FAZ: „Victor Orbán in Berlin: Der Mann mit dem Zweidrittelhammer“

Stephan Löwenstein, der neuerdings für die Ungarn-Berichte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verantwortlich zeichnet, hat gemeinsam mit Majid Sattar einen Beitrag mit dem Titel „Victor Orbán in Berlin: Der Mann mit dem Zweidrittelhammer“ verfasst.

Es dürfte spätestens nach diesem (dritten) Beitrag aus Löwensteins Feder (über die beiden vorangegangenen wurde hier und hier berichtet) deutlich geworden sein, dass sich die FAZ für eine Neuausrichtung der Ungarn-Berichterstattung entschieden hat. Die zumeist nur verhalten kritischen, mitunter sogar für Verständnis werbenden Beiträge von Reinhalt Olt und Georg Hefty sind – zur Freude der Orbán-Kritiker, denen diese „Exoten“ im Mainstream hüben wie drüben die Zornesröte ins Gesicht trieben – passé.

Die Neuausrichtung zeigt sich bereits in der Überschrift: „Der Mann mit dem Zweidrittelhammer“ ist eine Hauruckaussage, die man sonst eher aus dem Standard oder der Süddeutschen Zeitung gewohnt war. Bereits hier soll Orbán in eine undemokratische, seine Mehrheit missbrauchende Ecke gestellt werden.

Dass ein Qualitätsblatt wie die FAZ es nicht fertigt bringt, den Namen des ungarischen Ministerpräsidenten korrekt zu schreiben, spricht zwar nicht für die tiefere Kenntnis der Akteure, ist aber im Hinblick auf den sonstigen Inhalt des Beitrages bedeutungslos und nur eine kurze Fußnote wert: Victor oder auch Viktor, wichtig ist, dass numehr auch in der FAZ Gleichlauf mit der orbánkritischen Presse – überwiegend in Wien ansässig – hergestellt ist. Wie gesagt: Zur Freude derer, die Hefty und Olt -wegen ihrer mitunter offen demonstrierten Zustimmung zu manch politischem Manöver der aktuellen Regierung – in Bausch und Bogen verdammt hatten.

Aufhänger für den Beitrag ist „Victors“ Besuch in Berlin bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch darum geht es letztlich nicht, bemerkenswerter Weise ist im Beitrag kein Wort zur Frage der Euro-Einführung in Ungarn sowie der Position Orbáns hierzu zu lesen – das Handelsblatt berichtete insoweit ausführlich. Dominierend ist Orbáns Auftritt im Rahmen der Enthüllung einer sog. „Turul-Statue“ im Ort Ópusztaszer, einer Art Gedenkstätte des Ungarntums. Jener Turul ist ein mythisches Fabelwesen, quasi eine Kreuzung zwischen Adler und Falke, die in der – zugegeben heidnischen – Mythologie um die Volkwerdung der Ungarn eine Rolle spielt: Eben dieser Turul soll die Urmutter der Ungarn, Emese, im Traum geschwängert und so die Ungarn geschaffen haben. Mythologie eben.

Doch zurück zum hier und heute, nach Ópusztaszer: Orbán hielt dort eine für deutsche Verhältnisse überhöht pathetische und von Nationalgefühl und Bezugnahmen zur Mythologie nur so strotzende Rede, der man zustimmen mag oder auch nicht, die man ernst nehmen kann oder auch nicht – ich selbst finde darin wenig Verständliches und noch weniger Greifbares. Die Antifaschisten in den Redaktionen – insbesondere beim Standard – freilich denken, spätestens mit dieser Rede Orbán definitiv der völkischen Umtriebe, des Blut-und-Boden-Gedankenguts und (auch wenn man es nicht so gerne offen ausspricht) des Rassismus überführt zu haben. Aussagen wie „Der Turul ist das Urbild der Ungarn“ sowie die Rede davon, dass jeder Ungarn „dort hineingeboren werde“, kann man mit entsprechend bösem Willen oder auch ängstlichem Gemüt durchaus als Aussagen völkischer Politik auslegen. Grund hierfür ist, dass der Turul in den Jahren des autoritären Horthy-Regimes und der anschließenden Schreckensherrschaft der Pfeilkreuzler aktiv von Rechtsradikalen und Antisemiten verwendet wurde.

Die Frage ist freilich, ob die Auslegung des völkischen Blut-und-Boden-Gedankengutes (im westlichen Verständnis) zwingend ist, woran wiederum zu zweifeln sein dürfte. Betrachtet man allgemein das Thema „Nation“ und den Bezug der politischen Rechten in Mittelosteuropa hierzu, so ist dem angesehenen Historiker Krisztián Ungváry nämlich darin zuzustimmen, dass man das heutige westeuropäische, insbesondere das deutsche Verhältnis zur Nation nicht ohne weiteres auf Mittel- und Osteuropa übertragen kann. Wie Ungváry sinngemäß anmerkt, wäre vieles, was dort noch „normal“ ist und nach meiner Auffassung bestenfalls linken und linksliberal eingestellten Menschen das Blut in den Kopf schießen lässt, sofort, aber zu Unrecht im Verdacht, böser Nationalismus zu sein. Sieht man also die Rede Orbáns gelassener, bleibt es zwar dabei, dass sie wenig Greifbares enthält und ggf. sogar verstört, sie jedoch aus dem Kontext „Mythologie“ und „Ópusztaszer“ heraus zu reißen und in die Tagespolitik zu transferieren, dürfte voreilig sein.

Dass die FAZ diesen Aufhänger verwenden (muss), um aktuell Belastendes zu Tage zu fördern, ist letztlich sogar ein wenig beruhigend. Wer keinen vollen Kühlschrank hat, muss sich eben aus den Resten der Speis´ bedienen. Dabei gäbe es genügend diskussionswürdige Themen, handfeste juristische Fragen zum Teil. Substantiiert Kritisches (etwa die Wählerregistrierung) wird allerdings erst am Ende des Beitrages, sozusagen en passant, erwähnt.

Immerhin sind Löwenstein und sein Co-Autor bereit zu erwähnen, dass das offizielle Ungarn stets betont hat, die Grenzen zu den Nachbarländern zu respektieren, wenn auch rechtsextreme Kreise offen mit dem Gedanken der Revision spielen – und dabei letztlich denjenigen, deren Interessen sie wahrzunehmen behaupten, mehr schaden als nutzen. Findet man dann hin und wieder einen versprengten Fidesz-Abgeordneten, der über die Grenzrevision fabuliert, wird das unmittelbar Orbán angelastet, egal wie oft die Regierung und die Mehrheiten in der Partei betonen, dass so etwas Ansichten Einzelner sind. Fidesz ist eben doch nicht so homogen wie viele, die die Partei zu einem Führerstaat stilisieren wollen, glauben. In solchen Fällen muss es eben, wie jetzt, die Bezugnahme auf den Turul richten, der angeblich über Großungarn schwebt.

Dank Löwenstein und seinem Kollegen wissen wir nun immerhin, dass nicht nur linke Kreise – die an den nach Westeuropa gelangenden Schreckensmeldungen von vermeintlicher Pressezensur, Zwangsarbeit und alltäglichem Antisemitismus nicht ganz unschuldig und schon gar nicht unbeteiligt sind (man betrachte nur die grauenhaft schlecht recherchierte und von Einseitigkeit strotzende ORF-Reportage „Nationale Träume – Ungarns Abschied von Europa?“ von vergangener Woche), sondern auch konservative den ungarischen Regierungschef „vorsichtig-distanziert“ betrachten. Voilà: Rudolf Ungváry, einer der größten Kritiker Orbáns und Hauptakteur in dem soeben genannten ORF-Beitrag, der schon mit so sachlichen Aussagen wie „Alle, die mich aus der Nation ausstoßen wollen, sollen zu ihrer Hurenmutter gehen“ auffiel, hat also doch Recht. Er selbst ist ja seit letzter Woche ebenfalls im Herzen „rechtskonservativ“, gleichwohl lehnt er Orbán in Bausch und Bogen ab. Nun, dann bin ich linksliberal, kann mich aber gleichwohl mit der SZDSZ und ihren Dunstkreis, der sich von Rudolf Ungváry über Ágnes Heller, György Konrád bis zu Paul Lendvai zieht, ebenfalls nicht ohne wenn und aber anfreunden.

Auch die angeblich „noch nicht beseitigten“ Bedenken hinsichtlich der ungarischen Verfassung spricht Löwenstein an – ohne freilich auf sie einzugehen. Vielleicht sollte man, nach dem Verhallen des Kanonendonners (einschließlich vieler Blindgänger!) um die neue Verfassung, jetzt die Fachleute darüber diskutieren lassen. Es gibt kritische Punkte, indes wimmelt es nicht von ihnen. Und auch das so fürchterlich scheinende Mediengesetz ist sogar laut Paul Lendvai nicht so tragisch: Schlimm sei nur das System Orbán, das es anwende. Soso, ich verstehe.

Zutreffend im Beitrag ist die kritische Passage zur Wählerregistrierung – sie dient offenkundig vorwiegend dem Zweck, Spontanwähler von den Urnen fern zu halten. Bei dem riesigen Ausmaß politisch Unentschlossener und derer, die sich zum Lager der Nichtwähler zählen (auch dank der Politik der heutigen Regierung), ist diese Maßnahme in der Tat in Bausch und Bogen kritikwürdig. Und was die Wirtschaftspolitik Orbáns betrifft, wäre weniger Sprunghaftigkeit und mehr Rücksichtnahme auf die Interessen von Investoren gefragt – wenn auch letzteres nicht um jeden Preis. Berechenbarkeit ist hier das Zauberwort.

Es stünde Löwenstein gut zu Gesicht, das Getöse der Opposition als solches zu erkennen und sich wichtigen Themen der ungarischen Politik zuzuwenden. Der Versuch, Fidesz mit Jobbik in eine Ecke zu drägnen – wozu auch das Gerede von der völkischen Politik zählt – ist letztlich Strategie der Ungarischen Sozialistischen Partei, die mit der faschistischen Jobbik ausdrücklich weniger Probleme hat als mit Fidesz. Verwunderlich, aber nachlesbar hier.

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9 Kommentare zu “FAZ: „Victor Orbán in Berlin: Der Mann mit dem Zweidrittelhammer“

  1. War zufällig jemand zugegen, als Orbán bei der KAS eingeladen war. In deren Zusammenfassung des Besuches (http://www.kas.de/ungarn/de/publications/32371/) findet sich der Satz „In Ungarn finde derzeit jedoch der moderne Aufbau einer Nation statt, in der fundamental wichtige Fragen diskutiert würden. Dieser Stil sei bislang nicht gängige Politikpraxis aber ein ehrlicher Versuch, Antworten zu finden.“ und da dieser eher passiv formuliert ist, würde mich schon der genauere Wortlaut dieser Ausführungen in Orbáns Statement interessieren..

    • Ich war nicht da aber habe die ungarischen Berichte gelesen.

      Nicht moderner Aufbau einer Nation, sondern Aufbau einer modernen Nation (ein Schlüsselwort, zur Bedeutung siehe György Schöpflins gleichnamiges Buch bzw Aufsatz „Die moderne Nation“, ich glaube im Original auf Englisch.)

      Orbán spricht da von vier Säulen, die allerdings grösstenteils Wunschdenken bleiben – Wettbewerbsfähigkeit, positive Geburtenrate, Senkung der Staatsschulden und Mobilisierung der ungarischen Diaspora.

      Vielleicht interessanter waren seine Ausführungen dazu, dass die Kirtik an Ungarn weniger mit Ungarn als damit zu tun hat, dass Ungarn Themen anspricht, die für Europas Zukunft zentral sind – und daher leidenschaftliche Reaktionen in Europa auslöst, weil Ungarn unbequeme Wahrheiten anspreche und unabhängige Lösungen versuche.

      http://www.nepszava.hu/articles/article.php?id=591940&referer_id=friss

  2. „Aussagen wie “Der Turul ist das Urbild der Ungarn” sowie die Rede davon, dass jeder Ungarn “dort hineingeboren werde”, kann man mit entsprechend bösem Willen oder auch ängstlichem Gemüt durchaus als Aussagen völkischer Politik auslegen.“

    Bösen Willen habe ich, meine ich, nicht. Ängstliches Gemüt? Wüsste nicht, warum. Und dennoch denke ich, dass die Aussagen völkischer Natur sind. Denn es war ja nun einmal völkisches Gedankengut, dass die Zugehörigkeit zur ungarischen Nation von der Abstammung abhängig machte. Juhász Gyula beschreibt ja in seinem Buch „Uralkodó eszmék Magyarországon 1939-1944“ (Bp. 1983) die unterschiedlichen völkischen Gruppen und Grüppchen, die sich damals darum wetteiferten, wer der echte und der noch echtere Ungar sei (törzsökös magyarok, sárkányok usw.). Dabei ging es ja letztlich und im Kern darum, dass man ins Ungarntum hineingeboren werden bzw. sein müsse. Intelligenter und feinsinniger drückte das László Németh mit seinem Begriffspaar „mély- és hígmagyarok“ aus (vgl. hierzu: Dénes Iván Zoltán: Eltorzult magyar alkat. Bibò István vitája Németh Lászlóval és Szekfü Gyulával. Bp. 1999). Dabei ging es immer um die Ausgrenzung jener, die „später kamen“, die kein „ungarisches Blut“ hatten und haben konnten, weil sie nicht hineingeboren oder zu Árpáds Zeiten die Blutbande geschlossen hatten, also um den Ausschluss der nichtmagyarischen Minderheiten (= Deutschen) und insbesondere der Juden. (Zum Ausschluss der Deutschen durchs ungarische völkische Denken kann ich gerne den von HV (und auch von mir, persönlich) geschätzten Krisztián Ungváry zitieren. Wenn gewünscht).

    Also, summa summarum: Orbáns Rede enthielt zweifellos Elemente völkischer Gesinnung, die ihre Ursprünge in den 30er Jahren haben. Das zu leugnen, lieber HV, schießt übers Ziel hinaus.

    • Lieber galut,
      schön, dass Sie sich mal wieder zu Wort melden. Ich nehme Ihren Einwand ernst, gerade weil Sie offensichtlich mehr von Geschichte verstehen als ich. Die großen, bekannten Historiker aus meiner Familie (deren Werke gar Paul Lendvai in „Die Ungarn“ zitierte) sind leider schon allesamt tot, weshalb ich nur mit meinem Laienverständnis argumentieren kann. Ich möchte meine Gedanken daher als Fragen formulieren und würde mich über eine Antwort (auch anderer Leser) freuen:

      1. Ich leugne gar nicht, lieber galut. Und ich weiß, dass diese unschöne Auslegung von Orbáns Rede möglich ist. Das macht die Rede zwiespältig, missverständlich, ein Politiker muss das wissen. Mir geht es aber darum: Ist die „völkische“ Auslegung wirklich zwingend, d.h. die einzig Mögliche? Ist nicht auch eine Auslegung möglich, nach der mit dem (von Orbán in Beschlag genommenen) Turul die ungarische Kulturnation, die sich aus gemeinsamer Geschichte und Sprache zusammensetzt, gemeint hat? In der auch Juden und andere Minderheiten enthalten sind?
      Konkret: Gehen wir doch für einen Augenblick davon aus, dass der Turul das Wappentier der Árpádendynastie war, und der Staatsgründer Hl. Stephan (ein Árpáde) selbst es war, der eine Nation, die nicht „unterschiedliches Blut“ in sich vereint, für schwach hielt. Ergo trat er für einen Vielvölkerstaat ein (und war damit ein wahrer Europäer seiner Zeit…). Kann sein Wappenvogel, der Turul, vor diesem Hintergrund nicht auch anders gesehen werden als das „Blut-und-Boden-Viech“ der „Mélymagyarok“? Die Rechtsradikalen bemächtigten sich des Turul, wohl auch weil er die Árpáden verkörpert – die viele Ungarn als die „einzig wahren“ ungarischen Herrscher betrachteten, daher seine Eignung als „echtes magyarisches Symbol“. Das Symbol des Hauses Anjou eignet sich da wohl weniger…

      Müssen die Anhänger des Turul-Bundes die Árpáden dabei aber wirklich richtig verstanden haben? Ich denke, dass sich die meisten der heutigen Rechtsradikalen, von denen wohl alle St. István verehren, keine Ahnung davon haben, was er dachte.

      2. Nun zur Integraion einzelner Minderheiten, nehmen wir die Juden. Bis vor Horthy, denke ich, fühlten sich doch gerade die Juden als integrativer Teil der ungarischen Nation. Zu Recht, wie ich finde. Sie waren assimiliert, kämpften 1848/49 für die Nation, finanzierten sie mit usw. Die Tragödie des ungarischen Judentums und letztlich auch des nichtjüdischen Teils der ungarischen Nation lag doch gerade darin, dass die Nichtjuden sich anmaßten, einen Teil der Nation aus dieser auszustoßen, wenn man so will, die Nation Stephan´scher Prägung aufs Gröbste verrieten. Ist es nicht möglich, sich – bei aller Vorsicht vor der Symbolik – aus dem Kontext des „nur“-antisemitischen und rassistischen Verständnisses, der Turul-Studenten etc. heraus zu lösen? Ich gebe zu, das Symbol ist in diesem Punkt unglücklich, weil es missbraucht wurde. Mir geht es nur um die vermeintliche Eindeutigkeit.

      Kann man nicht – mit etwas Phantasie und weg von Horthy – der Meinung sein, dass die Aussage von allen „in das Urbild des Turul“ hineingeborenen Ungarn weiter geht, als die „reinrassigen“ Ungarn, die es m.E. in Anbetracht der Wanderungsbewegungen in Mittelosteuropa nur noch in wirren Köpfen rechtsradikaler Gesellen gibt? Ein „mélymagyar“ dürfte vor diesem Hintergrund nämlich so schwer zu finden sein wie ein ehrlicher Mensch. 🙂

      Um es abzuschließen: Ich weiß nicht, was Orbán uns sagen wollte. Die Furcht vor dem Turul, der mich von Tatabánya herabgrüßt und meine Vorfreude auf die Hauptstadt steigert, wenn ich gen Budapest fahre, ist meines Erachtens überzogen. Oder sollen wir das Tier der Jobbik, d.h. den geistigen Nachfahren des Turul-Bundes, weiter überlassen?

      • Historisch hat Orbán recht. Der Turul ist der Mythos auf den sich die vormittelalterliche magyarische Stammesgesellschaft bezog, und die fusste (siehe Gyula Krisztó/Ferenc Makk „Az Arpádok“) auf Blutsverwandschaft (Klan, Stamm) und Stammesgebiet. Also Blut und Boden, wenn man so will, nur eben im Jahr ca 945 nicht 1945.

        Diese Grundordnung wurde von jener feudalen, also nicht das gemeinsame „Blut“ des „Volkes“ betonenden, damit europäischen, nur mit fremder dh deutscher Hilfe erzwungenen Ordnung ersetzt, die István I. durchsetzte. Das ist die historische Wurzel des Staates Ungarn, die Orbáns neue Verfassung feiert.

        Nun auch noch die Zeit vor István als zweiten Gründungsmythos wiederzubeleben, ist einerseits nachvollziehbar, es entspricht der immer noch mitschwingenden doppelten Identität vieler Ungarn. Und natürlich soll es Jobbik das Wasser abgraben. Selbst in der Kunst, etwa im Musical István Király, konnten es die Schaffer des Werkes nicht übers Herz bringen, den Sieg des von Deutschen etablierten István gegen die durchweg magyarischen Heiden seines Herausforderers Koppány als Triumph zu zelebrieren – sondern nur als etwas, das für Ungarn lebensnötig war, und für das man Opfer bringen musste, aber letztlich – so die Botschaft – sind beide Seiten Teile des Ganzen.

        Ich halte es aber für eine schlechte Idee, einerseits die Kirchen stärken zu wollen, was ja ins konservative Credo ganz gut hineinpasst, und andererseits dies mit einem Neo-Paganismus zu konterkarieren. Und: Kaum ein Volk ist gemischter als die heutigen Ungarn, als Basis der „modernen Nation“ taugt der Turul also kaum.

        Wenn man schon Jobbiks Symbole enteignen möchte, dann bitte so wie Staaspräsident Áder: Indem man klarstellt, dass die Stefanskrone laut Testament des Staatsgründers dafür steht, dass das Reich umso stärker ist, je mehr Völker darin leben. Ungarns Genie lebt nicht zuletzt auch von deutschen und jüdischen Einflüssen.

  3. Ziemlich langer Kommentar für einen gar nicht so langen FAZ-Artikel. HV, Sie scheinen von der FAZ schwer enttäuscht zu sein. Ich muss sagen, dass ich den Artikel gar nicht so schlecht finde. Er macht deutlich, was viele Ungarn-Beobachter empfinden: man fremdelt einfach mit Orbáns Politik, seinen nationalistischen Gesten, aber auch mit dem ruppigen Stil der ungarischen Innenpolitik im Allgemeinen; man fremdelt, selbst wenn man Land und Leuten gegenüber eine gewisse Grundsympathie entgegen bringt.

    • Enttäuschung ist das falsche Wort. Ich finde es nur bezeichnend, dass Pfeifer u. Co. plötzlich voll des Lobes für die FAZ sind. Von deren Grundsympathie spüre ich kaum etwas. Im übrigen war meine Kritik inhaltlich.

  4. Lieber HV,

    Ihr Gesprächsangebot nehme ich gerne an, geht es hier doch um meine wichtigsten Interessens- und Forschungsgebiete.

    ad 1) Ich zitiere Ihren Einwand: „Gehen wir doch für einen Augenblick davon aus, dass der Turul das Wappentier der Árpádendynastie war, und der Staatsgründer Hl. Stephan (ein Árpáde) selbst es war, der eine Nation, die nicht “unterschiedliches Blut” in sich vereint, für schwach hielt. Ergo trat er für einen Vielvölkerstaat ein (und war damit ein wahrer Europäer seiner Zeit…). Kann sein Wappenvogel, der Turul, vor diesem Hintergrund nicht auch anders gesehen werden als das “Blut-und-Boden-Viech” der “Mélymagyarok”?“

    Ich glaube, dass hier der wichtigste Begriff, worauf es ankommt, von Ihnen nur beiläufig genannt wird, obwohl er groß geschrieben werden müsste: Nation. Wir reden heute von einer Nation und verbinden damit eine Reihe von Assoziationen. Der Hl. Stephan jedoch meinte damals nicht unser heutiges Nationsverständnis (logischerweise), sondern sprach von der Bevölkerung eines Landes, die er vielfältig und vielsprachig haben wollte. Der heutige Nationsbegriff des 21. Jhs. bezieht sich aber auf gemeinsame politische Werte und Vorstellungen eines citoyen – und grenzt sich damit bewusst von der kulturellen Abstammung ab. Bewusst auch vor dem Hintergrund der Ausgrenzungen, die etwa durch die „Mélymagyarok“ vorgenommen wurden.
    Und wenn nun Orbán dennoch davon spricht, bzw. seinem Redenschreiber eine Rede abnimmt / oder diesen Schreiber eine Rede schreiben lässt, in der er davon spricht, dass man in das Ungarntum hineingeboren werde und wenn Orbán in seiner Rede das „wir“ dermaßen übertrieben betont wie er es tat („mi …. gyöztünk … mi vesztettük “ stb., vgl. Aufnahme der Rede), dann liegt es doch nahe, hier nach einem Gegenpart zu suchen, der in dieses „wir“ nicht eingeschlossen ist. Das ist für mich eindeutig eine sich abgrenzende Rede. Er hat nicht gesagt, von wem, er sich abgrenzen will, das stimmt. Aber letztlich ist das ja fast egal, denn sobald dieses „wir“ kein inklusives Wir ist, ist es ein ausgrenzendes, und das ist es, was schade ist.

    ad 2.) Ich zitiere: „Ist es nicht möglich, sich – bei aller Vorsicht vor der Symbolik – aus dem Kontext des “nur”-antisemitischen und rassistischen Verständnisses, der Turul-Studenten etc. heraus zu lösen? Ich gebe zu, das Symbol ist in diesem Punkt unglücklich, weil es missbraucht wurde. Mir geht es nur um die vermeintliche Eindeutigkeit. “

    Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie darauf hinaus, den Turulvogel nicht ausschließlich als ein antisemitisches und rassistisches Symbol zu verstehen. Dass dies theoretisch möglich ist, steht außer Frage, denn er scheint ein mittelalterliches Symbol zu sein. Nur ist es nun einmal schwer, davon wegzusehen, dass im 19. Jh. er es war, der an den vier Ecken des Landes als Zeichen und in Zeiten (vermeintlicher) ungarischer Suprematie und Nationsbildung aufgestellt wurde, dass er es war, den sich die Rassenschützler und Revisionisten zu ihrem magischen Tier und Symbol gewählt haben und dass er es war, der nach 1940 etwa in Siebenbürgen bei der Einweihung von Statuen bzw. von Landesfahnen (országzászló-avatások: vgl. József Álmos: Országzászló-avatások Háromszéken, Sepsiszentgyörgy 2006) mit auf Denkmäler kam. Es ist also so einfach nicht, all das auszublenden, wofür der Vogel benutzt wurde. weshalb sich die meines Erachtens gerechtfertigte Frage stellt, warum denn Orbán gerade bei der Einweihung dieses Denkmals dabei sein musste und gerade bei diesem Denkmal so eine merk-würdige und mehrdeutige Rede halten musste. Können das Zufälle sein?

    lieber HV, ich schätze Sie und den Blog, weil Sie so unermüdlich geduldig versuchen, zu einem differenzierten Bild bzgl. Ungarn beizutragen. Ich glaube allerdings auch, dass Sie bezüglich dieser Rede in einer ziemlich ungemütlichen Situation sich befinden. Dies zeigt für mich alleine schon Ihre Ausdrucksweise: und zwar die vielen „kann man nicht vielleicht“ und „mit etwas Phantasie“… Dabei ist doch klar: mit Phantasie kann man vieles, doch eine nüchterne Analyse braucht nicht Phantasie, sondern die Fähigkeit, das Gesagte mit dem Gemeintem zu verbinden und es auszudrücken. Und hierbei wiederum, so denke ich, ist die Orbán-Rede doch ziemlich klar.

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