Brüller des Tages: Bartók und Liszt werden zu Slowaken

Die Slowakei befindet sich, 20 Jahre nach der Staatsgründung, offenbar noch immer in der Phase der Identitätssuche und dem Versuch, sich von vielen Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte mit Ungarn abzugrenzen. Dies kam dieser Tage in Athen bei einem von der slowakischen Botschaft in Athen organisierten Festabends mit dem Titel „Die Slowakei: Ein kleines Land mit großer musikalischer Tradition“ erneut ans Tageslicht. Das fachkundige Publikum staunte nicht schlecht, als ihm mit Béla Bartók einer der wichtigsten „slowakischen Volksmusikforscher und -sammler“ vorgestellt wurde. Und auch Franz Liszt sei „höchstwahrscheinlich“ Sproß einer slowakischen Familie gewesen. Index.hu berichtete.

Identitätssuche auf Kosten anderer. So wie ich seinerzeit überrascht war, in einer „Wissenssendung“ des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks Wolfgang Amadeus Mozart als Deutschen vorgestellt zu bekommen (die Empörung der Nachbarn war groß), wundere ich mich, dass hier versucht wird, die Slowakei mit der Hilfe ungarischer Komponisten musikalisch wachsen zu lassen. Bartók wurde freilich auf dem Gebiet des heutigen Rumänien geboren, war Ungar und verbrachte lediglich einen Teil seiner Forschung in Pozsony, heute: Bratislava. Und auch Liszt, geboren im heutigen Burgenland, war zweifellos Ungar: Die Ansätze einer „höchstwahrscheinlichen“ slowakischen Herkunft ähneln ein wenig den immer wieder aufkeimenden und von seriösen Historikern als blöde Rabulistik bezeichneten Ansätzen, die Magyaren mit den Sumerern in Verbindung zu bringen. Manch einer braucht wohl große Vorfahren, um sich selbst gut zu fühlen. Zeichen einer Identitätssuche, ja -krise.

Es soll nicht der erste Versuch sein, Künstler und andere Berühmtheiten für die eigene Nation zu reklamieren.

Der Abend in Athen hielt weitere kulturelle Überraschungen bereit: Die herrlichen „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms würden zu Unrecht ungarisch genannt, es handlele sich schließlich um Zigeunermusik. Welche Auffassungen dahinter stehen, darüber ließe sich trefflich streiten. Einer Sache bin ich mir fast sicher: Würde ein Ungar behaupten, Musik, die Elemente der Volksmusik der Zigeuner enthält, sei nicht ungarisch: Es gäbe wohl wieder Sondersitzungen im EU-Parlament.

Zum Abschluss ein Tipp für künftige Suchen nach slowakischen Kulturikonen: Probiert es mit Sándor Petöfi (Petrovics)! Der stammte wirklich aus einer slowakischen Familie. Auch wenn er sich ohne Vorbehalte dazu bekannte, Ungarn zu sein.