Und nochmal ZAPP: Ganz Wien

Das NDR-Magazin ZAPP legt nochmals nach und berichtet über „Ungarn – Kritik an Korrespondenten“.

<a href="http://http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/ungarn243.html„>http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/ungarn243.html

Zu Wort gelangen Ernst Gelegs, der vor einigen Wochen im Wiener Standard berichtete, von ungarischen Politikern ausgegrenzt und angeschwärzt worden zu sein, Stephan Ozsváth, der die Widerworte der ungarischen Offiziellen über seinen Beitrag nicht verstehen kann, in dem er Ungarns Ministerpräsidenten als „Räuberhauptmann“ bezeichnete, und Hilde Stadler, die offenbar ebenfalls Kritik für die aus Sicht des Außenamtes verzerrende Berichterstattung erntete. Abgerundet wird das Bild von der Chefredakteurin des fast schon traditionell Orbán-kritischen Standard, für den auch dpa-Korrespondent Gregor Mayer schreibt.

Ganz Wien – wo die meisten Berichte über Ungarn entstehen – scheint schon Erfahrungen mit den ungeheuerlichen Zensurversuchen der Orbán’schen Reiterhorden gemacht zu haben. Will die österreichische Hauptstadt nun also zum Lechfeld des Kampfes um europäische Meinungsfreiheit werden? Oder sind Widerworte in den Redaktionen nicht gewünscht, gelten sie gar als Majestätsbeleidigung, als Angriff auf die unfehlbare Presse, der – so selbst oppositionsnahe Zeitungen in Ungarn – teilweise haarsträubende Fehler unterlaufen?

Dass die ungarische Regierung ausländische Blätter und ihre hochdotierten Mitarbeiter „mundtot“ machen könne, glaubt wohl weder Orbán noch irgendein ausländischer Korrespondent im Ernst. Es sind vielmehr die verzweifelten, zumeist vollkommen kontraproduktiven Versuche der dünnhäutigen und vom medialen Dauerfeuer entnervten ungarischen Regierung, fachliche Fehler (wie bei Mediengesetz und jüngster Verfassungsnovelle) zu korrigieren und auch ihrer Sichtweise ein wenig mehr Raum in der Berichterstattung zu verschaffen. Denn die wird fast durchgängig konsequent ignoriert, jedenfalls von all denen, die bei ZAPP zu Wort kamen. Selbstgespräche.

Bei aller berechtigter Kritik an Orbán: Die Worte Gelegs, es gebe für die ungarische Regierung nur „eine Wahrheit“, fallen mit voller Wucht auf ihn zurück. Das gilt genau so für ZAPP, den ORF, den Standard und weitere Teile der ARD. Besonders bitter ist dies beim ORF und der gebührenfinanzierten ARD, die beide den Auftrag haben, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen. Man tut es nicht. Sei es aus Sturheit, berechtigter Sorge oder politischer Einstellung. Und kontert mit dem (zutreffenden) Argument, auch in Ungarn sei der staatliche Rundfunk einseitig und politisch infiltriert. Ja, ist er. Nur: Will man nun besser sein als Orbán oder nicht? Oder liegt die Unnachgiebigkeit der Presse daran, dass jemand, der sich – wie Orbán mit dem Mediengesetz – die Presse zum Gegner macht, keine Gnade erwarten sollte?

Dass die Regierung von dieser Art der Berichterstattung letztlich profitiert, ist den Machern solcher Berichte entweder egal oder nicht verständlich zu machen. Ebensowenig wie der Umstand, dass sie ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Spaltung und Unversöhnlichkeit leisten. Sie sollten aus dem Beitrag János Székys lernen.

Bis das geschieht, ist die Ungarnberichterstattung ein wenig wie die Pornosammlung: Hat man einen gesehen, weiß man, was einen sonst so erwartet. Da hilft auch Falcos Rezept aus „Ganz Wien“ nicht weiter.

Frank-Patrick Steckel: Warum ich den „Stiftet Aufruhr“-Aufruf unterzeichnet habe

Der Theaterregisseur Frank-Patrick Steckel erläutert seine Entscheidung, den von ca. 50 Personen unterzeichneten Aufruf „Stiftet Aufruhr!“ (HV berichtete) zu unterstützen.

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7935:stiftet-aufruhr-frank-patrick-steckel-ueber-seine-gruende-den-ungarn-aufruf-zu-unterschreiben&catid=101:debatte&Itemid=84

Steckel will den Aufruf in erster Linie als Selbstverpflichtung der Unterzeichner verstanden wissen. Auf die konkreten Kritikpunkte János Székys, der den Aufruf als das bezeichnete, was er ist: reine Werbung für Viktor Orbán – geht er leider nicht ein. Széky wird lediglich erwähnt; da man seine, für die Verfasser des Aufrufes nicht gerade schmeichelhaften, weil stichhaltigen Argumente nicht durch den sonst so gern verwebdeten Vorwurf der Zugehörigkeit zu regierungsnahen (lies: bösen völkischen) Kreisen diffamieren kann, befasst man sich aber inhaltlich nicht weiter mit ihm.

Allerdings erwähnt Steckel eine Zuschrift der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky, deren Worte er wie folgt wiedergibt:

Die angesehene und seit Jahrzehnten die ungarischen Entwicklungen forschend analysierende Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky schreibt mir dazu: „Schauen Sie, es mag sein, dass Worte missverstanden werden, aber wenn wir jetzt nicht um einen Dialog ringen, dann müssen später Waffen eingesetzt werden.“

Möglicherweise hat die Kritik Székys also durchaus zu einer Sekunde der Verwirrung bei den Unterzeichnern geführt. Warum reagiert einer, den wir eigentlich unterstützen wollten, denn so feindselig? Nun, weil Széky weiter denkt als diejenigen, die den Aufruf zeichneten und denen er fehlende Landeskunde nachsagt. Weil Széky in dem Land sitzt, und die Konsequenzen – etwa an aktuellen Meinungsumfragen – sieht und unmittelbar zu spüren bekommt. Anders als Steckel und Jelinek.

Aber Magdalena Marsovszky war zur Stelle, um Zweifel zu zerstreuen. Denn (Selbst)Zweifel bringen die (noch immer) ziemlich einheitliche ausländische Opposition in die Gefahr der Spaltung; und dann wäre sie ja nichts anderes als die inländische Opposition: saft- und kraftlos. Also sind Zweifel, in Zeiten der Auseinandersetzung, nicht angebracht. Worin sich die Regierung und die Anhänger der Opposition einmal einig sein dürften. Wir leben scheinbar alle in einer Welt von Ausrufezeichen, nicht Fragezeichen.

Willkommen in der ungarischen Politik, Herr Steckel!

Bruno-Kreisky-Forum: Heller, Lendvai und Bauer im Gespräch mit Josef Kirchengast

Die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtet über eine Veranstaltung im Wiener Bruno-Kreisky-Forum zu Ungarn.

Teilnehmer waren die ungarische Philosophin Ágnes Heller, der Publizist Paul Lendvai und der ehemalige SZDSZ-Politiker Tamás Bauer. Moderation: Josef Kirchengast.

http://dastandard.at/1363707612354/Lendvai-Ungarn-ist-keine-Diktatur-im-herkoemmlichen-Sinne

Einigkeit bestand, dass Ungarn „demokratiepolitisch defekt“ sei. Über Details, welches autoritäre Regime dem heutigen Ungarn ähnele, konnte allerdings keine Übereinkunft erzielt werden. Lendvai erkannte Parallelen zur Horthy-Zeit, Heller widersprach und bezeichnete Fidesz als „leninistisch“. Auch Mussolini sei aber irgendwie dabei. Bauer sah den Aufbau eines Klassensystems.

Die drei Persönlichkeiten stehen allesamt der linksliberalen ungarischen Opposition nahe. Sie beteiligten sich an der von Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány mitinitiierten „Demokratischen Charta“, Bauer ist mittlerweile der in Umfragen bei 1% stehenden Partei „Demokratische Koalition beigetreten und ist seit November 2011 deren stellvertretender Parteivorsitzender.

HVG-Beitrag von Péter Techet: „Wird der Ungar herumgeschubst?“

Ein Beitrag zur Wahrnehmung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und der Kritik an ihm erschien kürzlich in der Wochenzeitung HVG. HV hat den Beitrag für die Leser ins Deutsche übertragen.

http://hvg.hu/velemeny/20130408_Megint_banccsak_a_magyart

„Wird der Ungar wieder herumgeschubst?

Wenn ein ungarischer Regierungsvertreter ein westliches Medium zur Einsicht bringen möchte, hätte er es selbst dann schwer, wenn er im Recht wäre. Allerdings gibt es mittlerweile auch in den westlichen Medien Verfasser und Zeitungen mit besserem Überblick, die Viktor Orbán vor dem einen oder anderen Match in Brüssel die Daumen drücken. Wir haben uns einmal näher angesehen, wer das ist. Ein Rundblick von der schweizerischen Zeitung, die Lichterketten für Bankiers organisiert, bis hin zum leninistischen deutschen Blatt, das bis heute dankbar für die Berliner Mauer ist.

Der Artikel von Tibor Fischer, eines ungarischstämmigen, in erster Linie in Ungarn bekannten britischen Schriftstellers, in dem sich dieser in die inneren Angelegenheiten eines unabhängigen, souveränen Staates einmischt, und dessen Regierung bzw. Regierungspartei verteidigt, hat im ungarischen Web die Runde gemacht. Der im britischen Blatt The Guardian veröffentlichte Beitrag ist eine seltene Ausnahme. Aber er steht nicht allein.

Es gibt nämlich durchaus Leute, die an die ungarische Regierung glauben. Der Verfasser dieser Zeilen hat Interviews mit dem Chefideologen der österreichischen Freiheitlichen Partei (FPÖ) und dem Berater der französischen Front National geführt, die interessanterweise weniger mit der ihnen auf den ersten Blick näher stehenden Partei Jobbik, sondern mit der ungarischen Regierungspartei Fidesz Gemeinsamkeiten fühlen. Beide Politiker lehnten Verbindungen mit der Jobbik ab: Ja, man kenne sich zwar, die seien ganz nett, aber eigentlich wolle man mit ihnen nichts zu tun haben. Hingegen gewann Fidesz mit seiner euroskeptischen, (ethno)nationalistischen, souveränistischen Rhetorik die Sympathien vieler rechtspopulistischer Parteien. (Nur um Missverständnisse zu vermeiden, sei schon hier klargestellt, dass der Begriff „populistisch“ hier nicht abwertend, sondern lediglich beschreibend gemeint ist).

Ähnlich ist es auf entsprechenden Foren. Die deutsche Wochenzeitung Junge Freiheit ergriff bereits mehrfach Partei für Viktor Orbán: Hier sammelt sich die etwas links von den Nazis stehende, stramm rechts ausgerichtete deutsche und internationale Intelligenzija, es handelt sich um eine recht niveauvolle, in jedem Fall interessante Zeitschrift. Sogar der das Christentum kritisierende rechte Philosoph, Alain de Benoit, der Pariser Mitarbeiter der Zeitung, äußerte Verständnis und Sympathie. Es wäre bösartig zu erwähnen, dass die neonazistische Deutsche Stimme ebenfalls Beiträge zur Unterstützung der Budapester Regierung geschrieben hat – nachdem selbst die heimischen regierungsnahen Medien die „Verdienste“ jener Monatszeitschrift nicht wirklich gewürdigt haben – aber es spielt eigentlich auch keine Rolle, denn diese Zeitung wird (anders als die ihre Auflage laufend steigernde und von gebildeten, gut situierten gesellschaftlichen Schichten gelesene Junge Freiheit) kaum abonniert, und keiner weiß so recht, wie man so etwas lesen kann.

Ähnlich der Jungen Freiheit hat auch die französische rechte Zeitung Valeurs actuelles – und (anders als in Deutschland) heißt bei den Franzosen „rechts“ wirklich rechts – schon einen Beitrag dazu verfasst, wonach die Europäische Union und die Linke Orbán zu Unrecht attackiere. Für diese Kreise wird der hierfür notwendige Beweis schon dadurch erbracht, wenn die Angriffe von linken und liberalen EU-Politikern ausgehen. Daniel Cohn-Bendit zum Beispiel hat gewiss einen gehörigen Anteil an der Bekanntheit und Beliebtheit Viktor Orbáns bei der westeuropäischen Rechten. Der Grünenpolitiker (dessen pädophilieverdächtigen und fehlgedeuteten Worte sogar den Präsidenten des deutschen Bundesverfassungsgerichts dazu bewogen haben, eine gemeinsame Veranstaltung abzusagen), verglich Orbán mit Hugo Chavez, womit er auf einen Schlag dafür gesorgt haben dürfte, dass Orbán die europäischen Linksextremisten und die westlichen, hauptsächlich französischen Rechten für sich gewinnen konnte; denn schließlich ist für die Rechten alles, was Cohn-Bendit kritisiert, letztlich nur richtig und gut.

Ein weiterer großer Unterstützer Orbáns ist die Züricher Wochenzeitung Weltwoche und ihr provokanter Chefredakteur, Roger Köppel, der nur zu gerne die Rolle des „enfant terrible“ der deutschsprachigen Presse mimt. Hinter der mit Mandschettenknöpfen und Seidenschal zur Schau gestellten Verwegenheit steht freilich das Geld der rechtspopulistischen, einwandererfeindlichen Schweizerischen Volkspartei (SVP) – wovon es reichlich gibt. Die Partei hat eine Offensive gegen die ihrer Auffassung nach links gerichtete Medienmehrheit in der Schweiz begonnen, und hat mal offen, mal weniger offen die früher linksliberale Weltwoche und die Basler Zeitung erworben. Nachdem es aber etwas schwieriger ist, talentierte rechtsgerichtete Journalisten zu finden, erscheinen in der Basler Zeitung immer noch Orbán-kritische Berichte über Ungarn. Der SVP ist es wohl auch vollkommen egal, was man über dieses weit entfernte Land schreibt, aus dem in der letzten Zeit so viele Prostituierte nach Zürich gelangen. In der Basler Zeitung beschränken sich die rechten Auswüchse bislang eher auf Attacken gegen den Feminismus oder Obama – und natürlich gibt es einen kaum verhohlenen Jubel zu Gunsten der SVP.

(…)

Roger Köppel mag Orbán. Der Grund ist einfach: Die Linke schimpft über ihn, noch dazu verfolgt er angeblich eine armenfeindliche Politik, was der Weltwoche nur gefallen kann. Und es gefällt ihr. Boris Kálnoky, der ungarischstämmige, in Istanbul lebende Korrespondent der neokonservativen deutschen Tageszeitung Die Welt verfasste in der schweizerischen Wochenzeitung schon mehrfach Beiträge, in denen der Orbán verteidigte (zuletzt davon, dass angeblich niemand das ungarische Verfassungsgericht in seinen Befugnissen einschränke). Nachdem er sich wirklich recht gut in ungarischen Angelegenheiten auskennt, sind die Mehrzahl seiner Beiträge fundiert, jedenfalls strotzen sie nicht nur so von fachlichen Fehlern, zudem kann er ungarische Namen korrekt schreiben. Für Köppel jedoch scheint Orbán so wichtig zu sein – denn die Linke schimpft über ihn -, dass er vor kurzem höchstpersönlich ein Interview mit Rolf Scholz, dem gealterten CDU-Politiker, einem Verfassungsrechtler der zweiten Reihe, gefertigt hat, dem zufolge es mit dem ungarischen Grundgesetz keinerlei Probleme gibt, und es sozusagen das Tor zur Moderne darstelle.

Scholz leitet seine Argumente aus dem Verfassungstext ab – wo man doch gerade in diesem, naturgemäß völlig durchpolitisierten Rechtsgebiet, nicht ohne Blick auf die Praxis urteilen sollte. Begriffe und Institutionen haben eben in unterschiedlichen Rechtskulturen völlig unterschiedliche Bedeutung, wie auch Csaba Varga, der Hochschullehrer Viktor Orbáns, dem Verfasser dieser Zeilen stets beibrachte. Und da, wo es keine Rechtskultur gibt, ist die Bedeutung eben eine ganz andere.

Beispielsweise verbietet Art. 120 der holländischen Verfassung die Verfassungsgerichtsbarkeit, in den meisten postsowjetischen Ländern hingegen gibt es schön herausgeputzte Verfassungsgerichte und Verfassungsrichter in fein bestickten Roben – allein davon die Rechtsstaatlichkeit abzuleiten, wäre jedoch zu kurz gegriffen. In Holland nämlich kann ein Rechtsstaat auch ohne Verfassungsgericht existieren, während in Kasachstan wahrscheinlich selbst ein aus 100 Personen bestehendes Verfassungsgericht wahrscheinlich rein zufällig aus Kandidaten bestünde, die dem Präsidenten treu sind. Scholz hingegen tut so, als ob die bloße Existenz einer Institution, noch dazu ein einfacher Rechtstext, Garant dafür seien, dass es in einem Staat rechtsstaatlich zugeht. Auf Grundlage dieser Logik gelang es schon György Lukács, die stalinistische Verfassung zu verteidigen. (Und sogar László Sólyom glaubte, dass aus Ungarn nach 1990 zu einem stabilen Rechtsstaat geworden sei).

Aber Orbán wird nicht nur in der konservativen Subkultur verteidigt. Während die Kritiker hierzulande bis heute nicht entscheiden können, ob nun der Neoliberalismus oder die kommunistische Staatswirtschaft in Ungarn tobt, kann Orbán aus den Reihen derer Fans um sich scharen, denen es gefällt, wenn ein Politiker neoliberal, armenfeindlich, auf der Seite der Reichen stehend ist, aber irgendwie doch staatswirtschaftlich, gegen die Multis eingestellt und antikapitalistisch denkt. Als Viktor Orbán 2010 mit etwas mehr als einem Drittel der Stimmen der Wahlberechtigten die Wahlen gewann, und es so aussah, dass László Bogár marxistisch, keinesfalls aber sozialdarwinistisch sein wird, und der Kampf gegen den Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht zum Schutz des nationalen Kapitals begann, sondern vielmehr ein Freiheitskampf gegen jede Art von Kapital losging, klatschte auch das westeuropäische linke Publikum brav Applaus. Die aus der DDR-Zeit übriggebliebene, Veteranentreffen der Stasi abhaltende und noch heute für die Berliner Mauer dankbare stramm leninistische Tageszeitung Junge Welt etwa begrüßte den Abbruch der Verhandlungen mit dem IWF. Über einer zerschnittenen EU Fahne prangte die Überschrift: „Ungarn widersetzt sich den Diktaten.“ Das Blatt – und vor allem sein in Wien ansässiger moskautreter Korrespondent (ein verdienter, braver Genosse) – war wohl das erste in der deutschen Presselandschaft, das schon 2006 die bedauerlichen Geschehnisse im September und Oktober jenes Jahres (d.h. die rechtsgerichteten Proteste) hoch leben ließ, und darin sogar die zarte Flamme der Weltrevolution aufflammen sah. Bis heute ist das Blatt allerdings zum Refugium derer geworden, die Viktor Orbán für neoliberal (was in der Jungen Welt nichts anderes als „faschistisch“ bedeutet), armenfeindlich, dem Großkapital zugewandt, kapitalistisch und was auch immer halten. Die Junge Welt ist also auf der Seite der Orbán-Hasser, wobei es wohl einen halben Tag lang Verwirrung in der Redaktion gegeben haben muss, als Daniel Cohn-Bendit den ungarischen Regierungschef mit den schon quasi heiliggesprochenen Hugo Chavez verglich.

Die rechten Unterstützer sehen in Orbán genau denselben neoliberalen, armenfeindlichen, dem Großkapital zugewandten, kapitalistischen Politiker wie die Junge Welt – nur dass all diese Attribute für sie positive Zeichen sind. Die westeuropäischen Rechtspopulisten, die Züricher Weltwoche, die Wiener Zur Zeit, die Pariser Valeurs actuelles oder die Berlusconi nahestehende Il Giornale verteidigen Orbán genau aus diesem Grund. Sie wissen nämlich genau, das Orbán mit den Kommunisten abrechnet, mit dem Kommunismus abrechnet, auf Teufel komm raus privatisiert, den Staat und die Bürokratie abbaut, und sich dabei weder um den Klimawandel, Brüssel, die UNO, Ronald Dworkin, die bösen liberalen Menschenrechte und den Feminismus schert. Und für all das, wie es der Ministerpräsident der rechten Boulevardzeitung Bild mehrfach sagte, von den Deutschen noch nicht einmal Geld sehen will. Ganz im Gegensatz zu den vielen faulen Südeuropäern…

Viele sehen in Viktor Orbán nur das, was die westeuropäischen Liberalen oder die gemäßigten Konservativen von ihm behaupten. D.h. die Kritik an der Bankensteuer, an der Multi-Steuer und an Brüssel. Das aus den Urteilen sich abzeichnende, wenngleich (da hat die Regierung Recht) falsche Orbán-Bild bewirkt, dass viele einfache Leser diesen Menschen liebgewinnen, dessen Land sie bislang und auch in Zukunft wohl kaum besser kennenlernen werden. Aber eines weiß der Leser – Dank der (vorsichtig gesprochen) unpräzisen Analysen westlicher Korrespondenten –, nämlich das Brüssel Orbán prügelt, Orbán im Gegenzug die Banken und die Kommunisten rannimmt. Und daraus folgt, dass, obwohl die Mehrheit der westeuropäischen Zeitungen Orbán tatsächlich stark kritisiert, wir in den Forumsdiskussionen zu Onlineartikeln sehen, das Spanier, Franzosen, Deutsche, Polen, sogar teilweise die Österreicher anfangen, in Orbán (abhängig von ihren politischen Wünschen) entweder den neuen Hugo Chavez oder den neuen Vaclav Klaus zu sehen.

(…)

Obwohl die ungarischen „Linksliberalen“ dies offenbar nicht mitbekommen haben, nutzt Viktor Orbán Stimmungen, die es in ganz Europa gibt. Das heutige Europa entspricht nämlich nicht dem kosmopolitischen Wunsch eines György Konrád, nicht der diskursiven Demokratie des Jürgen Habermas, auch nicht der globalen Utopie von Ulrich Beck oder dem Aufruf von Bernard-Henri Lévy (meine Güte!). Das heutige Europa ist ein Ort von gegenseitigem Hass, Unsicherheiten, Wut. Der italienische Rechtsphilosoph Giorgio Agamben hat prophezeit, dass man das ganze Konstrukt ruhig vergessen solle, vielmehr mögen sich die Mittelmeerstaaten zu einem „lateinischen Reich“ zusammenschließen, und dann Tschüss! Die französische Linke schimpft über den hierzulande als heilig, unfehlbar geltenden Economist. Die französischen Kommunisten fordern die Schließung von Rating-Agenturen. Der souveränistische Teil der Linken möchte die Nationalstaaten stärken, und hält Brüssel für einen Handlanger des globalen Kapitals. Der amtierende französische Außenminister war einer der Frontkämpfer der in 2005 geführten Kampagne gegen die europäische Verfassung. Die postmoderne Linke kritisiert die Verfassungsgerichtsbarkeit sogar unter Bezugnahme auf die Souveränität des Volkes. Ein Teil der deutschen Konservativen denkt über die Sinnlosigkeit der Europäischen Union nach. Und während in fast jedem Staat (außer vielleicht den traditionell sozialdemokratischen skandinavischen Ländern und Österreich) der Wohlfahrtsstaat abgebaut wird, und Berlin arbeits- und sozialrechtliche Reformen von Südeuropa erwartet, hat Orbán diese in Ungarn schon längst durchgesetzt. Weshalb man ihn diesbezüglich auch nur selten kritisiert. Angela Merkel hat den ungarischen Staatspräsidenten János Áder auch nicht wegen der Kürzung der Arbeitslosenhilfe oder den öffentlichen Beschäftigungsprogrammen zur Rede gestellt, sondern bestenfalls wegen der auch für deutsche Unternehmen belastenden Sondersteuern. Und Barbara Stamm, die bayerische Landtagspräsidentin, hat ihr Treffen mit László Kövér nicht mit dem Ziel einer Änderung des ungarischen Arbeitsrechts abgesagt.

Orbán wirft Westeuropa einige europäische Brosamen hin. In seinen Positionen zur EU tauchen rechtspopulistische Argumente ebenso auf wie die linker souveränistischer Parteien, Politiker und Intellektueller. Und sein national-neoliberaler Plan zu einem auf Arbeit basierenden Staat ist ein Programm, welches zwar nicht unbedingt international diktiert wird, aber dem internationalen Kapital gewiss auch nicht schadet. Aus diesen Krümeln wird aber kein essbares Brot werden – immerhin sorgen sie aber dafür, dass man im Westen einen missverstandenen Viktor Orbán kritisiert oder lobt.

Das echte Programm hingegen verwirklicht sich, ohne dass es irgendjemand mitbekommt.

Der Verfasser, Péter Techet, Jahrgang 1984, ist Jurist und freier Journalist.“