EGMR: Diskriminierung von Roma bei der Schulbildung

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat entschieden, dass Ungarn die Minderheit der Zigeuner im Rahmen der Schulbildung jedenfalls mittelbar diskriminiert. Das Gericht befand die Praxis, überdurchschnittlich viele Roma Sonderschulen (statt Regelschulen) zuzuteilen, als Missachtung des Grundrechts auf Bildung.

Im entschiedenen Fall hatten die ungarischen Behörden zwei Kinder mit Roma-Abstammung, die unter einer geistigen Behinderung litten und einen unterdurchschnittlich IQ aufwiesen, einer Sonderschule zugeteilt.

http://hudoc.echr.coe.int/webservices/content/pdf/001-116124?TID=tcysoftaxf

Advertisements

12 Kommentare zu “EGMR: Diskriminierung von Roma bei der Schulbildung

    • @zeitungsleseratte
      Es ist eine Tatsache, dass sich geistig behinderte Kinder im Umfeld mit „normalen“ Kindern besser entwicklen und das Sozialverhalten der normalen Kinder ausgeprägter wird.

      Sie müssen da wohl an einer ganz besonderen Schule gewesen sein………
      Das gab es schon mal von 1933 bis 1945

      • Integrationsklassen in denen Schüler aufgrund einer Behinderung die nötige sonderpädagogische Förderung erhalten sind leider nicht immer möglich.

      • In der DDR war für Sonderschulen der Begriff „Hilfsschule“ üblich. Das war bekanntlich
        nach 1945.
        Ansonsten sind die leistungsschwächsten zweimal sitzengeblieben (mehrmals ging nicht) und nach der sechsten Klasse als Hilfsarbeiter gegangen.
        Ich hatte einen solchen Mitschüler ein Jahr in der Klasse. Als der 17 war, hat er im Monat als Fahrer einer Planierraupe mehr verdient, als ich mit 25 nach abgeschlossener Hochschulausbildung.
        Ob ich ihn mit dem Gesamtlebenseinkommen inzwischen eingeholt habe? Ganz sicher bin ich nicht.

      • Dann nehmen Sie sich der betroffenen Jugendlichen an. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Klage in dieser Sache nicht von den Eltern, sondern von selbst ernannten Rechtsschützern eingereicht wurde. Übrigens Gratulation zum Erfolg, was geschieht jetzt? Wird eine Entschädigung gezahlt oder müssen die Jugendlichen in eine „normale“ Schule aufgenommen werden?

    • Der Kern des Sachverhaltes war, dass die bei den beiden Antragstellern vorliegende geistige Behinderung nur leichtgradig war und sie bei Tests entsprechende Ergebnisse erzielt haben, die den Besuch einer „normalen“ Schule grundsätzlich möglich erscheinen ließen. Es ging also auch darum, ob ungarische Behörden Roma-Kinder mit Lernschwächen u.a. etwas zu voreilig den Sonderschulen zuweisen. Dieser Verdacht ist m.E. nicht ganz unbegründet: Lehrer und anderes Personal des Schulbetriebs tendiert dazu, sich die Sache leicht zu machen. So wie man aus deutschen Studien weiß, dass Kinder mit dem Vornamen „Kevin“ und „Cindy“ bei Lehrern Vorurteile hervorrufen („Namen bildungsferner Schichten“), halte ich es für möglich, dass in Ungarn wegen Vorurteilen gegenüber Zigeunern und auch tatsächlich bestehenden Problemen mit Angehörigen dieser Volksgruppe (einfach gesprochen: gewalttätige, ungezogene Kinder, die den Schulbetrieb stören!) die selbe Tendenz besteht. Roma, aha, problematisch, also ab in die Sonderschule mit ihm. So werden natürlich diese Menschen nie ein angemessenes Bildungsniveau erreichen.

      Anders als János Richter bin ich nicht der Meinung, dass der Besuch von Förderschulen immer schlecht ist. Denn es bringt niemanden weiter, wenn normal lernbefähigte Kinder in der Schule „gebremst“ werden, weil einige ihrer Klassenkameraden eine besondere, zeitintensivere Förderung benötigen. Dieser Ansatz ist zutiefst gleichmacherisch-sozialistisch und entspricht der gescheiterten SPD-Bildungspolitik der 70er Jahre. Etwas, was ich bei unterschiedlich befähigten Kindern ablehne. Es kann weder der Porsche noch der Trabbi vorgeben, wie auf der Autobahn gefahren wird. Es gibt Förderschulen für besonders intelligente, ebenso wie für lernschwache Kinder. So differenziert ist die Welt. Es ist eben nicht alles gleich!

      Ich stelle mir aber seit je her die Frage, ob diejenigen, die Kinder bestimmten Schulen zuweisen und damit nicht selten eine Entscheidung treffen, die sich das ganze Leben lang auswirkt, sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Das Problem kenne ich – übertragbar – auch hier in Deutschland, wenn Lehrer nach der 4. Klasse gegen den Gymnasiumsübertritt votieren, obwohl das Kind es locker hinbekäme.

      Man sollte also besser prüfen, ob eine besondere Lernschwäche besteht und ein Hindernis ist. Insoweit ist der entschiedene Fall durchaus lehrreich.

      • Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut und Unwissen ist eine große Macht. Aber auch Wissen schadet nicht immer.
        ‚Ne Meinung hat jeder.
        Wissen muss man sich aneignen, was vor allem viel Zeit kostet.
        Wer nix weiß und keine Zeit aber längst ’ne Meinung hat, sollte doch, ehe er seine Meinung öffentlich äußert, zumindest mal bei Wikipedia nachlesen und sich mit seinen Urteilen etwas mehr zurückhalten.

        Hier meine Lesetipps zur Thematik Inklusion und Exklusion:

        http://de.wikipedia.org/wiki/Inklusion_(P%C3%A4dagogik)
        http://de.wikipedia.org/wiki/Exklusion

      • @ HV
        Ich habe das Kombimodell mit zusätzlicher pädagogischer Betreuung der „Lernschwachen“ gemeint.Da bleibt kein Kind auf der Strecke.

        Ansonsten teile ich Ihre Ausführungen und Erfahrungen.

        Bildung und Ausbildung unserer Kinder ist die Zukunft jeden Landes. Das kostet Geld, welches m.E. vorhanden ist, nur nicht dafür eingesetzt wird. Die jetzige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation ist leider so, dass bis zu 30% der Menschen nur als „dumm gehaltene“ Konsumenten und Zahler gebraucht werden, zu mehr aber nicht.

  1. @ Richter János
    ‚Die jetzige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation ist leider so, dass bis zu 30% der Menschen nur als “dumm gehaltene” Konsumenten und Zahler gebraucht werden, zu mehr aber nicht‘.

    Und davor galt Lenins Gebot: ‚Dummheit ist nicht dazu da, um bekämpft zu werden. Dummheit ist dazu da, um ausgenutzt zu werden.‘

  2. In der Theorie klingt das alles sehr hervoragend mit dem „Integrationsmodell“ nur in der Praxis sieht das alles ganz anders aus und das nicht nur in Ungarn.
    Muss man doch nur sich ganz einfach mal umsehen und schon begegnet an solchen Aussagen.
    „Die meisten Kinder mit Behinderungen gehören in normale Schulen. Nur Deutschland hat das noch nicht verstanden“
    Was mir auffällt, dass man da hier in Ungarn gerade jetzt darauf gestossen ist. Komischer Zufall.
    Das Problem besteht ja schon seit zig Jahren.
    siehe Diplom-Arbeit
    Zitat:
    „Wie bereits dargestellt wurde, ist die Zahl der als geistig behindert eingestuften Kinder in
    Ungarn mit 5,3 Prozent wesentlich höher als in der Europäischen Union (rund 2,5 Prozent).
    2002 waren in Ungarn rund 49.000 Schüler als geistig behindert eingestuft. Innerhalb
    dieser Gruppe nahmen Roma einen überproportional hohen Anteil ein. Laut der letzten
    offiziellen Feststellung waren 1993 rund 42 Prozent der geistig behinderten Kinder Roma.
    Da aber noch im gleichen Jahr die Erfassung des Minderheitenstatus im Minderheitengesetz
    LXXVII verboten wurde, liegen seither keine aktuelleren Zahlen mehr vor.
    Offizielle Stellen gehen aber davon aus, dass sich diese erschreckend hohe Zahl nicht zum
    Positiven verändert hat. Viele Kinder (vor allem Roma) wurden zu Unrecht als geistig
    behindert eingestuft und in Sonderschulen abgeschoben. Experten gingen davon aus, dass
    rund 10 Prozent aller Kinder in Sonderschulen davon betroffen waren.“

    http://othes.univie.ac.at/7992/1/2009-12-10_0101274.pdf
    Seite 75/76

    Damals hätte man dann schon EGMR anrufen können.Erstaunlich, dass es da keinen eingefallen ist.

    Falls das allerdings bei CASE OF HORVÁTH AND KISS v. HUNGARY abgehandelt wird und ich das mit meine Küchenenglisch-Kenntnissen überlesen habe, dann entschuldige ich mich hiermit und behaupte das Gegenteil ….oder so

    • Einigen Leuten ist schon früher eingefallen, in ähnlichen Fällen ungarische Gerichte anzurufen. Und sie haben auch dort schon Recht bekommen. Diskriminierung von Roma im Bildungswesen findet leider statt. Darauf weisen Menschenrechtsorganisationen seit Jahren hin: Roma werden überdurchschnittlich häufig auf Schulen für Lernbehinderte geschickt, separaten Klassen zugeteilt oder als „Heimschüler“ (unbeschulbar im Regelbetrieb) eingestuft. Das hängt natürlich oft mit ihrer sozialen Herkunft aus sog. bildungsfernen Schichten zusammen, ist aber in vielen Fällen nicht gerechtfertigt, sagen die Experten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s