Vertreibung der deutschen Minderheit: Ungarn führt Gedenktag ein

Das ungarische Parlament hat am gestrigen Dienstag einen Gedenktag eingeführt, an dem der Vertreibung der deutschen Minderheit aus Ungarn nach dem 2. Weltkrieg gedacht werden soll. Der Beschluss wurde ohne Gegenstimme gefasst.

Zum Tag des Gedenkens wurde der 19. Januar bestimmt. An diesem Tag im Jahr 1946 verließen die ersten Züge mit den Vertriebenen das Land. Bis 1948 wurde 185.000 Ungarndeutschen die Staatsbürgerschaft entzogen, sie wurden enteignet und ausgewiesen.

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35 Kommentare zu “Vertreibung der deutschen Minderheit: Ungarn führt Gedenktag ein

  1. Ein wichtiges Zeichen. Meines Wissens war Ungarn 1990 das erste Land, dessen Parlament sich offiziell für die Vertreibung der Deutschen entschuldigte. Sicherlich nicht ohne Hintergedanken: Ungarn wartet bis heute vergeblich auf eine Entschuldigung für die Vertreibung seiner Landsleute aus der Slowakei und weist bei jeder passenden Gelegenheit den Gedanken der Kollektivschuld zurück. Ungarische Gesten gegenüber den Ungarndeutschen dürften also immer etwas mit den eigenen Erwartungen an das andere Ausland zu tun haben, wie die ganze ungarische Minderheitenpolitik stets Element von Schaufensterpolitik in sich trägt. Sie ist aber trotzdem anerkennenswert.

    • Man könnte es auch einfach so sehen, dass man nicht von anderen erwarten kann, was man anderen selbst nicht zugestehen will. Das ist moralisch völlig in Ordnung und richtig, ohne jeden Hintergedanken. Ungarn lässt sich in dieser Angelegenheit nicht einmal lumpen und tut dies ohne jede Aufforderung, völlig freiwillig. Das verdient so wie es ist Anerkennung.

    • Witzig. Und Willy Brandt ist mit der Hintergedanke in Auschwitz auf das Knie gefallen, damit er die Deutschen vom Stigma der Killermaschinen befreit. Die Geste ist aber trotzdem anerkennenswert:)
      Sie wissen sicherlich, dass kein Deutsche aus Ungarn vertrieben gewesen wäre wenn die Alliierten das nicht ausdrücklich befohlen hätten. Und es ist zu vermuten, dass die Tschechen spielten bei diesem Befehl eine entscheidende Rolle. Die wollten sogar die Anzahl der zu vertreibende Personen angeben lassen: dendieAnzahl der Ungarndeutschen haben sie exakt auf die Anzahl der Slowakeiungarn geschätzt. Zufällig versteht sich. Aber wenn einmal Tschechen sich entschuldigt, das wird ehrlich sein: die hatten ja nur gewonnen, nichts verloren. Ich liebe ihre Logik. Sind Sie kein Anwalt zufällig?

    • Mit anderen Worten, es ist unmöglich für Ungarn, in Sachen eigener historischer Fehler irgendetwas zu tun, was nicht sofort von fortschrittlichen westlichen Vorbildmenschen zurechtgestutzt werden muss. Na dann Prost.

      • Vielleicht solte man anfügen:Es ist momentan unmöglich ….

        Vor 2 Jahren (oder nach 2014 wenn die Demokraten an der Macht sind??? )
        da wäre das bejubelt worden oder würde bejubelt werden.

      • Vielleicht erläutern mir die empörten Herren bei Gelegenheit, warum ihrer Ansicht nach das Gedenken an die Vertreibung der Deutschen in Ungarn so vergleichsweise einfach und in Tschechien oder Polen so vergleichsweise schwer ist. Meine These bleibt: Viele Ungarischsprachige haben selbst Vertreibung erlebt, wahrscheinlich bis heute ohne eine Geste der Entschuldigung o. ä. seitens der ehemaligen „Vertreiber“ (bitte mich ggf. zu korrigieren, falls es solche Gesten gegeben haben sollte). Einer solchen Nation fällt es natürlich leichter, selbst die Vertreibung einer dritten Volksgruppe zu verurteilen, auch weil man auf ähnliche Gesten zu eigenen Gesten hofft. Halten Sie diese Überlegung wirklich für so abwegig, wie sie hier tun?

        Ergänzend würde ich mich über Ihre Interpretationen des folgenden Redeauszugs freuen:

        „A történelemmel szembe kell nézni” – írta Mikulas Dzurinda a Szlovák Köztársaság külügyminisztere egy hónappal ezelőtt a Frankfurter Allgemeine Zeitungban abból az alkalomból, hogy Szlovákia 20 évvel ezelőtt kért hivatalosan bocsánatot a kárpáti németek második világháború utáni meghurcoltatásáért.

        Mi, magyarok, érzékeljük és értékeljük azt az erjedést a szlovák közéletben, amelyet ez a mondat jelez: azt a paradigmaváltás irányába mutató folyamatot, amelybe a Radičová-kormány lehelt életet, és amely, ha nagyon korai szakaszában tart is, de amennyiben következetesen végbemegy, akkor alapvetően változtathatja meg nemcsak a német-szlovák, de a magyar-szlovák viszonyt is.

        Quelle: http://www.kormany.hu/hu/kulugyminiszterium/parlamenti-allamtitkarsag/allamtitkar2/beszedek-publikaciok-interjuk/nemeth-zsolt-allamtitkar-urnak-az-esterhazy-janos-szuletesenek-110-evfordulojan-az-orszaghazban-tartott-unnepi-megemlekezesen-elmondott-beszede

        Noch direkt als Antwort auf Balazs: Brandts Kniefall geschah am Denkmal für den Warschauer Aufstand, getan von einem, der selbst im Widerstand gegen die Nazis engagiert und eben kein Mitläufer oder gar Täter gewesen war wie so viele andere bundesdeutsche Politiker vor ihm. Nie würde ich an Brandts Glaubwürdigkeit zweifeln. Wo sie hier die Vergleichbarkeit zu meiner rein explikativen These in Bezug auf den Umgang Ungarns mit den Ungarndeutschen sehen, erschließt sich mir leider nicht.

        Eigentlich hätte ich mir ja denken können, wie Sie reagieren werden. Sie können Ungarn einfach nicht von einer Außenperspektive her wahrnehmen. Sie verwechseln Erklärungsversuche mit politischen Statements und wittern überall Angriffe, wenn Sie einmal einen Mitdiskutanten als Gegner identifiziert haben. So kommen wir wahrscheinlich nie auf einen grünen Zweig.

      • @Ungarnfreund: Heute sind Sie wirklich aggressiv drauf, was haben Sie gefrühstückt?

        Was die meisten hier gestört haben dürfte, ist, dass Sie gleich wieder Vermutungen angestellt haben über etwaige Hintergedanken seitens Ungarn, was so klingt, als wäre Ungarn nicht inder Lage Richtiges zu tun, wenn es keinen Profit wittern würde. Ich bestreite nicht, dass Ungarn auf ähnliche Züge aus Bratislava und Prag hofft, aber ich bin auch zuversichtlich, dass Ungarn hierzu inder Lage gewesen wäre, wenn es selbst nicht durch ähnliche Vorfälle betroffen wäre. Andersherum dürfte Ungarn eigentlich auch dann solche Züge erwarten wenn es sich selbst keiner solchen Verbrechen schuldig gemacht hätte und damit keinen Gedenktag eizunführen bräuchte. Kurz: Ungarn ist auch unabhängig von den Minderheiten zu einem solchen Gedenktag in der Lage, denn es ist ja nicht in einer Höhle geboren und hat daher auch eine Vorstellung von Moral, wissen Sie? Es sind daher diese Nebeneffekte nur als eine nützliche Randerscheinung zu bewerten, mehr nicht.

        Vielleicht wollten Sie nicht zum Ausdruck bringen, dass Ungarn dies nur aus Kalkül tut, aber Ihre Worte waren zumindest ungünstig gewählt.

      • Ja, Paloc, an dieser Einschätzung halte ich ausdrücklich fest, weil ich von der analytischen Richtigkeit überzeugt bin:

        Die ungarische Minderheitenpolitik wird nicht nur gemacht, weil man die eigenen Minderheiten so sehr liebt, sondern auch weil man den Nachbarn zeigen möchte, wie man die dortigen ungarischen Minderheiten behandelt wissen möchte. Sonnenklar, dass es da neben den Werten ein klar realpolitisches Element gibt. Es gibt nur einen Haken: Die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern sind vergleichsweise groß, die entsprechenden Minderheiten in Ungarn meist total assimiliert und zahlenmäßig klein. Daher funktioniert das mit der Gegenseitigkeit nicht so einfach.

      • Dann kommen wir hier nicht zusammen. Ich finde Ihre Argumentation hier zeugt von schlechtem Geschmack. Ungarn macht einen Schritt, der nicht alltäglich ist und sie kritisieren und hinterfragen die Aufrichtigkeit. Da es hier auch gerade um die Deutschen geht, werden Sie entschuldigen wenn diesmal ich der jenige bin, der eine gewisse Dankbarkeit vermisst und eine gewisse Anerkennung. Sie erwecken den Eindruck als würden Sie der Meinung sein, Ungarn wäre moralisch rückständig und unterentwickelt, weil Sie dem Land nicht zutrauen das Richtige zu tun auch wenn man davon keinen Nutzen hat. Nochmal: das Ungarn hier einen Nutzen hat, bezweifele ich nicht, aber ich stufe diesen als angenhmen Nebeneffekt ein, nicht als den Vater des Gedankens.

      • Ich sehe, dass eine bestimmte Wortwahl als provokativ empfunden wird, zum Beispiel das Wort „Schaufensterpolitik“. Vielleicht könnten Sie im Gegenzug anerkennen, das ich –nicht– geschrieben habe: Die ungarische Minderheitenpolitik ist reine Schaufensterpolitik. Da haben Sie einfach etwas missverstanden. Meine Aussage war: In der ungarischen Minderheitenpolitik ist ein Element von Schaufensterpolitik enthalten. Das ist ein bedeutender Unterschied. Wir können das provokante Wort „Schaufensterpolitik“ auch weglassen und zum Beispiel sagen: Der ungarischen Minderheitenpolitik liegen sowohl Werte als auch Interessen zu Grunde. Das ist dann schon fast banal und vermutlich weniger verständlich als der plakative Satz mit der Schaufensterpolitik.

        Kommen wir zurück auf die Einführung des Gedenktags, die ich, wie Sie leider konsequent ignorieren, ausdrücklich begrüße. Man darf gespannt sein, wie dieser Tag künftig begangen wird, welche Akteure aus beiden Ländern teilnehmen und welche Akteure vielleicht bewusst fern bleiben. Ich finde das von einer unparteiischen Beobachterperspektive (bin weder ungarisch noch ungarndeutsch) ziemlich spannend.

        Schade, dass Sie zu dem Nemeth-Zitat nichts gesagt haben. Ich habe dazu folgende Gedanken: Die Abschaffung der Benes-Dekrete wird zwar von einigen deutschen Politikern und Verbandsvertretern gefordert. Dieses Ziel ist aber in Deutschland keine offizielle Regierungspolitik. In Ungarn ist das anders, wenn die Forderung derzeit auch nicht besonders aktiv vorgetragen wird, soweit ich das über die Medien mitbekomme.

        Und jetzt eine neue These: Eben weil sich die offiziellen Regierungspolitiken in solchen Fragen in Deutschland und Ungarn deutlich unterscheiden, werden Schritte wie die Einführung eines Gedenktags für die Vertreibung der Ungarndeutschen in Deutschland zwar bestimmt eine gewisse positive Resonanz finden, wahrscheinlich aber nicht in dem Maße, wie man sich das auf ungarischer Seite vermutlich wünschen würde. Einen Schulterschluss von Berlin und Budapest gegen Prag und Pressburg dürfte es in dieser Frage niemals geben. Da bin ich mir ziemlich sicher.

        Auch auf die Gefahr hin, gleich wieder als arrogant beschimpft zu werden: In Deutschland überwiegt meiner Wahrnehmung nach der Wunsch, nicht immer wieder auf’s Neue Geisel der eigenen Geschichte zu werden. Dazu gehört, dass man bereit ist, bestimmte Ergebnisse der Geschichte anzuerkennen und nicht immer wieder neue Prinzipienfragen aufzuwerfen.

        Worauf meine persönliche Haltung beruht, habe ich hier auf HV schon einmal erläutert. Das lässt sich so zusammenfassen: Warum soll ich als Enkel in Bezug auf die Benes-Dekrete eine radikalere Haltung einnehmen als meine eigene, seinerzeit entrechtete, enteignete und (aus Böhmen) vertriebene Großmutter? Warum soll ich den Frieden stören, den sie als selbst Betroffene schon längst mit der Geschichte gemacht hat?

  2. Eine interessante und weitgehend unbekannte Episode aus der Geschichte der Vertreibung aus Ungarn:
    Während Ungarn einen Teil der eigenen Ungarndeutschen vetrieben hat, hat das Land in den Jahren nach 1945 Zehntausende donauschwäbische Flüchtlinge aus Jugoslawien aufgenommen. Die Mehrheit dieser Flüchtlinge ist wohl weitergegangen nach Deutschland oder in andere Länder, ein Teil von denen ist aber geblieben, und hat die ungarische Staatsangehörigkeit bekommen.

  3. Lieber Ungarnfreund,

    Was mich provoziert ist ihr Nickname. Ein neutraler Beobachter hätte gesagt: es ist nicht zu verwundern, dass gerade Ungarn sich in diesem Fall vorbildlich benimmt: dieses Volk ist sensibilisiert, weil die selbst die Konsequenzen der kollektiven Schuld erdulden musste. Einem Freund hätte sogar der Kontrast zwischen dem Bild von Minderheitsfeindlichen Ungarn und diese Geste auffallen können. Aber Sie, der Freund von Ungarn, schreiben über eine Schaufensterpolitik. Alles wird nur gemacht um uns selbst Vorteile zu schaffen.
    Den W. Brandt Vergleich habe ich Ihnen geschrieben, damit Sie „von einer Außenperspektive” dieses Statement sehen. Daraufhin sind Sie beleidigt. Es tut mir Leid, aber der Fehler ist nicht in meinem Empfänger.

    (Weiterführende Literatur: Herr Pfeifers Argumentation über den Unterschied von „Vergleich“ und „Relativisierung“)

    • Gut geschrieben, Balázs.

      Zu Brandt: Ich würde auch nicht an der Ehrlichkeit seiner Geste zweifeln. Allerdings zweifle ich, anders als Ungarnfreund, auch nicht an der Ehrlichkeit der ungarischen Geste. Und seien Sie ganz unbesorgt, Balázs: Den Brandt-Vergleich erkennt man als Scherz, wenn man nur will…

    • Lieber Balazs,

      auf meinen Nickname werde ich immer mal wieder angesprochen. Ich weiß nicht, wann genau ich hier in die Diskussionen auf HV eingestiegen bin. Meine Grundhaltung ist so etwas wie kritische Solidarität. So wie man landläufig sagt: Unter Freunden muss auch Kritik erlaubt sein, wenn sie angebracht ist. Ich finde überhaupt nicht, dass derjenige der größte Ungarnfreund ist, der alles hinnimmt und verteidigt, was eine bestimmte Regierung so tut. Ich setze Ungarn nicht mit Orbán oder Fidesz gleich und erlaube mir, angesichts der typisch ungarischen Wagenburg- und Lagermentalität, meine Meinung in alle Richtungen zu sagen.

      Zum Zusammenhang zwischen Minderheiten und Schaufenstern in Bezug auf Ungarn – siehe oben.

      • Sie sprachen nicht von der Polarisierung, sondern u.a. von einer „typisch ungarischen“ Wagenburgmentalität. Das meinte Kálnoky wohl mit Cliché. Und ich gebe ihm Recht.

      • Mit der Wendung „typisch ungarische Wagenburg- und Lagermentalität“ meinte ich die sehr charakteristische innenpolitische Polarisierung, die vielen Deutschen sofort auffällt, wenn sie sich näher mit Ungarn befassen. Tut mir Leid, wenn das nicht verständlich war. Als „Ungarnfreund“ versuche ich, mich in keine der bekannten Wagenburgen bzw. Lager zu begeben, sondern in alle Richtungen zu sagen, was ich für richtig halte. Der Nickname war seinerzeit bewusst gewählt worden, um eine Grundsympathie für Land und Leute zum Ausdruck zu bringen, auch wenn ich einige Dinge kritisiere oder hinterfrage. Vielleicht hätte mir ein neutrales „Peter“ oder „Balazs“ manche Diskussion erspart, aber nun käme es mir unehrlich vor, wegen der hier aus dem rechten Lager an meinen Ansichten geäußerten Kritik den einmal gewählten Nickname aufzugeben.

  4. Der katholische Pfarrer György Kis, dessen Eltern konvertierte Juden waren wurde während der deutschen Besatzung in ein deutschsprachiges Dorf in Ungarn versetzt wohin er seine bedrohte Mutter mitnahm. Alle im Dorf wußten von ihrer jüdischen Abstammung, doch keiner hat sie verraten.
    Pfarrer Kis versuchte die Behörden nach Ende des Krieges zu überzeugen, die Einwohner dieses Dorfes nicht zu vertreiben, doch man hörte nicht auf ihn.

    • Das ist eine interessante Geschichte. Aber vermutlich wurden Vertreibungsentscheidungen nicht auf Dorfebene entschieden. Da wird es zentrale Vorgaben gegeben haben, so dass im Allgemeinen kein großer Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Deutschen gemacht wurde. Ich habe es so verstanden, dass die Entscheidungen über dauerhafte Vertreibung oder Verschickung zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion mit Rückkehroption eher anhand von geografischen Kriterien fielen. Deutsche aus Westungarn wurden in der Regel vertrieben, Deutsche aus Ostungarn eher zur „Malenkii Raboti“ eingezogen.

      • Nö, es gab dazu gab es ja das Gesetz VII./4.
        in dem niedergeschreiben war, dass alle vertrieben werden, die bei der Volkszählung 1941
        unter Nationalität deutsch eingetragen hatten,
        ja sogar die, die zwar sich zur ungarischen Nationalität bekannten aber als Muttersprache deutsch eingetragen hatten.
        Von der Zugehörigkeit zum Volksbund oder anderen (bewaffneten) Organisationen ganz zu schweigen.

        Mal sehen, was in der nächsten Ausgabe der „Neuen Zeitung“ darüber zu lesen sein wird.

  5. Es ging oft genug nicht danach, ob ein Deutscher beim Volksbund und Nazi war. Es gab Deutsche, die vertrieben wurden, weil sie einen schönen Bauernhof und Land hatten, obwohl sie keine Nazi waren.
    Ich kenne diese Geschichten von Leuten die nach Österreich vertrieben wurden und sich hier sehr gut integriert haben. Es wäre interessant eine Geschichte dieser Vertreibung zu lesen.

  6. Hier einige prominente Ungarndeutsche:
    http://www.svabkitelepites.hu/svab011155.html
    Beim Lesen dieser Biographien ist mir wieder eingefallen, wie sinnlos es ist, den Ungarn „völkisches Denken“ vorzuwerfen, wie es heutzutage in ausländischen Medien nicht selten der Fall ist. In einem „völkischen“ Ungarn würde die Nationalhymne verstummen, das Parlamentsgebäude verschwinden, die grösste ungarische Fussballmanschaft aller Zeiten (Aranycsapat) hätte es wahrscheinlich auch nicht gegeben (neben Puskás waren auch Hidegkuti und Kocsis deutschstämmig)…

    • Ja, sehr interessant, wer alles ungarndeutsch war. Es gibt sogar die Legende, dass von den 13 Generälen, die 1849 in Arad hingerichtet wurden, kein einziger „reiner Ungar“ gewesen sein soll. Mindestens fünf waren deutscher Abstammung, wie ihre Namen verraten: Aulich, Lahner, Leinigen-Westerburg, Pöltenberg und Schweidel.

      Dabei ist auch „ungarndeutsch“ ein ziemlicher Sammelbegriff, hinter dem sich Schwaben, Sachsen, Österreicher etc. verbergen können. Oder der schöne Streit, ob es nun Franz Liszt oder Liszt Ferenc heißen muss. Angeblich sprach der Komponist zeitlebens nicht vernünftig ungarisch, fühlte aber sehr ungarisch.

      Mit dem Ausgleich wars dann erst mal vorbei mit der Toleranz, danach kam die Magyarisierung. Und heute rekonstruiert man mühselig das alte Minderheitenwesen. Es soll sogar Schulen außerhalb der traditionellen Wohngebiete der Ungarndeutschen geben, die den Status als Nationalitätenschule anstreben, weil man dadurch eine besondere Förderung erhält. Das Bekenntnis zur Minderheit ist ja frei…

      • 1848 und immer wieder 1848…

        Ich denke, dieser Beitrag sagt alles zum Thema“reinrassig“:

        http://en.wikipedia.org/wiki/Sándor_Petőfi

        Behalten wir Herrn Petrovic im Auge, wenn den Ungarn, die sich im März auf den Stufen des Nationalmuseums versammeln und das „nemzeti dal“ Vorträgen, vorgeworfen wird, sie verträten völkisches Gedankengut. Nochmals: Ungar zu sein ist keine Frage der Ethnie, der Religion, der Abstammung, sondern eine Frage der Sprache und des Sich-Bekennens.

      • Mit dem Ausgleich war es keineswegs vorbei mit der Toleranz. Dieses Cliché ist aber nichts, was genauere Geschichtslektüre nicht beheben könnte.

        Die tatsächlich sehr intolerante und schädigende Magyarisierung setzt erst nach einer Phase versuchten Ausgleichs mit den Minderheiten ein, die aber jegliche vernünftige Lösung ausschlugen und offen auf Abspaltung hinarbeiteten – bis hin zu der Forderung (speziell der Slowaken) ganze Bevölkerungen landesintern zu deportieren, darunter auch die eigenen Leute, um so „ethnisch reine“ Bezirke zu bekommen – weil so eine spätere Abspaltung machbarer schien.

        Das konnte Budapest natürlich nicht akzeptieren, und der Backlash war dann tatsächlich die massive und gewaltsame Magyarisierung. Aber nicht „mit dem Ausgleich“ sondern mindestens ein Jahrzehnt später.

        Empfehle hierzu den bis heute unerreichten Klassiker zur Lektüre, Gusztáv Gratz, Magyarország története.

      • Diese Art der Darstellung würde ich in der Tat gern mal bei einem unparteiischen Historiker nachlesen. Würde mich natürlich freuen, wenn Sie hier ersatzweise skizzieren könnten, wie dieser Ausgleich pro Minderheit etwa versucht worden ist (bei Kroatien ist es mir einigermaßen klar, sonst eher weniger). Es hört sich zu seltsam an: Wir wollten ja tolerant sein, aber die Minderheiten wollten nicht, so mussten wir sie assimilieren. Instinktiv (ich kann halt nicht anders) frage ich mich, ob damit nicht nachträglich die Magyarisierung gerechtfertigt werden soll.

        Übrigens bin ich mit HV völlig d’accord, dass Nationen in erster Linie über das objektive Kriterium der gemeinsamen Sprache und das subjektive Kriterium der gemeinsamen politischen Identität zusammengehalten werden.

  7. *Nochmals: Ungar zu sein ist keine Frage der Ethnie, der Religion, der Abstammung, sondern eine Frage der Sprache und des Sich-Bekennens.*

    Genau, denn wie schreib doch schon Pfarrer Kis:
    Meinen Urlaub* habe ich immer in meiner Heimat!! Ungarn verbracht.
    Obwohl er auch die österreichische Staatsbürgerschaft hatte.

    *Zur Erklärung:er hat mehrerer Jahre in Tirol gelebt.erstaunlicherweise hat er darauf gedrungen die ungarische Staatsbürgerschaft zu behalten, als er auch die östereichische annahm(das war damals nicht so leicht beide staatsbürgerschaften zu haben, zumindestens zwischen D und Ungarn, wie es mit Öwar weiß ich nicht , kann mir aber vorstellen, dass es ähnlich war)

  8. Super spannende Diskussion meine Herren. Aber warum wurde Szechenyi
    noch nicht erwähnt. „Ungar ist, wer sich als Ungar fühlt“.Warum haben meine Eltern mir ungarisch nicht beigebracht? In Ungarn wurden sie nur wg. der dt. Muttersprache mit der Vertreibung bestraft und vllt. wegen den Hektar. Weil sie im Naziland als ungarische Zigeuner beschimpft wurden? Auf seinem Sterbebett sprach mein Vater plötzlich ungarisch mit mir und fantasierte:
    „ich hätte schliesslich einen ungarischen Mund“. Er sprach nie schlecht über Ungarn und war am glücklichsten, wenn er dort auf Besuch war.
    Wenn ich meinen Vater auf dem Friedhof besuche, sage ich ihm von diesem Gedenktag. Ich hoffe, er kann droben im Himmel mit seinen ungarischen Freunden darüber sprechen.

  9. Lieber Ungarnfreund,

    Ich kann es leider nicht für Sie lesen – da müssen Sie sich schon selber die Mühe machen. Mehr als Autor und Titel kann ich nicht geben 🙂 Aber eine Meinung haben Sie ja schon davor, vielleicht ist dann auch das Lesen gar nicht mehr nötig.

    • Sie haben das Buch doch schon gelesen und könnten ggf. etwas skizzieren. Also nichts für ungut. Ihren letzten Satz ignoriere ich mal.

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