Deutschlandfunk: Kritische Anmerkungen zur Berufung von Attila Vidnyánszky an die Spitze des Nationaltheaters

Attila Vidnyánszky wird Mitte des Jahres 2013 Intendant des Budapester Nationaltheaters (Nemzeti Színház). Stephan Ozsváth und Stefan Koldehoff kommentieren im Deutschlandfunk die Ernennung des „Kandidaten von Orbáns Gnaden“:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1953344/

Schon vor dem ersten Wort zu Vidnyánszky teilt Koldehoff den Zuhörern mit, was (seiner Meinung nach) über diese Ernennung zu denken ist: Der Kultur geht es schlecht. Und Vidnyánszka sei der Mann (Zitat) „von Ministerpräsidenten´s Gnaden“. Es folgt ein Rückblick auf „die schlimmen Säuberungen“ im Kulturbereich durch den Freund Vidnyánszkys, den ehemaligen Kulturstaatssekretär Géza Szöcs.

Der bisherige Intendant, Róbert Alföldi, das (so Ozsváth) „enfant terrible“ des ungarischen Theaterbetriebs, habe zu oft mit den Nationalkonservativen angeeckt. Das ist in der Tat so: Wer die „Tragödie des Menschen“ mit Gruppen- und Oralsexszenen „verziert“ und dies Minderjährigen zumutet, wer im öffentlichen Bereich des Nationaltheaters eine Ausstellung zulässt, welche die zwölf Apostel als Homosexuelle karikiert, stellt zwar hierdurch gewiss nicht sein künstlerisches Talent in Frage, aber er eckt – ganz bewusst – an. Die Diskussion darüber, ob solche experimentellen und einem gehörigen Teil der Gesellschaft missfallenden Details in ein Nationaltheater gehören, ist durchaus zulässig, man könnte gar sagen: gewollt. Ebenso wie es eine Frage des Geschmacks ist, ob man ein „Nationaltheater“ für eine Veranstaltung zur Verfügung stellt, in der der Besatzung Siebenbürgens durch die rumänische Armee gedacht wird. Würde der Intendant der Wiener Staatsoper seinen Ballsaal zur Feier des Friedens von St. Germain zur Verfügung stellen?

Die Abwahl des Intendanten ist somit letztlich eine Frage des Geschmacks. Und über den lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Wer provoziert, will eine Diskussion auslösen, und darf nicht damit rechnen, dass der aktuelle Zeitgeist ihm vorbehaltlos zustimmt. Das hat wohl selbst Alföldi, dessen Fähigkeiten als Künstler unbezweifelbar sind, nicht angenommen.

Die Abberufung ist im Übrigen ebensowenig überraschend wie seine Berufung im Jahr 2008 unter einer sozialliberalen Koalition. Auch Alföldi war damit ein Mann „von Gnaden“ der damaligen Regierung. Anders als heute interessierte das jedoch niemanden.

Was bedauerlich ist: Kein Wort im Beitrag gilt den Fähigkeiten Vidnyánszkys. Die stehen nämlich, wie man hört, außer Zweifel. Warten wir also am besten ab, wie sich Vidnyánszky schlägt. Falls er das Theater nicht füllt, falls er den hohen Ansprüchen der Heerscharen von Kritikern nicht gerecht wird, die in den Startlöchern stehen, mag man ihn zwerfleischen. Bis dahin sollte sich der linksliberale Wächterrat, der immer dann von „Kulturkampf“ spricht, wenn die ihm nahestehenden Personen von der Ablösung betroffen sind, noch ein wenig gedulden.

Advertisements

41 Kommentare zu “Deutschlandfunk: Kritische Anmerkungen zur Berufung von Attila Vidnyánszky an die Spitze des Nationaltheaters

  1. HV, bei der von Ihnen erwähnten Veranstaltung ging es meines Wissens um eine Feier oder einen Empfang anlässlich des rumänischen Nationalfeiertags. Ich finde, das hört sich etwas weniger dramatisch an als bei Ihnen. Etwa so wie ein harmloser Botschaftsempfang. Oder haben Sie noch konkretere Informationen dazu, was die Rumänen da geplant hatten?

    • Der 1. Dezember ist in Rumänien der „Tag der Einheit“, was so viel ist wie der Tag des „Anschlusses Transylvaniens an das Altreich“. Meine Wortwahl war also völlig korrekt. Man muss eben wissen, was man am Nationalfeiertag 1.12. feiert.

      Ich finde, Alföldi hat hier grob provozieren wollen. Und das ist ihm gelungen. Ich fand das wenig schlau und im Hinblick auf die bekannten Befindlichkeiten in Ungarn, was Siebenbürgen und Trianon angeht, fehl am Platz. Man muss kein Landeskundler sein, um zu wissen, dass die ungarisch-stämmigen Menschen in Rumänien lange Zeit (zum Teil bis heute) unter Assimilierungsdruck standen und wenig zu lachen hatten aufgrund der zum Teil offen ausgelebten Magyarenfeindlichkeit des sog. „Altreichs“. Zuletzt gab es in Rumänien zur Wendezeit gewaltsame Pogrome gegen Magyaren. Vom Direktor eines Nationaltheaters kann man, denke ich, etwas mehr Rücksichtnahme auf die historischen Befindlichkeiten der erwarten. Nicht nur Spott, Häme und Provokation.

      Dass die Reaktionen von rechtsextremer Seite, insbesondere die homphoben Tiraden gegen Alföldi, das Allerletzte waren, muss ich nicht extra betonen, tue es aber trotzdem.

      • So gesehen dürfte es die rumänische Botschaft in Budapest ziemlich schwer haben, überhaupt einen Ort für den sicherlich üblichen Empfang anlässlich des rumänischen Nationalfeiertags zu finden. Und ungarische Regierungsvertreter müssten die Veranstaltung aus Prinzip boykottieren. Man kann nur hoffen, dass ich falsch liege…

      • Das ist vollkommener Unsinn. Ich zweifle nur, dass ein „Nationaltheater“ der richtige Ort ist, um Gebietsverluste des Gastlandes zu feiern. Ich frage Sie jetzt ganz ernst: Fehlt Ihnen wirklich jedwede Sensibilität zu diesem Thema oder stellen Sie sich nur dumm?

    • Wir wissen zu wenig über die geplante Veranstaltung, HV. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dort eine solche Provokation beabsichtigt war, wie Sie vermuten. Die rumänische Botschaft oder ein mit ihr kooperierendes Kulturinstitut würden auf einem Posten wie Budapest sicher keine solche Dummheit begehen. Wenn allein der Ort der geplanten Veranstaltung schon eine Provokation ist, dann habe ich dafür in der Tat eher wenig Verständnis. Mir ist bekannt, welche Schwierigkeiten Ungarn und Rumänen historisch miteinander hatten und welche Auswirkungen das noch auf die Gegenwart hat. Aber ich bin nicht bereit, mich einfach auf eine Seite zu schlagen, und glaube immer noch an die Macht der Vernunft.

  2. Würde die italienische Botschaft das Gebäude der Wiener Oper für den italienischen Nationalfeiertag mieten wollen, dann würde der Direktor das vermieten und es würde nicht zu wütenden Demonstrationen kommen. Darum ging es in Budapest.
    Übrigens sollten die Horthynostalgiker die rumänische Armee doch rühmen, ohne deren Einsatz Horthy nicht hätte auf einem weißen Pferd an der Spitze seiner Offizierseinheiten in Budapest 1919 einmarschieren können.
    Und mit dem Schlagwort vom Frieden von St.Germain kann man keine Massen in Österreich mobilisieren.

    • Noch besser zum Vergleich geeignet wäre sicherlich der Wunsch der tschechischen Botschaft in Wien, anlässlich des tschechischen Nationalfeiertags das Burgtheater zu mieten. Kann mir nicht vorstellen, dass man das unter Verweis auf St. Germain verweigern oder auch nur öffentlich diskutieren würde.

  3. „Und da kommt zum Beispiel ein Literaturnobelpreisträger, der einzige nämlich, Imre Kertész, unter ferner liefen vor, während klerikal-faschistische Autoren oder Kriegsverbrecher, die aber eben dieses, sagen wir mal, Klerikal-Nationale bedienen, die kommen dort als Pflichtlektüre rein. “
    Herr Ozsváth, ich bin sehr neugierig wer der Kriegsverbrecher und wer der Klerikalfaschist zwischen die Autoren ist?
    Und wer sind „diese Klerikal-Nationale“ ,und warum klingt es von Ihnen als ein Schimpwort.
    Haben Sie mindestens ein Buch von diesen Autoren überhaupt gelesen?
    Haben Sie den Roman von Imre Kertész gelesen und tatsaechlich würdig für den Nobelpreis gefunden?
    Nur ein internationale Homosexuelle ist als Direktor der ungarischen Nationaltheater akzeptabel für die Linksliberalen?
    Und finden Sie richtig, was Alföldi in und von National Theater gemacht hat?
    Sie sprechen genau so, wie die Linksliberalen in Ungarn, sind Ihr Sprachrohr in Deutschland.
    Eine Schande!

  4. Herr Ungarnfreund, warum nennen Sie sich so, Sie sind, Ihre Kommentare nach, ein Ungarnfeind.
    Verstehen Sie eingentlich nicht was es für einen Ungarn bedeutet einen rumaenischen Feiertag, wo man das verlieren von Siebenbürgen und anderer tausendjaehriger ungarische Gebiete feiert, in Budapester Nationaltheater zu feiern ?
    Kennen Sie die ungarische Geschichte überhaupt?
    Wir jammern nicht, uns tut es noch immer sehr weh. Wie der grosse ungarische Schriftsteller, Karinthy Frigyes, der eigentlich Jude war, gesagt hat: Wem Trianon nicht weh tut, ist kein Ungar.
    Wenn Sie das nicht verstehen sind Sie ohne Empathie und es wäre besser keine weiteren Kommentare zum Thema zu schreiben, Sie provozieren genau so, wie die Rumänen, die so feiern wollten.

    • Schauen Sie, ich hatte mal eine Diskussion mit einer Rumänin über die Frage, ob es dem rumänisch-ungarischen Beziehungen nicht gut getan hätte, wenn man ein anderes Datum für den rumänischen Nationalfeiertag gewählt hätte, z.B. einen Tag mit Bezug zur Revolution von 1989. Es war natürlich eine hypothetische Diskussion. Wie ich an anderer Stelle schon sagte: manche Ergebnisse der Geschichte muss man einfach mal akzeptieren. Trianon gehört dazu. Sie sprechen von Verlusten, die Rumänen von ihrer nationalen Einheit. Es ist ein Nullsummenspiel.

      • Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Revisionist: Aber die Aussage, man müsse Trianon einfach mal akzeptieren, finde ich gerade aus deutscher Perspektive vollkommen substanzlos, geradezu absurd. Wäre diese Meinung in 1989/1990 und vor allem davor Konsens gewesen, hätte es die deutsche Wiedervereinigung nicht gegeben. Ich denke, gerade wir Deutsche sind reichlich schizophren, wenn wir anderen Leuten vorschreiben, etwas (nämlich eine Teilung) zu akzeptieren, was wir für uns nie akzeptiert hatten…

        Das „Nullsummenspiel“, wie Sie es nennen, ist keine dröge Mathematik, sondern ein „Spiel“ mit echten Menschen. Eines von Vertreibung, von Unterdrückung, von Diskriminierung aufgrund Abstammung und Sprache. Ein „Spiel“, das mit den Werten der EU in so vielen Fällen nicht viel gemein hat und in dem die Ungarn mal nicht nur die ihnen scheinbar so gerne angedachte Rolle der Täter, sondern auch die des Opfers innehaben. Ein Nullsummenspiel, von dessen Folgen für Millionen Menschen man hierzulande (wo man sich doch so gut mit ungarischem Nationalismus und Revisionismus auskennt!) zu wenig weiß, um die Ursachen für die regionalen Konflikte richtig einschätzen zu können, die so viele Menschen bis heute in ihrem Bewusstsein herumtragen.

        Ungarnfreund, nehmen Sie zur Kenntnis, dass das vermeintlich so objektiv zu bewertende „Nullsummenspiel“ mit einer Menge Leid von Individuen verbunden ist. Von Familienmitgliedern und Freunden. Und da hilft es nicht, wenn einer zur Tür reinkommt und der Trauergemeinde sagt, sie möge sich zusammenreißen und ihr Schicksal akzeptieren; weil es andere auch nicht leicht hatten…

        Leid ist subjektiv, Sie können das anderer Menschen weder empfinden noch objektivieren. Und von „Schlussstrich“-Debatten sollten gerade wir uns hüten. Es gibt nur eine Lösung: Geben Sie den Menschen Zeit, ihre Schmerzen zu verarbeiten. Nehmen Sie ihre Sorgen ernst, hören Sie sich die Empfindungen an und machen Sie nicht auf Therapeut, ohne eine genaue Untersuchung durchgeführt zu haben. Akzeptieren Sie die Befindlichkeiten vieler Menschen in einem Land, mit dem Sie sich ausweislich Ihres Nicks verbunden fühlen. Und hören Sie endlich auf, alles mit dem „ach so objektiven“ deutschen Auge zu betrachten, sonst sind und bleiben Sie nämlich ewig der Oberpiefke :-). Wir werden beide den Lauf der Zeit nicht ändern, aber wir können jedenfalls Verständnis für die Besonderheiten Mittelosteuropas haben.

        Sehen Sie sich mal an, wie gut Ungarn mit Österreich auskommt (bzw. Ungaren und Österreicher), obwohl auch Österreich einen Teil des historischen Ungarns nach Trianon zugeschlagen erhielt. Der vorbildliche Umgang Österreichs mit der ungarischen Minderheit ist der Grund dafür, dass hüben wie drüben, was Österreich angeht, kein Hahn nach Trianon kräht. Würden sich die Slowakei und Rumänien ein Beispiel an Österreich nehmen, wage ich zu behaupten, wäre das Trianon-Trauma deutlich weniger gravierend. Ungarn hat bereits eine vorbildliche Politik, was die Nationalitäten angeht. Eine Politik, die Sie neulich übrigens als „Schaufensterpolitik“ verspotteten…

      • @HV: Wirklich vorbildlicher Kommentar! Ich möchte noch hinzufügen, dass Ungarn auch zu Kroatien sehr gute Beziehungen hat.

        Sicherlich gerate ich jetzt gleich wieder unter Antisemitismusverdacht, was solls. Ich denke, dass der Umgang mit dem Holocaust und der Umgang mit Trianon durchaus begrenzt vergleichbar ist. Beides sind abgeschlossene Dinge der Vergangenheit, die beide Leid verursacht haben (wenn ich auch das Leid der beiden nicht vergleiche, da ich dies grundsätzlich ablehne). Der Holocaut wird richtigerweiße nach wie vor thematisiert um zu erinnern und um eine Wiederholung zu verhindern. Wieso soll man also nicht auch über Trianon reden, daran erinnern dürfen? Wenn auch mit anderer Zielsetzung: nämlich den Folgen, die heute immernoch gegenwärtig sind (Assimilierungsdruck), entgegenzutreten. Insofern verstehe ich nicht, wieso Sie, Ungarnfreund, Trianon so tabuisieren. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ihre Haltung kontraproduktiv ist, weil Sie durch Auferlegung des Tabus nur größeren Gegenwind provozieren. Das wiederum dient am ehesten der Züchtung eines neuen Balkans.

      • Sie haben völlig Recht. Die Erinnerung an den Holocaust ist aus anderen Gründen wichtig als die Erinnerung an Trianon. Und natürlich kann man beides nicht einmal ansatzweise miteinander vergleichen. Ich lehne die Schlussstrich-Mentalität aber in beiden Fällen ab. Dass die Shoa beispiellos ist, kann kein Grund sein, über andere einschneidende Ereignisse den Mantel des Schweigens zu breiten.

        Die Deutschen haben nach der Teilung nie wirklich aufgehört, diese zu thematisieren und über die Wiedervereinigung nachzudenken. Auch damals gab es die selbsternannten „Vernünftigen“, verkörpert durch die Linken, die diese Debatte unterdrücken wollten. Sie hatten bekanntlich Unrecht. Ich denke also, es ist vermessen, wenn wir Gedanken über Trianon mit einem Verweis darauf unterdrücken wollen, dass man abschließen muss, weil es doch soooo lange her sei.

        Die Befassung mit Trianon muss allerdings konstruktiv sein. Grenzrevisionen wird es nicht geben, aber die Debatte um Autonomie hätte längst geführt werden müssen. Meines Erachtens vor dem Beitritt Rumäniens zur EU. Und solche Gedanken sollte sich niemand verbieten lassen, nur weil Rumänien und die Slowakei – wie auch Spanien – davon nichts wissen wollen. Das Prädikat des Unruhestifters muss man ertragen. Auch wenn es Ungarnfreund missfällt und er zynisch von Nullsummenspielchen spricht, als einer, der nicht betroffen ist…

      • Danke, dass Sie mir einmal in Sachen Diskussionskultur zur Seite springen, HV. Inhaltlich liegen wir wohl leider weiterhin ziemlich weit auseinander. Ich denke nämlich nicht, dass man die deutsche Wiedervereinigung und Trianon vergleichen kann. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass das ewige Bohren in alten Wunden (und seien es die eigenen) nicht zu deren Heilung beiträgt. Das Totschweigen zu kommunistischer Zeit hat selbstverständlich auch nicht gerade zur dauerhaften Entspannung beigetragen.

        Was mir aber am heutigen ungarischen Trianon-Diskurs immer wieder auffällt und was mich wirklich stört, ist Folgendes: Oft wird meist regelrecht ausgeblendet, dass in den abgetretenen Gebieten auch noch andere, nicht-ungarische Volksgruppen lebten. Man sieht nur das eigene Leid. Dabei sprachen sich in den heute zu Rumänien gehörenden Regionen seinerzeit neben den ethnischen Rumänen, auch Deutsche und Juden für den Anschluss an Groß-Rumänien aus. Sie erhofften sich mehr Freiheiten als ihnen von Groß-Ungarn zugestanden worden waren. Diese Hoffnung war freilich trügerisch, weil Bukarest die neuen Gebiete genauso aggressiv romanisierte, wie sie zuvor magyarisiert worden waren. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

        Oder gehen Sie meinetwegen mal nach Alba Iulia (Gyulafehervar) und besuchen Sie die Festung sowie die nebeneinander liegenden rumänisch-orthodoxe Kirche und die ungarisch-katholische Kirche: Die Rumänen sind der festen Überzeugung, dass an diesem Ort einst ihr Reich begründet worden und Siebenbürgen daher ur-rumänischer Boden ist. Entsprechend einseitig wird die Geschichte im dortigen Nationalmuseum vermittelt. Diese Sichtweise prallt auf ungarischer Seite auf genauso einseitige Darstellungen. Jedenfalls habe ich als unparteiischer Beobachter immer das Gefühl, dass ungarisches Trianon-Gedenken einem Drehen um die eigene Achse gleicht.

        Was nicht verstehe, ist die Kritik am Begriff „Nullsummenspiel“. Das ist immer noch der beste Begriff, um einen klassischen Territorialkonflikt zu beschreiben: (Gelände-)Gewinne der einen Seite sind buchstäblich Verluste für die andere Seite. Allenfalls können Sie das Gebiet noch in der Mitte teilen; auch das ist 1940-1944 ja schon einmal versucht worden, übrigens mit dem Nebeneffekt, dass im südlichen Siebenbürgen (soweit ich weiß) keine systematische Judenvernichtung stattfinden konnte.

        Es gibt heute meiner Meinung nach keinen anderen Weg, als die Ergebnisse der Geschichte in diesem Raum zu akzeptieren, die Unveränderlichkeit der Grenzen festzuschreiben, Regelungen für einen vernünftigen Minderheitenschutz durchzusetzen, auf Provokationen wie bei der Nyirö-Neubestattung zu verzichten und die europäische Integration voranzutreiben.

      • Natürlich liegen wir inhaltlich auseinander. Dies zeigt sich an folgender Aussage aus Ihrer Feder:

        „Ich denke nämlich nicht, dass man die deutsche Wiedervereinigung und Trianon vergleichen kann.“

        Nicht Trianon und die Wiedervereinigung, aber Trianon und die deutsche Teilung. Warum soll man das nicht im Ansatz miteinander vergleichen können? Man könnte sogar sagen, dass Deutschland die Teilung als Kriegstreiber, der das europäische Judentum ausrotten wollte, eher „verdient“ gehabt haben dürfte als Ungarn die damalige Teilung in 1920, schließlich wurde Ungarn nicht ganz freiwillig in den ersten Weltkrieg hineingezogen. Die Position Tiszas war, wenn ich recht informiert bin, lange gegen eine Kriegsteilnahme gerichtet.

        Und dass beide Teilungen den Interessen von Siegermächten geschuldet waren, zweifeln wir beide wohl ebenfalls nicht an.

        Also: Warum keine Vergleichung? Etwa deshalb, weil wir das bekommen haben, was wir wollten? Und jetzt Schluss ist mit Wunschdenken? Halte ich für keinen vertretbaren Ansatz. Ich denke, das Totschweigen der Folgen Trianons ist ebenso falsch wie eine grenzrevisionistische Position. Ich bin aber ein ausdrücklicher Befürworter von Autonomie, um dem erheblichen Assimilierungsdruck zu widerstehen.

        Und mit Verlaub: Das mit dem neutralen Beobachter nehme ich Ihnen nicht ab, auch wenn Sie es noch hundert Mal betonen. Ihre Position ist eine der ständigen Ungarnkritik. Sie stören sich an ungarischem Nationalismus, an angeblichem ungarischen Selbstmitleid, an der vermeintlichen ungarischen Unversöhnlichkeit, dem Gedenken an Trianon (was Sie als Verharren in der Vergangenheit bezeichnen), neulich mäkelten Sie sogar an der angeblichen ungarischen Undankbarkeit gegenüber der EU herum. Man könnte sagen: Sie suchen, was Ungarn angeht, immer das Haar in der Suppe, so viel Kritik erfahren die Nachbarstaaten nie. Wenn man so will, sind Sie das Abbild der deutschen Berichterstattung über Ungarn, die Ungarn als den Störenfried in der Region für sich identifiziert hat. Ich nehme Ihnen ab, dass es Ihre Auffassung ist, nur verstehen Sie bitte auch, dass man, wenn man so wenig praktisches Verständnis für die eine oder andere ungarische Positionen aufbringt wie Sie, die auch bei anderen Ländern liegenden Ursachen für Konflikte in der Region bestenfalls in einem Nebensatz erwähnt und alles durch das vermeintlich neutral deutsche Auge sieht, nicht nur Zustimmung erntet. Ich sage es zum letzten Mal in diesem Jahr: Mittelosteuropa ist historisch bedingt etwas anderes als Westeuropa. Und Lösungen für die dortigen Themen kann man nicht immer mit dem Blick auf seine eigenen Heldentaten finden…

      • Lieber HV,

        meiner Ansicht nach verbietet sich auch ein ansatzweiser Vergleich der Teilung Deutschlands (1949) und dem Vertrag von Trianon (1920). Es handelt sich zum einen um einen gänzlich anderen historischen Kontext, sowie um zwei verschiedene Konsequenzen aus zwei unterschiedlichen Kriegen mit unterschiedlichen Siegermächten. Ich gebe weiterhin zu bedenken, daß „Großungarn“, so wie es heute in Ungarn zum überwiegenden Teil verklärt dargestellt wird, gar nicht wirklich existierte. Die meisten, durch revisionistische Bestrebungen beanspruchten Gebiete, waren lediglich Länder der ungarischen Krone und nicht Bestandteil des ungarischen Königreichs. Ausnahme: Siebenbürgen ab 1867. Sie verfügen über eine starke Meinung, sollten diese aber hin und wieder prüfen.

        http://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%A4nder_der_Ungarischen_Krone

      • Ein paar Gedanken zur politischen Autonomie:

        Nach meiner Erkenntnis ergibt politische Autonomie ausschließlich einen Mehrwehrt für Minderheiten innerhalb einer gut funktionierenden Demokratie. Ist diese nicht gegeben, besteht immer die Gefahr, daß das Mißtrauen der Zentralregierung gegenüber politischer Akteure innerhalb eines autonomen Gebietes stark zunimmt. Sehr wahrscheinlich in Form des Vorfwurfs separatistischer Bestrebungen. Beschäftigt man sich mit Autonomen Regionen in jüngeren Demokratien in Osteuropa und den Staaten der „östlichen Partnerschaft“ genauer, so ist zu resümieren, daß durch dem Schritt zur Autonomie keinesfalls im praktischen Sinne Konflikte befriedet, entschärft oder beigelegt wurden. Als einzige Ausnahme lasse ich Gagausien gelten. Besonders negative Beispiele: Transnistrien, Adscharien und Abchasien. Solange in der rumänischen öffentlichen Meinung Siebenbürgen als „Herzstück Rumäniens“ bezeichnet wird, ist eine Forderung nach Autonomie ohnehin als kontraproduktiv zu bewerten.

        Die ungarische Minderheit in Serbien lebt in einer autonomen Region. Die Vojvodina. Auch aus dieser Region gibt es in regelmäßigen Abständen berechtigte klagen seitens der ungarischen Minderheit. Es geht um rassistische Schmierereien, Verwüstungen von Friedhöfen, körperliche Gewalt, Morddrohungen. Diese Problematik erzeugt aktuell eine sich entzweiende Bürgerschaft. Erschwerend hinzu kommt eine überwiegende Ignoranz seitens der Polizei gegenüber der beschriebenen Vorfälle. Das serbische Verfassungsgericht hat zu allem Überfluss im Sommer diesen Jahres die Autonomierechte erheblich beschnitten.

      • @Marcus: Es wäre mir lieb Sie würden etwas weiter ins Detail gehen. Der historische Kontext liegt etwas anders, mag sein. Es geht dabei aber immernoch um Grenzziehungen nach einem Krieg und deren Folgen. Grenzziehungen sind eigentlich etwas, das sich an den ethnischen Gegebenheiten orientieren sollte und nicht an historischen Kontexten. Sonst passiert nämlich genau das was passiert ist: nun schon fast ein Jahrhundert andauernde Spannungen, weil die benachteiligte Seite sich nun mal genauso fühlt und auch nach wie vor benachteiligt ist und damit die Folgen tatsächlich immernoch spüren kann.
        Es ist auch korrekt, dass es sich zum Teil um andere Siegermächte handelt, aber auch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass man den eigentlichen Sachverhalt nicht vergleichen kann. Wie schon gesagt: es geht um Grenzziehungen, ob diese fair sind und um deren Konsequenzen. Es ist eher unerheblich, wer diese Grenzen gezogen hat. Ich für meinen Teil würde es aber für angebracht halten, dass einerseits Trianon – so wie es beschlossen wurde – endlich als Fehler wahrgenommen wird und dass die Verantwortlichen dafür auch etwas Verantwortung übernehmen. Es geht nicht um Schuldeingeständnisse, aber wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann sollte ich zusehen, dass ich den Fehler wiedergutmache oder zumindest Schadensbegrenzung übe, zumindest aber den Fehler eingestehe.
        Was die Konsequenzen anbelangt, die liegen tatsächlich etwas anders. Der Osten Deutschlands wurde in eine Diktatur gezwungen, während an den ungarischen Minderheiten im wörtlichen Sinne Völkermord betrieben wird (Mord am Volk und nicht an den Mitgliedern eines Volkes). Weiterhin bin ich nicht überzeugt, dass Ungarn am zweiten Weltkrieg teilgenommen hätte wäre man in Trianon schlaucer gewesen. Andere Regierungen und Machtverhältnisse hätten sich gebildet, andere Entscheidungen wären möglicherweise getroffen worden. Aus der Teilnahme am zweiten Weltkrieg ergab sich jedoch auch für Ungarn und den größten Teil der ungarischen Minderheiten ein Schicksal in Diktatur. Liegen die Dinge also wirklich so weit auseinander?

        Großungarn und Trianon sollten nicht locker vom Hocker vermischt werden. Es gibt durchaus auch Leute, die Trianon so wie es beschlossen wurde, ablehnen, jedoch nicht an der Wiederherstellung Großungarns interessiert sind. Wie auch HV schon sagte, ist Autonomie eine gangbare Lösung die sogar viele Ungarn unterstützen würden. Ich für meinen Teil sehe das differenzierter, weil ich fürchte das ein Autonomiestatus wieder entzogen werden kann und dann fängt man wieder bei Null an – diesen Luxus kann man sich einfach nicht mehr Leisten! Ferner sind die Grenzen Großungarns zum Teil zu einem Symbol geworden, dass repräsentiert was früher einmal war und das man nicht vergisst. Man muss es nicht zwangsläufig so interpretieren, dass man die Grenzen so oder auch nur überhaupt wiederherstellen will.

      • Gerade der zweite Teil Ihres zweiten Satzes zeigt auf, daß die deutsche Teilung und Trianon nicht direkt verglichen werden darf. Sind Sie der Meinung, daß die „ethnischen Gegenbenheiten“ in der ehemaligen DDR als heterogen zu bezeichnen ist? War die ehemalige DDR ein Multikulturelles Gebilde? Ich würde eine solche These absurd nennen. Auch unter Berücksichtigung der sorbischen Minderheit. In welchen Teilen der von den ungarischen Revisionisten beanspruchten Gebieten sehen Sie, abgesehen von einzelnen Städten“ eine homogene „ethnische Gegebenheit“ wie in der ehemaligen DDR? Wenn Grenzziehungen nach Kriegen miteinander verglichen werden, dann bitte in der Gesamtheit und nicht nur die deutsche Teilung. Es war schließlich nicht die einzige neue Grenzziehung nach dem zweiten Weltkrieg, die Deutschland betraf. Für mich verbietet sich dieser Konkrete Vergleich. Von in Deutschland sozialisierten Menschen erwarte ich historische Differenzierungen in dieser Frage. Genauso wie einen sensibleren Umgang mit Nationalismus.
        Daß der Vertrag von Trianon keine gerechte, sondern eine für die Zukunft brandgefährliche Entscheidung war, steht für mich außer Frage. Lloyd George hatte Recht. Eine Kompensation oder sogar Revision liegt, nach inzwischen fast 93 Jahren, nahezu im Bereich des Unmöglichen.
        Mein provokanter Vergleich von „Großungarn“ basiert auf meinen Wahrnehmungen der politischen Strömungen in der ungarischen Gesellschaft. Sehr viele sind zu einer Differenzierung in diesem Falle nicht bereit. Das wäre schon einmal ein großer Fortschritt!

      • HV, Marcus hat bereits aufgezeigt, warum es nicht sinnvoll ist, Trianon und die deutsche Teilung miteinander zu vergleichen, jedenfalls solange mit letzterer die Teilung in die beiden deutschen Staaten BRD und DDR 1949-1989 gemeint ist. Da wuchs 1990 wirklich zusammen, was zusammen gehört. Die 1920 vom alten Großungarn abgetrennten Gebiete gehören aufgrund ihrer gegenwärtigen ethnischen Zusammensetzung, dem ebenfalls legitimen Wunsch der betroffenen nicht-magyarischen Völker nach Eigenstaatlichkeit und Einheit sowie den fast 100 Jahren getrennter Entwicklung seither inzwischen nun wirklich nicht mehr zusammen. Die völlige Unsinnigkeit einer Revision von Trianon aus heutiger Sicht ist übrigens der Ausgangspunkt für mein in der Tat ziemlich großes Unverständnis für den von einigen seit 1990 wieder intensiv betriebenen „Trianonkult“. Revisionsforderungen wären ungefähr so unsinnig wie die Forderung einiger unverbesserlicher Deutscher nach einer Rückgewinnung der heute polnischen ehemaligen deutschen Ostgebiete. Wenn überhaupt, dann können Sie vielleicht hier entsprechende Vergleiche mit der deutschen Geschichte und entsprechende Lehren daraus ziehen.

        Auch Sie, HV, verfallen leider in einen gewissen „Trianonkult“, wenn Sie hier Vokabeln wie „Trauergemeinde“, „Schmerzen“ usw. verwenden. Trianon liegt über 90 Jahre zurück! Sie sprechen beinahe so darüber, als wäre es gestern gewesen. Niemand bestreitet, dass dieser Vertrag seinerzeit Leid verursacht hat oder dass insbesondere Vertreibungen aus heutiger Sicht großes Unrecht sind. Aber wieviel neues Leid würde verursacht, wenn man einfach die Uhr zurückdrehte! Ich finde es durchaus legitim, Trianons zu gedenken, aber bitte als einem historischen Ereignis, verbunden mit einem deutlichen Bekenntnis zu Europa, gutnachbarschaftlichen Beziehungen, Menschenrechten und Minderheitenschutz. Trianon-Denkmäler oder Großungarn-Darstellungen auf allem möglichen Nippes finde ich hingegen ziemlich gruselig. Wäre ich Ungar, würde ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass auf diese Weise aus der Geschichte wieder Gegenwart und mein Volk von einigen Unbelehrbaren zu einer Geisel der eigenen Geschichte gemacht wird.

        Das ist vielleicht eine passende Überleitung zu einer Reaktion auf Ihre allgemeinen Ausführungen zu meiner vermeintlichen Haltung zu „Ungarn“. Da ich kein Ungar oder Ungarndeutscher bin und auch keine ungarischen Vorfahren habe, ist meine Sicht selbstverständlich eine von außen. Mir ist die „deutsche Brille“ durchaus bewusst. Seien Sie doch froh darüber, dass Sie hier einen solchen Mitdiskutanten haben. So erfahren Sie im O-Ton, wie manche Elemente der ungarischen Politik auf einen Außenstehenden wirken. Ich bin mir sicher, dass die meisten Deutschen das, was ich hier bewusst als „Trianonkult“ bezeichne, mit sehr, sehr großer Skepsis und Befremden sehen bzw. sehen würden, wenn sie sich mit Ungarn befassten.

        Übrigens sage ich auch Ihnen gern noch einmal, dass ich andernorts mitnichten die ungarische Minderheitenpolitik an sich als Schaufensterpolitik „verspottet“, sondern vielmehr gesagt habe, dass sie meiner Beobachtung nach immer ein Element von Schaufensterpolitik in sich trägt. Schaufensterpolitik vs. Element von Schaufensterpolitik – das ist ein großer semantischer Unterschied, lieber HV. Ich hatte zudem bereits erläutert, wie ich diese möglicherweise als provokant empfundene Aussage verstanden wissen möchte, nämlich als eine rein analytische: Die ungarische Minderheitenpolitik soll den Nachbarstaaten erkennbar demonstrieren, welche Standards man sich in Ungarn für den Umgang mit den dortigen magyarischen Minderheiten wünscht. Weiterhin hatte ich dargelegt, wo hierbei der Pferdefuß liegt: Die quantitative Asymmetrie, d.h. die relative Größe der magyarischen Minderheiten im Vergleich zur relativen Kleinheit der in Ungarn selbst lebenden Minderheiten (oder aufgrund des starken Assimilationsgrades der von diesen Minderheiten übrig gebliebenen Reste) behindert die einfache Durchsetzung des Gegenseitigkeitsprinzips. Es macht eben einen riesigen Unterschied, ob Sie z. B. ein paar Tausend in ganz Ungarn vertstreut lebende Slowakisch-Muttersprachler oder eine in geschlossenen Siedlungsgebieten direkt an der südlichen Staatsgrenze lebende ungarische Minderheit, die in der Slowakei gut 10% der Gesamtbevölkerung ausmacht, betrachten.

        Als Abschluss für dieses Jahr, möchte ich Ihnen gern Folgendes sagen: Ich mag Ungarn, gebe mir Mühe, etwas von der schönen ungarischen Sprache zu lernen, beschäftige mich gern mit der Geschichte, versuche die Mentalität zu verstehen und verzweifle manchmal geradezu an manchen Auswüchsen der dortigen Politik. Schön, dass Sie ähnlich Denkenden dieses Diskussionsforum hier bieten. Dabei auftretende Meinungsverschiedenheiten beleben Ihr Geschäft. Ich bin auch 2013 gern wieder mit dabei.

      • Ich formuliere es mal ganz abstrakt: Krieg -> Grenzziehung -> schlimme Konsequenzen, einschließlich Teilung. Egal welcher Form die Konsequenzen waren, sie waren in beiden Fällen zumindest für einen der Betroffenen inakzeptabel. Ich fordere auch nicht zwangsläufig Grenzrevisionen, sondern bin mit Autonomie grundsätzlich einverstanden, nur muss diese Autonomie dann auch zementiert werden und dazu fällt mir kein Mittel ein. Nur aus diesem Grunde bevorzuge ich eine Abspaltung des Széklerlandes, das noch mehrheitlich von Ungarn beölkert wird. Alle anderen Grenzveränderung lehne ich grundsätzlich ab. Die Autonomie selbst wiederrum muss noch definiert werden. Keiner sagt, dass es eine ungarische Autonomie sein muss. Würde man ein autonomes Gebiet unter ungarische Hegemonie stellen hätten Sie vielleicht Recht damit, dass sie Spannungen aufbauen könnte. Es ist aber auch eine Autonomie denkbar, die die Region weitgehend eigenständig von der Zentralregierung macht, jedoch gleichzeitig über starke Interessensvertretungen der einzelnen ethnischen Gruppen verfügt. Das würde das Zusammenleben eher noch fördern, denn die Ethnien würden sich als gleichberechtigte Partner begegnen. Was Ihr Beispiel der Vojvodina angeht, so ünterstützt es meine Ansicht, dass es auf die Form der Autonomie ankommt, die in der Vojvodina nämlich ausgehölt ist. Sie ist dort nämlich ohne Macht und ohne Durchsetzungsvermögen, sie ist bloß eine Marionette. Es gibt auch andere Beispiele für Autonomie, zum Beispiel Südtirol.

        Was Ihre Ausführungen hinsichtlich der Sozialisierung in Deutschland angeht, darauf gehe ich nicht tiefer ein. Nur so viel: nur weil ich in Deutschland geboren bin, hier lebe und meine erste Sprache deutsch ist, lasse ich mir nicht vorschreiben was ich hier zu denken habe und worüber ich sprechen darf. Gerade weil ich hier geboren bin. Aus Ihren Worten spüre ich leider einen gewissen Hauch von Übermensch- und faschistoiden Denken (ein Deutscher sollte weiterentwickelt sein / ein Deutscher darf das nicht). Weiterhin bin ich der festen Überzeugen: wenn man über ein Problem und über eine Lösung diskutiert, dann muss man auch über dessen Ursachen reden dürfen. Weiterhin denke ich, dass Sie gar keine Wahl haben werden als sich immer wieder Trianon anhören zu müssen, solange die Situation so ist wie sie ist, denn vielen vielen Ungarn werden Ihre Befindlichkeiten egal sein. Insofern sind Ihre Methoden das Thema totschweigen zu wollen, völlig sinnlos.

        Was schlagen die Herren nun eigentlich den Minderheiten vor? Sollen die sich einfach assimilieren lassen? Sollen sich ganze Volksgruppen einfach widerstandslos auslöschen lassen? Denn ohne Autonomie wird genau das geschehen. Wenn Europa das zulassen sollte, dann will ich von Europa nichts mehr wissen. Das ist kein Europa das auf Freiheit fußt. Und die, die nichts dagegen unternommen haben, werden ebenso schuldig sein wie die, die dieses Verbrechen ausgeführt haben.

        Abschließend zu den Sorben noch ein Wort: interessanter Weise stützen Sie gerade meine These indem Sie die Sorben nennen, denn die stehen auch unter großen Assimilierungsdruck, ihre Zahl ist seit der Nachkriegszeit stark zurück gegangen. Und auch hier kann man davon sprechen, dass die DDR-Führung dies gezielt oder zumindest wissentlich gefördert hat. Damit teilen sie das Schicksal der ungarischen Minderheiten. Ich darf sagen: als Deutscher schäme ich mich für das Schicksal der Sorben, als Ungar fühle ich mit ihnen. Gerade als Deutscher müsste man also sensibler mit Minderheiten umgehen, denn man hat selbst sozusagen Blut an den Händen.

  5. Herr Ungarnfeind, Nullsummenspiel für Sie und für die Rumaener. Wie ich schon geschrieben habe, Sie sind eine unsensible, gegenüber Ungarn feindliche Person. Ich möchte wissen welche Nationalitaet Sie haben, wenn Sie überhaupt eine haben und kein Internationalist
    – Internati- sind.
    Zusammenhalten gegen Ungarn mit Jedem, und provozieren, das ist Ihr Ziel. Sie haben einmal mit einer Rumänin gesprochen, und deswegen sind Sie der Weise.
    Ich habe nicht mit einer gesprochen, ich lebte in Siebenbürgen, ich kenne die Situation besser als Sie, deswegen behalten Sie Ihre Weisheiten für sich.

    • @HV: Ich finde nicht, dass die Stellungnahme Ildikós von außerordentlicher Unhöflichkeit zeugt, auch wenn ich sie inhatlich nicht teile. Den letzten Absatz fand ich interessant. Einerseits sind diese Einwände gegen Ungarnfreund durchaus berechtigt und ich denke, dass Sie Herrn Pfeifer bereits vergleichbar gerügt haben. Interessanter fand ich aber den letzten Satz. Klingt so, als wäre doch nicht jeder in Siebenbürgen so optimistisch. Oft wird gesagt, die Auslandsungarn möchten nicht, dass sich Budapest allzusehr in ihre Belange einmischt, dass sie die Situation lieber von innen heraus ändern wollen. Ich für meinen Teil habe das immer etwas bezweifelt, weil mir der Optimismus fehlt, nach 20 ergebnislosen Jahren noch an eine Veränderung von innen heraus zu glauben. Es ist nicht allzu lange her, dass ein Siebenbürgener Politiker sinngemäß sagte, dass man den demokratischen Bemühungen der Ungarn dort entgegenkommen sollte (von seiten Rumäniens), weil die Situation sich deutlich verschlimmern könnte, wenn die Leute erkennen würden, dass ihnen keine demokratischen Mittel zum Erreichen ihrer Ziele mehr zur Verfügung stehen würden. Leider weis ich nicht mehr, wer das gesagt hat (Kelemen? Tökés? Jemand anders?) und kann daher das Originalzitat nicht liefern, ich fand es jedenfalls sehr treffend. Insofern würde mich interessieren, was Sie, Ildikó, über die Situation in Siebenbürgen berichten können.

      • Wie ich schon sagte, die Beurteilung Ungarnfreunds durch Ildikó teile ich so nicht. Dennoch würde mich interessieren was Ildikó über die Situation in Siebenbürgen zu berichten weis – das hat ja mit Ungarnfreund auch nichts zu tun.

        Trotzdem möchte ich anmerken: Ungarnfreund wurde nun schon mehrmals kritisch auf seinen Nutzernamen angesprochen. Sie kritisieren oben auch sein Nullsummenspiel als zynisch. Ich denke ein wenig Kritik bezüglich seines Nutzernamens muss er dann und wann ertragen können. Letztlich hätte er das selbst vermeiden können, hätte er einen anderen Nutzernamen gewählt oder würde etwas anders auftreten. Ich kann zwar verstehen was ihm zur Namenswahl bewogen hat und die steht ihm ohne Zweifel frei, aber ich kann in letzter Zeit auch die andere Seite zunehmend verstehen, denen der Nutzername manchmal höhnisch vorkommt.

  6. Hätte der Deutschlandfunk doch mal lieber den Ungarnexperten Mayer befragt.
    Der fand noch 2011:
    *Attila Vidnyánszky, der vielleicht einzige profilierte Regisseur des Landes…*

    • Da hat die Stimme der dpa die Meinung scheinbar auch geändert:

      „Eine weitere Etappe der Orbán’schen Kulturrevolution: Das Nationaltheater wird an den linientreuen Theatermacher Attila Vidnyánszky ausgehändigt. Er werde alles anders machen als sein weltoffen-liberaler Vorgänger Róbert Alföldi, kündigte der neue Intendant an.“

      Quelle: Facebook-Gruppe „Aufmarsch-die rechte Gefahr aus Osteuropa“.

      Wir lernen: Gregor Mayer bezeichnet Vidnyánszky als einen profilierten Regisseur (mit Fidesz-Bindung), aber er eignet sich wohl nicht für das Nationaltheater. Der „profilierte Regisseur“ wird daher zum „Theatermacher“ degradiert. Eben weil er dem Fidesz zuneigt. Quod erat demonstrandum. Der Wächterrat hat gesprochen. Über die Kulturvereinigung namens „Deutsche Presseagentur“. 🙂

  7. Der DLF lässt nicht locker.
    Heute in der Programmvorschau ab 17.30 Uhr u.a.:
    „National und konservativ – Die Ungarische Kunstakademie als neues Machtzentrum Victor
    Orbns“

  8. Huch,
    das war ja hier eine spannende Diskussion in den letzten Tagen, die ich jetzt erst nachlesen konnte. Ich habe Schwierigkeiten, zu entscheiden, wessen Position ich teilen kann und soll: die von Ungarnfreund oder von HV. Dabei weiss ich auch nicht, ob meine Unentschiedenheit durch irgendwelche Brillen beeinflusst werden: jene der ursprünglichen Herkunft aus Siebenbürgen oder jene der deutschen Sozialisation seit dem Teenageralter… 😉
    Fakt ist aber, dass auch auf mich der Trianon-diskurs in Ungarn, als ich ihm das erste Mal bewusst begegnet biin (so um 2001 herum) befremdlich vorgekommen ist. Mittlerweile weiss ich auch, wieso: weil die verlorenen Gebiete zumindest in manchen Teilen dieses Diskurses wie jener Móriczsche „Zaubergarten“ (Tündérkert) evoziert werden, auch wie eine romantische Flucht aus der unwirtlichen Wirklichkeit in eine einseitig verschönert dargestellte Vergangenheit, in der von der Multiethnizität etwa Siebenbürgens oder des Banats keine Kenntnis genommen wird. Nicht von ungefähr wissen die wenigsten Durchschnittsungarn etwa, dass es kaum mehr eine größere ungarisch dominierte Stadt in Siebenbürgen gibt. Faktenwissen über heutige Zustände ist nämlich nicht gefragt, sondern nur Träumereien…
    Der Vergleich von Trianon mit der deutschen Teilung hinkt natürlich, da hat Ungarnsfreund Recht, denn die DDR war ja ein ethnisch homogener Nationalstaat, hingegen waren die meisten 1920 abgetrennten Gebiete ethnisch gemischt (die Ausnahmen kenne ich: Partium, Székelyföld usw.). Was mir neu war: laut Ungarnfreund sollen sich die Juden Siebenbürgens für einen Anschluss Siebenbürgens an Rumänien ausgesprochen haben. Meines Wissens gab es nicht einmal eine Gesamtkörperschaft des siebenbürgischen Judentums, geschweige denn einen solchen Beschluss… Kannst du mir sagen, woher deine Info stammt?

    Die Haltung Ungarnsfreunds finde ich, übrigens, zwar sehr kritisch, Ungarn gegenüber, aber dies scheint mir eine wohlwollende Kritik zu sein, eine, sich um Verständnis bemühende Haltung – im Gegensatz zu so manch anderem User hier. Ich teile also die Auffassung von Fruzsina, ach, was für ein schöner Name, so heisst meine kleine Schwester auch :-), nicht.

    • Lieber galut,

      zunächst ein gutes neues Jahr!

      Meine Großmutter stammte aus Siebenbürgen. Ich muss Ihnen jedoch sagen, dass meine oben geschilderte Haltung nicht damit zusammenhängt, dass ich die Multiethnizität der abgetrennten Gebiete nicht zur Kenntnis nehmen würde. Oder quasi genetisch zum Revisionist geboren worden wäre.

      Auf den Blödsinn vom Trianonkult gehe ich nicht ein. So etwas sagt mehr über Ungarnfreund aus als über mich.

      Zur Sache:

      Macht man allein an der Frage der Ethnie fest, so haben Sie und Ungarnfreund Recht, sind die deutsche Teilung und Wiedervereinigung natürlich nicht inhaltlich mit Trianon vergleichbar. Hierzu aber mehrere Punkte:

      1. Wer legt fest, dass das Kriterium der Ethnie das einzig entscheidende sein soll? Heißt das: Die deutsche Teilung war also wegen der ethnischen Zusammensetzung der späteren DDR böse, Trianon hingegen eine (überspitzt gesagt) edle, weise Entscheidung?

      2. Wer glaubt das Gerede der Siegermächte des ersten Weltkrieges wirklich, dass es um eine ethnisch „homogene“ Grenzziehung ging, nicht um Gebietszuwächse um jeden Preis? Warum wurden dann nicht überall Volksabstimmungen durchgeführt? Dass die Menschen ihr Schicksal hätten selbst in die Hand nehmen können, ist ein Märchen. Vielmehr entschieden einseitig bis gar nicht informierte Vertreter und gingen den Einflüsterern der Nachfolgestaaten auf den Leim. Es ging um strategische Vorteile, u.a. Bahnlinien.

      3. Ich behaupte: Die Folgen Trianons für die in den abgetrennten Gebieten lebenden Ungarn waren mindestens so gravierend wie für diejenigen Deutschen, die plötzlich in der DDR aufwachten. Im Hinblick auf die sich anschließende ethnische und sprachliche Diskriminierung, wohl noch gravierender. Ich argumentiere also, wenn ich um die Behebung der Wunden und ein Nachdenken über Autonomie plädiere, von den bis heute bestehenden Folgen her. Sie sind die Ursache für die Unversöhnlichkeit, was auch das entspannte Verhältnis zu Österreich angeht. Da interessiert Trianon nicht sonderlich.

      Und bei alldem bleibt es vermessen, von Berlin aus anderen zu verbieten, über die Überwindung von Teilungen nachzudenken, weil diese ja schon 90 Jahre her seien. Wir, die ach so objektiven Deutschen, haben als Belohnung für unsere Kriegstreiberei im 2. Weltkrieg im Westteil des Landes nicht nur ein Wirtschaftswunder bekommen (dank reichlich Geld der Westmächte), sondern 55 Jahre nach Kriegsende auch noch die Wiedervereinigung. Ich denke, ein wenig Demut wäre hier vor den Sorgen anderer schon angebracht, nicht eine Vorgehensweise à la „die deutsche Situation war besonders, daher lief es richtig“. Jede Situation ist nämlich besonders. Auch Trianon und die Beweggründe dafür.

      Ich denke, die Debatte um Trianon wäre ggf. sachlicher, wenn man endlich anerkennen würde, dass seinerzeit nicht alles toll lief. Ja, man nahm einer Bevölkerung das Recht, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Und hat dadurch nicht nur die Saat für Ungarns Teilnahme am 2. Weltkrieg mit gesetzt, sondern auch Ungarns Wirtschaft quasi kastriert und für Jahrzehnte negativ beeinflusst. Die rohstoffreichen Gebiete fielen fast ausnahmslos an die Entente. Allein die Rumänen haben Güter im Wert von 3 Mrd. Goldkronen verschleppt, was dem Zwölffachen des Wertes der Anleihe entsprach, die vier Jahre später zur Sanierung des Staatshaushaltes begeben wurde…

      Viele Ungarn denken, die Entwicklung Ungarns wäre einfach besser verlaufen, wenn man ihnen bessere Chancen gelassen hätte. Etwa solche, wie man Sie Deutschland gab.

      Und vergessen wir bitte auch Folgendes nicht: Willy Brandt galt der deutschen Konservativen als Verräter, weil er klarstellte, dass Deutschland keine Ansprüche auf die ehemaligen Ostgebiete erhebt. Die Union sprach seinerzeit vom Ausverkauf deutscher Interessen. Das war Anfang der 1970er Jahre. Ca. 30 und 90 Jahre sind ein Unterschied, aber bei Ungarn muss man 50 Jahre Diktatur abziehen, in der keine Geschichtsaufarbeitung stattfinden konnte….:-)

      Ich bleibe bei meiner Einschätzung, dass die unverweilte Wunden Trianons nur überwunden werden, wenn man versucht, die Negativen Folgen zu minimieren. Die Politik der ungarischen Regierung sehe ich da zwiegespalten. Weniger Symbolik, mehr praktische Hilfe und Werben um Verständnis. Den x-ten Turul braucht es wohl nicht.

      • Lieber HV,

        stimmt: ein gutes Neues Jahr 2013!

        was die Folgen Trianons anbelangt, gebe ich dir natürlich Recht. Jedoch glaube ich, dass es den Wenigsten im heutigen Ungarn, die das Wort vor sich tragen wie mittelalterliche Pilger eine Reliquie, darum geht, tatsächlich und ernsthaft irgendetwas für die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern zu erreichen. Weaver, ein amerikanischer Politologe und Historiker, nannte diesen Umgang mit Trianon vor einigen Jahren „narzisstischen Nationalismus“. Seinen Trägern scheint es nämlich eher um Selbstbespiegelung und auch Selbstliebe sowie Selbstmitleid zu gehen… Recht hast du auch, was die übertriebene Symbolpolitik Budapests angeht, der substantiell eher wenig gegenübersteht (wohl aus finanziellen Gründen).
        Im Übrigen denke ich, dass in Ungarn nicht nur 50 Jahre lang keine Geschichtsaufarbeitung stattfinden konnte, denn damit meinst du insbesondere die 40 kommunistischen Jahre. Nun, die Horthyjahre würde ich gerne dazu zählen, denn auch die damalige Historiographie und der Geschichtsdiskurs zeichnete sich nicht unbedingt durch Objektivität, Selbstkritik und Nüchternheit aus… oder? Also, ich würde sagen, dass in Ungarn zwischen 1920-1989 überhaupt keine ernsthafte Geschichtsaufarbeitung stattfand und vielleicht sollte man sogar noch paar Jahre drauflegen…
        Kleine Berichtigung: die Wiedervereinigung fand 45 und nicht 55 Jahre nach Kriegsende statt.

        P.s. Wir sind so ziemlich derselbe Jahrgang (ich: Mai 74) und haben wohl einen teilweise ähnlichen Lebenslauf. Spannend sind dennoch die leichten Akzentverschiebungen in der Beurteilung und der Bewertung von historischen Gegebenheiten und Mentalitäten…

      • Das mit der Geschichtsaufarbeitung stimmt natürlich. Die Horthy-Zeit hat das Trianon-Trauma verstärkt, der Kommunismus hat es durch den Mantel des Schweigens bis 1989 konserviert.

        Der Umgang mit Trianon sollte nicht auf die Wiedererlangung scheinbarer Nation älter Größe gerichtet sein, sondern darauf abzielen, den ungarischen Minderheiten ganz praktisch zu helfen. Im,hier und jetzt.

        Ich bevorzuge für das Székler-Land eine Autonomie ähnlich des Südtiroler Autonomiestatutes. Rumänien wird eine solche aber freiwillig nie hergeben.

        Ich hatte die Hoffnung, die Probleme würden durch die EU gelindert. Ich sehe meine Hoffnungen aber enttäuscht. Denn sowohl die Slowakei als auch Rumänien piesacken die ungarischen Minderheiten weiter. Dass Ungarn vor dem Beitritt Rumäniens das Thema Autonomie nicht aktiver auf den Tisch gebracht hat, ist der damaligen Regierung zu verdanken. Die ungarische Linke hat wieder einmal versagt. Und auch Fidesz sollte sich nicht zu sehr brüsten: Die haben nämlich auch ohne weiteres dem Beitritt Rumäniens zugestimmt.

        Mich würde interessieren, ob Du der Auffassung bist, dass die EU die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt hat, soweit es um die ungarischen Minderheiten geht.

    • An Galut:

      Es kann sein, dass ich unbewusst und etwas vorschnell die übliche rumänische Darstellung wiedergegeben habe, wonach alle Bevölkerungsgruppen in Siebenbürgen, außer natürlich den Ungarn, mehrheitlich die Bildung Großrumäniens begrüßt hätten. Von den Siebenbürger Sachsen sind hierzu klare schriftliche Bekenntnisse überliefert (z. B. die „Mediascher Erklärung“ vom Februar 1919), was der rumänischen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Paris klar zum Vorteil gereicht haben dürfte. Auf die Schnelle habe ich im Netz und in meinem Bücherschrank hingegen kein vergleichbares Dokument o. ä. von Juden gefunden. Man müsste sich wohl in Spezialliteratur zur Geschichte des Judentums in Siebenbürgen versenken, um die Frage zu klären, ob, wie und in welcher Form (die) Juden sich seinerzeit zur Bildung Großrumänien äußerten.

      Und ja, meine Kritik am „Trianonkult“ ist natürlich wohlwollend gemeint. Es bringt doch in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt niemanden weiter, sich zum x-ten mal um die eigene Achse zu drehen. Die Vokabel „narzisstischer Nationalismus“ finde ich in diesem Zusammenhang sehr interessant. Wenn man dann den ganzen Rauch und Dampf abzieht, kann ich im Übrigen folgender Schlussfolgerung HVs grundsätzlich zustimmen: „Die Politik der ungarischen Regierung sehe ich da zwiegespalten. Weniger Symbolik, mehr praktische Hilfe und Werben um Verständnis. Den x-ten Turul braucht es wohl nicht.“ Ganz genau. Das ist ja auch die Linie, die vernünftige Leute in der ungarischen Regierung, wie Außenminister Martonyi, vertreten. Denen muss man den Rücken stärken.

      • @ Ungarnfreund: Ich habe nachgesehen, wie die Juden zum Anschluß Siebenbürgens an Rumänien standen. Demnach gab es wohl keinen ähnlichen Beschluss wie jenen der Sachsen (übrigens: Januar 1919 und nicht Februar) Stellung nehmend zugunsten eines Anschlusses, sondern erst von 1920 zuerst von Einzelpersonen und dann im Herbst 1920 (also nach der Unterzeichnung des Vertrages im Juni 1920) von einer Organisation eine Erklärung, in der die Juden ihre Loyalität zum neuen Staat in Aussicht stellten – im Gegenzug für die Gleichberechtigung der und Minderheitenrechte für die Juden. Diese Haltung erscheint mir eine qualitativ andere zu sein als jene der Sachsen von Januar 1919 (!), also eher eine notgedrungene, wenn nicht gar erzwungene Anerkennung der Realitäten („Konjunkturloyalität“ nennt das einer der einschlägig ausgewiesenen Spezialisten). Und diese Haltung verwundert ja bei den weitgehend an das Ungarntum assimilierte Judentum Siebenbürgens auch nur wenig.

      • Vielen Dank, Galut. Offenbar bin ich doch der sicherlich nicht immer ausgewogenen üblichen rumänischen Darstellung erlegen gewesen. Die Stellungnahme der Juden hätte in der Tat eine andere Qualität als die der Sachsen, was nicht weiter verwundert, wenn Wikipedia mit folgender Aussage Recht hat: „1923 wurden eine neue Verfassung und in der Folge mehrere Gesetze verabschiedet, die den Juden Rumäniens das Erlangen der Staatsbürgerschaft ermöglichte.“ Meines Wissens war die rechtliche Gleichstellung der Juden (Emanzipationsgesetz) in Ungarn schon 1867 erfolgt, also fast ein Menschenalter früher…

  9. Ich weiss natürlich nicht (genau), ob und wer und welche Erwartungen irgendwer bezüglich der oder irgendeiner Minderheitenpolitik der EU hatte. Klar, zugegeben: noch Anfang der 1990er hoffte man in Siebenbürgen, dass durch einen Beitritt mehr Rechtssicherheit hergestellt werden würde. Doch hat man dann recht schnell erkannt, dass Bukarest zwar irgendwelche „Empfehlungen“ der Europarates annimmt, de fakto und im Kleinen aber die auf Assimilation gerichtete politik fortsetzt. Anfang der 2000er, als ich anfing, mich auch beruflich mit minderheitenpolitischen Belangen zu befassen und mich für sie zu interessieren, habe ich aber bereits fachkundige Beiträge in einschlägigen ungarischen Zeitschriften (Pro minoritate? Kisebbségkutatás? Magyar Kisebbség? – irgendwo da) gelesen, wo drin stand, dass die EU de facto K E i N E Minderheitenpolitik besäße und daher auch nach einem Beitritt (ob Ungarns oder Rumäniens) nichts Besonderes zu erwarten sei.
    Und das ist dann auch, wie ich meine, eingetreten… (Trotz mancher Empfehlungen, die das Papier nicht Wert sind, für die Tschangos dies und jenes zu erlauben/zu tun…)

    • Da decken sich unsere Eindrücke. Daher auch das weit verbreitete Gefühl, die EU hätte nichts getan, um die Lage der Ungarn in den Nachbarländern zu erleichtern. Man bezieht sich daher wieder auf nationale Ansätze. Denn die EU hilft nicht.

      Wie gesagt: Ich hatte von der EU-Mitgliedschaft Mittelosteuropas mehr erwartet. Die Wunden scheinen aber zu tief zu sein, um die alten Vorbehalte zu überwinden. Und schlaue Ratschläge von Außen, mit der Vergangenheit abzuschließen, werden auch keine schnellere Lösung bringen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s