. Von meiner Seite: Sehr gerne. Der entscheidende Unterschied zwischen FAZ/Pfeifer und Israel Times/HV ist: Ich trage kein Falschzitat weiter. Fónagy hat Baráth kritisiert und aus.

    • “Der Antisemitismus fällt nicht in die Kategorie von Gedanken, die das Recht auf freie Meinungsäußerung schützt”.

      Wirklich gefährlich wird es immer dann, wenn Grundrechte politisch instrumentalisiert werden.

      Die Menschenlebenvernichtungsorgien, die im Zeichen nationalsozialistischer Rassenhygiene stattfanden, begannen nicht mit der Auslöschung jüdischen Lebens. Mein Vater berichtete, wie er als Kind auf seinem Weg zur Schule Zeuge der Räumung des Oberlin-Hauses wurde.

      Es muss schrecklich gewesen sein. Die Leute auf der Straße sollen Beifall geklatscht haben.

      Der verengte Blick auf Antisemitismus und Judenvernichtung lässt sich erklären, reicht aber längst nicht aus, wenn es um die Probleme geht, die in unserer Zeit zu lösen wären.

      http://www.meinungsverbrechen.de/?tag=babelsberg

  12. hungarianvoice
    danke. Ich habe das bereits gesehen. Mit G. Magyar bin ich nicht einverstanden. Ohne eine prinzipielle Diskussion über dogmatischen Liberalismus – den ich immer schon abgelehnt habe – zu eröffnen:
    Nicht alles was in einem Land nicht verboten wird durch Gesetze, ist gut für die Gesellschaft.
    Und ich glaube, nicht Sie und auch nicht die Poster (ausgenommen vielleicht P.H), finden solche Reden wie die von Barath im Parlament als eine die gut für Ungarn, gut für die ungarische Gesellschaft ist. Wir diskutieren hier und äußern verschiedene Meinungen, sind aber hoffentlich einig, dass solche Haßprediger nicht die Meinung der Mehrheit der Ungarn vertreten.
    Man kann natürlich hinter allem eine Verschwörung der Linken und der „fremdherzigen“ sehen, wie es ein sehr rechts stehender katholischer Priester tut::
    http://mandiner.hu/cikk/20120404_osztie_zoltan_helyzetertekeles_a_schmitt_ugyrol
    In Österreich kann jetzt ein aktiver katholischer Priester nicht solchen Unsinn verzapfen ohne von seinem Vorgesetzten gemaßregelt zu werden. Dieser
    Dr. Z.O. geht soweit und sieht Anarchisten hinter der Entscheidung der Semmelweis Uni dem Herrn P. Schmitt den Titel zu entziehen. Er hat in einem MIEP gegebenen Interview sich darüber beklagt, dass sich kein namhafter katholischer Intellektueller in seinem Verein befindet.

    • Ich spreche für mich: Diese Rede war unterste Schublade. Über so etwas muss man in der Gesellschaft diskutieren (will sagen: Um es zu ächten!). Nur ändert das nichts daran, dass György Magyar bei der Bewertung der aktuellen Rechtslage richtig liegt. Das sind, wie Sie bei ATV richtig sagten, die Auswüchse des „Meinungsfreiheit über alles“ – Prinzips. Von dem ich nichts halte. Ich glaube übrigens, wäre nicht der Jobbik-Vizepräsident Balczó oben gesessen (sondern Kövér oder ein anderer), wäre Baráth sofort das Wort entzogen worden.

      Denen, die so einen Schwachsinn glauben, wie ihn Baráth von sich gab, kann man nur gute Besserung wünschen. Ich zitiere aus „A napfény íze“: „Antisemitismus ist die Krankheit neidischer und missgünstiger Menschen.“ Und ich füge hinzu: Eine Krankheit, die sich in wirtschaftlich schwieriger Lage allzu leicht ausbreitet, weil viele für Ihre Lage einen Sündenbock brauchen. Ich befürchte, das wird immer so bleiben und ist nicht auf Juden beschränkt. Mal sind es die Farbigen, mal die Zigeuner, oder eben auch die Türken. Man muss eben versuchen, den Anteil derer mit Vorurteilen gering zu halten.

    • Zielten Sie mit Ihrem in Klammern gesetzten Hinweis, „(ausgenommen vielleicht P.H.)“ auf mich, Peter Herche?

      Wenn ja, dann erlauben ich mir, Sie daran zu erinnern, dass ich an anderer Stelle bereits zugegeben habe, dass mich Ihre Unterstellung, ich sei Antisemit, verletzt.

      Ich bin davon überzeugt, dass Provokationen insbesondere vor dem Osterfest, wie die von Zsolt Baráth 2012 oder die Ereignisse von Gyöngyöspata im Jahr 2011, kein Zufall sind.

      Solche Provokationen sind eine Herausforderung für die ungarische Demokratie. Mit ihnen sollen unbedachte Handlungen veranlasst werden. Und tatsächlich tappen einige ungarische Politiker auch in jedes Fettnäpfchen, das ihnen aufgestellt wird.

      Denn es fehlt manchen an der Professionalität, die Sie, Herr Pfeifer schon des öfteren bewiesen haben, wenn es Ihnen darum ging, ihre vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner in ein schiefes Licht zu rücken.

  13. Peter Herche, Ihre Stellungnahme freut mich. Ich suche keinen ad personam Streit und diskutiere nur mit weil ich am Thema interessiert bin.
    HV war gezwungen einen ad personam Text von Ihnen zu kürzen und Sie haben es einige Mal auf Beleidigung angelegt und wie man in den Wald hereinruft, so kommt das Echo. Man kann ja auch anderer Meinung sein, ohne ad personam Verdächtigungen, Unterstellungen zu äußern. Einen Dialog kann man nur führen, wenn man die Partner respektiert.
    Danke auch für das Kompliment, das ich nicht verdient habe, denn hier bin ich ein privater Mensch, der seine Gedanken schnell hinschreibt und da rutschen manche Fehler hinein. Professionelles Schreiben schaut natürlich ganz anders aus.
    HV Es war gar nicht einfach für mich, meine Gedanken auf Ungarisch zu äußern. Ich denke, dass es wichtig war, klar zum Ausdruck zu bringen, was für eine Partei Jobbik ist und dass ich nicht der Advokat von SZDSZ oder MSZP bin und es auch nie war. Oft genug musste ich das richtige ungarische Wort suchen.
    Antisemitismus: Abgesehen von der Moral, ist diese Art im Parlament zu sprechen in erster Linie schädlich für Ungarn. Und diese Rede wurde nicht ad-hoc gehalten. D.h. Sándor Lezsák wurde vorher informiert, so schreibt es das Statut for. Tatsache ist auch, dass Jobbik diese Rede auf ihrer Homepage propagiert, d.h. sie können sich nicht darauf ausreden, dass Baráth da seine Privatmeinung äußerte.

    http://jobbik.hu/rovatok/frakci%C3%B3/solymosi_eszter_eml%C3%A9k%C3%A9re_%E2%80%93_tiszaeszl%C3%A1r_130_%C3%A9ve%E2%80%A6

    Die Erfahrung zeigt, dass wenn Medien und Politiker den antisemitischen Diskurs einbremsen, dann dieser auch in der Bevölkerung zurückgeht. In Österreich z.B. ist er während der letzten drei Jahre zurückgegangen von 30 auf 28% während er in Ungarn im gleichen Zeitraum von 47 auf 63% gestiegen ist. http://www.adl.org/PresRele/ASInt_13/6266_13.htm
    Der geistreiche nichtjüdische österreichische Schriftsteller Hermann Bahr meinte: „Wenn es keine Juden gäbe, müßten die Antisemiten sie erfinden. Sie wären sonst um allen Genuß der kräftigen Erregung gebracht.“ Im Unterschied zur Fremdenfeindlichkeit, die den Fremden als reale Erfahrung voraussetzt, kommt der Antisemitismus ganz ohne Juden aus. Ich habe da manches in den Komitaten gehört, wo es vielleicht ein-zwei jüdische Familien noch gibt, was dies bestätigt.
    Dass nach Auschwitz-Birkenau der Antisemitismus nicht aufgehört hat zu existieren, sondern, ganz im Gegenteil, der Genozid an den Juden zur unerschöpflichen Quelle eines neuen Antisemitismus geworden ist, ist eine der schlimmsten Perversionen unserer Zeit.
    Für mich gibt es nur ein einziges Motiv, mich damit zu beschäftigen: mich dagegen zu stellen.

    • „mich dagegen zu stellen“

      Lieber Herr Pfeifer, sie sind bei diesem Anliegen nicht allein.

      Für mich war das Osterfest ein Fest der Offenbarung: weniger des Glaubens, sondern mehr des Vertrauens und der urchristlichen Werte!

      Wenn ich erfahren, dass Menschen in Ungarn sich nicht trauen – im Klima der derzeitigen Politik – zuzugeben, dass sie jüdische Vorfahren haben, dann ist das für mich eine Verpflichtung aktiv zu werden und Stellung zu beziehen, auch wenn man dafür als „Linker“ und „Liberaler“ verdächtigt oder gar offen beschimpft wird!

      Wer wissend schweigt, macht sich mitschuldig!

      • Ich sollte um der Deutlichkeit willen ergänzen:

        „Wenn ich von meinen Freunden erfahren, dass Menschen in Ungarn sich nicht trauen zuzugeben, dass sie jüdische Vorfahren haben, dann …“

    • @ Karl Pfeifer

      Um es kurz zu machen, picke ich mir nur einen einzigen Satz von Ihnen aus dem Text raus:

      „Sie haben es einige Mal auf Beleidigung angelegt und wie man in den Wald hereinruft, so kommt das Echo.“

      Zwei Aussagen, die an sich richtig sind. Allerdings ist der ganze Satz faktisch falsch.

      Tatsache ist, dass Sie mich in diesem Forum im Januar 2011 zuerst persönlich angegriffen haben. Es ging um ein eher literaturgeschichtliches Thema, zu dem Sie zwar eine pointierte und gefestigte Meinung äußerten, von dem Sie aber absolut keine Ahnung zu haben schienen. Ich habe damals Ihre unsachlichen und falschen Behauptungen in Frage gestellt und auch ehrlich und beinahe sachlich argumentiert. Sie watschten mich als „Oberlehrer“ im Sinne von Besserwisser ab. Da ich Anno dunnemals unter anderem auch ein Staatsexamen als Lehrer für die ungarische Sprache und Literatur abgelegt habe und Autoritäten wie die Professoren István Fried oder László Szörényi, aber auch Imre Bata, dessen Steckenpferd das Thema „népi írók“ war, mein Wissen mit der Note sehr gut bewerteten, machte ich mir so meinen Reim auf Ihre Ausfälligkeit. Ich musste nicht lange auf den Satz, der Mann hat keine Ahnung aber Schaum vor dem Mund, warten, der, wie ich inzwischen weiß, zu einer Art Begrüßungsritual für die Wagehälse geworden ist, die in dieses Forum mit einer „fremden“ Meinung hineinplatzen!

      Sehr geehrter Herr Pfeifer, wer Sie persönlich angreift, attackiert die Persona gratissima unter den selbst ernannten Hungarologen auf Hungarian Voice. Um diesen Spaß genießen zu können, mache ich mich gerne auch mal selbst lächerlich.

      Aber bitte rücken Sie mich nicht in das Zwielicht, ich sei Antisemit. Ich bin Jahrgang 1955. Ich kann wirklich nichts für das, was mehr als zehn Jahre vor meiner Geburt in Europa geschah.

      Mein Leben beginnt mit der Erinnerung an jenen Tag, an dem mein Vater von Volks- und Bereitschaftspolizisten abgeholt wurde. Das war am 2. Weihnachtsfeiertag 1958. Meine Mutter ging mit ihrem fünften Kind schwanger.
      Ich will das Leid Ihrer Familie nicht gegen das Leid meiner Vorfahren aufwiegen.

      Sie haben immer meine Sympathie, solange Sie sich gegen Judenhass wehren.

      Aber wenn Sie Blödsinn über Ungarn verzapfen, dann werde ich Sie auch in Zukunft persönlich angreifen, zumindest werde ich versuchen, Sie zu „piszkálni“.

      Wer immer gleich Antisemitismus behauptet, läuft Gefahr, sich gelegentlich auch zu irren.
      Ich selbst kann damit leben. Projektionsfläche für den Hass anderer zu sein. In der DDR sahen manche in mir den Klassenfeind, in Ungarn wurde ich von noch Einfältigeren sogar mit dem Hitler-Gruß geehrt (Sarkasmus!) und als ich mir in Deutschland das Geld für das Studium verdiente, hieß es in den Pausen, mich hätte doch sicher die Stasi geschickt.

      Um es festzuhalten: Ich war niemals in der SS, SA oder NSDAP oder in irgendwelchen nationalsozialistischen Unterorganisationen. Nicht einmal als 17-jähriger!

      Und ich bin auch nicht vorbestraft. Über mich wurde nur einmal im Namen des (ungarischen) Volkes gerichtet. Weil ich mich als Lehrer geweigert hatte, die Schüler zu melden, die regelmäßig den Gottesdienst im „vörös templom“, in der Roten Kirche von Balatonfüred besuchten. Das Arbeitsgericht Veszprém, vor dem ich gegen die Strafe klagte, änderte die „szigorú megrovás“ in „megrovás“ um. Das Gericht befand im Jahr 1987 (!): „annak a társadalmi veszélyéssége, hogy Herche Péter középiskolai tanár nem jelentette diákjainak nevét, nem olyan mértékű, hogy ez megindokolná a szigorú megrovást“

      Ich bekenne, dass ich den Antisemitismus, wie er mir in Ungarn – ABER AUCH IN DEUTSCHLAND – immer wieder begegnet ist, für eine in jeder Hinsicht große Gefahr im Zusammenleben der Menschen halte.

      Und der Oberlehrer in mir sagt: Nicht jedes Schwein, das im Wald grunzt, ist ein vadkan, ein wilder Eber.

      Ne bántsd a magyart!

      (Wenn Sie mir sagen können, worauf das anspielt, revidiere ich mein Urteil über Sie, nämlich dass Sie von Ungarn echt keine Ahnung haben.)

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