Ein aktuelles Psychogramm: Der Zustand des gesellschaftlichen Dialogs in Ungarn

Schon lange herrscht Einigkeit darüber, dass das Niveau des gesellschaftlichen Dialogs in Ungarn auf dem Tiefpunkt angelangt ist. Man spricht nicht mit-, sondern übereinander. „Die da“ (ezek) ist ein beliebter Anfang von Aussagen über den politischen Gegner – der in Ungarn ein „Feind“ ist.

Diese traurige Entwicklung dauert bereits seit der Wende an, die beiden großen politischen Lager finden jedoch – denklogisch – unterschiedliche Ursachen und Schuldige für den status quo. Der neu gewählte Staatspräsident János Áder hat daher zu Recht mit Nachdruck auf das Erfordernis des gesellschaftlichen Ausgleichs zwischen den Lagern hingewiesen.

Ich bin in den vergangenen Tagen auf zwei ganz unterschiedliche Sendungen aufmerksam geworden, die belegen, wie Recht Áder hat. Weil sie die Verbitterung, Verletztheit und die Unversöhnlichkeit beider Seiten der Gesellschaft – „rechts und links“ – dokumentiert.

1. In der Sendung „Korrektúra“ vom 11.05.2012 auf dem rechtsnationalen Sender EchoTV (Gastgeber: Zsolt Bayer) wird die Forderung Áders ausführlich behandelt. Die Diskussion belegt den Unwillen oder die Unfähigkeit von Teilen des rechten Lagers zum Dialog: Bayer, der regelmäßig durch antisemitische Ausfälle und verbale Angriffe gegenüber dem politischen Gegner auffällt und in den vergangenen beiden Jahren zur Hassfigur der Linken, der Liberalen und der Westpresse geworden ist, schließt es für die derzeitige Generation aus, dass es zur Versöhnung kommen kann. Mit „denen“ könne man nicht gemeinsame Sache machen, die Wunden sei zu groß. Man könnte sagen, dass von Bayer (der geflissentlich übersieht, dass er selbst einer ist, der andere fortwährend verletzt und provoziert) nichts anderes als Unversöhnlichkeit zu erwarten sei…

http://www.echotv.hu/videotar.html?mm_id=76&v_id=13633

2. Die hierzulande wenig beachtete Tatsache, dass es eben nicht nur Menschen vom Schlage und von der politischen Richtung Bayers sind, die für die gesellschaftliche Spaltung mitverantwortlich zeichnen und diese durch ihre Schriften und Worte weiter vertiefen, lieferte dann allerdings am 14.05.2012 die Sendung „Civil a pályán“ im Fernsehsender ATV: Auch hier wird – im ersten Teil der Diskussion (Zähler läuft rückwärts, ab ca. 20:00 min) auf den Zustand der Gesellschaft eingegangen. Der Gast Rudolf Ungváry, ein scharfer Kritiker der ungarischen Rechten und der Regierung Orbán, betont – vergleichbar mit Bayer – seine fehlende Bereitschaft, mit der „anderen Seite“ in Dialog zu treten. Er spaltet die Gesellschaft in einer für einen Intellektuellen unwürdigen simplifizierenden Art in die „Euro-Atlantiker“ und Fidesz-Anhänger. Entweder-oder, gut und böse, richtig und falsch. Er (Ungváry) bekennt, er sei persönlich sehr verletzt und aufgebracht, dass ihn die Gesellschaft derart im Stich gelassen und ausgeschlossen habe (gemeint sind die Wähler des Fidesz). Und natürlich sind, wenn man Ungváry Glauben schenkt, Intellektuelle unter den Rechten kaum vorhanden – sonst wären sie wohl nicht rechts…

Bemerkenswerte Ähnlichkeiten in der Grundeinstellung, nicht wahr? Und das, obwohl es unfair wäre, Rudolf Ungváry mit Zsolt Bayer auf eine Stufe zu stellen. Es geht auch nicht um die beiden zitierten Personen, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Problem: Die fehlende Dialogbereitschaft, die von beiden Lagern ausgeht und von den Bayers und Ungvárys fleißig geschürt wird. Alles vor dem Hintergrund eines Alleinvertretungsanspruchs für das einzig Wahre, den jede Seite für sich reklamiert. Ablehnung und Verachtung gegenüber dem Gegner und die völlig fehlende Fähigkeit, sich in „die da“ hinein zu versetzen.

Die Frage, wer mit den Beleidigungen und Verletzungen angefangen hat, ist kaum mehr zu beantworten. Je nach politischem Standpunkt fallen die Antworten komplett gegensätzlich aus. Es zählt nur die eigene Meinung, nur die eigenen Opfer…

Beide verlinkten Beiträge empfehle ich. Sie sind traurige Zeitdokumente und belegen, wie schwer der Appell Áders nach einem gesellschaftlichen Ausgleich in die Tat umzusetzen sein wird. Gleichwohl ist es nötiger denn je: Den Willen, den jeweiligen politischen „Feind“ (die MSZP-Politikerin Ildikó Lendvai brachte diesen Freud´schen Versprecher schon in den 90er Jahren im Staatsfernsehen…) zu vernichten, kann eine Demokratie auf Dauer nicht verkraften. Man sollte allerdings weder auf die Bayers noch auf die Ungvárys zählen. Und besser auch nicht auf diejenigen, die sich – trotz fehlender Kenntnis der ungarischen Zustände – unkritisch auf eine von beiden Seiten schlagen.