NZZ: György Dalos über „Horthy im Hoch“

Der ungarische Schriftsteller György Dalos hat einen längeren Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) verfasst, in dem er sich kritisch mit der Geschichtswahrnehmung im heutigen Ungarn befasst:

„Wie wenige Länder in Osteuropa hadert Ungarn mit seiner Geschichte und seinem Selbstverständnis. Wo die Kommunisten einst den Internationalismus propagierten, findet heute unter konservativen Vorzeichen ein nationalistischer Revisionismus statt. Dubiose, ja sogar verbrecherische historische Figuren feiern ein Comeback.“

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/horthy-im-hoch-1.17306919

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13 Kommentare zu “NZZ: György Dalos über „Horthy im Hoch“

  1. Bin mir nicht sicher, ob der Rechtsanwalt Péter Dániel wirklich von Verzweiflung getrieben war, als er Horthys neue Statue in Kereki mit roter Farbe übergoss. Könnte das nicht auch einfach ein Fall von Lust an der (Gegen-)Provokation gewesen sein?

    Die direkte Gegenüberstellung von Wass und Nyirö mit Kertész und Szerb (Radnóti hätte auch gepasst) finde ich interessant. Herr Dalos, ich bin auf ihrer Seite. Angesichts der politischen Bedeutung von Wass und Nyirö ist mir deren literarisches Werk ziemlich egal. Solche Autoren gehören nicht in den regulären Lehrplan. Die Missbrauchsgefahr durch nationalistisch gesinnte Lehrkräfte ist einfach zu groß. Weil einige Leser meine Ungarn-Deutschland-Vergleiche so „schätzen“: Ich bin auch der Meinung, dass deutsche Schüler lieber Remarque als Jünger lesen sollten.

    Das Balog-Zitat zu Nyirö ist mir neu. Wenn es wirklich so gefallen sein sollte, fände ich das ziemlich traurig. Man weiß ja nicht, was hinter den Kulissen geschieht. Aber für mich sieht es so aus, als versuchte da der neue Bildungsminister eine Entscheidung aus der Zeit seines Vorgängers mehr schlecht als recht zu rechtfertigen.

  2. Lieber Ungarnfreund,

    Wir nahmen damals Jünger und Remarque durch, so sollte es sein. Man sollte Schülern die eigene Meinungsbildung nicht verweigern, sie ist unser wichtigstes Gut. (Ich finde Ihre Äußerung zu Jünger tendenziell doktrinär)

    Ungarns Lehrer sind meiner Ansicht nach nicht nationalistische Fanatiker, wie kommen Sie zu ihrer Angst vor den Lehrkräften? Ich glaube, viele werden aus dem neuen Lehrplan interessanten, teilweise rebellischen Unterricht gestalten.

    Das Ganze erinnert ein wenig an Israels Probleme, Wagner als wichtigen Komponisten zu akzeptieren. Ein ungarischer Jude, der von mir sehr geschätzte Komponist Hajdu András, gehörte in Israel immer zu jenen, die argumentierten, man müsse sich am Werk Wagners orientieren, nicht an der Gesinnung oder der Instrumentalisierung des Künstlers durch die Nazis. Er wurde dafür regelmässig von medialen Figuren in Israel zerrissen, hatte trotzdem Recht. Man muss Kunst unabhängig von der politischen Gesinnung rezipieren dürfen.

    Wenn nicht, dann geraten wir in bedenkiche Gewässer: Wer nicht politisch genehm ist, wird nicht erwähnt. Gab es das nicht schonmal?

    Nun ist Nyirö nicht Wagner. Ich sehe seine Bedeutung lokal, nicht national, Ich finde Herrn Dalos‘ Artikel gut, inklusive seine Bewertung der beiden Schriftsteller. Teiweise stimmt der Kitsch-Vorwurf. Der Hinweis auf Szerb, den ich verehre, hat mich erschüttert. Zu Kövers Aktion und zu Horthy habe ich meine persönliche Meinung gesagt.

    Aber ich habe nichts dagegen, dass die népi irók – darunter sind nicht nur Wass und Nyirö, und sie sind beileibe nicht alle rechtsradikal, Kodolányi etwa war ausgesprochen Anti-Nazi – in den Lehrplan kommen. Sie gehören zur Literatur jener Zeit, es gab damals eben nicht nur Dada, Und sie bieten – wie wir hier im Forum erleben – reichlich Stoff für leidenschaftliche Diskussionen. Was sehr vorteilhaft ist für die Meinungsbidung der Schüler.

    Dass die Regierung damit politische Ziele verfolgt, steht auf einem anderen Blatt. Aber Ungarn ist frei genug, damit gewinnbringend umzugehen, wie die lebhafte Debatte im Land beweist.

    • Lieber Herr Kalnoky,

      den Hinweis auf Szerbs Ermordung in Balf unweit des Tagungsortes des von Szalasis Pfeilkreuzlern dominierten Restparlaments in Sopron, dessen Mitglied auch Nyiro war, fand ich ebenfalls sehr eindringlich. Deshalb habe ich mich jetzt erst mal darauf festgelegt, dass Nyiro und Wass besser keine Pflichtlekture sein sollten, auch weil man nicht ausschliessen kann, dass ein Teil der Lehrerschaft in der ansonsten durchaus notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit Figuren der juengsten Geschichte nicht die richtigen Akzente setzen wird. Ein Paedagogik – bzw. Geschichtsstudium schuetzt ja keinesfalls vor enormen politischen Irrtuemern, wie z.B. der Fall Gabor Vona illustriert. Das ist keine Pauschalbeschimpfung ungarischer Lehrer, nur eine Vorsichtsmassnahme. Mich wuerde die Meinung von Szarvasi interessieren, der ja Lehrer ist.

      Auf den Fall Wagner in Israel habe ich selbst anderer Stelle hingewiesen. Der Vorgang ist aber etwas anders gelagert. Wagner war zwar Antisemit, aber kein Zeitgenosse oder gar Exponent der nationalsozialistischen oder einer anderen Diktatur. Dass er Hitler gefallen hat, kann man ihm posthum schwerlich vorwerfen. Dennoch muessen die Gefuehle der Opfer beruecksichtigt werden. Solange eine Mehrheit der Israelis Wagner in ihrem Land nicht hoeren will, ist das zu respektieren.

  3. Der Artikel von Dalos ist eine der nur noch selten vernehmbaren Stimmen einer kritischen und liberalen Vernunft, die zwar andere Wertvorstellungen gelten lässt, diesen jedoch nicht den ganzen öffentlichen Raum zu überlassen gedenkt. Ein stiller, bedenklicher Artikel, der mir gut gefallen hat.

  4. Wobei man eigentlich hinzufügen muss, dass diese ganze Denkmal- und Revivalstory auch eine Frage der Narration ist. Wer greift ein Thema auf und versucht, damit den Diskurs zu definieren? Und welche Themen werden eben bewußt nicht aufgegriffen?

    In diesem Sinne habe ich kurz mal bei szoborlap.hu nachgschlagen, wieviele Prohaszka-Denkmäler es gibt. Null. Dagegen vier für den katholischen Bischof Apor Vilmos, der sich gegen Deportationen und Judenverfolgung erhob und Tausende Juden rettete.

    Das neueste ist gerade eben erst in Lakitelek eingweiht worden. Von den anderen ist keines älter als 1992, die anderen sind aus 97 und 98.

    Es gibt, dies zum Vergleich, nur zwei neue Horthy-Denkmäler.

    Man kann also durchaus von einer nach-wendezeitlichen Apor-Vilmos-Renaissance reden, nur: Man redet nicht darüber. Warum?

    • Ah, ich hatte Prohászka ohne Akzent eingegeben (saß an einem anderen Keyboard). Es gibt offenbar sogar drei neuere Denkmäler.

      Dann steht es also 3:4 Prohászka / Apor.

      Aber trozdem: Da wird eine Denkmaldebatte betrieben, und man gewinnt aus der Darstelliung auch bei Dalos den Eindruck, dass da die gesamte Lage an der Dorf- und Kleinstadt-Denkmalfront akribisch durchkämmt wird, existentielle und unheilschwangere Schlußfolgerungen zur Lage der Nation werden gezogen, und bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass das Bild doch sehr viel gemischter ist, dass es nicht nur diese Strömungen in konservativ geführten Gemeinden gibt, und letztlich handelt es sich auch nicht um die Wiederkehr des Holocaust sondern darum, dass das nach-kommunistische Ungarn einigermaßen krampfhaft nach präkommunistischen Orientierungspunkten sucht.

      Das ist ein Phänomen, das auch andere Länder des einstigen Ostblock durchgemacht haben; zugegeben, in Ungarn gibt es jetzt einen zweiten Durchgang.

      Ich denke es hat damit zu tun, das der Runde Tisch Konflikte unter den Teppich gekehrt hat, die offen auszutragen wichtig gewesen wäre.

  5. Koll. Kálnoky, reiner Zufall, dass Horthykult, die Nyirö-, Wass- und Prohászkaaffären von Jobbik initiiert wurden?

  6. Lieber Herr Pfeifer:

    Was mich betrifft, mir ist es lieber, dass wir mittlerweile darüber streiten, ob zwei Dorfdenkmäler zu Ehren Horthys ein Kult sind, im gegensatz zu Apor-Denkmälern, die es offenbar nicht sind. Viel konkretes Unheil ist von diesen Büsten nicht zu erwarten. Das sind Aufregungen, die irgendwann wieder vergehen,

    Wichtiger ist mir, dass es der Wirtschaft wieder besser geht, die sozialistischen Staatsschulden endlich etwas abnehmen, das Defizit im Griff scheint, und man besser dasteht als etwa Portugal oder Spanien.

    Übrigens halte ich die Horthy-Nyirö-Wass-Erregung links wie rechts für eine direkte Folge der Beruhigung an den anderen, wichtigeren Fronten. Die Regierung will teilweise wohl wirklich davon ablenken, dass der Freiheitskampf – wie immer in Ungarn – nicht in die Freiheit geführt hat, und man nun nicht mehr kämpft, sondern nur noch stolze Sprüche klopft..

    Und die Linke will genauso davon ablenken, dass die Fidesz allen Hoffnungen zum Trotz leider doch nicht von der EU niedergeschmettert wurde, und das Land doch nicht in den wirtschaftlichen Abgrund geführt hat.

    Also tut man was man kann, und bläst die Nyirö-Horthy-Debatte zu einem riesengroßen Luftballon auf. Wer weiss, was das Sommerloch noch bringt.

    • Nun Herr Kálnoky, da haben wir einen Punkt, der Sie diametral von Herrn Pfeifer unterscheidet. Er möchte offenkundig nicht, dass es der Wirtschaft besser geht…am Ende wird Orbán ja noch wiedergewählt und man kann es nicht auf das Wahlrecht schieben 🙂

    • S. sagte mir am Telefon, dasses der Wirtschaft schlecht geht. Sie würden jetzt zur Kasse gebeten. Orbán habe die Finanztransaktionssteuer eingeführt. Ungarn hätte jetzt die meisten Steuern. Ich fragte S., ob ich ihm irgendwie helfen könne. Er ist Rentner. Von Panni weiß ich, dass sie nur etwas Geld für ihre Beerdigungen Geld zurücklegen konnten. Das Unternehmen, in dem S. noch unter Rákosi seine Ausbildung angefangen hatte und 47 Jahre lang als Maschinenschlosser arbeitete, gehört heute dem Sohn des Parteisekretärs von damals. S. lebt von seiner Rente. Wer möchte schon das Geld, das für den Bestatter zurückgelegt worden ist, bei Penny für Trappistenkäse ausgeben? Ich fragte S., was denn jetzt an Mehrkosten auf ihn zukäme, nachdem Orbán die Finanztransaktionssteuer eingeführt hat. S. hat kein Girokonto. Er zahlt seine Rechnungen auf der Post in bar ein. Strom, Gas und Wasser, mehr ist das nicht. Seine Rente bringt ihm jeden Monat pünktlich die Postbotin vorbei. Das kostet ihn immer nur einen Kaffee und Panni erfährt gleich die neuesten Nachrichten aus dem Ort. Rozis Friseursalon, den Panni regelmäßig besucht, kommt S. entschieden teurer.
      S. hat seinen Stolz. Er überlegte eine Weile. Nun, die Finanztransaktionssteuer beträfe ihn weniger, aber Ungarn habe jetzt die meisten Steuern in Europa. Tényleg, fragte ich ihn zurück? Na ja, sagte er, Schweden steht immer noch an erster Stelle, dann käme Dänemark. Aber auf ATV hätten sie gesagt, Ungarn hat jetzt die meisten Steuerarten (adónem) in Europa.
      Ich bin diesmal noch mal glimpflich davongekommen. Ich habe S. die Tanzsteuer erklärt. Ich werde ihm keinen Pfennig schicken. Das von den Mallersdorfer Nonnen gebraute Bier kriegt er auch nicht mehr. Das Bischofshofer gibt es auch in der Bügelflasche. Langsam habe ich von ihm die Nase voll, weil er immer nur die Nachrichten auf ATV guckt und nix begreift.
      Dass Italien gegen Deutschland verliert und Spanien wieder Europameister wird, hatte S. mir schon vor der EM prophezeit. Für Fußball schaltet er immer um. Von Desinformation hat er jedenfalls keine Ahnung. Vielleicht wählte er deshalb immer die Roten.

  7. Liebe Kollegen,
    bitte um Entschuldigung für meine langes Schweigen, was mit meinen anderweitigen Verpflichtungen zu tun hatte. Ich möchte an der Diskussion des HV, dien ich nach wie vor sehr wichtig finden. demnächst weiterhin teilnehmen.
    Herzliche Grüsse von
    György Dalos

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