Gáspár Miklós Tamás bei DRadio: Bitte um Solidarität

Der ehemalige ungarische Dissident Gáspár Miklós Tamás (ungarisch „TGM“) war aus Anlass des Deutschlandbesuches des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu Gast bei Deutschlandradio.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1889685/

TGM, der nach seiner aktiven Rolle als Dissident und politischen Tätigkeit beim linksliberalen Bund Freier Demokraten (SZDSZ) zeitweise auch konservative Standpunkte vertrat und aktuell wieder dem marxistisch-sozialistischen Lager zuneigt und im wesentlichen Kapitalismuskritik übt, bezeichnet die Lage in Ungarn als „potenziell gefährlich“. Er bittet im Namen der „demokratischen Opposition“ um Solidarität, diese in Form von „Veranstaltungen, Artikeln in der Presse und Programm im Rundfunk und so weiter“. Maßnahmen also, die der ungarischen Opposition also ohnehin schon umfangreich zu Teil werden: Betrachtet man etwa den Beitrag von Stephan Ozsváth beim WDR und den ORF-Film „Nationale Träume“ von Paul Lendvai und Andrea Morgenthaler, scheint an der angriffslustigen „Solidarität“ mit der ungarischen Opposition kaum ein Zweifel zu bestehen. Was feht, ist eher das Augenmaß.

Bis heute genießen Persönlichkeiten wie TGM, die – ebenso wie die Philosophin Ágnes Heller und die Schriftsteller György Konrád und György Dalos – Teile der demokratischen Opposition der Kádár-Zeit waren, bis heute grenzenloses Vertrauen bei westlichen Medienmachern. Was sie sagen, gilt als moralisch integrer Appell. Die Frage, ob diese Persönlichkeiten, die zweifellos wichtige Beiträge im Demokratisierungsprozess geleistet haben, auch heute noch unbefangen sind, stellt sich nie. Und das trotz der Tatsache, dass sie sich regelmäßig nur gegen vermeintlich rechte Umtriebe zu Wort meldeten, aber in ihrer Mehrheit (ausgenommen TGM) vornehm schwiegen, wenn sich Fehlentwicklungen in Sozialliberalen Zeiten ergaben. Dabei sind durchaus Unterschiede zwischen dem vom Ansatz her zweifellos mit dem linken und liberalen Lager sympathisierenden Dalos, der als einer der wenigen ehemaligen Dissidenten für einen Dialog wirbt, aber die Verantwortung für die heutige Spaltung der Gesellschaft allzu undifferenziert Fidesz zuschiebt, und Konrád, der – ohne jede aktuelle demokratische Legitimation – offen zum Sturz von Vikor Orbán (eines „schlechten Menschen“) aufrief.

Das Interview György Dalos´ in der WELT wurde sogar – bemerkenswerter Weise höchst einseitig – gekürzt und somit in Teilen sinnverfälschend abgedruckt. Auch die Passage, in der Dalos zum Dialog aufruft, wurde von der Redaktion gestrichen. Hier die Originalfassung.

Auch Viktor Orbán war – wie einige seiner Fidesz-Mitstreiter – Mitglied der demokratischen Opposition und forderte als Student öffentlich den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn – ihm wird dieser grenzenlose Vertrauesvorschuss jedoch nicht.

Dass die Interviewerin davon spricht, dass kleinen Parteien der Einzug ins Parlament erschwert wurde, ist ebenso undifferenziert (vgl. den Beitrag hier) wie die Behauptung, der Presse sei „die Freiheit genommen“, schlicht falsch ist.

Bemerkenswert ist, dass TGM die heutigen Machthaber als „militante Minderheit“ bezeichnet, wo doch die Regierung sich auf immerin 2/3 der Sitze im Parlament stützt.

9 Kommentare zu “Gáspár Miklós Tamás bei DRadio: Bitte um Solidarität

      • Ist denn irgend eine Art von Gleichgültigkeit gegenüber der ungarischen Opposition heute ein Problem? Wäre mir nämlich völlig neu. Schützenhilfeversuche gibt es doch in Hülle und Fülle…

      • Es hört sich sonst einfach seltsam an: TGM bittet um Mitleid. Für Mitleid kann sich die ungarische Opposition nichts kaufen. Was TGM meinte, dürfte also Empathie, Interesse gewesen sein. Er ist vom D-Radio gefragt worden, was das Ausland tun könne. Was hätte er anderes sagen sollen? Ob es nicht schon genug Aufmerksamkeit für die ungarische Opposition in den deutschsprachigen Medien gibt, ist sicherlich eine Frage des eigenen politischen Standpunkts.

        Man könnte den Gedanken natürlich weiterspinnen: Im nationalen Lager in Ungarn werden die Auslandskontakte der ungarischen Opposition sicherlich mit Argwohn verfolgt. Mehr Zuwendung des Auslands zum politischen Gegner könnte insofern zur Verhärtung der Fronten beitragen. Bei den Demonstrationen unter dem Motto „Wir werden keine Kolonie sein“ hat man diesen Effekt sehen können. Der innenpolitische Gegner (der ohnehin als „fremdherzig“ abgeschrieben wird) und das „Ausland“ verschmolzen in der Wahrnehmung der ungarischen Rechten, die so mal wieder einen ihrer historischen Lieblingstopoi („Wir allein gegen eine Welt von Feinden“) bedienen konnte.

      • Na bitte, da hab ich wohl ins Schwarze getroffen. In einem Interview mit Magyar Nemzet forderte der Fidesz-Politiker János Lázár vor den nächsten Parlamentswahlen Aufklärung darüber, welche ausländischen Kräfte die Oppositionsparteien finanzieren:

        „A Miniszterelnökséget vezető államtitkár a Magyar Nemzetnek adott interjújában úgy fogalmazott: a következő választások előtt – parlamenti keretek között – ki kell vizsgálni, hogy milyen külföldi erők finanszírozzák az ellenzéki pártokat.“

        Quelle: http://mno.hu/magyar_nemzet_belfoldi_hirei/hallgatni-sokkal-nehezebb-1111241.

        Die unterschwellige Botschaft an das Wahlvolk ist klar: Die Opposition wird fremdgesteuert. Wie kann es auch anders sein? Wer zur Nation gehört, kann ja nicht gleichzeitig in Opposition zu ihr stehen. Da ist er wieder, dieser durchaus arrogante Alleinvertretungsanspruch der Fidesz-Partei. Diese Haltung hat neulich im ORF Rudolf Ungváry bereits erzürnt.

        Schade bloß, dass der Wortlaut der Lázár-Aussagen offenbar nur in der Printausgabe der o.g. Zeitung veröffentlicht wurde.

    • Ich finde es toll, dass Ungarnfreund zumindest den Versuch unternimmt und die Frage stellt, was Polit-Chamäleon und Philosophieprofessor h.c. TGM denn gemeint haben könnte, als er die Hörer des Deutschlandradios um ihr Mitleid bat..

      Ich versuche auch mal, ihn zu verstehen. Da fällt mir als erstes Schwester Dorothea ein, die mich in christlicher Lehre unterwies. Von Schwester Dorothea lernte ich nämlich:

      Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken.
      Der Erlöser ist gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

      Ich meine, Polit-Chamäleon und Philosophieprofessor h.c. TGM wendet sich jetzt nur deshalb an die Hörer des Deutschlandsradios, weil selbst der Erlöser das Interesse an ihm und den anderen Widerständlern verloren hat, weil Erlöser sich ja mitnichten um Selbstgerechte kümmern.

      Ziemlich grobe See für die taktischen Widerständler, die jetzt als Vaterlandsverräter auch noch den Stempel aufgedrückt bekommen, Fahnenflüchtige und Nestbeschmutzer zu sein.

      Aprpos taktische Widerständler, warum gibt es diese Seite nur in Englisch?

      http://www.abtl.hu/cimlap

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