Wende im Hummer-Fall? Video und Zeugenaussagen stellen Polizistenmord-These in Frage

Anfang Oktober 2012 wurde ein ungarischer Polizist im Ort Apátfalva von einem Geländewagen des Typs „Hummer“ mit deutschem Kennzeichen überfahren und tödlich verletzt. Der Fall bekam internationale Aufmerksamkeit, Medien berichteten von einem unter Drogeneinfluss stehenden österreichischen Fahrer.

http://www.spiegel.de/panorama/tod-in-ungarn-mann-ueberfaehrt-mit-hummer-jeep-polizisten-a-861014.html

Zusätzlich wurde berichtet, dass der Todesfahrer in seiner Heimat mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraft sei:

http://www.n-tv.de/panorama/Raser-ueberfaehrt-Polizisten-article7459551.html

Am heutigen Tag strahlte der österreichische ORF ein Video aus, welches von den Begleitern des Hummer-Fahrers gefertigt worden ist. Wie die Freunde des Beschuldigten berichten, sei der aus mehreren Fahrzeugen bestehende Konvoi wegen Überschreitens der Höchstgeschwindigkeit in Apátfalva angehalten worden. Es seien Bußgelder verhängt worden, die von allen Beteiligten bezahlt worden seien. Der Fahrer des Hummer sei am Ende der Maßnahme sehr zügig losgefahren, dabei fast mit einem zivilen Polizeifahrzeug kollidiert, und habe dem Polizisten den Mittelfinger gezeigt.

Die Polizei habe daraufhin die Verfolgung des Hummer aufgenommen. Das Video, welches von einem deutschen Freund des Beschuldigten im Nachfahren aufgenommen wurde, zeigt den Hummer sowie zwei Polizeibeamte auf Motorrädern und ein Polizei-Kfz, die dem Geländewagen folgen. Ein Polizist steigt aus dem Auto aus und bedroht die nachfahrenden Freunde des Hummer-Fahrers mit seiner Dienstwaffe, während einer der Motorradpolizisten – das spätere Todesopfer – am Hummer vorbeifährt und sich ihm in den Weg stellt. Der andere Motorradpolizist springt von seinem Motorrad herunter, läuft auf den Hummer zu und soll dem Fahrer – so die Freunde des Beschuldigten – Pfefferspray ins Gesicht gesprüht haben. Dies lässt sich zwar auf dem Video nicht im Detail erkennen, es ist jedoch sichtbar, dass einer der Motorradpolizisten auf den Geländewagen zuläuft und in den Innenraum des Hummer langt.

Auf dem Video ist dann zu sehen, dass der Hummer Gas gibt (deutliche Rußwolke) und nach rechts von der Straße abkommt. Dabei kam es zur Kollision mit dem an den Folgen seiner Verletzungen verstorbenen Beamten. Der Geländewagen wurde mit 13 Schüssen gestoppt, vier davon sollen den Fahrer getroffen und verletzt haben.

Der ORF brachte das Video in der Ausgabe von „Heute Mittag“ vom 19.11.2012: http://tvthek.orf.at/programs/4660089-heute-mittag

Sollte sich die Attacke mit dem Pfefferspray bewahrheiten und sich herausstellen, dass der Fahrer des Hummer im Moment der Kollision nichts gesehen hat, würde die These vom Polizistenmord aus niedrigen Beweggründen in Frage zu stellen sein. Bislang sind die Ermittlungen jedoch nicht abgeschlossen, die zuständige Staatsanwaltschaft ermittelt noch wegen Mordes.

Die österreichische Zeitschrift Kurier berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe ausführlich über den Fall: http://kurier.at/politik/weltchronik/neues-video-entlastet-cop-killer/1.286.345

Das ungarische Nachrichtenportal Index.hu berichtet ebenfalls über das Video: http://index.hu/belfold/2012/11/19/konygazzal_fujhattak_le_a_rendort_gazolo_hummer_vezetojet/

Nachtrag:

Die Presse berichtet, dass die ungarischen Ermittlungsbehörden das im ORF ausgestrahlte Video als „gekürzte Fassung“ bezeichnen.

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27 Kommentare zu “Wende im Hummer-Fall? Video und Zeugenaussagen stellen Polizistenmord-These in Frage

  1. „Es seien Bußgelder verhängt worden, die von allen Beteiligten bezahlt worden seien.“
    Sooft ich in den letzten Jahren in Ungarn wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten wurde, wurde eine sofortige Barzahlung NICHT akzeptiert und mir stattdessen ein Zahlschein übergeben.

  2. Diese Tat ist durch nichts zu rechtfertigen, jedoch wird sich dieser Polizeieinsatz noch sehr rechtfertigen müssen.

    Denn bis zu diesem Video lag lediglich eine Ordnungswidrigkeit vor; dies rechtfertigt nicht den Eingriff in das Fremdfahrzeug, und schon gar nicht die Bedrohung des folgenden Fahrzeuges mit einer Schusswaffe.

    Der Hummer ist nach wenigen Metern zum stehen gekommen; wann, warum, und von welchen Beamten kamen dann die 13 Schüsse? Der Täter war nach dem Video als erster, etwa 10 Meter vom Fahrzeug entfernt beim Opfer.
    .
    Der ausgelassene, wesentliche Teil des Videos, wird sicher erst zur Hauptverhandlung veröffentlicht, da die Verteidigung keinen Zugang zu den Zeugenaussagen bekommt; bis dahin macht es wenig Sinn, Vermutungen anzustellen.

  3. Der Tod des jungen Beamten ist schrecklich.

    Das jetzt veröffentlichte Video zeigt aber auch, wie vorsichtig die Medien und die Öffentlichkeit sein sollten, wenn sie über solche Vorfälle berichten und sich eine (ggf. vorschnelle) Meinung bilden. Die Berichte vom Polizistenmord waren schnell in der Welt, ebenso – in Ungarn – Rufe nach der Todesstrafe. Solche schnellen Festlegungen sind der Wahrheitsfindung nicht förderlich, da sie die Ermittlungsbehörden unter unangemessenen Erfolgsdruck setzen.

    Ob Mord oder tragischer Unfall, ggf. sogar verursacht durch das unverhältnismäßige Verhalten des Kollegen („Pefferspray“), wir müssen die Ermittlungen abwarten. Wie Frau Széchényi sagt, auch das Video gibt keinen endgültigen Aufschluss, es zeigt aber, dass die Medien im Oktober mögliche Varianten des Geschehens nicht kannten und daher auf Basis von Halbwissen urteilten.

    • Welche Ermittlungen ? EIn Sündenbock ist gefunden, gegen die 2 Cops ist nichteinmal ermittelt worden,m geschweie denn Anklage. Auf welchen Drog
      en waren die ????

  4. Wenn das Video der Wahrheitsfindung dienen soll, wieso hat es dann solange gebraucht bis man es veröffentlicht hat. ?
    Mit der Wahrheit ist es wie mit der Demokratie:es kommt immer auf den Blickwinkel an.

    • Bei jedem Einsatz einer zivilen Verkehrsstreife läuft ein Video zur Beweissicherung. Dieses Video wird den Hergang sicher lückenlos aufklären, denn es muss seit Beginn des Einsatzes gelaufen sein.

  5. Nun, ich kann aus eigener Erfahrung sagen das viele der ungarsichen Polizisten bei Verkehrskontrollen mit fingierten Verkehrsdelikten Österreicher und Deutsche abzocken, und für das kassierte geld keinen Beleg geben.

    Regst dich dann auf erklärt Dir der Polizist das dies einem Widerstand gegen Staatsgewalt gleichkommt und ab jetzt wird dann ganz anders geamtshandelt. Klar zuzahlst Du die 30 bis 100 Euro und bist froh das du aus dem Film noch gut rausgekommen bist.
    Aus mMangel an Beweismitteln gihst dann in Österreich auch nirgends dich beschweren, da Du ja keinen Namen hast noch sonst was.
    Einzig ne Kamera wäre hier gut, nur da haben mir auch schon 2x die Polizisten die SD Card eingezogen nachdem gemerkt haben das die Kamera läuft.

    • es stimmt nicht, dass Polizisten „abkassieren“. Es ist erstaunlich, wie viel – hauptsächlich Autos aus Österreich drängeln und weit über der erlaubten Geschwindigkeit fahren. Seit 32 Jahre, oft in Ungarn mit D KZ habe ich noch nie ein Pfennig oder Cent Strafe bezahlt bezahlen müssen. Als Fußfänger einmal.

  6. *Die Wegelagerei in Ungarn nimmt überhand. Geländewagen sind im Visier der Polizei.“ Dietmar Schmidt, Unternehmer?*

    Komisch wir haben auch einen Geländewagen und dazu noch schwarz!! (allerdings nicht so einen Panzer)
    Uns ist komischerweise noch nie einer doof gekommen (nichtmal als wir noch etliche Jahre deutsche Nummer hatten.)
    Könnte natürlich sein, dass wir uns ( meist ) an die vorgeschriebene Geschwindigkeit halten??

    http://kurier.at/chronik/dann-schaute-ich-in-eine-pistole/1.375.333

  7. Das mit dem Pfefferspray sehe ich als reine Sekulation.Der Polizist geht nicht mit einer Hand in den Hummer,sondern mit beiden Armen.Der würde aus Selbstschutz direkt an der Scheibe mit dem Spray sprühen,um selber genügend Abstand zum Spray zu haben.
    In dem Trailer ist zus ehen,dass der Hummer nicht vollständig stehen bleibt.Wenn ich mit Sirene begleitet werde mit dieser Vorgeschichte(Flucht) ,dann würde ich anhalten,Motor abstellen und Hánde ans Lenkrad…Der Salzburger hat eigentlich alles getan,damit ER Probleme bekommt.

  8. Ungarische Beamte on flagranti wilder als salafistische Terroristen!?! Staatsanwaltschaften Rache sinnend?? Darf der internationale gerichtshof gegen „ungarn“ ermitteln?

      • Mit Sicherheit ist hier von Fehlverhaltens seitens der Polizei zu reden (keine erste Hilfe für den Kollegen), einen Mord halte auch ich für fast ausgeschlossen.

        Problematisch finde ich aber zum einen, dass das Video wieder nicht enthält, was den Polizisten so gereizt hat. Ohne Jurist zu sein, nehme ich hier eine Beamtenbeleidigung an, was wiederrum auch nicht gerade für den Charakter des Fahrers sprechen dürfte. Keine Ahnung, ob der Polizeibeamte damit die Kolonne ein zweites Mal anhalten durfte. Was ich weiterhin problematisch finde, ist, dass das Video in der obigen Form nicht scharf genug ist, um Auskunft über Details geben zu können. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, ob der Beamte tatsächlich Pfefferspray einsetzt. Auch die Schüsse fand ich schwer nachzuvollziehen, hätte der Sprecher nichts davon erzählt, hätte ich anhand des Videos davon nichts mitbekommen. Die Darstellung erscheint mir plausibel, der Einsatz des Pfeffersprays ist aber Voraussetzung dafür, dass das anschließende Manöver unbeabsichtigt war und muss daher gründlich geklärt werden. Das wiederrum ist Teil der Gerichtsverhandlung, daher lehne ich es ab, in vorhinein Meinungsmache durch die Medien zu betreiben.

        Pikant finde ich, dass 2006 in den deutschsprachigen (und wahrscheinlich auch in den meisten anderen westlichen) Medien fast auschließlich von rechtsradikalen Ausschreitungen die Rede war. Hätte man damals die Polizeigewalt thematisiert, wäre die ungarische Polizei vielleicht stärker unter die Lupe genommen worden. Zugegeben: folgendes ist spekulativ, aber wenn die Polizei damals beigebracht bekommen hätte, dass übermäßige Gewalt folgen haben kann, wäre das vorliegende Ereignis vielleicht nicht geschehen.

      • „Ohne Jurist zu sein, nehme ich hier eine Beamtenbeleidigung an, was wiederrum auch nicht gerade für den Charakter des Fahrers sprechen dürfte. Keine Ahnung, ob der Polizeibeamte damit die Kolonne ein zweites Mal anhalten durfte.“

        Natürlich durfte der Beamte die Kolonne zum zweiten Mal anhalten. Das Ziehen der Schusswaffe ist aber völlig unverhältnismäßig. Auch die Sache mit dem Pfefferspray, das (mutmaßlich) eingesetzt worden sein könnte. Und da spreche ich noch gar nicht davon, dass dieser Beamte es wagt, mindestens 6 Schüsse auf einen am Boden liegenden Verdächtigen abzugeben und ihm (nachdem er fixiert war) die Waffe an den Kopf zu halten. Und keine Hilfe geleistet wird. Wo sind wir denn??

        Das Video lässt den/die Kollegen des Verstorbenen in einem schlechten Licht dastehen. Aber natürlich muss die entscheidende Frage, Pfefferspray oder nicht, geklärt werden. Ich halte die Darstellung für nicht unplausibel, man hat es offenbar mit einem Cowboy zu tun gehabt. Das wirklich Tragische ist, dass der Verstorbene Beamte seinen Kollegen sogar noch bremsen wollte. Er könnte es sein, der die Kausalkette in Gang gesetzt haben könnte…

  9. Hallo, habt Ihr alle einen an der Klatsche, das ist ein zweithandy, die handys wurden ja alle beschlagnahmt. Die Polizisten teilten den restlichen Fahrern auch mit, dass man wisse wo Sie wohnen und wo Ihre Familien sind. Es ist auch nicht bekannt, wie die ungarische Polizei mit Zivilisten umgehen. Zu eurer Info ein Hummer H1 ist kein Panzer sondern ein Geländefahrzeug. Mehr will ich dazu nicht sagen. Daggy

  10. http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/international/3281242/kaerntner-weist-weiter-schuld-sich.story

    Der Sprecher der ermittelnden Staatsanwaltschaft

    „widersprach damit Medienberichten, denen zufolge der Beamte bei der Gegenüberstellung zugegeben hätte, den Hummer-Fahrer mit Reizgas besprüht zu haben. Vergangenen Donnerstag habe der Polizist eingeräumt, er habe den Österreicher doch besprüht, „jedoch erst, als dieser nach der (tödlichen, Anm.) Kollision aus dem Pkw gestiegen sei“. Er habe in der rechten Hand seine Pistole gehalten, mit der er mindestens 14-mal auf den Salzburger schoss, in der linken Hand den Pfefferspray, hieß es in dem Zeitungsbericht.“

  11. Ich hoffe nun sehr das endlich alle Vorwürfe gegen meinen Freund Thomas B. entkräftet werden können. Der Drogenvorwurf wurde komplett fallen gelassen, weil es einfach keine Drogen gab und das angebliche Messer ist auch nur ein am Gürtel befindlicher Leatherman. Für Totschlag bedarf es der Tötungsabsicht und diese war nicht gegeben. Es war ein tragischer Unfall und eine Verkettung unglücklicher Umstände, deren Auslöser sicher nicht Thomas B. war.

  12. Pingback: Hummer-Fall: 15 Zahre Zuchthaus für österreichischen Fahrzeuglenker | Hungarian Voice - Ungarn News

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