Und noch eine Statue: Altkommunisten enthüllen Büste von János Kádár

Der „Kádár-Freundeskreis“ (Kádár baráti kör) hat am 26.05.2012, aus Anlass des 100. Geburtstages von János Kádár 1912-1989), dem Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP), eine Büste des Politikers auf dem Friedhof an der Fiume-Straße in Budapest enthüllt.

Der sich offen zum Kommunismus bekennende Schriftsteller György Moldova, der vor einigen Jahrzehnten den Begriff der „Zigeunerkriminalität“ in den öffentlichen Diskurs hineintrug, bezeichnete Kádár als „proletarischen Heiligen“ und rühmte die Zeiten vor 1989, als es für „jedermann Arbeit, ein Dach über dem Kopf und einen Platz in der Gesellschaft“ gegeben habe.

Moldova führte nach dem Singen der „Internationale“ unter Applaus der Anwesenden – unter Ihnen mehrere ranghohe frühere Funktionäre des Parteistaats wie z.B. der ehemalige Innenminister Béla Biszku, der für die Hinrichtung der Aufständischen nach dem Volksaufstand von 1956 verantwortlich zeichnet – aus, das heutige Ungarn sei des Gedenkens an Kádár unwürdig und habe jede Art von Elend und Herabwürdigung verdient. Moldova verglich Kádár mit dem Staatsgründer Stephan I. (dem Heiligen), König Mátyás und dem Revolutionsführer von 1848-49, Lajos Kossuth. Die vierzig Jahre vor dem Zusammenbruch des Kommunismus seien die besten in der Geschichte Ungarns gewesen.

Die Veranstaltung wurde „stimmungsmäßig“ untermalt von der Rede Kádárs vom 1. Mai 1957 (Amtszeit 1956-1989), als er forderte, „dem Verrat die Stirn zu bieten und die Konterrevolution zu vernichten“.

Hier die Rede in weiteren Auszügen (via Youtube):

Dieser „Vernichtung“ fielen zahlreiche Teilnehmer des Ungarischen Volksaufstands von 1956, unter ihnen auch der seinerzeitige Ministerpräsident Imre Nagy (hingerichtet 1958) und der militärische Anführer, Oberst Pál Maléter, zum Opfer.  In der Amtszeit Kádárs wurden mehr als 350 Todesurteile an ehemaligen Aufständischen und politischen Führern des Volksaufstands vollstreckt.

Attila Moravcsik, Vorsitzender des Kádár-Freundeskreises, beurteilt die Historie hingegen anders: Für ihn leiden diejenigen, die Kádár für einen Verbrecher halten, an „kollektiver Amnesie“. Arbeitslosigkeit habe es in den 40 Jahren vor 1989 nicht gegeben (Moravcsik zählt also auch die stalinistische Phase unter Mátyás Rákosi ab 1947 zur glorreichen Phase…), diejenigen, die Kádár beschuldigten, hätten das Land „ausverkauft“ und mit „zehntausenden von Obdachlosen beschenkt“. Bereits an früheren Veranstaltungen der Nostalgiker hatte Moravcsik die Aufständischen von 1956 als „faschistisches Pack“ und „Konterrevolutionäre“ bezeichnet.

Stimmungsbilder von der Veranstaltung (Fotostrecke von index.hu):

http://index.hu/belfold/2012/05/26/biszku_bela_is_felavatta_kadar_szobrat/#gallery_2962208|2962242

Kádár wird im Westen mit dem „vergleichsweise milden Gulaschkommunismus“ in Verbindung gebracht. Dass er als Parteichef persönlich die Mitverantwortung für die blutige Restauration nach dem 1956-er Volksaufstand, für Schauprozesse und hunderte vollstreckter Todesurteile trug, ist im Westen hingegen kaum bekannt. Ebenso wenig bekannt ist, dass der Außenminister der Wendezeit und spätere ungarische Ministerpräsident (1994-98), Gyula Horn, der nach der Wende mit dem Karlspreis zu Aachen ausgezeichnet wurde und nach dem in Deutschland Straßen benannt wurden, selbst als Mitglied der sog. „Steppjackenbrigade“ (pufajkások) an der Ermordung von Revolutionären in Budapest mitgewirkt hatte. Eine historische Tatsache, für die Horn nie auch nur ein Wort des Bedauerns gefunden hat. Die Nichte Horns, die Parlamentsabgeordnete Szófia Havas (MSZP), hatte den Aufstand noch 2007  als „Gegenrevolution“ verurteilt und war hierfür vom Kádár-Freundeskreis gelobt worden.

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20 Kommentare zu “Und noch eine Statue: Altkommunisten enthüllen Büste von János Kádár

  1. Es scheint, dass Hegels Satz von der Geschichte, die zuerst eine Tragödie ist und dann als Farce zurückkehrt (aus der Erinnerung zitiert) auch in Ungarn zutrifft, die einen kehren zu Horthy, die anderen zu Kádár zurück, dabei schrecken beide – die nicht gleich große Lager vertreten – nicht zurück die Geschichte umzuschreiben. Moldovas Spruch über den „Proletárheiligen“ bezieht sich wahrscheinlich auf den bescheidenen Lebensstil Kádárs und nicht darauf, dass er doch mehr Ungarn – darunter auch nicht wenige Proletarier – hat hinrichten lassen als Rákosi. (Ironie)
    Versuche das Rad der Geschichte zurückzudrehen führen in die Isolation.
    Wer sich das Video über die Enthüllung der Kádár-Büste angeschaut hat, wird feststellen, dass die meisten Kádár-Nostalgiker ältere Herrschaften sind. Die MSZMP ist seit 1990 nicht ins ungarische Parlament gekommen und daher nicht gemeingefährlich. Über die grassierende Horthy- Nyirö- Wass-Nostalgie hat Bálint Ablonczy (Mitarbeiter von Heti Válasz) einen interessanten Artikikel geschrieben.
    http://mandiner.hu/trackback/36864

    • Der Link hat bei mir nicht funktioniert, Herr Pfeifer: Meinen Sie diesen Beitrag?
      http://mandiner.blog.hu/2012/05/24/a_bezarkozas_veszelyeirol_mi_a_jobb_xix

      Und weil Sie Ablonczy erwähnen: Kommende Woche wird ein bereits auf ungarisch veröffentlicher Interviewband zur Ungarischen Verfassung vorgestellt (deutscher Titel: Gespräche über die ungarische Verfassung). Ablonczy im Gespräch mit den Fidesz-Politikern József Szájer (EU-Parlament) und Gergely Gulyás (Ung. Parlament). Ich werde das Buch zeitnah vorstellen.

      Vom Klappentext:

      „Der Autor dieses Buches ist weder der Meinung, dass das neue Grundgesetz in Ungarn die schlechtesten, noch dass es die besten Umstände schaffen wird – wie es die schärfsten Kritiker und konsequentesten Befürworter formulieren. Allerdings ist er der Ansicht, dass es sich lohnt, sich mit dem Text auf Grund seiner Relevanz auseinanderzusetzen. Tatsache ist, dass das neue Grundgesetz das öffentlich-rechtliche System, das von der Verfassung von 1989 ausgebaut wurde, praktisch unberührt lässt, an einigen Stellen sogar stabilisiert. Trotz der Beständigkeit hatte das mehr als zwanzig Jahre alte Dokument einige Mängel. Hier denke ich nicht nur an symbolische Elemente. Das, was am meisten schmerzte, war zweifellos der Umstand, dass trotz der grundsätzlichen Änderung des Textes die Bezeichnung „Gesetz Nr. XX. von 1949“ beibehalten wurde, obwohl dies die Bezeichnung der stalinistischen Rechtsvorschrift war, die Ungarn von der sowjetischen Besatzung aufgezwungen wurde.

      Bálint Ablonczy“

      • HV ja, um diesen Artikel handelt es sich, den ich für durchaus lesenswert achte. Das URL, denn ich habe noch unter der von mir angegebenen URL den Artikel gefunden.
        Bin neugierig auf Ihre Rezension.

      • @HV
        Ach der arme Ablonczy, kaum erwähnt ihn Herr Pfeifer ist er en vogue , erwähnen sie ihn ist er der letzte Abschaum.;-)

      • Ein sehr kluger Beitrag, dank an Herrn Pfeifer und HV. Herr Pfeifer sind Sie denn einverstanden mit Abslonczys Wertung von Wass und Nyirö? (also unter anderem dass man Wass nicht als Kriegsverbrecher bezeichnen kann und dass beide eine Behandlung im Unterricht rechtfertigen) Es widerspricht ja eigentlich ihrer hier geäußerten Auffassung.

        Aber zur Sache: Es stimmt in der Psychologie und in der Poitik, dass Menschen in Krisensituationen in regressive Muster verfallen (wie einst wohl auch Wass und Nyirö). Es ist gewiss auch ein Merkmal der Fidesz-Rethorik.

        Mich interessiert, ob das immer schlecht sein muss. Als Reaktionsmuster ist es ja wohl evolutionär entstanden, also mag es eine Funktion erfüllen. Wie Flucht im Angesicht der Gefahr.

        Ein Unternehmen, das sich mit innovativen Ideen verrennt, besinnt sich mitunter zurück auf sein Kerngeschäft, wenn der Bankrott droht. Die regressive katholische Inquisiton war eine Reaktion auf den drohenden Zerfall der Kirche durch Korruption und Werteverfall. Ein stratgischer Erfolg – die Institution Kirche überlebte. Der heutige Islamismus im Nahen Osten ist eine regressive Reaktion auf den Niedergang der muslimsichen Welt gegenübr dem westlichen Materialismus: Zurück zu den wahren Werten. In der Türkei ist daraus eine phänomenale, und modernisierende Erfolgsgeschichte geworden.

        Wann wird der regressive Reflex, den Ablonczy aufzeigt, selbstzerstörerisch, wann trägt er zur Stabilisierung eines vom Zerfall bedrohten Gemeinwesens bei?

    • „Versuche das Rad der Geschichte zurückzudrehen führen in die Isolation.“

      „Das Rad der Geschichte zurückdrehen“

      Das »Rad der Zeit« oder das »Rad der Geschichte« sind seit dem 18.Jahrhundert im Deutschen gebräuchliche Bilder für den Wechsel durch die Zeitläufte und den Fortgang der geschichtlichen Entwicklung. Eine daran angelehnte Formulierung ist möglicherweise durch das »Kommunistische Manifest« (1848) von Karl Marx und Friedrich Engels bekannt und gebräuchlich geworden. Dort heißt es im Abschnitt I (»Bourgeois und Proletarier«): »Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.« Wenn heute gesagt wird, dass das Rad der Geschichte sich nicht zurückdrehen lässt, so drückt man damit aus, dass historische Entwicklungen nicht rückgängig gemacht werden können.

      (Quelle: Brockhaus)

    • Lieber Herr Pfeifer,

      Hegel ist richtig, falsch ist nur dass er gesagt hätte, Geschichte wiederhole sich. Sie wiederholt sich, sagt er, nicht. Mithin: Ruhet in Frieden, Faschismus und Nazismus. (Keine Ursache also, Herr Pfeifer, diese dauernd zu bemühen.)

      • Und sie wiederholt sich doch!

        Wer schon hat Hegel, Wass, Heller oder Nyírő gelesen?

        Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. Die sieben Söhne sprachen: „Vater, erzähl uns eine Geschichte.“ Da fing der Vater an: ‚Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. Die sieben Söhne sprachen: ‚Vater, erzähl uns eine Geschichte.‘ Da fing der Vater an: ‚Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. Die sieben Söhne sprachen: ‚Vater, erzähl uns eine Geschichte.‘ Da fing der Vater an: ‚Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. Die sieben Söhne sprachen: ‚Vater, erzähl uns eine Geschichte.‘ Da fing der Vater an: ‚Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. Die sieben Söhne sprachen: ‚Vater, erzähl uns eine Geschichte.‘ Da fing der Vater an: ‚Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Töchter. Die sieben Töchter sprachen: ‚Mutter, erzähl uns eine Geschichte.‘ Da fing die Mutter an: ‚Es war einmal eine Frau, …

        Und wenn sie ihre Zeit nur mit Geschichtenerzählen totgeschlagen hätten, würde sich heute nicht die ewige Geschichte von Kain und Abel wiederholen.

        Denn Geschichte wiederholt sich doch!

        “Az etnikai nemzettudatot, ha kulturálisan vagy politikailag erősítjük, akkor abból előbb vagy utóbb nyílt erőszak lesz.”

        /Wenn wir das ethnische Nationalbewusstsein kulturell oder politisch stärken, wird dies früher oder später in offene Gewalt umschlagen.
        (Zitat Magdolna Marsovszky)/

    • Eine gute Frage. Ich denke, man hat durchaus mehr zu bieten. Es ist nur eine kaum bestreitbare Tatsache, dass ein nicht zu unterschätzender Teil der Gesellschaft an der jeweils für „glorreich“ erachteten Verangeheit haftet. Das ist bei den Horthy-Anhängern nicht anders als bei den Kádár-Fans. Beide Seiten suchen sich einige Dinge aus der jeweiligen „Ära“ (das Anführungszeichen ist bewusst gesetzt!) aus und blenden das, was schändlich ist, einfach aus. Selektive Geschichtswahrnehmung. Weder war Horthy ein Freund der Juden, noch war Kádár der milde politische Führer. An den Fingern beider klebt das Blut unschuldiger Menschen.

    • @Babel:

      Kommen Sie doch zu deutschen Begebenheiten zurück, sobald es mehr zu vermelden gibt als Hitler und Ulbricht.

      Ach es gibt schon mehr? Vielleicht dann auch in Ungarn.

  2. Dieser Statuenkrieg zeigt für mich erneut, dass das politische Denken in Ungarn mit Kategorien und Denkschablonen des 19. Jahrhunderts stattfindet. Damals hat ja die massenhafte Besetzung des öffentlichen Raumes mit Figuren eingesetzt, die zur nationalen Identitäts- und damit zur Nationsbildung beitragen sollten. Wass, Horthy und Nyirö: die neuen Kultfiguren der Rechten sind allesamt damals geboren, Kádár agierte ebenfalls im Namen einer Ideologie des 19. Jahrhunderts. Die gemeinsamen Aspekte und Berührungspunkte beider Extremen (Gleichmachung etc.) sind allseits bekannt.
    Die Frage, die sich nun stellt, ist: kann man mit Ideen, Ideologien und Versatzstücken aus dem 19. Jahrhundert Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geben?

  3. Zu hungarianvoice 28. Mai 2012 um 19:31
    Sicher haben etliche den Link nicht beachtet.Ich leider zu diesem Zeitpunkt auch nicht.
    Durch Zufall bin ich von anderer Seite her auf Dávid Turbucz aufmerksam geworden.Ja, ich habe dazu die Rezension auf der Seite von esbalogh gelesen.Wenn ich es richtig verstanden habe (ich gestehe mein englisch ist ziemlich mickrig), wird der Autor mal gleich ein wenig in die rechte Ecke gedrängt ?
    auch sein Mentor Romsics bekommt sein Fett weg (bekommt man einfach so ohne weiteres ein Szilárd Leó Stipendium? )
    Wie war das doch mit der Aufarbeitung der Geschichte?
    Dann sollte man den Versuchen dazu auch ein Chance geben.
    Ich werde mich allerdings lieber selber meine Meinung zu dem Buch bilden.

  4. *Moldova führte nach dem Singen der “Internationale” unter Applaus der Anwesenden – unter Ihnen mehrere ranghohe frühere Funktionäre des Parteistaats wie z.B. der ehemalige Innenminister Béla Biszku, der für die Hinrichtung der Aufständischen nach dem Volksaufstand von 1956 verantwortlich zeichnet*
    Wie ich gerad hörte, hat man Biszku Bélá auch verhaftet.
    Da bin ich nun mal auf das Echo in den deutschsprachigen Medien gespannt, in welche Richtung wird man tendieren?
    Das arme Opfer oder doch auch Täter?
    Nach wieviel Tagen wird er wieder auf freiem Fuss sein?
    Auf alle Fälle hat er erstmal die ihm zur Last gelegten Taten geleugnet.

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