Simon-Wiesenthal-Center: Jobbik-Politiker auf Antisemitenliste

Der Jobbik-Politiker Márton Gyöngyösi wurde vom Simon-Wiesenthal-Center auf Platz 7 der zehn größten Antisemiten und Israel-Verleumder gesetzt. Grund sind die Forderungen Gyöngyösis, die im ungarischen Parlament und in der Regierung tätigen Juden auf einer Liste zu erfassen. Sie stellten ihm zufolge ein „nationales Risiko“ dar.

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Kurioses Detail der Liste: Auf Platz 9 rangiert, als einziger Deutscher, der Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“, Jakob Augstein, der Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein. Der Tagesspiegel berichtete:

http://www.tagesspiegel.de/politik/umstrittene-kolumnen-wiesenthal-zentrum-setzt-jakob-augstein-auf-antisemiten-liste/7574538.html

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26 Kommentare zu “Simon-Wiesenthal-Center: Jobbik-Politiker auf Antisemitenliste

  1. Das Vorkommen Jakob Augsteins ist kein kurioses Detail, wenn man dessen Blättchen „Der Freitag“ kennt. Es gibt eine hochspannende Internetseite, die sich mit dem Antisemitismus des Blättchens befasst. Dort kann man auch einen Artikel aus der (sehr links stehenden) Zeitschrift „konkret“ lesen (November 2012), welcher Artikel sich mit Augsteins Antisemitismus auseinandersetzt. Diese Seite meine ich: http://thinktankboy.wordpress.com/
    Es lohnt sich ungemein, auf der Seite runterzuscrollen und die verschiedenen Beiträge durchzulesen. „Viel Spaß“ würde ich sagen, wenn es nicht so traurig wäre…

    • Lieber galut,
      ich halte es für sinnlos, Augstein in einer Reihe mit Hasspredigern und der iranischen Führung zu nennen. Da hat jemand beim SWC eine Agenda. Und jegliches Maß verloren. Wer sich auf Broders Bullshit beziehen muss, dem gratuliere ich wärmstens…

      • Lieber HV,

        in eine Reihe mit den Hasspredigern hat sich Augstein schon selbst manövriert. Und das kann man/konnte man lange vor Broder schon erkennen, wenn man es wollte. Ich habe 2009 und 2010 in der Freitag-Community einen Blog gehabt, bevor ich angewidert vom von der ansonsten moderrierenden Redaktion tolerierten Antisemitismus der User ausgestiegen bin. Seitdem überrascht mich bezüglich Augstein wenig.

      • Eine „Agenda“ hat in erster Linie Augstein. Das ist unverkennbar bei der klar einseitigen Berichterstattung seines Blattes. Eine richtige und mutige Entscheidung des SWC!

      • Ich zog lediglich in Zweifel, dass es angemessen ist, einen Herausgeber wie Augstein in eine Reihe mit Leuten zu stellen, die das israelische Volk mit Waffengewalt vernichten wollen.

        Setzt man solche Leute auf Listen, schließt man sie aus der Diskussion aus, stigmatisiert sie; man sollte stattdessen Augstein inhaltlich bekämpfen, wenn man sich an seinen Ansichten stört. Und nachdem das SWC nicht ernsthaft annehmen wird, dass Augstein der schlimmste deutsche Anti-Israel-Hetzer ist, dient diese Auflistung nur einem Zweck. Ihm das Maul zu stopfen. Das nenne ich nicht Tabubruch. Stigmatisierung ist das richtige Wort.

        Meiner Ansicht nach ist diese Liste also etwas schief geraten. Daher kurios. Und Broder, den das SWC als Zeugen anführt, hat mit seinen erbärmlichen Gestapo- und Reichssicherheitshauptamtsvergleichen längst seinen Zenith überschritten, er nervt nur noch.

        Ich gebe jedoch zu, dass mir die von galut so empfundene generelle Tendenz des „Freitag“ nicht bekannt war. Ich lese in der Regel keine linken Kampfpostillen, weder Freitag, noch Jungle World. Nur im Bezug auf Ungarn bin ich einige Male mit Beiträgen beider Publikationen konfrontiert worden. Ich hatte beides für dieselbe Richtung gehalten.

        Dank thinktankboy weiß ich aber jetzt, dass die Süddeutsche Zeitung ja seit 1949 ebenfalls ein antisemitisches Kampfblatt ist. Und man dem senilen Waffen-SSler Grass deswegen dort ein Forum bot. Aha. Und dank des von Karl Pfeifer verlinkten Hagalil-Beitrages wissen wir auch, dass Israel-Kritik in Deutschland eine Obsession, ein Volkssport sei. Was auch immer das für mich jetzt bedeuten soll.

        Ihnen, marcus, bleibt es freilich unbenommen, in meine Aussagen das hineinzulesen, was Ihnen beliebt.

      • Lieber HV,

        wenn du keine „linken Kampfpostillen“ liest, so ist dies ein schwerwiegender Fehler. Und dies meine ich ernst: denn man muss seine Feinde kennen, um sich ihrer rechtzeitig erwehren zu können. Deshalb lese ich sehr wohl mitunter den „Freitag“ aber eben auch Broders Achse oder kuruc.info.
        Du findest minkmars Kommentar in der FAZ gut. Dies ist bedauerlich, in meinen Augen, denn damit verkennst du dann eben genauso wie er das Wesen linken Antisemitismus‘, welches Wesen in einem Kommentar benannt wird, auf welchen Kommentar ich durch die Seite Broders gestoßen bin: http://flatworld.welt.de/2013/01/02/ist-jakob-augstein-ein-linker-antisemit/#more-1460

        Die einschlägige Passage jenes Kommentars sei auch hier zitiert:
        „Nun hat Minkmar in manchem durchaus Recht. Mit einiger Recherche würde man auf viele andere Namen stoßen, die es eher verdienten, auf die Liste der zehn schlimmsten Antisemiten weltweit zu stehen. Und gerade Broder, den begnadeten Polemiker und intellektuellen Gegner Augsteins, als Kronzeugen zu präsentieren, ist keine besonders gute Idee. Allein: Auch Minkmar macht es sich sehr einfach. Weil er sich nämlich nicht einmal die Mühe macht, den Vorwurf anhand der Texte von Augstein zu überprüfen. Denn wer das mit einiger Ernsthaftigkeit tut, der kommt kaum umhin zu konstatieren, dass vieleicht nicht das Wiesenthal Center, aber mindestens Broder Recht hat: In ihnen steckt eine Zwanghaftigkeit im Umgang mit Israel, der Wille zur ideologisch Verzerrung von Tatsachen, die einem den Atem stocken lässt. Und die mindestens einen antisemitischen Unterton insich tragen. […]
        Jemand wie Joschka Fischer ist beim Thema linker Antisemitismus sehr viel weiter als Nils Minkmar. Er hatte das spätestens kapiert, als deutsche Linksterroristen 1976 eine Air-France-Maschine ins ugandische Entebbe entführten und ihren palästinensischen Waffenbrüdern beim Selektieren der jüdischen Passagiere halfen. Fischer hat seitdem ein besonderes Gespür für Antisemitismus in Tat oder Wort in jenem linken Milieu, aus dem er selbst stammt. “Es ist eine bestimmte Art, über Amerika zu reden, eine bestimmte Art, über Israel zu reden”, sagte er auf der vom Auswärtigen Amt veranstalteten internationalen Antisemitismuskonferenz 2004 in Berlin. Das Problem besteht darin, diese “bestimmte Art über Israel zu reden” auch in verlässlichen Kategorien als antisemitisch zu identifizieren.

        Die Schwierigkeit liegt auf der Hand: Wenn jemand Tatsachen über eine Person so verzerrte, wie Augstein es mit Israel tut, dann wäre das Verleumdung. Redete er so über Volksgruppen oder etwa Minderheiten in Deutschland, dann würde man von Volksverhetzung sprechen. Geht es hingegen um Staaten, dann ist man eben bloß “Israelkritiker”, “Amerikakritiker” oder “Frankreichkritiker” und muss sich nicht mal einen Anwalt nehmen. Weil Staaten, die verleumdet werden, im Normalfall nicht dagegen klagen.

        Aber so einfach ist es eben nicht. Besonders dann nicht, wenn der Staat, der da verleumdet wird, von einer Volksgruppe gegründet wurde, die vor einigen Jahrzehnten in Deutschland und durch Deutsche übelste Hetze und fabrikmäßig organisierter Vernichtung erlitten hat. Und das ist denn auch das Bestürzende an jener gewohntheitsmäßigen Israelkritik, deren vorgestanzte Formen jemand wie Augstein einfach widerkäut, ohne irgendwelches tieferes Wissen über den Nahostkonflikt zu besitzen: Es geht diesem Milieu letztlich darum, Israel moralisch zu diskreditieren, seine Legitimität zu unterhöhlen und zu einem Pariah unter den Staaten zu machen, so wie die Juden vor nicht allzu langer Zeit zu Pariahs unter den Völkern Europas gemacht wurden….“

        (Ich bitte, das lange Zitat zu entschuldigen. Bitte, lies den Rest selbst da weiter und überdenke deine Haltung).

      • Galut,

        ich kenne das Wesen des linken Antisemitismus durchaus.

        Ich habe auch mit keinem Wort gesagt, dass Augsteins Thesen oder das, was in seiner Zeitung so von sich gegeben wird, meinen Ansichten entspräche. Im Gegenteil versuche ich, den Nahostkonflikt nicht einer der beiden Seiten, also auch nicht Israel, allein „in die Schuhe zu schieben“. Etwa deswegen, weil wir mit unseren Jahrgängen 1973/1974 nicht wissen, wie es ist, faktisch im Krieg zu leben bzw. fortwährend durch Terroristen bedroht zu sein. Die „Schuldfrage“ im Nahostkonflikt halte ich für so schwer zu beantworten wie die nach der Henne oder dem Ei. Ein blödoider Antizionismus ist da ebenso fehl am Platz wie eine Position, Israel immer Recht zu geben, nur weil wir als Deutsche eine besondere Verantwortung haben.

        Mir geht es um folgendes: Das Maß zu wahren. Und Ahmadinedschad mit Augstein in eine Reihe zu stellen, ist möglicher Weise unter dem Gesichtspunkt der SWC-Publicity originell, aber nicht gerechtfertigt. Da wirst Du mich nicht vom Gegenteil überzeugen, trotz der Tatsache, dass wir beide Antisemitismus in gleicher Weise, nämlich ohne wenn und aber, ablehnen.

        Und das SWC ist auch keine Organisation ohne Makel, betrachtet man die zum Teil fehlerhaften Recherchen im Fall Csatáry (das SWC hatte ihm vorgeworfen, bei einer Deportation in die heutige Ukraine mitgewirkt zu haben, dieser Vorwurf erwies sich als falsch). Mir ist Zuroff zu sehr Einpeitscher und Medienmann, zu wenig sorgfältiger Ermittler. Und schon gar kein Tabubrecher, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen, stellt in Deutschland nämlich schon lange kein sonderliches Tabu mehr dar…

        In einer Sache haben die Augstein-Kritiker übrigens Recht: Der linke Antisemitismus ist nicht selten von dem „Wir haben aus unserer Vergangenheit gelernt“ geprägt. Daher auch der treffende Satz von (ich glaube) Zvi Rex, die Deutschen würden den Juden Auschwitz nie verzeihen; das sagt schon etwas über manch einen Deutschen aus. Ich bin aber jetzt mal ketzerisch und sage, das ich diese Position der scheinbaren moralischen Überlegenheit nicht nur gegenüber Israel, sondern auch in vielen Argumenten gegen Ungarn wiederfinde. Israel wird der Umgang mit den Palästinensern vorgeworfen (ich habe in den 90ern von Mitschülern gehört, der sei mit den Nazis vergleichbar…), Ungarn seine rechten Umtriebe. In beiden Fällen eine überhebliche Position, die suggeriert, nur die Deutschen seien lernfähig. Überheblich vor allem dann, wenn man die Situation derer, über die man spricht, nicht am eigenen Leib erleben muss und daher nicht nachvollziehen kann.

        Vielleicht führt uns mein letzter Absatz zum Thema Ungarn zurück.

      • Oh, und ein Nachtrag zu den linken Kampfpostillen: Ich betrachte Linke nicht als meine „Feinde“. Die verwirrten Beiträge in linksextremen Medien sind mir aber zu viel, meine Zeit dafür zu teuer. Und auch kuruc.info vermeide ich, wo ich kann.

      • HV, Sie haben Recht, es sollte in diesem Blog über Ungarn diskutiert werden. Da ich mich mißverstanden fühle, bitte ich Sie einen letzten Kommentar zu diesem Thema von meiner Seite zuzulassen. Der Tabubruch, den ich bei der Nominierung JA erkenne, liegt nicht in der grundsätzlichen Thematisierung von Antisemitismus. Der Tabubruch liegt zum einen in der Thematisierung einer neueren Form des Antisemitismus und zum anderen in der gesellschaftlichen und öffentlichen Funktion des Nominierten. JA ist medial ziemlich präsent, gebildet, verfügt über mediale Privilegien, veröffentlicht regelmäßig im größten deutschen Onlinemedium tritt regelmäßig im deutschen TV auf und kann als gesellschaftlich akzeptiert bezeichnet werden. JA propagiert einen Antisemitismus der subtiler ist als der bisher gewohnte und nicht sofort erkennbar ist. Wer sich mit seinen Publikationen kritisch auseinandersetzte, hätte es erkennen können, vor allem in Anbetracht der Ausrichtung seiner eigenen Zeitung. Es ist nicht die Deutlichkeit, sondern die auffallende Häufigkeit sowie sein Unwillen zur Differenzierung, die ihn zu einem geistigen Brandstifter kategorisieren lassen.

        Als ich von der Nominierung JA erfuhr, war mir klar, daß die Nominierung in der Breite auf Unverständnis und Ablehnung stoßen wird. Die Wenigsten der jetzt Empörten hatten Kenntnis von der Berichterstattung seiner Zeitung. Medial war es auch kein großes Thema. Sie schreiben ja auch, daß Ihnen die Ausrichtung des Freitags völlig unbekannt war, haben die Nominierung aber vor Erlangung dieser Kenntnis abgelehnt. Das bezeichne ich als typischen Abwehrreflex infolge eines Tabubruchs. Thematisiert wurde JA´s Antisemitismus 2012 mehrfach. Allerdings selten in Massenmedien. JA hatte die Chance auf einen Diskurs, auf eine Diskussion. Er ließ sie ungenutzt. Stattdessen zeigte er sich uneinsichtig und setzt noch im SPON einen drauf.

        Der aktuelle mediale Diskurs kann meines Erachtens in Ansätzen übrigens mit dem überwiegenden Teil der Ungarnberichterstattung verglichen werden. Auch hier werden oft Fakten und eine nötige Differenzierung vernachlässigt. Wer über Antisemitismus und Rechtsradikalismus in Ungarn hätte berichten wollen, hätte auch vor vielen Jahren schon dazu Anlaß gehabt. Eine Thematisierung in den Massenmedien fand überwiegend jedoch erst ab 2010 mit zweifelhafter Bezugnahme auf die neue Regierung statt.

        Ihren letzten Absatz finde ich sehr wertvoll und möchte ergänzen, daß das gleiche Verhaltensmuster innerhalb Deutschlands (Ost-West) Anwendung findet.

  2. es gibt tatsächlich einen Unterschied zwischen Gyöngyösi und Augstein. Während G. es explizit betreibt, so macht es A meistens implizit.

  3. Merkwürdig:Der Guardian schreibt noch nix darüber.
    (Zumindestens hab ich noch nix gefunden)
    Ich bin gespannt auf das Endergebnis.
    Nicht das ich beide Zeitungen mag.

  4. Die ungarische Regierung hat einen Gedenkausschuss zur Erinnerung an die Deportation und Vernichtung der ungarischen Juden 1944 gebildet: http://www.kormany.hu/en/prime-minister-s-office/news/the-government-is-to-establish-the-hungarian-holocaust-2014-memorial-committee. Eine sehr lobenswerte Initiative, die einmal mehr unterstreicht, dass diese Regierung selbst eben nicht vom Antisemitismus getrieben ist, wie manche behaupten, sondern im Gegenteil bestrebt ist, diesem Phänomen entgegenzuwirken. Die einzige Frage, die ich mir stelle, ist die Folgende: Warum bittet man die USA, nicht aber Deutschland um Mitarbeit in diesem Ausschuss?

  5. Mit Interesse habe ich die Diskussion über linken Antisemitismus etc. zwischen HV und Galut gelesen, möchte aber nur die Aussagen mit Ungarn-Bezug kommentieren. Dazu folgende Gedanken zum deutsch-ungarischen Diskurs über Antisemitismus:

    – Hauptsächlich nehmen an diesem Diskurs Journalisten, Experten, Zeitzeugen oder auch Forennutzer im Internet teil, wie hier auf HV. Deutsche Medien zitieren mitunter Vertreter ungarischer jüdischer Gemeinden. Interessanterweise habe ich aber noch keine öffentliche Äußerung deutsch-jüdischer Institutionen, wie z. B. des Zentralrats der Juden in Deutschland, zum Thema Antisemitismus in Ungarn gehört. Überhaupt hört man wenig über Beziehungen zwischen jüdischen Gemeinden in beiden Ländern. Woran mag das liegen?

    – Die Richtung des Diskurses ist einseitig: Man spricht in der Regel über Antisemitismus in Ungarn, aber nur selten über den in Deutschland. Insofern besteht eine Schieflage. Das Wissen über die Situation im anderen Land ist auf beiden Seiten lückenhaft. Nur so ist erklärlich, dass der tatsächlich vorhandene Nationalismus im ungarischen Regierungslager von weniger gut informierten deutschen Beobachtern oft mit dem Antisemitismus bei Jobbik und verwandten Gruppen vermengt wird. Umgekehrt berichten ungarische Medien, so scheint es mir, kaum über Rechtsextremismus und dessen Bekämpfung in Deutschland.

    – Die ungarische Regierung ist durchaus in der Lage, den Kampf gegen den Antisemitismus und den Schutz jüdischer Mitbürger in einen allgemeinen Diskurs über den Schutz von Minderheiten einzubinden. In Holocaust-Gedenkreden heißt es entsprechend national eingefärbt, aber integrativ: Ungarn wandten sich gegen Ungarn, der ungarische Staat konnte und/oder wollte einen Teil seiner Bürger nicht schützen usw.

    – Dies wiederum muss auch vor dem Hintergrund der ungarischen Minderheiten im Ausland gesehen werden, für deren Schutz sich die ungarische Regierung ebenfalls engagiert. Bisweilen gibt es sogar Missverständnisse, wenn Deutsche mangelnden Minderheitenschutz in Ungarn beklagen. Hierüber kann ein Ungar angesichts des ausgeklügelten Systems zur Förderung der 13 anerkannten Nationalitäten, wie sie seit kurzem heißen, nur milde lächeln. Er hört freilich auch nicht, was der Deutsche eigentlich gemeint hat: den Schutz gesellschaftlicher (nicht nationaler) Minderheiten. Gemeint sind also Juden, Roma oder auch Homosexuelle, um deren Schutz es in Ungarn an vielen Stellen nicht so gut bestellt ist, und eben nicht Ungarndeutsche, Ungarnslowaken oder Ungarnserben.

    – Am schwierigsten ist die Frage nach der moralischen Oberhoheit im deutsch-ungarischen Diskurs über Antisemitismus. Fakt ist nun einmal, dass im Kommunismus keine echte Aufarbeitung des eliminatorischen Antisemitismus in der „Zeit der Not“ (vészkorszák, wie es so anschaulich im Ungarischen heißt) stattfinden konnte. Entsprechend kann man immer noch Einstellungsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, aber auch zwischen Ost- und Westeuropa feststellen. Umfragen zeigen immer wieder, dass im Osten antisemitische Haltungen stärker verwurzelt sind. Das lässt sich nicht bestreiten.

    – Die große Frage ist in der Tat, wie man trotz dieser messbaren Unterschiede auf Augenhöhe miteinander diskutieren kann, ohne dass Gefühle moralischer Über- oder Unterlegenheit mitschwingen. Entsprechende Vorwürfe können aber auch taktisch motiviert sein. Da geht es dann nicht mehr um die Sache, sondern um diese sinnlose Metadiskussion, wer angeblich fort- bzw. rückschrittlicher ist.

    – Ich denke, man sollte vor allem über praktische Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch eine Annäherung suchen. Warum treffen sich nicht mal deutsche und ungarische Innenpolitiker und reden über Wege zur Bekämpfung des Rechtsextremismus? Deutschland hat zwar nicht unerhebliche Probleme damit, aber eben auch jede Menge praktische Erfahrung, die es doch teilen könnte. Was dem Ganzen u. a. im Wege steht, ist wohl nicht zuletzt die innenpolitische Polarisierung in Ungarn. Es gibt dort eben erst zaghafte Ansätze für eine parteienübergreifende Abwehr gegen Rechts. Das verstehen Deutsche 22 Jahre nach dem Systemwechsel in der Regel nicht.

    – Was mich wirklich stark wundert, ist dass Ungarn dabei ist, bezüglich des Holocausts eine Erinnerungskultur aufzubauen, ohne dabei Kooperationen mit Deutschland zu suchen. Das scheint sich jetzt wieder bei der Vorbereitung des Gedenkjahrs 2014 zur Erinnerung an die Deporation und Vernichtung der ungarischen Juden 1944 abzuzeichnen, wo u. a. eine Zusammenarbeit mit den USA, nicht aber mit Deutschland angestrebt wird. Fürchtet man sich vor einer Debatte über den Schuldanteil zwischen Deutschen und Ungarn? Das ist doch eigentlich geklärt. Vereinfacht gesagt: Deutsche waren die Henker, Ungarn leisteten Beihilfe. Beide Länder sollten nunmehr zusammenarbeiten, damit so etwas nie wieder passieren kann.

    – Oder ist es (falsche) Rücksichtnahme auf die ungarischen Holocaust-Überlebenden oder die jüdischen Gemeinden, die Ungarn davon abhält, in diesen Fragen mit Deutschland zu kooperieren? Ich denke, dass das abwegig wäre. In jenen Kreisen ist sehr wohl bekannt, was Deutschland in der Aufarbeitung geleistet hat. Aus eigenen Gesprächen weiß ich, wie sehr ungarische Überlebende, darunter leiden, dass ihr Land in der Aufarbeitung der Geschichte Defizite hat. Das vergleichen sie dann mit der Zuwendung, die sie seit dem Mauerfall aus Deutschland erfahren haben: z.B. Einladungen von Gedenkstätten, Schulklassen, Kirchgemeinden oder Kommunen, Anerkennung für öffentiche Vorträge, Veröffentlichungen, Teilnahme an Veranstaltungen, aber auch Entschädigungszahlungen u.v.m.

    – HV, bevor Sie mir jetzt wieder vorschnell Arroganz vorwerfen: Ich habe mich in entsprechenden Situationen mehr als einmal geradezu dafür geschämt, wie Deutschland von ungarischen Überlebenden für Wiedergutmachtungs- und Aufarbeitungsleistungen gelobt und wie gerade von diesen inzwischen sehr betagten Menschen gleichzeitig ein rabenschwarzes Bild von Ungarn gezeichnet wurde. Mein ungutes Gefühl wurde nur dadurch etwas abgemildert, dass sich diese Art von Reden nicht nur auf die Vergangenheitspolitik, sondern auch auf banale Dinge, wie die Nahverkehrssysteme in Berlin bzw. Budapest bezogen. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine.

  6. Nun hat sich mittlwerweile Salomon Korn zu den Antisemitismus-Vorwürfen gegenüber Augstein zu Wort gemeldet.Ich glaube doch kaum , dass er käuflich ist und Augstein einen „Gefallen“ tun wollte?????
    Wieso fällt die Antisemitlastigkeit von Augstein eigentlich erst jetzt auf??
    http://www.fr-online.de/politik/antisemitismus-vorwurf-zentralrat-unterstuetzt-augstein,1472596,21387974.html
    Wobei der Freitag sicher ein Zeitung ist, die unter die Rubrik fällt:Alles was die Welt nicht braucht ( genau so wie jungle world ;-))

    • Lesenswert. Besonders die Liste des Broder’schen Verbalmülls. Unfassbar, was sich diese Figur erlaubt.

      Dem Zentralrat gebührt Dank, dass er so klare Worte wählt. Das SWC habe schlecht recherchiert. Wäre ja nicht das erste Mal.

  7. Lieber HV,

    Augsteins Geschreibsel zu Israel unterscheidet sich in meinen Augen nur wenig von Vonas Äußerungen vor der israelischen Botschaft. Auch da geht es Jobbiks Chef „nicht um Antisemitismus“ sondern „nur um die Politik Israels“. Klassisch.

    Ich bin sicher: Wenn jemand untersuchen würde, wo die pseudomoralische Aufregung gegen angeblich Nazi-artige israelische Politik am vehementesten vorgetragen wird, wären jene Länder an der Spitze, die sich historisch besonders durch Antisemitismus hervorgetan haben. Sagen wir, Deutschland. Und Ungarn.

    Dass da aber eine SWC Agenda ist, scheint auch klar, besonders wenn man weiss, welche Sorgen man sich in Israel wegen diesem – dort so verstandenen – „Neo-Antisemitismus“ in Europa macht, der sich „nicht gegen Juden“ sondern gegen „israelische Politik“ richtet. Gut vorstellbar, dass man da mal ein Zeichen setzen will.

    • Frage an die Herren Kálnoky und galut: Ist die Sorge in Israel wirklich so groß, was den (so Kálnoky) „Neo-Antisemitismus“ angeht?

      Ihrer Aussage „Wenn jemand untersuchen würde, wo die pseudomoralische Aufregung gegen angeblich Nazi-artige israelische Politik am vehementesten vorgetragen wird, wären jene Länder an der Spitze, die sich historisch besonders durch Antisemitismus hervorgetan haben. Sagen wir, Deutschland. Und Ungarn.“ stimme ich voll und ganz zu.

      Es ist nun einmal (vermeintlich) leichter, mit den Schatten der eigenen Geschichte fertig zu werden, wenn man sie in der Gegenwart anderer wieder zu erkennen glaubt. Eine ganz erbärmliche Art, das eigene historische Gewissen zu erleichtern. Das beantwortet allerdings nicht die Frage, ob Augstein wirklich darunter fällt. Liest man die Aussage Korns, so sind Zweifel angebracht; denn dass der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland blind gegenüber (linkem) Antsemitismus sei, stele ich in Frage.

      Und bleibe dabei: Dieser erhobene Zeigefinger aus Deutschland und Österreich gegenüber Ungarn ist auch nichts anderes als der Versuch, die Schatten der eigenen Vergangenheit anderen überzustülpen. Der von mir hoch geschätzte András Oplatka hat das über diese ganzen unsäglichen Nazivergleiche schon gesagt. Es ist das alte „seht, wir haben aus unserer Vergangenheit gelernt, aber die Ungarn nicht…“. Und wer ist es, der so spricht? Eher die Linke als die Rechte…

  8. Wobei ich HV zustimme, dass Augstein nicht unbedingt auf die Liste gehört, aber in meinen Augen ist dieser „Neo-Antisemitismus“ a la Augstein – der Linke in Deutschland und Faschisten in Ungarn ideologisch verbindet, aber eigentlich schon mainstream ist – ein kommender politischer Tsunami, der Israel wirklich bedroht. Den Begriff und den Eindruck, dass man sich politisch in Jerusalem große Sorgen macht um was da in Europa sich gegen Israel zusammenbraut, habe ich vom israelischen Botschafter in Budapest.

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