Rassismusvorwürfe gegen Ungarns Botschafter in Norwegen

Harte Zeiten für Géza Jeszenszky, Ungarns Botschafter in Norwegen. Jeszenszky, der den Wendeprozess in Ungarn aktiv mitgestaltete, bereits im ersten frei gewählten Kabinett von Ministerpräsident József Antall nach der Wende das Amt des Außenministers bekleidete und später (1998-2002) Botschafter in Washington war, sieht sich derzeit heftiger Kritik wegen eines von ihm verfassten Beitrages ausgesetzt. Der Vorwurf könnte härter nicht sein: Rassismus und Antiziganismus.

Hintergrund der von oppositionellen Medien bereits als „Jeszenszky-Affäre“ bezeichneten Angelegenheit sind Äußerungen des Botschafters in einer Publikation zur Minderheitenthematik. Jeszenszky hatte, in seiner Rolle als Privatdozent der Budapester Corvinus Universität, in einem von ihm publizierten Aufsatz mit dem Titel „Minorities in Hungary – The issue of the Roma (Gypsies). Minority Self-government“ folgende Aussage getroffen:

The reason why many Roma are metally ill is because in Roma culture it is permitted for sisters and brothers or cousins to marry each other or just to have sexual intercourse with each other.

(„Der Grund dafür, dass viele Roma geistig krank sind, liegt darin, dass es die Roma-Kultur zulässt, dass Geschwister oder Cousins/Cousinen heiraten oder auch nur Geschlechtsverkehr miteinander haben„).

Harte Worte, die unmittelbar den Vorwurf des Rassismus nach sich zogen. Jeszenszky verteidigte sich damit, dass die Aussage wortwörtlich aus einem medizinischen Fachbuch stamme. Die Corvinus-Universität distanzierte sich von dem Beitrag – laut Jeszenszky, ohne ihn vorher angehört zu haben.

Die grün-alternative Oppositionspartei LMP und die Gyurcsány-Formation DK forderten postwendend Jeszenszky Abberufung als Botschafter, dieser wurde sogar von einer Konferenz zu Ehren des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der als Judenretter in der Zeit des ungarischen Nationalsozialismus agierte, ausgeladen. Als einer der Mitorganisatoren.

Er bezeichnete die Kritik an seiner Person als politisch motiviert und lehnte einen Rücktritt ab. In der Fernsehsendung „Közbeszéd“ (Duna tv) vom 31.10.2012 nahm er zu den Vorwürfen Stellung. In einem weiteren Interview im oppositionellen Sender ATV („Egyenes Beszéd„) betonte er, er bitte alle, die sich von seien Worten verletzt fühlten, um Verzeihung.

Überraschende Rückendeckung erhält der Gescholtene – worüber in der deutschsprachigen Presse kein Wort zu lesen ist – aus den USA.  Zu den Unterstützern gehört der heftige Orbán-Kritiker und Berater der US-Regierung Charles Gati (Professor an der Johns Hopkins Universität), der den Vorwurf gegenüber Jeszenszky für falsch hält und betont, seine Aussagen ließen unterschiedliche Interpretationen zu. Zu Gati gesellten sich der ehemalige ungarische Botschafter in Washington (2002-2007), András Simonyi, wie auch István Deák, emeriterter Professor der University of Columbia. In einem gemeinsam verfassten Brief heißt es unter anderem:

Die Unterzeichner, die Géza Jeszenszky seit Jahrzehnten kennen, halten den Vorwurf, er sei Rassist oder nähre Vorurteile gegen irgend eine Gruppe oder Minderheit, für nicht hinnehmbar.“ (…) „Im Gegenteil, als Dozent, Autor und Kollege hat er bewiesen, dass er sich der unvoreingenommenen wissenschaftlichen Forschung, der Völkerverständigung und dem Schutz von Minderheiten verpflichtet und ein Gegner extremistischer Denke und Ausgrenzung ist.

(„Alulírottak, akik Jeszenszky Gézát évtizedek óta ismerjük, elfogadhatatlannak tekintjük azt a vádat, hogy ő rasszista, vagyis bármely csoporttal, kisebbséggel szemben előítéleteket táplál”. „Ellenkezőleg, tanárként és szerzőként, vagyis kollégánkként bebizonyította, hogy ő az elfogulatlan tudományos vizsgálat, a nemzetközi megértés és a kisebbségek védelmének elkötelezettje, a szélsőséges gondolkodás és a kirekesztés ellenfele”)

Zugleich riefen die drei Verfasser die Corvinus-Universität auf, den Dozenten anzuhören und ihn zu den Vorwürfen Stellung nehmen zu lassen.

In einem weiteren Brief widersprechen18 amerikanisch-ungarische Intellektuelle den gegen Jeszenszky erhobenen Vorwürfen.

http://mno.hu/kulfold/nem-akarkik-allnak-ki-jeszenszky-mellett-1115134

http://index.hu/belfold/2012/10/26/jeszenszky_geza_szerint_a_romak_kozott_hazasodhatnak_a_testverek/

http://www.politics.hu/20121031/uproar-over-ambassadors-comments-on-roma/

http://www.politics.hu/20121105/hungarian-american-intellectuals-defend-ambassador-over-racism-charges/

http://www.nepszava.hu/articles/article.php?id=597619

http://hetivalasz.hu/itthon/a-heti-valasz-online-megszerezte-azt-a-levelet-amely-tanusitja-az-orban-kormany-nagy-biralojanak-kiallasat-a-nagykovet-mellett-56510/

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13 Kommentare zu “Rassismusvorwürfe gegen Ungarns Botschafter in Norwegen

  1. Ich kann mich erinnern, etwa 2006 eine äußerst warmherzige, positive und an die Adresse der Ungarn wie auch der konservativen Ungarn selbstkritische Rezension von Jeszenszky über ein monumentales Buch gelesen zu haben, das die Geschichte der Juden von Klausenburg episch breit dargestellt, nacherzählt und auch beweint hatte. Jeszenszky beschrieb darin auch die ungarische Verantwortung für den Holocaust, bezeichnete die jüdischen Ungarn als selbstverständlichen Teil der ungarischen Nation – alles Aussagen, die man ja in dem nationalkonservativen Lager Ungarns vielleicht nicht von jedem zu hören bekommt (so mein Eindruck). Von daher ist mir die ganze Geschichte von vornherein suspekt gewesen. Wenn Jeszenszky nun tatsächlich belegen kann, er habe sich auf ein „medizinisches Fachbuch“ bezogen, dann kann man ihm (muss man ihm?) ungeschickte Ausdrucksweise und Formulierung vorwerfen, aber doch keinen Rassismus.

    • Richtig! Rassismus kann man ihn nicht nennen.
      Wer eine solch prägnante Aussage trifft, ohne mit einer Fussnote auf das „zitierte medizinische Fachbuch“(?) zu verweisen, ist einfach nur geistig schwach.

  2. Wissen Sie, galut, mit dem Rassismus ist es so eine Sache. Man kann es gut meinen und trotzdem voller Vorurteile sein. Einige monieren, dass J. versäumt habe, darauf hinzuweisen, dass die Ursache für abweichendes Verhalten nicht die ethnische Zugehörigkeit, sondern die schlechte sozio-ökonomische Lage der Roma sei, also quasi die „Kultur der Armut“. Demnach müssten Nicht-Roma in der gleichen prekären Lage die gleichen Probleme haben.

    Ob das wirklich mal wissenschaftlich untersucht wurde oder überhaupt untersucht werden kann oder sollte, weiß ich nicht. Andere sagen übrigens, J. liege mit seiner Inzest-Behauptung völlig daneben, weil es sich dabei um ein absolutes Tabu in der Roma-Kultur handele. Wem soll man jetzt als unbedarfter Zeitungsleser mehr Glauben schenken? Fakt ist, dass J. diese und ähnliche Fragen in seinem Buch offenbar nicht wirklich reflektiert hat.

    Die Auszüge, die man im Internet finden kann, lassen zudem nicht vermuten, dass er einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verwendet hat. Auf das bloße Zitieren (ohne Fußnote und Anführungszeichen?) kann er sich meines Erachtens nicht berufen. Ein Wissenschaftler trägt auf jeden Fall die Verantwortung für die AUSWAHL der von ihm verwendeten Zitate.

    Trotz allem finde ich es falsch, aufgrund eines einzigen misslungenen, falschen oder von mir aus auch vor Rassismus triefenden Zitats den Rücktritt eines Botschafters oder sonstigen Funktionsträgers zu verlangen. Man muss schon die ganze Persönlichkeit würdigen und den Umgang mit der Kritik einbeziehen. J. hat sich entschuldigt, falls er jemanden verletzt haben sollte. Das muss man ihm jetzt einfach mal glauben.

  3. *absolutes Tabu in der Roma-Kultur handele*
    Soll ich das so verstehen, dass es also in der Roma-Kultur total tabu ist, dass
    die nächsten mänlichen Familienangöhrigen das Kind „benutzen“?
    Ich frag nur zur Sicherheit.
    Wenn es so gemeint sein sollte,dann kann ich nur sagen:weiterträumen.
    Was meinen Sie, wie viele Kinder mit denen so umgesprungen wurde in Heimen untergebracht sind?
    und das ist keine Diffamierung, sondern Tatsache.War doch bis vor kurzem ein genau solches Heim hier im Nachbarort.

    • Turó Rudi, ich kann die zitierte Aussage über die „Roma-Kultur“ selbst nicht belegen. Weder bin ich selber Roma noch habe ich mich vertieft mit soziologischen Forschungen zu diesem Thema befasst. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass dieses Argument vorgetragen wird und bedacht werden sollte. Hier ist das ganze Zitat:

      „While it is true that Roma culture centers on the role and maintenance of family ties, this does not involve relationships such as those described by Jeszenszky within the family unit. Throughout Europe (and indeed the rest of the world) Roma heavily research family genealogy to ensure there is no relationship between prospective sexual partners or marriage candidates. Relationships with close family members are strictly taboo.“

      Quelle: http://www.romabuzzmonitor.net/2012/11/letter-of-protest-regarding-defamatory-content-featured-in-the-book-written-by-dr-geza-jeszenszky/

      Was macht Sie so sicher, dass die Menschen, die die Erklärung unterschrieben haben, aus der dieser^^ Auszug stammt, Unrecht haben?

    • Was ist Ihre Meinung zu Karsai´s „húzás“, Herr Pfeifer? War es nötig, diesen Satz Jeszenszkys bis nach Oslo zu transportieren und dafür zu sorgen, dass er auf einer von ihm selbst mit ins Leben gerufenen Veranstaltung zur persona non grata erklärt wird?

  4. Mihancsik hat Karsai mit Recht vorgeworfen, nicht fair gehandelt zu haben. Und sie hat das auch begründet.
    Die politische Auseinandersetzung rechtfertigt keineswegs diese Methode, die laut Mihancsik oft von Fidesz-Politikern angewendet wird.
    Es ist nicht so, dass auf der einen Seite lauter Engel und auf der anderen Seite lauter Teufel agieren. Und so wie es auf der konservativen Seite Menschen gegeben hat, die sich von der Kampagne gegen die „liberalen Philosophen“ distanziert haben,. so haben sich auch Prominente aus dem „linksliberalen Lager“ von Karsai in diesem Fall distanziert.

  5. Pingback: Holocaust-Gedenkjahr: Ágnes Heller spricht von “Leichenfledderei” | Hungarian Voice - Ungarn News

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