Budapest: „Der sechste Sarg“ von István Csurka wird nicht aufgeführt

Der Budapester Oberbürgermeister István Tarlós hat am gestrigen Dienstag mitgeteilt, dass das von István Csurka verfasste Stück „Der sechste Sarg“ („A hatodik koporsó“) nicht im „Új Színház“ (Neues Theater) aufgeführt wird. Der Theaterdirektor György Dörner habe ihn gestern darüber informiert.

http://nol.hu/belfold/tarlos__nem_mutatjak_be_a_csurka-darabot_az_ujszinhazban

In den vergangenen Wochen war bekannt geworden, dass das Theater das in Anbetracht seines Inhaltes als judenfeindlich angesehene Stück des Dramatikers, Politikers und bekennenden Antisemiten István Csurka aufführen wolle. Der Dirigent Ádám Fischer hatte daraufhin eine Unterschriftenaktion angekündigt, der Vorsitzende der jüdischen Glaubensgemeinschaft Mazsihisz, Péter Feldmájer, forderte den OB auf, die Aufführung zu stoppen.

In dem Theaterstück werde – so die Kritiker – suggeriert, dass das Judentum sowohl für den als „Friedensdiktat“ angesehenen Friedensvertrag von Trianon und den damit verbundenen Gebietsverlusten, als auch für den Holocaust verantwortlich sei.

Tarlós hatte bereits am 23.08.2012 in einem Interview mit dem oppositionsnahen Fernsehsender ATV mitgeteilt, dass er die Aufführung des Stücks wegen seines Inhaltes nicht unterstütze. Er gab zugleich seiner Hoffnung Ausdruck, dass man seine Worte respektieren werde.

http://atv.hu/cikk/video-20120823_tarlos_istvan

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12 Kommentare zu “Budapest: „Der sechste Sarg“ von István Csurka wird nicht aufgeführt

    • Es war klar, der nächste Anklagepunkt folgt auf dem Fuße 🙂

      „Das Gericht stützte sich bei seinem Urteil nach eigenen Angaben auf einen Bericht von Pro Asyl aus dem Frühjahr 2012. Außerdem habe das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) bei Befragungen der Inhaftierten festgestellt, dass in Ungarn Misshandlungen durch Polizeikräfte in den Hafteinrichtungen an der Tagesordnung seien.“

      Aussagen von Pro Asyl und Befragungen der Inhaftierten durch das UNHCR? Ist es ketzerisch, den Wahrheitsgehalt der Aussagen von Flüchtlingen, die ihre Abschiebung um jeden Preis verhindern wollen, jedenfalls zu hinterfragen? Oder einer NGO, die gegen Abschiebungen generell zu Felde zieht? Mich würde interessieren, ob sich das Gericht nach dem Grundsatz „audiatur et altera pars“ auch die Version des offiziellen Ungarn angehört hat.
      Immerhin in einem Punkt kann sich Ungarn beruhigen: Die Stuttgarter Richter untersagen auch Abschiebungen nach Italien. Auch dort soll den Flüchtlinen „unmenschliche Behandlung“ drohen.

  1. P.H. der auf fast alles, was ich hier schreibe mit Pavlovschem Beißreflex reagiert, zeiht mich der Hinterfotzigkeit, weil ich die Hoffnung ausgedrückt habe, dass man in der Zukunft darauf verzichtet „Gesten in Richtung des rechtsextremen Rands“ zu machen. Was man im Umkehrschluss nur so verstehen kann, dass ihn das nicht freut.
    Heute klagt Ferenc Sinkovics in Magyar Hirlap, darüber dass die „Hetzkampagne“ ihr Ziel erreicht hat und tröstet die ungarischen „Kellernazi“ damit, dass evtl. das Stück später, wenn die Atmosphäre „weniger hysterisch“ sein wird, doch noch aufgeführt werden könnte.
    Vorgestern wieder warnte der frühere Kommunist Zoltán Biró* in Magyar Hirlap, der natürlich leugnet, dass der „Sechste Sarg“ antisemitisch sei und behauptet, man unterstelle das nur, um dem Ungarntum zu schaden. Biró meint, sollte es wieder zu einer linksliberalen Regierung kommen in Ungarn
    „Akkor nem egy drámát, egy színházat, hanem magát a magyarságot fogják ismét betiltani. „, „Dann wird man nicht ein Drama, ein Theater und sondern selbst das Ungarntum wieder verbieten“.
    „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode.“ (Shakespeare)
    * Hier ein paar Daten zum Werdegang des Weltverschwörungstheoretikers Biró: 1971 -1974 Haupt-Abteilungsleiter im Unterrichtsministerium 1974 – 1981 Haupt-Abteilungsleiter im Kulturministerium. Wurde 1988 aus MSZMP ausgeschlossen, weil er 1987 teilnahm an der Gründung des MDF.
    Biró war der erste Vorsitzende des MDF und mußte wegen seiner Vergangenheit in der Staatspartei, den Posten József Antal überlassen. Dafür hatte schon Sándor Csóori gesorgt. Biró begnügte sich mit dem Posten des Chefredakteurs der Wochenzeitung „Hitel“

    • Ich habe gestern Den sechsten Sarg gelesen. Es geht dabei um die Hasstiraden und Verschwörungstheorien eines senilen Menschen, dazu ruht das ganze Machwerk auf einer Idee, die selbst in einem Sci-Fi-Film der Kategorie Z zu blöd wäre. Sinkovics ist gelinde gesagt ein Mensch mit sehr beschränkten Fähigkeiten. Bíró Zoltán ist eher ein langweiliger Bürokrat, der nicht über den Tellerrand gucken kann. Außer seinen Kenntnissen über die „volkstümlichen Schriftsteller“ endet seine Welt. Er ist ein beleidigter alter Mann, der nur noch von seinem Groll gegen Antall geleitet wird, der als einzige gute Idee seines Lebens Bíró aus dem MDF rausgeschmissen hat. Seine Kolumne in Magyar hírlap ist als eine Art Gnadenbrot aufzufassen (gleiches gilt für Szentmihályi Szabó Péter).

      • Ich habe Csurka noch aus einer Zeit gekannt, als er das Budapester Pferderennen (in der Nähe des Keleti p.u.) regelmässig besuchte und ein Lotterleben führte. Das war Anfang der siebziger Jahre und ein ungarischer Humorist, mit dem ich befreundet war stellte mich vor.
        Csurka war damals witzig und wir duzten uns bald. Dann traf ich ihn bei der Gründung des MDF in Lakitelek. Ich machte auch ein Interview mit ihm, das in einer ungarischsprachigen Zeitschrift in Kanada erschien.
        Wie aus einem leichtlebigen gar nicht schlechten Dramatiker – ich sah Házmestersirató im Vigszinház – ein humorloser nationalistischer Politiker wurde, das wäre ein Drama „Der siebte Sarg“ wert.

      • „Wie aus einem leichtlebigen gar nicht schlechten Dramatiker – ich sah Házmestersirató im Vigszinház – ein humorloser nationalistischer Politiker wurde, das wäre ein Drama “Der siebte Sarg” wert.“

        Dies ist einer der wenigen Momente, in denen ich Ihnen voll und ganz zustimme.

      • In meiner Jugendzeit begutachtete ich u. a. Hörspiele und Schauspiele für den Ungarischen Rundfunk. Die Aufführung dieser abgedroschenen Idee mit der Zeitmaschine – vom fanatischen Judenhass des Autors abgesehen – hätte ich damals nicht empfohlen. Bin gespannt auf „Den Kampf der Schriftstellerverbände“.

      • Wie wäre, Herr Pfeifer,Csurka geprägt worden, wenn der Komiker ihm jemand anderes vorgestellt und Sie sich nicht mit ihm geduzt hätten?

        Meinen Sie, er wäre in jedem Fall zum Antisemiten gereift?

        Prägung ist ein Begriff aus der Verhaltensforschung. Gemeint ist damit ein sich schnell und nur während einer so genannten sensiblen Phase vollziehender Lernvorgang mit häufig unumkehrbarem Ergebnis. Fehlt in der sensiblen Phase das Prägungsobjekt, dann fällt der Lernvorgang aus oder es kommt zur Fehlprägung auf ein Ersatzobjekt.

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