Jungle World: Karl Pfeifer über „Patrioten und Geisterfahrer“

Der Wiener Journalist Karl Pfeifer über Ungarn:

http://jungle-world.com/artikel/2012/24/45630.html

Ich überlasse den interessierten Lesern die Kommentierung.

 

 

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29 Kommentare zu “Jungle World: Karl Pfeifer über „Patrioten und Geisterfahrer“

  1. Im Vergleich zu Frau Marsovszky schlägt sich Herr Pfeifer doch sehr gut. Statt wirre Fantasiebegriffe wie „durchethnisierte Gesellschafft“ zu kreieren, listet er einfach Dinge auf, die passiert sind, und bringt sie in eine anschuldigende Suggestivkette, statt zu analysieren. Das geht doch noch, zumal im Gegensatz zu Frau Marsovszky keine hahnebüchenen Absurditäten auftauchen wie die Klage, Fidesz sei so abgrundtief böse, dass es sogar rückwirkend statt vor der Tat Verbrechen aufrollen wolle.

    Außerdem hat er hier im Forum dazugelernt und weiß inzwischen, zu welcher Partei Nyirö gehörte, und nennt ihn auch nicht mehr Nazi oder Pfeilkreuzler.

    Freilich: In Jungle World, was immer das sein mag, gegen die FAZ zu hetzen, wirkt ein wenig wie sein Autobahnverglech: Falsche Richtung.

    • So berauschend finde ich den Beitrag nicht. Ehrlich gesagt finde ich ihn am Rande der Hetze.

      „Die Geschichtsfälschung haben sie in der Verfassung festgeschrieben: »Wir datieren die Wiederherstellung der am 19. März 1944 verlorenen staatlichen Selbstbestimmung unseres Vaterlandes auf den 2. Mai 1990, die konstituierende Sitzung der ersten frei gewählten Volksvertretung.«

      So leugnet die jetzige Regierung jegliche historische Verantwortung der Regierung unter Döme Sztójay, die im März 1944 von Miklós Horthy eingesetzt worden war. Doch das Parlament war 1939 gewählt worden und mit Ausnahme von Sztójay waren alle Minister schon zuvor im Amt.“
      Ich sehe nicht in wie weit sich die Aussage aus der Verfassung mit dem zweiten Absatz vereinen lässt. Kein Mensch sagt, Stójay sei unschuldig gewesen, die Aussage aus der Verfassung bedeutet lediglich, dass es sich dabei um eine Marionettenregierung handelt. Der Satz aus der Verfassung eignet sich nicht einmal um zu belegen, dass die FIDESZ die Taten Horthys verharmlosen würde, denn der Satz sagt nur, dass nach dem 19. März 1944 keine staatliche Selbstbestimmung mehr vorlag. Das ist schlicht und ergreifen wahr, denn damit begann die deutsche Besatzung. Das heißt nicht, dass die Herrschaften der Regierung Stójay unschuldig wären.

      „Während die Deportationszüge noch am 23. Juni 1944 rollten, machte Horthy seinen Regierungschef Sztójay zum Mitglied des Helden-Ordens, was mit der Schenkung von Land einherging. Heute wird dieser Orden vom Verein der Nachkommen der Ordensmitglieder wiederbelebt und ist Teil des nationalen Mummenschanzes. So konnte auch ein Schamane die »heilige Stephanskrone« im Parlament segnen und heidnische Tänze vorführen. In immer mehr Ortschaften wird auch mit Runenschrift auf den Ortstafeln darauf hingewiesen, dass dort »echte Ungarn« das Sagen haben.“
      Erstens sehe ich keinen Zusammenhang zwischen dem Heldenorden und Horthy und Stójay auf der einen Seite und der Segnung der Krone durch einen Schamanen auf der anderen. Man kann zur Segnung stehen wie man will, aber hier einen direkten Zusammenhang zu suggerieren („So konnte auch…“) ist schon ein bischen – verzeihen Sie mir – krank. Zweitens sehe ich nicht, wieso das Schreiben des Ortsnamens in Runenschrift bedeutet, dass dort echte Ungarn das Sagen haben würden. Vielleicht hat man nur die Runenschrift benutzt, weil die den Leuten gefallen hat. In Deutschland gibt es sicher auch Denkmäler etc. in altdeutscher Schrift. Zwar ist die ungarische Runenschrift bedeutend älter als die altdeutsche, aber einen wesentlichen inhaltlichen Unterschied kann ich trotzdem nicht erkennen. Und nach wie vor frage ich mich, wieviele Ortseingangsschilder es in Runenschrift nun tatsächlich gibt.

      • Palóc, die Auseinandersetzung um die von Ihnen zitierte Passage der Verfassung wird schon seit Bekanntwerden des Textes geführt. Herr Pfeifer hat das nicht neu entdeckt. Auch respektable Historiker wie Krisztian Ungváry finden die Formulierung falsch, weil sie so ausgelegt werden kann, als würde die Verantwortung ungarischer Politiker für die Geschehnisse in Ungarn zwischen 1944 und 1990 geschmälert oder gar geleugnet.

        Das wäre nicht nur für die Endphase der Horthy-Ära falsch, sondern natürlich auch für die Zeiten Szálasis, Rákosis und Kádárs. Ersterer stand unter dem Schutz Nazi-Deutschland, die letzteren unter Sowjet-Protektion, aber sie hatten natürlich ihre Spielräume und wussten sie zu nutzen. Das ist auch eine Erkenntnis, die Herr Ungváry zu Recht vertritt: Selbstverständlich haben Verantwortliche in besetzten Ländern eigene Motive, Tricks und Möglichkeiten. Im Übrigen übergeht jener Satz in der Verfassung die kurze, einigermaßen demokratische Periode zwischen 1945 und 1948.

        Man hätte im Grundgesetz besser zu 1944 geschwiegen und sich ganz auf die freien Wahlen von 1990 als positiven Referenzpunkt konzentrieren sollen. Dass man das nicht tat, kann ich mir nur mit der enormen Unzufriedenheit des Fidesz mit dem Verlauf des Systemwechsels erklären. Den Kompromiss am Runden Tisch hat Fidesz nicht mitgetragen, zu den „alten Herren“ vom MDF stand man in Opposition, dem „großen Bruder“ SZDSZ hat man seine spätere Zusammenarbeit mit der „postkommunistischen“ MSZP nie verziehen.

        Ich bin hier schon für meine Vergleiche mit Deutschland gescholten worden, wiederhole aber gern noch mal: Die Deutschen haben es wirklich bequemer. Für sie ist 1989/1990 zwar auch mit diversen Folgeproblemen (Treuhand, Finanztransfers etc.) behaftet, aber die positive Einschätzung der Wiedervereinigung überwiegt bei weitem. Diese Freude fehlt vielen Ungarn beim Gedanken an dieselbe Zeit. Das ist sehr schade.

        P. S.: Zur Beurteilung der Spielräume Horthys unter deutscher Besatzung haben die Historiker László Karsai und Mária M. Kovács einen überzeugenden Beitrag bei Népszabadság (weil Heti Válasz den Beitrag nicht drucken wollte) veröffentlicht, den ich Ihnen sehr zur Lektüre empfehlen möchte: http://nol.hu/lap/forum/20120612-vita_a_horthy-korszakrol.

    • Wenn das korrekte zitieren aus der FAZ Hetze ist, was ist dann das nicht korrekte zitieren in regierungsnahen ung. Medien?

  2. In einem Kommentar in der linksliberalen österreichischen Tageszeitung Der Standard vom 1. Juni verstieg sich hingegen der Wiener Korrespondent der FAZ, Reinhard Olt, zur Behauptung, die ungarische Regierung gehe »als erste massiv gegen die Zigeuner-Hatz der ›Garden‹ vor«, obwohl die uniformierten paramilitärische Milizen überall im Land weiter marschieren.“

    Was stimmt nicht an der Behauptung, die jetzige Regierung gehe als erste massiv gegen die Zigeunerhatz der Garden vor? Nach den unsäglichen Vorkommnissen in Gyöngyöspata führte die Fidesz-Regierung eine Gesetzesänderung herbei, die das bürgerwehrähnliche Herummarschieren der Garden unter Strafe stellt. Ein Schritt, zu dem die sozialliberale Vorgängerregierung nicht in der Lage oder willens war.

    Seit dieser Gesetzänderung gibt es zwar nach wie vor einige wenige Treffen rechtsradikaler, sie gerieren sich aber, meines Wissens, nicht mehr als Bürgerwehr. Die Zahl der Aufmärsche ist zudem deutlich zurückgegangen.

    Beseitigt ist das Problem leider noch nicht. Leider findet ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen diesen Vereinigungen (die sich umbenennen oder unter anderem Namen neu gründen) und der Politik statt. Allerdings ist das Versammlungsrecht in Ungarn grundsätzlich liberal, man kann eben nicht jeden friedlichen Aufmarsch nicht verbotener Vereinigungen untersagen. Da unterscheidet sich Ungarn übrigens nicht von Deutschland, wo regelmäßig NPD-Aufmärsche zu Ehren von Rudolf Heß, dem Andenken an die Bombardierung Dresdens usw. stattfinden.

    Vielleicht erklärt uns Karl Pfeifer an dieser Stelle einmal, wie man mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen diese Umtriebe am effektivsten vorgeht?

    • HV während der Wende habe ich führendeSZDSZ Politikern vorgeschlagen von Österreich zu lernen. Das lehnten sie ab. Wenn ich wieder in München bin werde ich sie gerne zu einem Kaffee einladen und ihnen erklären, wie man da vorgehen könnte. Ich denke dabei an politische Verantwortung.

  3. Nach zwei Jahren Amtszeit hat die Regierung der Fidesz jegliches Schamgefühl verloren und verwirklicht die kulturpolitischen Forderungen von Jobbik. So werden in Ungarn wieder Horthy-Statuen und Gedenktafeln aufgestellt.“

    Welches der Horthy-Denkmäler wurde auf Veranlassung „der Regierung des Fidesz“ errichtet? Orbán hat gerade gestern im Presse-Interview betont, die Errichtung der Denkmäler sei Sache von Gemeinden. Man kann darüber meinetwegen den Kopf schütteln und mehr Einsatz Orbáns gegen diesen Horthy-Kult erwarten, die Grundeinstellung ist aber respektabel. Da die Gegner jedoch versuchen, alles, was in Ungarn Kopfschütteln verursacht, persönlich Orbán und der Landesregierung anzulasten, verwundert es nicht, dass man den Unterschied zwischen Kommunen und Regierung hier unter den Tisch falle lässt. Ich ahne, was jetzt kommt: Orbán tecke hinter allem. Ja, genau so wird es sein…

    • Stimme Ihnen zu, HV. Medien lieben die Zuspitzung und die Personalisierung. Alles, was in Ungarn geschieht, wird Orbán im Zweifel persönlich zur Last gelegt. Das soll man hinterfragen. Ich sehe nicht, dass Orbán den „Horthy-Kult“ aktiv fördert. Seine Verantwortung besteht eher in einer Unterlassung: Das Versagen Orbáns und der Fidesz-Führung liegt darin, aus realpolitischen Gründen, um den Erhalt ihrer Machtbasis besorgt, –zumindest öffentlich– zur „Horthy-Renaissance“ zu schweigen.

      Wir dürfen nicht vergessen, dass Fidesz bei den Kommunalwahlen 2010 ebenfalls haushoch gewonnen hat und außerdem Jobbik viel Terrain gewinnen konnte. Ein Teil der Fidesz-Klientel in den unteren Chargen wandert ideologisch leider auf einem ziemlich schmalen Grat am rechten Rand entlang. Solche Leute stellen in ihren Dörfern eben gern mal Horthy-Büsten und Trianon-Denkmäler in Zwischenkriegsoptik mit Halbmastfahne auf, ohne dass sie einer zurückpfeift.

      Die Frage ist, wie lange das gut geht. Die linksliberale Opposition stürzt sich natürlich auf dieses Thema. Fidesz winkt ab und weicht aus, weil sie der Opposition keine Zugeständnisse machen will, auch nicht auf dem Gebiet der Geschichtspolitik. Und die Horthy-Fans auf lokaler Ebene oder auf den Hinterbänken im Parlament denken sich: Na, jetzt erst recht!

      Herrn Herche danke ich für den Hinweis auf Kumins Kommentar. Eine solche Spirale sehe ich ebenfalls. Dass es keine vernünftige Geschichtspolitik in Ungarn gibt, ist zweifelslos dem destruktiven Links-Rechts-Gegensatz zu verdanken. Nicht einmal angesichts von hunderttausenden jüdischer Holocaust-Opfer aus Ungarn kann man eine gemeinsame Sprache finden. Das ist wirklich mehr als bedauerlich.

    • HV die Signale der Regierung sind klar. Jobbik schlägt vor und mit Fideszmehrheiten wird der Horthykultus betrieben. Und in einer Partei wie Fidesz geschieht das nicht ohne Zustimmung von V.O.
      Wenn V.0. was dadegen hätte, dann hätte er das sagen können, anstatt sich heuchlerisch auf die Lokalverwaltungen ausreden.
      Ja für das Zusammenwirken mit Jobbik ist er verantwortlich.

      • Herr Pfeifer, könnten Sie sich mit dem Kopf des gelegentlich feist grinsenden Kövér abfinden oder hat es Ihnen Macbeth angetan?

      • Panni sagt, das versteht Herr Pfeifer nimmer.

        jmd. etw.‚antun’ – „okoz“, „elkövet“
        von jemand „angetan“ sein – megigézett, megbabonázott

        Ein Satz wie, Macbeth hat es ihm angetan, Macbeth rabul ejtette, so ein Satz käme mir im Zusammenhang mit Herrn Pfeifer doch nie über die Lippen!

        Ganz egal, ob mich Herr Pfeifer versteht oder nicht, Panni hat sich wieder mal geirrt. Alles Käse.

  4. Pfeifer schlachtet Nyírös Goebbels-Zitate weidlich aus. 1941 erschien Nyírös Roman „denn keiner trägt das Leben allein“ (Az én népem) in der Übersetzung von Hildegard von Roos. Nun ist es kein Alleinstellungsmerkmal für einen Schriftsteller, dass er sich gut verkaufen will. Konrád und Dalos tönen auch immer dann im Deutschlandfunk , wenn sie zum x-ten Mal den Versuch unternehmen, ein literarisch drittklassiges Werk auf den deutschen Bücheremarkt zu bringen. Nyírö ist zu diesem Zweck Goebbels in den Arsch gekrochen. Die Gelegenheit dazu bot sich durch das Weimarer Dichtertreffen, zu dem er als einziger Ungar geladen war. An Stalingrad war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken, Aczél noch nicht einmal zu erahnen.

    Ich finde, Nyírös Goebbels-Zitate werden von Pfeifer aufgebauscht. Er könnte ihm auch vorwerfen, dass er 1944 nicht zu den Russen übergelaufen ist, um Siebenbürgen und das Székler Land für Ungarn zu retten. Vielleicht lag es an seinem Charakter, vielleicht aber waren es die Ausweglosigkeit der Lage und die Rolle des Verlierers, die ihm den Weg über Sopron nach Deutschland und dann nach Spanien wiesen. Honecker floh zuerst nach Moskau. Wie wollte man es ihm verübeln?
    1942 nahm Lőrinc Szabó am Weimarer Dichtertreffen teil. Ich weiß nicht, womit er sich das verdient hat. Ich will es eigentlich auch gar nicht wissen. Er war wie Nyirö Schriftsteller. Er hinterließ uns wunderbare Gedichte und hat Villon, Shakespeare, Goethe, Kleist, Mörike, Baudelaire, Nietzsche, George, Rilke, Benn, Weinheber ins Ungarische übersetzt.
    Was zählt, ist das literarische Werk eines Dichters. Und in dieser Hinsicht muss man sich für Nyírö auch nicht schämen. Der Beweis steht noch aus, dass Nyírö den Federkiel in Blut getaucht hat und antisemitische Hetze betrieb.

    Dies zumindest muss man Géza Szöcs, der sich für eine würdevolle Bestattung der sterblichen Überreste des Schriftstellers Nyírö in dessen Heimaterde stark gemacht hatte, zugute halten. Szöcs ist als Kulturstaatssekretär gescheitert, aber als Siebenbürger Poet hat er mein Verständnis.

    Und wie schnell menschliche Urteilskraft an der Wirklichkeit scheitern kann, solange Emotionen und Antipathie die Oberhand behalten, lässt sich an den antiungarischen Texten, mit denen Pfeifer und Marsovszky ihrem deutschen Publikum huldigen, gut erkennen.

    Da ist man dann eben mal daneben. Mir passiert das ständig.

    • Herr Herche, über Nyirö heißt es, er sei leitender Redakteur einer Zeitschrift gewesen, die zahlreiche als „redaktionelle Beiträge“ gekennzeichnete antisemitische Stücke abgedruckt hätte. Ich tue mich sehr schwer damit, wie Sie zwischen dem schriftstellerischen, journalistischen und politischen Werk einer Person zu trennen.

      Krisztián Ungváry hat in seinem Beitrag „Lager und Fahne sind eins. Fatale Traditionen in Ungarns Erinnerungskultur“ (in: Osteuropa 4/2011) am Beispiel von Albert Wass gezeigt, wie gemäßigte und extreme Rechte dieselbe Person für sich vereinnahmen, in dem sie sich diejenigen Facetten aus dem Oeuvre herauspicken, die ihnen zusagen: Die gemäßigte Rechte nimmt sich das national-romantische schriftstellerische Werk, die Rechtsextreme außerdem noch den Antisemitismus hinzu (samt des offenbar scheußlichen Machwerks „Die Landnahme der Ratten. Ein Lehrstück für junge Ungarn“).

      Die Konsequenz aus der Vielfarbigkeit solcher Autoren kann nur sein, dass man sie nicht totschweigt, aber auch nicht mit übertriebenen öffentlichen Ehrungen bedenkt und immer beide Seiten in Erinnerung ruft, wenn über sie gesprochen wird. Dasselbe muss dann auch für Persönlichkeiten aus dem linksliberalen Spektrum gelten. Unser Dauerbeispiel Ágnes Heller: Wenn man meint, dass sie nach 1956 –warum auch immer– ein aus heutiger Sicht zweifelhaftes Papier unterschrieben hat, dann muss man auch sehen, dass sie sich später eindeutig zur Antikommunistin entwickelt, vom Regime Kádár gegängelt und in die Emigration getrieben wurde.

      • @Ungarnfreund

        „…sie nicht „mit übertriebenen öffentlichen Ehrungen bedenkt…“

        Einverstanden. Szöcs „wurde“ gegangen. Doch lesen Sie doch erst mal Nyírös Texte. Mich haben auch „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Werfel tief berührt. Und ich habe, als ich 1985 „Sorstalanság“ las, mitgelitten, wie es halt möglich war, wenn Sie mich verstehen. Mein Priester, Vecsey András atya hat die Pfeilkreuzler-Zeit erst im Versteck erlebt und dann den Gewaltmarsch überlebt. Wir haben nie über unsere Abstammung reden müssen. Er hat auch keine Berichte an den Geheimdienst geliefert. Wurde nie Bischof, wie Gyulai. Andere erinnern sich so an ihn:

        http://www.ilyenazenpapom.com/customPages/vecsey-andras?subSiteId=1

        Hat sich Hiob je vorgeworfen, Jude zu sein? Ein beachtlicher Teil meiner Vorfahren waren Juden. Die Pressos unter meinen Vorfahren kamen aus spanisch Galizien in das von Tilly niedergebrannte Magedburg. Sie hatten sich taufen lassen und hatten sich in den Spanischen Niederlanden Calvin verschrieben. Sie mussten gehen, weil sie leben wollten. Andere Vorfahren lebten in der Schafgottschen Grafschaft, die zeitweise zu Böhmen und damit zu Ungarn gehörte. Sie hatten im Ariernachweis meines Onkel Werner, der mit 17 in Hitlers Leibstandarte eintrat und mit 19 fiel, nicht einmal eine Religion. sie hießen Herz und Reich und Görlitz und wurden aus der Familienerinnerung gestrichen, weil es eben galt, zu überleben. Und ihre Gene sind für den Führer gefallen. Was soll ich dazu sagen? Es ist geschehen.

        Pfeifer soll niemandem verzeihen. Er wird einmal sterben und man wird seine antiungarischen Schmähartikel vergessen. András atya aber lebt in den Herzen derer weiter, die ihn erlebt haben, mit denen er das Brot gebrochen hat.

        Nyírö? Was weiß ich. Er ist Teil der ungarischen Geschichte. Er hat das Dahinsterben der Székler in Worte fassen können. Das ist es, was ihn wertvoll macht. Friede seiner Asche.

        „Da sprach Saul: So sollt ihr zu David sagen: Der König hat kein Begehr nach einer Heiratsgabe, sondern nach hundert Vorhäuten der Philister, um sich an den Feinden des Königs zu rächen. Saul aber gedachte David durch die Hand der Philister zu fällen. 26 Und seine Knechte berichteten David diese Worte, und die Sache war recht in den Augen Davids, des Königs Schwiegersohn zu werden. Und noch waren die Tage nicht voll, 27 da machte David sich auf und zog hin, er und seine Männer, und erschlug unter den Philistern zweihundert Mann; und David brachte ihre Vorhäute, und man lieferte sie dem König vollzählig, damit er des Königs Schwiegersohn würde. Und Saul gab ihm seine Tochter Michal zum Weibe.“

        Ich weiß nicht, was Pfeifer reitet, aber die Vorhaut von Nyírö ist, so glaube ich, mit eingeäschert worden.

        Was soll das Ganze? Ist Pfeifer Gott? Warum tritt er als Weltenrichter auf? Wem will er gefallen?

        Letztendlich mag ich ihn aber. Nur, Seine Unversöhnlichkeit schadet der nächsten Generation. Mir wurde die Vorhaut schon kurz nach meiner Geburt genommen. Ich weiß, es Ist ein Scheiß-Gefühl, so gezeichnet als ewiger Jude unter die Dusche zu gehen. Probieren Sie es einfach mal aus. Vielleicht übernimmt die Kasse die Kosten.

        Jedenfalls können Sie Wahnsinn nicht mit Vernunft bezwingen. Oder wollen Sie, dass das Gegröle hirnloser Neozazis, in Ungarn der JOBBIK-Idioten niemals aufhört?

      • http://www.focus.de/kultur/buecher/geschichte-elie-wiesel-gibt-aus-protest-ungarischen-orden-zurueck_aid_769145.html

        Waren sich Szöcs und Kövér überhaupt der Wirkung gewahr, die eine öffentliche Ehrung Nyírös auf den aus Siebenbürgen gebürtigen Holocaustüberlebenden haben muss?

        Welche Bücher von Eli Wiesel wurden eigentlich in die ungarische Sprache übersetzt? Kennt man sein Werk überhaupt in Ungarn? Und wenn nicht, dann frage ich, warum nicht?

        Kövér sollte sich einen Ruck geben und umgehend seinen Hut nehmen. Das gebietet allein schon die Pietät. Umgehend.

        Ehe der Schaden für Ungarn noch größer wird.

      • Herr Herche, 2009 war Elie Wiesel zu einer Konferenz über das Zusammenleben von Ungarn und Juden nach Budapest gekommen. Herr Balog hat damals in seiner Rede davor gewarnt, Antisemitismus „als Wunderwaffe in der politischen Kommunikation einzusetzen“: http://www.balogzoltan.fidesz.hu/index.php?id_cikk=6120. Das fand Herr Wiesel allerdings nicht lustig, wie Herr Pfeifer damals berichtete: http://www.hagalil.com/archiv/2009/12/16/budapest/. Ich denke, Herr Balog hatte nicht Unrecht: Antisemitismusvorwürfe werden in Ungarn durchaus instrumentalisiert. Die Fidesz-Führung ist definitiv nicht antisemitisch, Kövér auch nicht. Die nehmen das Thema nur zu sehr auf die leichte Schulter. Das Nyirö-Theater belegt es.

      • @ungarnfreund
        1. Ich kenne das Milieu, in dem Fremdenfeindlichkeit gedeiht. Die jüdischen Minderheiten erschienen ihrer Umgebung schon vor der Durchsetzung des Christentums als fremdartig .
        2. Antijudaismus ist konstituierend für … (Ich wage es gar nicht auszusprechen.) Schauen Sie sich nur die Geschichte des Neupfarrplatzes in der freien Reichsstadt Regensburg an. Eine Tradition, die noch zur Zeit der Vertreibung 1519 lebendig war, besagt, daß bereits zur Zeit der Geburt Christi Juden in Regensburg lebten. (Kalr Bauer, Regensburg, 1988)
        3. Davon ist der moderne Antisemitismus ( J.A. Gobineau, H.S. Chamberlain) zu unterscheiden, der sich gegen die Judenemanzipation richtete.
        4. Seit dem Ende des 19.Jahrhunderts gewann der rassistische Antisemitismus v.a. in Deutschland, Österreich-Ungarn und auch in Osteuropa wachsenden politischen Einfluss.
        5. Der wurde bei so manchen zur irrationalen Zwangsvorstellung und zur Schlüsselerklärung für soziale und politische Strukturkrisen.

        Ich wurde mal an der Waffe ausgebildet. Wer Antisemitismus als Waffe einzusetzen versucht, muss sich für sehr klug halten.

        Németh László kenne ich noch aus den Siebzigern. Du kannst den Teufel nicht mit Beelzebub austreiben. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde kürzlich einem hohen kirchlichen Würdenträger aus Stuhlweißenburg angehängt, er würde in Blutschande leben. Hoffentlich sucht hier niemand nach einer Logik. Es gibt keine. Es gibt nur Hass.

        Wiesel sprengt jeden Interpretationsrahmen. Meines Wissens ist er Zionist. Lassen Sie uns dann doch zuerst über die Angst der Zionisten sprechen. Und dann die Ängste der Reihe nach abarbeiten, die sonst noch in uns stecken.

      • „Németh László“ – Bűn, Iszony, Gyász, Irgalom

        Ich meinte Németh Sándor. Die charismatische „Bewegung“ riss 1976 auch mich mit sich. Ein Meer der Liebe – zwei Stasi-Pfarrer, Dietrich T. und Peter H. hatten mir ihre Hände aufgelegt – und viel Geist ergossen sich über mich. So hat mich das MfS damals in die Knie gezwungen.

        Es gab in in den Siebzigern und Achtzigern noch den Géza bácsi, auch ein Németh. Er wilderte in reformierten Kreisen und grub den Amtskirchen das Wasser ab.

        Sorry Németh László im Himmel für meinen Ausrutscher. Die ATV-Gläubigen haben Dich bestimmt nicht gelesen.

        הַלְּלוּיָהּ Herr Pfeifer.

  5. Mich würde mal interessieren, was die Hintergrundbeleuchter Pfeifer und Marsovszky zur Causa Gauck zu sagen haben. Immerhin wurde der jetzt ja „als Kriegshetzer entlarvt“.

    http://www.hintergrund.de/201206152111/kurzmeldungen/aktuell/als-kriegshetzer-entlarvt-buergerproteste-gegen-gauck.html

    Was mich auch nicht wundert, bei dem Onkel, der ihn auf die „Hüte meine Lämmer“-Schiene geschubst hat.

    http://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-das-geheimnis-um-den-onkel_aid_524185.html

    Da bin ich aber mal gespannt, was die antifaschistische Courage bei dem Onkel vom Gauck hergibt.

    Meine lieben Artgenossen, wenn Ihr aus dem Sammelbecken für Radikale Honig saugen wollt, stechen die http://jungle-world.com/ Euch irgendwann mal in Euer eigen Fleisch.”

    Von denen wird Sie geholfen.

  6. Der Artikel von Herrn Pfeifer hat mir zumindest als Neuigkeit gebracht, dass ich diese Reden Nyirös im ungarischen Parlament kennengelernt habe. Das habe ich nicht gewusst. Das stellt auch die ganze Umbestattung in ein neues Licht, denn bislang ging ich davon aus, es handle sich um die Erfüllung des letzten Wunsches eines alten Mannes, der zwar völkische Heimatliteratur verfasste und womöglich auch selbst nationalistisch eingestellt war, ansonsten aber harmlos war. Indem Nyirö aber diese Reden hielt, nahm er aktiv am Prozess der Ausgrenzung und Entrechtung der Juden teil und bereitete damit den Boden der Gleichgültigkeit, auf dem 1944 die Abtransportierung der Juden stattfand.

  7. Idioten und Trittbrettfahrer ante portas?

    Erfolg ist eine Frage der Haltung.

    „Nimm Haltung an!“, schrie mein Vater und schlug zu. Und freundlich tröstete mich die Mutter: Lass den Kopf nicht hängen, Junge.“
    Ich empfinde noch heute Dankbarkeit gegenüber meinem Schicksal, das mir diese gute Erziehung zu teil kommen ließ.

    Die richtige Erfolgshaltung hat zum Beispiel Victor Ponta. Das rumänische Parlament wählte den Sozialdemokraten am 7. Mai 2012 mit deutlicher Mehrheit zum Ministerpräsidenten. Das ist „lange her“, erklärt der gefeierte Staatsmann gestern in Wien. Seine Botschaft ist stark und klar:

    „Rumänien ist erfolgreich im Minderheitenschutz.“

    Diese Botschaft kommt in Österreich gut an. Auch dass er die Haltung des ungarischen Parlamentspräsidenten Laszlo Kövér„inakzeptabel“.nennt, findet die Zustimmung des westlichen Schwagers. Denn während Ungarn es immer auf Heimsuchungen anlegt und selbst mit der „Heimholung“ von Asche jämmerlich scheitert, sammelt Ponta Kohle für Rumänien ein. Die Weltbank hat ihm gerade einen Kredit in Höhe von einer Milliarde Euro bewilligt. „Bei dem neuen, zinsfreien Kredit handelt es sich laut Vertretern des Finanzministeriums um Puffersummen zur Sicherung des Staatshaushalts gegen unvorhergesehene Schocks von außen.“ Was Viktor nicht kann, gelingt Victor allemal.

    Ponta, der Strafrecht insbesondere auch in Sizilien studierte, wurde an der Universität Bukarest promoviert. Jetzt sieht er sich mit einem Plagiatsvorwurf konfrontiert.

    „Romanian prime minister accused of plagiarism“, so die „Nature“ vom 18.11.2012.

    Erfolg ist eben eine Frage der Haltung. Lass den Kopf nicht hängen! Auch wenn Österreich und das Finanzkapital nicht hinter Dir, sondern hinter Victor steht.

    Auf den feisten Gaius Cassius Longinus war immer Verlass. Der finale Dolchstoß kam von dessen Freund und Schwager.

    Lang lebe Österreich, der Trittbrettfahrer und alle Idioten!

    Ante Pontas!

    Quellen:

    http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/766887/Ponta-gegen-Export-von-Extremismus

    http://www.nature.com/news/romanian-prime-minister-accused-of-plagiarism-1.10845

  8. Ungarnfreund
    ich glaube nicht, dass irgendjemand die Regierung beschuldigt, Antisemitismus zu transportieren.
    Aber der Horthy Kult und die Nyiröaffäre sind Signale
    Und da nützt es nicht auf andere hinzuweisen.
    Es nützt auch nicht die Geschichte umzuschreiben.
    Anstatt andere zu beschuldigen, sollten die Geisterfahrer schnell umkehren.

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