Reinhard Olt kommentiert die feindseligen Reaktionen auf Aussagen Wolfgang Schüssels in Ungarn

Der FAZ-Korrespondent Reinhard Olt kommentiert den „Chor der Empörten“ über die Worte von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel zur Halbzeitbilanz der ungarischen Regierung:

http://derstandard.at/1338558466109/Reinhard-Olt-Schuessel-Orban-und-die-mediale-Reflexzonenmassage

 

 

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40 Kommentare zu “Reinhard Olt kommentiert die feindseligen Reaktionen auf Aussagen Wolfgang Schüssels in Ungarn

  1. Angenommen, Orbán gewinnt die nächsten Wahlen 2014, kann aber nicht allein regieren. MSZP und DK hasst er, sie hassen ihn. LMP hat er verprellt. Bliebe wahrscheinlich nur noch Jobbik als Juniorpartner. Angenommen also, Ungarn bekäme 2014 eine Fidesz-Jobbik-Koalition, sprich die Regierung, von der einige deutschsprachige Provinz-Journalisten glauben, sie sei schon heute im Amt. Wie sollten die EU-Institutionen dann reagieren? Die ratlos wirkende Ausgrenzung des Gespanns Schüssel-Haider im Ministerrat vor mehr als einem Jahrzehnt tut Olt als „EU-Sanktionitis“ ab. (Ich bin mit der FPÖ nicht wirklich vertraut, habe aber den Eindruck, dass die Jobbik noch einen Zacken schärfer ist als die FPÖ jemals war.) Wie also sollte sich die EU dann verhalten?

    • Die EU kann reagieren, wenn Rechtsverstöße vorliegen. Nicht mehr und nicht weniger.
      Das gilt jedenfalls so lange, wie ein Land wie Italien wegen der Regierungsbeteiligung von Lega Nord oder Allianza Nazionale (war in der Vergangenheit mehrfach der Fall) nicht abgestraft wird. Ich verlange nur, dass mit gleichem Maßstab gemessen wird.
      Ganz abgesehen von der grundsätzlichen Frage, wie man Parteien wie Jobbik bekämpft. Meiner Auffassung nach, indem man sie stellt, ihre antidemokratischen Ansichten und ihre leeren Versprechungen entlarvt. Ganz bestimmt nicht dadurch, dass man sie ausschließt und so tut, als wären sie nicht gewählt worden. So werden sie nur attraktiver. Gesehen seit der Europawahl 2009, Gábor Vona kann sich insoweit bei der westeuropäischen Presse für enorme Schützenhilfe bedanken.

      • HV, im ersten Teil gebe ich Ihnen Recht, im zweiten nicht. Die Vorstellung, dass Jobbik einst mitregieren könnte, ist eine gruselige. Aber deswegen im Rat oder durch die Kommission die Kooperation zu verweigern, ist rechtlich sicherlich nicht gedeckt. Anders liegt der Fall im EP, aber auch auf der Ebene der EVP. Ich hätte nicht nur Verständnis, sondern würde erwarten, dass eine Regierung mit Jobbik-Beteiligung zumindest dort auf breiter Grundlage kritisiert wird.

        Den Vergleich Ungarn / Italien oder Orbán / Berlusconi finde ich generell interessant. Noch ist es nicht so, dass sich Orbán Gesetze zu seinem ganz persönlichen Vorteil auf den Leib schneidert. Orbáns Nationalismus gefällt mir nicht, aber ich erkenne an, dass er einen moralischen Anspruch hat und das Land insgesamt voranbringen will. Das konnte man von Berlusconi nicht wirklich behaupten.

        Leider hat Ungarn keine Bundesländer. Bei uns in Deutschland erkennen die Menschen spätestens durch die Auftritte der Rechtsextremen in den Landtagen, dass die keine brauchbaren Rezepte haben. Glücklicherweise sind sich alle wichtigen Parteien in Deutschland (CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP und sogar die Linke) einig im Umgang mit den Feinden der Demokratie. Das soll man nicht unterschätzen. Würden die Rechtsextremen „normal“ behandelt, würden sie auch für mehr Menschen wählbar.

        Man sollte Ihren Satz abwandeln: Vona kann sich bei Orbán bedanken, weil der viele seiner Forderungen erfüllt, was Jobbik jetzt prima als eigene Erfolge verkaufen kann (Reform des Staatsangehörigkeitsrechts und den Trianontag bspw.). Wind wurde Jobbik damit bislang keineswegs aus den Segeln genommen. Das entscheidende Problem ist für mich die abgrundtiefe Feindschaft zwischen Fidesz und MSZP. Weil die so gar nicht miteinander können, kann und muss man überhaupt erst über mögliche künftige Fidesz-Jobbik-Koalitionen spekulieren.

      • „Ich hätte nicht nur Verständnis, sondern würde erwarten, dass eine Regierung mit Jobbik-Beteiligung zumindest dort auf breiter Grundlage kritisiert wird.“

        Man möge „kritisieren“, so viel man will. Möglichst sachlich. Das Spiel, dass man sich mit Ö in 2000 erlaubt hat, ging über „Kritik“ weit hinaus. Man hat gewählte Politiker, Repräsentanten ihres Landes, wie Aussätzige behandelt. Mit „Kritik“ hat das nichts zu tun.

        Dass Sie die LINKE als Partner bei der Bekämpfung der Feinde der Demokatie betrachten, finde ich übrigens interessant. Meines Erachtens ist das Demokratiebild der Linken nämlich selbst fragwürdig. Was weniger für den WASG-Teil als für die ehemalige PDS gilt.
        http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Linke#Beobachtung_durch_den_Verfassungsschutz

      • Ich will hier nicht zum großen Verteidiger der Linkspartei werden, die ich nicht wähle, wo ich doch schon immer Heller & Co. verteidigen muss, für die Ihre und HVs Maßstäbe für faire Beurteilung nicht zu gelten scheinen. Außerdem ist das ein Ungarn-, kein Deutschlandblog. Aber sicher haben Sie diesen Satz im Wikipedia-Eintrag gelesen: „Das Ausmaß der Beobachtung [durch den Verfassungsschutz] ist umstritten und wurde von Politikern von FDP, SPD, Grünen und der CDU kritisiert.“

        Bei den Linken gibt es bizarre Menschen wie Wagenknecht und ihre Kommunistische Plattform, aber auch ganz normale Realos wie Pau oder Gysi. Im Hinterkopf hatte ich die Vereinbarungen, die es im Sächsischen Landtag zum Umgang mit der NPD zwischen allen anderen Fraktionen gab (und hoffentlich noch gibt; ich habe das schon lange nicht mehr verfolgt). Übrigens: Beobachtet der ungarische Verfassungsschutz eigentlich die Aktivitäten von Jobbik? Wäre mal interessant zu wissen.

        Ich frage mich, ob es so verwerflich wäre, einen eventuellen Jobbik-Minister, dessen Partei Ritualmord-Legenden pflegt, uniformierte Schlägertruppen aufstellt, die Grenzen Ungarns in Frage stellt, EU-Fahnen verbrennt usw., bei entsprechenden Sitzungen zu „schneiden“.

      • „Ich will hier nicht zum großen Verteidiger der Linkspartei werden, die ich nicht wähle, wo ich doch schon immer Heller & Co. verteidigen muss, für die Ihre und HVs Maßstäbe für faire Beurteilung nicht zu gelten scheinen.“

        Aha, interessant. Was genau meinen Sie damit?

      • Zunächst ein Tippfehler: Ich meinte Sie, HV, und Herrn Kálnoky. Sie beide fordern ständig Gerechtigkeit für „Ungarn“, neigen aber dazu, die ungarischen Akteure, die Ihnen nicht passen, auszusondern. Gerechtigkeit wird in Wahrheit in erster Linie für Fidesz- und Fidesz-nahe Leute gefordert. Dabei müssten Sie eigentlich der Aussage zustimmen, dass jeder einen Anwalt verdient, wenn es darauf ankommt. (Wenngleich man Anwälte nicht dazu zwingen sollte, Mandate zu übernehmen, die sie aus Gewissensgründen ablehnen. Ich will Sie nicht moralisch „zwingen“, hier im Blog Biszku oder meinetwegen Rákosi moralisch zu verteidigen.) Auch gleiches Maß für alle und Quellenkritik fordern Sie ständig. Aber halten Sie sich auch selbst daran?

        Wenn Sie z.B. Frau Lendvais Rolle als Ex-KISZ-Funktionärin kritisieren und ihr deshalb noch 22 Jahre nach der Wende Unglaubwürdigkeit in Sachen Pressefreiheit vorwerfen, dann dürften Sie eigentlich auch kein positives Wort über den gegenwärtigen Außenminister verlieren. Ich denke, Sie stimmen durchaus mit mir darin überein, dass Herr Martonyi einer der besten Minister dieser Regierung ist. Dass er offenbar auch eine kommunistische, einige behaupten: eine geheimdienstliche Vergangenheit hatte, steht auf einem anderen Blatt, wirft Fragen auf, aber schmälert nicht seine Leistungen als Außenminister.

        Ist das Herauspicken einzelner, mit Vorliebe weiter zurückliegender Elemente aus Lebensläufen zwecks Diskreditierung in der Gegenwart zielführend? Ist es nicht vielmehr so, dass daran diese kleine ungarische Gesellschaft, wo fast jeder jeden kennt, ganz erheblich krankt? Hat Lázár nicht völlig über die Stränge geschlagen, als er András Schiffer wegen seines Groß- oder Urgroßvaters die Glaubwürdigkeit in Sachen Lustration absprach?

        Oder nehmen wir Frau Heller. Die Behauptung, sie habe ein gespaltenes Verhältnis zu 1956 wird — meine ich — von Ihnen und Herrn Kálnoky geteilt. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, konnten Sie aber nur einen fragwürdigen Magyar-Hirlap-Artikel als „Beleg“ nennen. Ich habe viele Argumente aufgelistet, warum ich das nicht gut finde: Diese Zeitung ist nicht seriös, das System von Kritik und Selbstkritik im Kommunismus, der wohl von Heller geäußerte Fälschungsverdacht. Hat Sie das nicht wenigstens ein bisschen nachdenklich gemacht? Fällt Ihnen nicht auf, wie bei Heller die 1956er Story mit der 2006er Story in diffamierender Absicht verwoben wird?

      • Lassen Sie Frau Heller mal gut sein, diese Debatte ist geführt und wir kommen auf keinen gemeinsamen Nenner: Ich habe zur Kenntnis genommen, dass Sie die Aussagen Hellers zu 2006 als (sinngemäß) „unglücklich“ bezeichnet haben und allerhand Erklärungen präsentierten, warum ihre unwahren Tatsachenbehauptungen irgendwie doch richtig oder gar vertretbar sein sollen. Akzeptieren Sie bitte, dass man auch einen anderen Standpunkt einnehmen kann. Und das hat rein gar nichts mit dem politischen Standpunkt zu tun. Wenn sich diese Einsicht in der politischen Klasse Ungarns herumspräche, wären alle ein Stück weiter.

        Ihre Rüge fehlender Ausgewogenheit trifft mich hart. Leider ist es mir trotz mittlerweile mehr als zwei Jahren nicht gelungen, die Qualität und Fairess eines Karl Pfeifer oder auch einer Magdalena Marsovszky aufzubringen. Ebenso wie es mir nicht stets gelingen mag, solchen Beiträgen, die „frei erfundene“ Behauptungen enthalten, etwas Positives abzugewinnen.

        Ihre Belehrungen werde ich mir daher sehr gerne zu Herzen nehmen.

      • „Leider hat Ungarn keine Bundesländer.“

        Sie sind so lustig, seine Weisheitssprüche!

        „Leider hat Ungarn keine Bundesländer.“

      • @Ungarnfreund apropos Fr Heller

        Ungarnfreund, das geht so nicht. Magyar Hirlap hat das Facsimile eines Briefes von Fr Heller veröffentlicht, und es ist unseriös, dieses Dokument nicht beachten zu wollen, weil es von MH veröffentlicht wurde. Da müssen Sie sich schon die Mühe einer Quellenanalyse machen. Da Ihnen das schwer fallen dürfte, halten Sie sich doch einfach an Fr Hellers eigene Stellungnahme dazu:

        Sie hat zugegeben, den Brief geschrieben zu haben, allerdings in einer kürzeren Version. Sie gibt auch zu, dem stalinistischen Regime nach dem 56er Aufstand in diesem Brief „Selbstkritik“ angeboten zu haben. Weshalb erhielt sie nochmal den Ossietsky-Preis? War da nicht was von furchtlosem Eintreten für Überzeugungen?

        Der Rest – in dem Freunde und Bekannte denunziert werden – also das habe ihr damaliger Mann einfach heimich dazugeschrieben, sagt sie. Kann sein, kann auch nicht sein, ich persönlich zweifle daran und HV auch. Warum? Dafür muss man wohl den ganzen Brief lesen und verstehen können.

      • Er will Sie nicht moralisch “zwingen”, hier im Blog Biszku oder seinetwegen Rákosi moralisch zu verteidigen.

        „Ein Mensch, der Gutes tut, formt dadurch seine Persönlichkeit. Und das gewohnte gute Tun stabilisiert sich als Haltung, eben als Tugend. – So etwas setzt voraus, dass Menschen frei sind in ihren Entscheidungen, dass sie über Gut und Böse selbst befinden können. Und dass sie, im Falle sie das Gute tun, belohnt zu werden verdienen. Und im Falle des Bösen bestraft gehören.“

        Das Problem ist nicht, wer sie verteidigt. Rákosi oder Biszkú oder Gysi oder Stolpe oder … wurden nämlich nie angeklagt.

        Wer sie zwanghaft verteidigen muss, verteidigt letztlich nur sich selbst.

        Er hat die Strafe verdient?

        Sie alle, Rákosi und Biszkú und Gauck und … haben sich an der Freiheit vergangen und deshalb Strafe verdient, ohne jede Verteidigung.

      • Nichts für ungut, HV. Ihre Blogger-Kollegin schreibt heute unter der Überschrift „A nation at war within“ über die scheinbare Unfähigkeit der Ungarn, einen vernünftigen Dialog mit Personen zu führen, die andere Meinungen vertreten:

        „Not only are politicians incapable of sitting down to discuss their differences; ordinary people can scream at each other at the slightest provocation. For some it is enough to see a person reading a newspaper not to their liking to become violent.“

        Warum sollte es uns hier besser ergehen? „Ungarn polarisiert“, unter dieser Überschrift sollte man mal eine Veranstaltung organisieren.

        Herr Kálnoky, ich folge einfach HVs Rat und lasse die causa Heller ruhen bis ich ihre Autobiografie gelesen habe, was ich mir vorgenommen habe, aber noch eine Weile dauern kann.

      • Ja, Ungarnfreund, umso wichtiger sind Menschen wie Marco Schicker und Sie, die den Ungarn mit mal mehr, mal weniger Impetus sagen, wie Demokratie auszusehen hat. Vielleicht nimmt sich Ungarn ja ein Beispiel an Deutschland und führt die Bundesländer ein? Ganz nach Geibels Motto… 🙂

        Mein Plädoyer ist seit mehr als 2 Jahren ein und dasselbe: Geben wir Ungarn die Zeit, die Deutschland nach 1945 gebraucht hat. Und messen wir endlich mit gleichen Maßstab und hören auf, deutsche Maßstäbe nach fast 70 Jahren Demokratie auf Ungarn unkritisch anzuwenden. Zusätzlich könnte es helfen, dem Rat von Andreas Oplatka zu folgen und nicht krampfhaft zu versuchen, die heutigen Kritiker der Regierung als Vertreter des einzig Wahren, Echten anzusehen und sie krampfhaft zu verteidigen. Das ist es meiner Meinung nach nämlich, was ebenfalls diese innenpolitische Auseinandersetzung in Ungarn verschärft.

        Eine persönliche Frage an Sie, Ungarnfreund: Saßen Sie schon mal mit einem echten Fidesz-Politiker (aus Fleisch und Blut) zusammen und haben ihn reden hören? Wenn nein, machen Sie sich von dem Gedanken frei, dass das, was Ihnen über die Presse zugetragen wird, zwingend der Wahrheit entsprechen muss.

      • Interessant, mit wem man hier alles verglichen wird, HV: Ich finde den Pester Lloyd einseitig, stellenweise sogar ziemlich gemein. Ebenfalls interessant ist, wie Herr Schicker sich hingegen zurückhält, wenn er Interviews für andere deutschsprachige Medien gibt. Den einen oder anderen Fidesz-Menschen habe ich durchaus schon getroffen. Es gibt solche und solche.

        Interessant ist außerdem, wie erst Herr Herche und dann Sie aus einem sachlichen Argument, deutsche Großmanns- und Belehrungssucht ableiten. Also noch mal abstrakt formuliert: In föderalistischen Staaten besteht die Chance, dass sich Rechtsextreme bereits auf Länder- oder Provinzebene wieder von der politischen Bühne verabschieden, nachdem sie dort ihre Vorstellung gegeben haben und beim Publikum durchgefallen sind. In Einheitsstaaten besteht das Risiko, dass man sich das Schmierenstück gleich auf nationaler Ebene antun muss, weil keine Zwischenebene existiert, wo sich die Radikalinskis austoben und todlaufen können.

        Vor dem Hintergrund dieser einfachen Erkenntnis will ich Ungarn nicht den Föderalismus aufschwatzen — dafür ist das Land zu klein und historisch anders geprägt –, sondern nur darauf aufmerksam machen, dass das Risiko, dass die Extremisten hier gleich auf nationaler Ebene eine Rolle spielen, einfach größer ist.

    • @ungarnfreund
      Sie haben sich entschlossen, A. Hellers Autobiographie zu lesen. Eine große Geste von Ihnen.
      Ich möchte Sie um etwas bitten: Lesen Sie auch Marx und Engels und Lenin und Stalin und Lukács. Sie wurde 1955 von Lukács promoviert und schließlich seine Assistentin. (Die Pfarrerstochter Angéla Merkel hat sich wegen ihres Doktorvaters immerhin scheiden lassen)
      Lesen Sie auch die Werke der Lukácsschüler, deren Gattin Heller der Reihe nach wurde.
      Und wenn Sie sich endlich schlau gemacht haben, dann reden Sie.
      Das ist meine Bitte.

      • Ok, besser an dieser Stelle, bitte oben streichen. Danke.

        Herr Herche, leider habe ich nicht die Zeit, anderer Leute Leben nachzuleben. Ich weiß nicht, warum Sie mir empfehlen, diese ganze ML-Literatur zu lesen. Ich kann mir auch so vorstellen, dass es quasi “systemimmanente Dissidenz” geben kann. Für mich ist nicht jeder bis ans Ende seines Lebens ein Schwerverbrecher oder “Kryptokommunist”, der mal mit marxistischen Ideen jongliert hat. Ich empfehle Ihnen einen Blick in die Autobiografie “Kraft des Gedankens” von János Kornai.

      • „Für mich ist nicht jeder bis ans Ende seines Lebens ein Schwerverbrecher oder “Kryptokommunist”, der mal mit marxistischen Ideen jongliert hat.“

        Wenn es denn beim Jonglieren mit Ideen geblieben wäre.
        György Dalos hat es gestern auf BR2 auf den Punkt gebracht:

        Sie fuhren (mit Reisepass) in den Westen, um das Image des „real-existierenden Sozialismus“ (das Wortungeheuere stammt nicht von mir) aufzupolieren. Damals, als den Jongleuren selbst die Ideen ausgingen und sie sich im verbotenen Westen dafür Geld pumpen mussten.

        Wie sagte es doch Dalos: PR!

        Dissidenz war die Imagepflege für die Westlinke.

    • Ungarnfreund schreibt: „In Einheitsstaaten besteht das Risiko, dass man sich das Schmierenstück gleich auf nationaler Ebene antun muss, weil keine Zwischenebene existiert, wo sich die Radikalinskis austoben und todlaufen können.“

      Ich frage mich, warum sagt er das eigentlich nicht gleich Napoleon?

      Und dass in seinem Föderalismus der in Bayern Vorbestrafte, der Gröfaz vom Freistaat BRAUNschweig am 25. Februar 1932 die deutsche Staatsangehörigkeit erhielt, beweist, dass Föderalismus auch Scheiße sein kann.

      Was hat er denn noch auf Lager an Disszidenz, um Ungarn zu retten?

      „Ihr Herz dem Vaterherzen, Prinz…!“

  2. Ungarnfreund: Die EU kann in dem Fall das tun, was sie bisher tat, naemlich Jobbik staerken, indem sie Ungarn von Brüssel aus „kolonial“ politisch zu lenken versucht.Oder aber Demokratie nicht nur predigen, sondern respektieren, und die Sache dem ungarischen Waehler überlassen. Schlimmstenfalls heisst das einige ungemütliche Jahre bis Jobbik sich als inkompetent entlarvt und wieder ins Abseits sinkt, oder aber sich reformiert.

    • Wer trägt in dieser vertrackten Situation eigentlich mehr Verantwortung? Die Regierung Orbán, die ihre Vorhaben offenbar nicht nur keiner gründlichen europarechtlichen Vorabkontrolle unterzieht, sondern zunehmend mit Anti-EU-Rhetorik die eigenen Defizite überdecken will? Oder die EU, die es als einheitlichen Block nur in der Vorstellungswelt ihrer Gegner gibt?

      Sie machen denselben Fehler wie Fidesz, wenn Sie im Zusammenhang mit Brüssel von „Kolonialismus“ reden. Sie spielen damit den Rechtsextremen von Jobbik in die Hände. Solche Gedanken sind einfach fehl am Platze. Wenn Sie es gern ohne Wertediskussion wollen: Wo wäre Ungarn denn ohne Europa? Folgten die Nettozahler dem neuen Motto von Orbán und Matolcsy („Europa der Nationen“), zappelte Ungarn doch längst wie ein Fisch auf dem Trockenen.

      • In welchem Land gibt es eine „gründliche europarechtliche Vorabkontrolle“? Als im EU-Recht tätiger Anwalt weiß ich um die Qualität dieser Vorabkontrolle in Deutschland: Fahrerlaubnisrecht EU-rechtswidrig (geschätze 15 Urteile gegen Deutschland in den letzten 10 Jahren), VW-Gesetz EU-rechtswidrig, Datenschutzecht EU-rechtswidrig. Ich denke, die Inkompetenz oder die ganz bewusste Tendenz, Rechtsverstöße zu begehen, gibt es in allen 27 Mitgliedstaaten. Ich streite mich mit deutschen Behörden herum, die selbst dann ihre Rechtsverstöße fortsetzen, wenn der EuGH längst entschieden hat. Auf Anweisung der Länder-Innenministerien.

      • Hä? Ich hatte kolonial in Anführungszeichen gesetzt. Es wird so wahrgenommen – und stärkt daher Jobbik. Das heißt nicht dass ich es so sehe. Ihre Kniereflexe scheinen immerhin verlässlich zu funktionieren.

        Solange die Brüsseler Regeln nicht gedehnt weren, um eine demokratisch gewählte Regierung daran zu hindern, ihr Programm umzusetzen, ist für mich alles in Ordnung. Eine zeitlang schien es, als wolle man in der EU diesen Weg der Demokratie-Aushöhlung begehen. Seit die EU – bzw eine kritische Masse ihrer Mitgliedstaaten – angesichts des spürbar kontraproduktiven Effekts davon wieder abgelassen hat (Aufgabe der wirtschaftsfremden Vorbedingungen für Kreditverhandlungen, Rücknahme der Drohungen bzgl Kohäsionsgelder) bin ich wieder ganz Europäer.

        Die nächste Front ist natürlich die Schaffung neuer Regeln, die die Aushöhlung der Demokratie zur Norm machen würden. Ich bin dagegen – lassen wir doch lieber die Währung Euro fallen als die Demokratie, wenn der Euro nicht anders zu retten ist.

      • Sie streiten sich mit deutschen Behörden herum, die selbst dann ihre Rechtsverstöße fortsetzen, wenn der EuGH längst entschieden hat.nic Auf Anweisung der Länder-Innenministerien.

        Ich habe es vor drei Wochen von einem Finanzamt in Nordrhein-Westfalen schriftlich bekommen: Ungarn ist kein EU-Mitgliedsland!

      • „Wo wäre Ungarn denn ohne Europa?“

        Das ist Kolonialismus pur! Ungarn ist innnnnn Europa. Ungarn ist Europa! Deutschland – das es seit 1871 gibt – hat Europa zweimal mit fürchterlichen Kriegen überzogen, weil deutsche Bescheidenheit es nicht fassen kann: Deutschland ist nicht Europa, Deutschland ist die ganze Welt (jedenfalls aus der Perspektive deutscher Eingeborener, die am Mittelpunktswahn leiden)

    • „2011 wurde Olt der ,Niveaupreis des ungarischen Außenministeriums‘ vom ungarischen Außenminister János Martonyi verliehen.“ — Klingt nach einer engeren Beziehung. Ich hätte gedacht, im Qualitätsjournalismus gelte: Zu viel Nähe zu denen, über die man schreibt, sei ungesund.

      • Dann dürfte wohl kein Auslandskorrespondent in Deutschland eine Auszeichnung der Bundesregierung entgegennehmen? (Es gibt da eine ganze Menge)

        Meines Erachtens täte den meisten Berichterstattern etwas MEHR Nähe zum Thema gut – würde die Fehlerquote verringern.

      • Örtliche und sachliche, also thematische Nähe zur Region Mittelosteuropa hat Olt. Was ich mich als FAZ-Leser aber langsam frage, ist, ob er nicht auch eine starke politische Verbindung zu Fidesz/KDNP hat und wie es mit seinen Kontakten zu LMP oder MSZP aussieht.

        Bei deutschen Journalistenpreisen kenne ich mich nicht aus. Vergibt die Bundesregierung welche für „niveauvolle“ Deutschlandberichterstattung? Falls ja, würde ich zumindest erwarten, dass die Jury nicht nur aus Beamten oder Politikern besteht und ein breites Meinungsspektrum abdeckt.

      • @Ungarnfreund,
        „…Ich hätte gedacht, im Qualitätsjournalismus gelte: Zu viel Nähe zu denen, über die man schreibt, sei ungesund.“, das scheint auch Herr Schicker vom Pester Lloyd zu denken.
        Was an Qualität herauskommt, sieht man auch an den Kommentaren, die er freigibt.
        Für einen „Unter jedem Niveau – Preis“ reicht es allemal.

      • Wenn Bild Redakteure den Henri Nannen Preis bekommen, dann wissen wir wie weit freier und objektiver Journalismus und Demokratie gesunken sind.

  3. Koll Kálnoky, oft, sehr oft hörten wir eine ähnliche Argumentation in Österreich, nachdem die ÖVP, die bei den Wahlen 1999 am dritten Platz landete den Bundeskanzler (W.Sch) stellen konnte.
    Was heute klar sichtbar ist, die Korruption überstieg alles was man sich bis dahin vorstellen konnte, obwohl die immer wieder auf die Korruption der „Roten“ hinwiesen. Die es tatsächlich gegeben hat.
    Schon jetzt führt die Regierungspolitik Ungarns zu einer Selbstisolation. D.h. weder in der Wirtschaft, noch in den Beziehungen zu den Nachbarn erreicht diese Regierung irgendwelche positiven Ergebnisse, im Gegenteil, sie schlittert immer mehr Richtung Abgrund. Von all dem versucht man mit „nationalen“ Phrasen abzulenken, doch wer sich gestern Abend im ATV den Bericht über das Elend so vieler Ungarn anschaute, der weiß was Millionen Ungarn erleiden müssen.

    • Lieber Herr Pfeifer,

      So nah der Abgrund auch sein mag, er ist immer noch ferner als unter den Sozialisten. Und die sind die einzige Alternative, und haben kein Programm, schon gar keines, was ihrer Klientel – hauptsächlich Rentner und Staatsbeamte, wohl auch die Roma – die Zuwendungen verringern würde, was wohl nötig wäre um die Schulden abzubauen.

      Ungarn wird weder mit leeren Phrasen zur Stärke der Nation auf die Beine kommen, noch mit leeren Phrasen bzgl Demokratie. Sondern es muss mit eiserner Disziplin von den Schulden runter, ohne in die Griechen-Falle zu tappen. Ich halte Fidesz dafür immer noch für die bessere Alternative – die Sozialisten sind von ihrer Klientel her strukturell unfähig, die Wirtschaft zu sanieren. MSZP wird vor allem gewählt von Leuten, die vom bankrotten Staat mehr Geld wollen.

  4. Lieber Kollege Kálnoky,
    ich weiß nicht wer schlechter wirtschaftet, Fidesz oder MSZP. Doch eines ist klar, es schien unter Gordon Bajnai besser zu gehen.
    Was Sorge bereiten kann und nicht nur Ungarn sondern allen Europäern sind die Provokationen, die sich L. Kövér leistet, der z.B.im Nachbarland sich an der Wahlwerbung einer der ungarischen Parteien beteiligt.
    Wenn dann V.O. erklärt, wie dumm doch die Europäer sind und wie schlau er mit ihnen umgeht (pávatánc), dann glaube ich nicht, dass V.O. so etwas ohne Absicht zu provozieren sagt.
    Sicher kann man manchmal durch solche Provokationen einen provisorischen Vorteil erreichen, aber auf die Zeit schaden sie nicht nur Ungarn.
    Die Mantra „nyólc év“ (der Hinweis auf die acht Jahre 2002-2010 als Sozialdemokraten regierten) geht wahrscheinlich vielen Ungarn auf die Nerven. In Österreich hält man sich während der ersten 100 Tage einer Regierung mit Kritik zurück und vielleicht ist das auch so in Ungarn, jetzt aber sind mehr als zwei Jahre Regierung Orbán vorbei und außer Selbstlob der Orbánregierung gibt es wenig Lob für diese Regierung.
    Wir diskutieren hier ziemlich oft über ungarische Zeitgeschichte und das ist vollkommen in Ordnung. Nur denke ich, dass diejenigen, die am Tag nur einmal essen, die plötzlich das Dach über dem Kopf verlieren, ganz andere Sorgen haben.
    Es gibt in Ungarn unabhängie Intellektuelle, die ich hoch schätze, weil sie nüchtern und ruhig und ohne Hass argumentieren. Solch einer ist Péter Róna und er hat vor ein paar Tagen über die Gefahr gesprochen, die erwächst, wenn die Regierung auch in ihrer Sozialpolitik sich an das Horthyregime orientieren möchte.
    http://atv.hu/belfold/20120531_rona_peter

    • Das Mantra „nyolc év“ geht vielen Ungarn auf die Nerven? Mag sein. Gleichwohl scheint es zum Stil der Politik (v.a. in Ungarn) zu gehören, dass man auf den Vorgänger zeigt. Lief in den „nyolc év“ nicht anders.

      Und was wir bitte trotz allem „Mantra“ nicht vergessen dürfen, ist eine Tatsache: Der Anstieg der Staatsverschuldung von 53 auf 80% des BIP in der Phase derer, die sich heute als Wirtschaftsexperten aufspielen.

      Da Sie bestimmt nach Beweisen fragen werden, komme ich dem zuvor:

      http://www.google.de/publicdata/explore?ds=ds22a34krhq5p_&met_y=gd_pc_gdp&idim=country:hu&dl=de&hl=de&q=staatsverschuldung+ungarn+chart

      Ich freue mich zu hören, dass Sie Intellektuelle schätzen, wenn sie „nüchtern und ruhig und ohne Hass argumentieren.“ Obgleich ich denke, dass Sie unter diesen Umständen Ihre Sicht der Dinge zu (z.B.) den Beiträgen M. Marsovszkys überdenken könnten, bin ich froh, dass Sie Nüchternheit und Ruhe schätzen. Zwei Dinge, die in der Ungarnberichterstattung zumeist völlig fehlen. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Forderung nach einer solchen Berichterstattung auch in Antifa-Kreisen an den Mann zu bringen. Ich meine das ohne Häme, sondern vollen Ernstes.

    • Lieber Herr Pfeifer,

      Bajnaj ist als Vergleich unzulässig. Er konnte nur deswegen sanieren, weil er nicht auf die MSZP-Wähler angewiesen war. Weder hatte er persönliche Ambitionen, noch hatte die Partei Hoffnungen auf einen Wahlsieg,

      Zudem war seine Politik nicht sehr kreativ – er arbeitete ohne eigenen Input die Liste der Maßnahmen ab, die die EU für den damaligen Notkredit vorgegeben hatte.

      Ein Wahlsieger MSZP müsste aber die Klientel befriedigen, und die will duchgehend mehr Geld vom Staat. Das nicht zu bedienen, bedeutet Machtverlust nach vier Jahren. Die Ausgaben aber zu erhöhen, den Bankrott für das Land.

      MSZP könnte sich bis zu einem gewissen Punkt hinter der EU verstecken, um Kürzungen zu rechtfertigen – Fidesz weit weniger – aber das Ergebnis einer solchen Rethorik wäre eine Stärkung der Rechtsradikalen. Alles in allem macht mir ein denkbarer MSZP-Sieg große Sorgen, und ich sage das ohne alle Demagogie bzgl „Exkommunisten“ – es hängt wirklich nur mit der Wählerbasis und dem dadurch beschränkten Handlungsspielraum zusammen.

  5. *In Österreich hält man sich während der ersten 100 Tage einer Regierung mit Kritik zurück und vielleicht ist das auch so in Ungarn,*

    Na, wenn ich mich gut erinner, hatte Orbán noch nicht mal *muuh* gesagt, da fing man schon mit dem Kritisieren an.Da muss man nur 23 Juli 2010 bei
    Flachlandranger gucken .

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