Freitag: Zähneknirschender Kommentar zu János Áder

Die Zeitschrift „Der Freitag“ kommentiert die Wahl des Juristen János Áder zum Staatspräsidenten Ungarns:

http://www.freitag.de/politik/1219-der-parteisoldat-wird-es-schwer-haben

Áder scheint im Grunde in einer guten Position zu sein: Blickt man in den europäischen Mainstream-Blätterwald, scheinen die Erwartungen an ihn so niedrig, dass er eigentlich nur gewinnen kann. Beiträge wie der oben genannte zeigen zugleich, dass man nicht recht weiß, was man schreiben soll: In der Überschrift wird vom „Parteisoldaten„, vom „Fidesz-Politiker von Orbáns Gnaden“ gesprochen, weiter unten wird dann aber konstatiert, dass Áder „nicht wirklich Orbáns Kandidat“ gewesen sei. Interessantes Detail: Zum wiederholten Male fehlt im einem Beitrag über den „Parteisoldaten“ Áder übrigens die Tatsache, dass er von 1998-2002 das Amt des ungarischen Parlamentspräsidenten innehatte – und dieses auch entsprechend würdig ausübte. Der Freitag schreibt darüber hinweg:

Ader gehört zum Kern von Ministerpräsident Viktor Orbans Partei Fidesz, für die er auch als Abgeordneter ins erste freie ungarische Parlament einzog. Zwischen 1990 und 1998 koordinierte er als Wahlkampfchef erfolgreiche Kampagnen, die jungen Demokraten – wie sie damals hießen und die es damals wirklich waren – durften 1998 das erste Mal eine Regierung gründen.  Ab 2002 war Ader Fraktionschef, seit 2009 Politiker im Europäischen Parlament.“

Mir selbst sind keine Skandale aus der Zeit seiner Parlamentspräsidentschaft bekannt, anderen offenbar auch nicht, sonst hätten wir längst darüber lesen dürfen (in Ermangelung aktueller Reizthemen wird zur Zeit ja selbst Herr Grespik aus der Mottenkiste geholt). Fest steht: Während in jedem anderen Land ein Politiker, der das Amt des Parlamentspräsidenten würdig ausübte, sich wohl quasi von selbst für das höchste Staatsamt qualifizieren würde, ist Ungarn so „anders“, dass man bei entsprechenden Personen sogar den Lebenslauf kürzen muss.

 

 

3 Kommentare zu “Freitag: Zähneknirschender Kommentar zu János Áder

  1. Die Tatsache, dass seine Zeit als Parlamentspräsident nicht erwähnt wird ist in der Tat merkwürdig. Allerdings halte ich den restlichen Artikel für mehr als ausgewogen und mit Abstand den besten, der in den letzten Wochen über Áder in der deutschsprachigen Presse publiziert wurde.

  2. Der Artikel stammt von einer Dame mit dem schönen ungarischen Namen (oder Pseudonym?) Ágnes Szabo. Die kennt sich vermutlich aus, was man von vielen deutschen Journalisten, die auch mal eben über Ungarn schreiben, nicht sagen kann. Allerdings will ich nicht in die Kerbe schlagen, dass nur Ungarnfachleute über Ungarn reden oder schreiben dürfen. Nicht alles zu wissen, ist kein Ausschlusskriterium für die Teilnahme an öffentlichen Debatten. Gerade wenn man wenig weiß, soll man jedoch nicht immer alles glauben.

    Allerdings kann man auch einfach nicht alles wissen und muss vieles eher glauben – so kompliziert ist die Welt. Womit wir bei der Vertrauensfrage sind. Im Grunde genießt diese Regierung im Ausland zu wenig Vertrauen, weil sie sich vielleicht zu wenig darum bemüht hat. Aber sie ist ja schon zögerlich dabei, mehr direkten Kontakt herzustellen. Man liest jetzt sogar gelegentlich Interviews mit ungarischen Regierungsvertretern in der deutschen Presse. Bleibt zu hoffen, dass Áder auch mal eins gibt.

  3. ich würde diesen kommentar nicht als zaehneknirschend apostrophieren. er wiederspiegelt ganz einfach die allgemeine (tolerantere)linksliberale meinung.

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