2006: József Debreczeni schreibt Geschichte (um)

József Debreczeni ist Publizist. Er ist eine der bevorzugten Quellen der Regierungskritiker im In- und Ausland. Er gibt sich als nüchterner Beobachter, spricht mit ruhiger Stimme, wählt seine Worte wohl.

Debreczeni ist aber auch ehemaliger Berater von Viktor Orbán, war Mitglied im Ungarischen Demokratischen Forum (MDF), in den letzten Jahren legte er nach einem Schwenk in Richtung Sozialisten am Hafen „Demokratische Koalition“ von Ferenc Gyurcsány an. Heute ist er stellvertretender Parteivorsitzender der DK und enger Berater des Ex-Regierungschefs. Ein „Garant“ für nüchterne Betrachtung der ungarischen Politik, weshalb das Buch „Mein verspieltes Land“ von Paul Lendvai auch voller Bezugnahmen auf ihn ist. Trotz oder gerade weil er auch mal den Begriff der Wahrheit ein wenig überdehnt, wenn er die juristische Qualifikation von neu gewählten Verfassungsrichtern in Zweifel zieht.

Als Früchte seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Verfassen politischer Bücher, gelangten Werke wie Orbán Viktor (Osiris, 2003) und Arcmás (Noran Libro Verlag, 2009), beides Leib- und Magen-Publikationen der Gegner des Fidesz-Politikers, sowie (2006) eine Lobeshymne über den damaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány (seinerzeit MSZP) an die Öffentlichkeit.

Nun hat Debreczeni wieder zugeschlagen. Sein neuestes Werk trägt den Namen „Der Herbst von 2006“ („A 2006-os ösz“).

Der Inhalt des Buches entspricht der politischen Agenda sowohl der Sozialisten als auch der DK, deren Vorsitzender in 2006 Ministerpräsident war, vor der Wahl sein Volk belog, nach der Wahl eine vielbeachtete und später noch öfter interpretierte „Lügenrede“ hielt und als Chef der Exekutive jedenfalls politische Verantwortung für viele unschuldige Verletzte bei den Unruhen in Budapest vom 23. Oktober 2006 trug.

Verantwortung für Geschehnisse an einem Tag, den der Verfasser dieser Zeilen ausschnittsweise mit eigenen Augen erleben durfte, einen Tag, an dem er als nichtsahnender Passant auf der Andrássy út in Richtung Bajcsy-Zsilinszky út plötzlich mit weiblichen Familienmitgliedern in einer Tränengaswolke stand. Verantwortung für einen Tag, an dem friedliche Demonstranten auf einer Fidesz-Kundgebung plötzlich von Gummigeschossen, Wasserwerfern und Knüppeln getroffen, Menschen in Bars von vermummten Polizisten auf die Straße gezerrt und verprügelt wurden. Verantwortung für einen Tag, an dem die Staatsmacht zeigen wollte, wer der „Herr im Haus“ ist. Und in dessen Nachgang der Polizechef von Budapest, Péter Gergényi, den Einsatz verbotener Schlagstöcke trotz Videobeweisen abstritt (neudeutsch: das Blaue vom Himmel herunter log) und Witze über die Geschehnisse machte, die so gut gewesen sein müssen, dass ein hoher Politiker der Menschenrechtspartei SZDSZ, der Budapester Oberbürgermeister Gábor Demszky, ihn dafür mit einem Orden auszeichnete…

Ein Tag, dessen Geschehnisse bis heute von linken Politikern und Journalisten salopp unter Verweis auf die tatsächlich rabiat und gewalttätig auftretenden Hooligans und rechtsradikalen Demonstranten gerechtfertigt werden, die von der so „professionell“ auftretenden Polizei exakt in die friedliche Fidesz-Kundgebung hineingeschoben wurden (an der auch der damalige EU-Parlamentspräsident Pöttering teilnahm). Als wären rechtsradikale Gewalttäter, die am Ort A randalieren, Grund genug, auch gleich mit „bösen Konservativen“, den sich in der Nähe an Ort B aufhaltenden Kundgebungsteilnehmern, abzurechnen. Bilder von den Auswüchsen sind zu genüge gezeigt worden, sie belegen übelste Polizeigewalt. Und zeigen Polizisten, die sich gegenseitig zurufen „Vorsicht, eine Kamera“:

Doch Debreczeni ist die Speerspitze der 2006-Rechtfertiger und neben Ágnes Heller („auf niemanden wurde geschossen, niemand wurde gefoltert“) einer der wenigen, die ihre diesnbezüglichen Gedanken schriftlich formulieren. Seine Fassung der Geschehnisse war damals wie heute eine andere: Die Ordnungsmacht hat richtig gehandelt. Die Polizei war professionell, wer geprügelt wurde, wer sein Augenlicht verlor, wer zu Unrecht verhaftet oder wem die Finger gebrochen wurden, hätte eben lieber zu Hause vor dem Fernseher „Wer wird Millionär“ anschauen sollen. Wie ich darauf komme? Nun, István Vágó, ebenfalls Intimus des Ex-Ministerpräsidenten Gyurcsány, war lange Jahre Host der ungarischen Version der beliebten RTL Klub Quizshow („Legyen Ön is Milliomos„). Vágó übernahm denn auch die Buchpräsentation des Werkes, um denjenigen Kellernazis, die seinerzeit seine Sendung schwänzten, eins drauf zu geben.

Weitere Gäste der Präsentation: Tamás Bauer (der die ÁVH-Vergangenheit seines Vaters als „Lüge“ bezeichnete), Károly Herényi (der bemerkenswerte Thesen zum Unterschied zwischen Opfern nazistischer und kommunistischer Diktatur vertrat), Gábor Kuncze (weiter unten mehr zu ihm) und Mária Ormos, einer – so Index.hu – führenden Historikerin aus realsozialistischen Zeiten.

Doch zurück zum ernsten Kern der Sache: Absoluter Tiefpunkt der Buchpräsentation und zugleich ein Psychogramm des Autors war die Aussage Debreczenis zum Fall des Fidesz-Parlamentsabgeordneten Máriusz Révész.

Révész war – so viel zu den Fakten – einer der vielen Teilnehmer der Fidesz-Kundgebung am 23.10.2006 beim Hotel Astoria. Auf dem Heimweg wurde er Zeuge einer gewaltsamen Polizeiaktion, gab sich als Abgeordneter des Hohen Hauses zu erkennen und verlangte von den Beamten eine Erklärung. Daraufhin wurde er zu Boden gestoßen und, nachdem er wehrlos am Boden lag, 1-2 Minuten lang geschlagen. Dies wude in einem Strafurteil festgestellt.

Révész zog sich Kopfverletzungen zu und musste im Krankenhaus behandelt werden. Wenige Tage später erschien er im Parlament und wurde von Gábor Kuncze, seinerzeit Abgeordneter der bereits oben genannten „Menschenrechtspartei“ SZDSZ und heute Moderator beim letzten unabhängigen Radiosender Ungarns, Klubrádió, wegen seiner Verletzungen verspottet („Révész Martíriusz„). Der unschöne, ja schäbige Vorfall sorgte für einen Eklat, Kuncze entschuldigte sich später.

Doch zurück zu József „ich kenne die Wahrheit“ Debreczeni. Der vertritt die gewagte Auffassung, Kuncze hätte sich mal besser nicht entschuldigt. Denn in Wahrheit sei Révész gar nicht verletzt worden. Als vermeintlichen Beweis bezieht sich Kommissar Kugelblitz auf angebliche Fotos aus dem Krankenhaus, auf denen zu erkennen sei, dass Révész gar keine äußerlichen Verletzungen aufgewiesen habe. Aha. Vielleicht erkennen die medizinisch vorgebildeten Leser dieses Blogs ja äußerliche Verletzungen, wenn sie sich Fotos eben dieses Máriusz Révész vom 23.10.2006 ansehen:

http://index.hu/gal/?dir=0803/belfold/mariusz/

Dennoch. Trotz der deutlich sichtbar blutenden Wunde am Kopf bezeichnet der Autor die allgemein bekannte Darstellung als „Lüge“. Man kann nur hoffen, dass Révész gegen diese unerträgliche Art der Verleumdung gerichtlich vorgeht. Index.hu schreibt, dass Debreczeni mit dieser Behauptung gefährliches Terrain beschritten habe. Man kann kaum widersprechen.

Und darf gespannt sein, in welchem Lendvai-Buch das neuerliche Werk Debreczenis als Beleg für die ungarische Diktatur auftaucht. Denn er ist ja ein so nüchterner Beobachter der ungarischen Politik. Auf dessen Wort man sich verlassen kann…

http://index.hu/belfold/2012/11/28/debreczeni_2006/

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9 Kommentare zu “2006: József Debreczeni schreibt Geschichte (um)

  1. “ … Einsatz verbotener Schlagstöcke …“

    Es handelte sich um sogenannte „Totschläger“, das sind mit Leder überzogene stählerne Spiralen od. an dem oberen Ende mit einer Bleikugel versehener Stöcke, die als Mordwaffe verboten sind.

  2. Eine sehr treffende Analyse der Umstände und von Debreczenis „Wandlung“. Debreczeni ist ein Lügner, wie Gyurcsány und sein Soziotop. Ich möchte noch ergänzen, dass die DK um Gyurcsány immer mehr eine Politsekte ist, die brauchen diese und andere Mythen, um vor sich selbst und ihrer Anhängerschaft zu bestehen, sie haben keine andere „Story“, denn die Realtität ihres Seins müsste sie vor Scham im Boden versinken lassen.

    Doch die Mythenbildung, die Verzerrung und die politische Lüge ist das Instrumentarium aller Gruppen, die eine höhere Vorsehung als Legitimation für ihr Tun ansehen. Daher sollte man nicht unerwähnt lassen, dass die Polizeigewalt 2006 auch zum Teil des Fidesz-Mythos gemacht worden ist, so wie auch die nationale „Sendung“ etc. etc.

    Ich habe die Polizeieinsätze im Oktober 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin miterlebt (und gespürt), ich war 2006 in Budapest dabei, ich war vor ein paar Monaten in Madrid. Die Polizeigewalt ist Folge von Machtmissbrauch und Missbrauch einer zur führerhörigen Struktur verkommenen Exekutivkraft (denn, dass die Polizei in Ungarn tendentiell links wäre, wäre neu), das ist ein systemisches Problem und es würde mich nicht wundern, wenn es auch in Budapest wieder auftaucht, wenn die von Orbán gerade ausgerufene Volksliebe irgendwann mangels verdaufähigem Futters sprunghaft abnimmt und es doch zu Massenstreiks und wirklichen Großdemos kommt. Ja, ich erwarte es sogar, auch in Paris, Berlin und anderswo.

    M.S.

    • @ M.S.
      Sie setzen den sozialliberalen Staatsterror von 2006 in Budapest mit den Stasiausschreitungen in Ostberlin 1989 und der Polizeigewalt vor ein paar Monaten in Madrid in Beziehung.
      Sollte damit das Unrecht von 2006 in seiner Gültigkeit eingeschränkt werden?
      Lässt sich planmäßig [sicc!] gegen Demonstranten betriebene Gewalt damit relativieren, dass sich als Elite verstehende Verbrecher, Machtverlust nicht als Schicksal annehmen können, sondern sich dagegen aufbäumen, wenn das Volk sie zur Latrine abkommandiert?

      Warum relativieren Sie die Verbrechen der sozial-liberalen Machthaber Ungarns von 2006?

  3. @ hungarian voice: Ihre eigenen Erlebnisse anno 2006 in allen Ehren aber ich habe an Ihren bisherigen Beiträgen immer geschätzt, dass Sie zuerst die Meldung brachten und danach erst als Kommentar ihre eigene Meinung dazu gesagt haben. Ich hielt und halte das für sehr stilvoll und wünschte mir, Sie würden dabei bleiben, denn das verleiht ihrem Blog jene Ernsthaftigkeit, geistige Souveränität und Anspruch, der doch so wichtig ist und wodurch sich Ihr Blog von so vielen anderen positiv unterscheidet.Bei dieser Meldung haben Sie für mich zu viel eigene Häme, Spott und Egologie reingebracht.

    • galut, ich gebe Ihnen voll und ganz Recht! Ich schätze Hungarian Voice sehr. Einde der Wichtigsten Informationsquellen über Ungarn. Aber bei diesem Artikel hat sich der Dr. ein wenig vergallopiert. Schade eigentlich.

      • Ich hingegen glaube, der Kommentar war sowohl inhaltlich als auch vom Tonfall her völlig angemessen. Gerade weil es um József Debreczeni geht. Wie M.S. richtig schreibt, ist er ein Lügner.

        Was soll man denn mit Leuten anfangen, die trotz der eindeutigen Bilder von Révész behaupten, dieser sei gar nicht verletzt worden? Ich denke, Herr/Frau Behrens, Sie stimmen mir zu, dass sich so etwas nicht gehört. Auch wenn Sie sich zum Inhalt des Beitrages selbst nicht äußern.

  4. Debreczenis erstes Buch ist eine eher objektiver Lebensgeschichte Orbáns, dessen Karriere nach 2002 keinesfalls endete. Der Verfasser wurde damals noch nicht von Gyurcsány praktisch gekauft. Ich kann nämlich nur so D’s Kehrtwende und seine Lobhudeleien auf Gyurcsány und seine Politik erklären. D. galt früher als „Rechter“, da er als früher MDF-Abgeordneter den Sprung noch ins alte Parlament schaffte. Sein Buch über Antall ist ebenfalls lesbar, obwohl er m. E. eine Lobeshymne über diesen unglückseligen Möchtegern-Staatsmann schrieb.

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