Und nochmal ZAPP: Ganz Wien

Das NDR-Magazin ZAPP legt nochmals nach und berichtet über „Ungarn – Kritik an Korrespondenten“.

<a href="http://http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/ungarn243.html„>http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/ungarn243.html

Zu Wort gelangen Ernst Gelegs, der vor einigen Wochen im Wiener Standard berichtete, von ungarischen Politikern ausgegrenzt und angeschwärzt worden zu sein, Stephan Ozsváth, der die Widerworte der ungarischen Offiziellen über seinen Beitrag nicht verstehen kann, in dem er Ungarns Ministerpräsidenten als „Räuberhauptmann“ bezeichnete, und Hilde Stadler, die offenbar ebenfalls Kritik für die aus Sicht des Außenamtes verzerrende Berichterstattung erntete. Abgerundet wird das Bild von der Chefredakteurin des fast schon traditionell Orbán-kritischen Standard, für den auch dpa-Korrespondent Gregor Mayer schreibt.

Ganz Wien – wo die meisten Berichte über Ungarn entstehen – scheint schon Erfahrungen mit den ungeheuerlichen Zensurversuchen der Orbán’schen Reiterhorden gemacht zu haben. Will die österreichische Hauptstadt nun also zum Lechfeld des Kampfes um europäische Meinungsfreiheit werden? Oder sind Widerworte in den Redaktionen nicht gewünscht, gelten sie gar als Majestätsbeleidigung, als Angriff auf die unfehlbare Presse, der – so selbst oppositionsnahe Zeitungen in Ungarn – teilweise haarsträubende Fehler unterlaufen?

Dass die ungarische Regierung ausländische Blätter und ihre hochdotierten Mitarbeiter „mundtot“ machen könne, glaubt wohl weder Orbán noch irgendein ausländischer Korrespondent im Ernst. Es sind vielmehr die verzweifelten, zumeist vollkommen kontraproduktiven Versuche der dünnhäutigen und vom medialen Dauerfeuer entnervten ungarischen Regierung, fachliche Fehler (wie bei Mediengesetz und jüngster Verfassungsnovelle) zu korrigieren und auch ihrer Sichtweise ein wenig mehr Raum in der Berichterstattung zu verschaffen. Denn die wird fast durchgängig konsequent ignoriert, jedenfalls von all denen, die bei ZAPP zu Wort kamen. Selbstgespräche.

Bei aller berechtigter Kritik an Orbán: Die Worte Gelegs, es gebe für die ungarische Regierung nur „eine Wahrheit“, fallen mit voller Wucht auf ihn zurück. Das gilt genau so für ZAPP, den ORF, den Standard und weitere Teile der ARD. Besonders bitter ist dies beim ORF und der gebührenfinanzierten ARD, die beide den Auftrag haben, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen. Man tut es nicht. Sei es aus Sturheit, berechtigter Sorge oder politischer Einstellung. Und kontert mit dem (zutreffenden) Argument, auch in Ungarn sei der staatliche Rundfunk einseitig und politisch infiltriert. Ja, ist er. Nur: Will man nun besser sein als Orbán oder nicht? Oder liegt die Unnachgiebigkeit der Presse daran, dass jemand, der sich – wie Orbán mit dem Mediengesetz – die Presse zum Gegner macht, keine Gnade erwarten sollte?

Dass die Regierung von dieser Art der Berichterstattung letztlich profitiert, ist den Machern solcher Berichte entweder egal oder nicht verständlich zu machen. Ebensowenig wie der Umstand, dass sie ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Spaltung und Unversöhnlichkeit leisten. Sie sollten aus dem Beitrag János Székys lernen.

Bis das geschieht, ist die Ungarnberichterstattung ein wenig wie die Pornosammlung: Hat man einen gesehen, weiß man, was einen sonst so erwartet. Da hilft auch Falcos Rezept aus „Ganz Wien“ nicht weiter.

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10 Kommentare zu “Und nochmal ZAPP: Ganz Wien

  1. HV Nicht nur ganz Wien kritisiert
    Am 15.3.2013 berichtet die Wiener Zeitung u.a.:
    „Der Vorsitzende der CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, Markus Ferber, erklärte am Freitag, Ungarn schränke „ungeniert zum wiederholten Male Grundrechte ein und erlässt Verfassungsänderungen, die nicht mit dem demokratischen Rechtsverständnis in der EU vereinbar“ seien. Die EU-Kommission forderte er auf, zu prüfen, ob die Verfassungsänderung mit den europäischen Regeln vereinbar sei. Gegebenenfalls könne ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet werden.“
    http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/europa/europastaaten/531718_UN-Menschenrechtskommission-kritisiert-juengste-Massnahmen-Orbans.html

    Wenn der ungarische Botschafter ORF Korrespondenten Ernst Gelegs bei seinen Vorgesetzten mit seinen privaten mails versucht zu denunzieren, dann kann das als Versuch, einen unliebsamen Kritiker zu zensurieren, gewertet werden.

    Könnte es sein, dass die Politik der ungarischen Regierung Grund genug zur Kritik gibt?
    Diese Kritik kommt natürlich nicht nur von links, durchaus konservative Medien üben Kritik. All das einer „kleinen Gruppe von Kritikern“ zu unterstellen, kann verschieden interpretiert werden. Wohlwollend als provinzielle Befangenheit, nicht so wohlwollend als paranoide Gefühle, die dazu führen, dass führende ungarische Politiker eine Weltverschwörung gegen Fidesz imgainieren.

  2. Die heutige FAZ publizierte einen Artikel von Stephan Löwenstein: „Unverstandene Ungarn/Wie sich die Regierung in Budapest über ihr Bild in westlichen Medien erregt“
    Dieser ausgezeichnete Artikel ist noch nicht im internet zu lesen. Hier ein Schmankerl:
    >>Eine originelle Lesart hat am Wochenende der ungarische Justizminister Tibor Navracsics im Radio Kossuth angebracht. Demnach diene die Ungarnkritik der deutschen Linken als Wahlkampfschlager. Das Bild von den Medien an der Kandare der Politik fällt allerdings auf die zurück, die es zeichnen […] Und wie um die von ihm gerügten Vorwürfe bezüglich der Medienfreiheit zu bestätigen, sagte Ministerpräsident Orbán in seinem Radiointerview zu dem Kika-Beitrag: „Würde so etwas im ungarischen Fernsehen vorkommenh, hier würden innerhalb von einer Minute alle fliegen.“<<

    • Wenn sowas >“Würde so etwas im ungarischen Fernsehen vorkommen, hier würden innerhalb von einer Minute alle fliegen.”< aus dem Munde eines Ministerpräsidenten kommt, kann man nur zusammenzucken. Es sagt mehr aus, als alle Diskussionen Für und Wider.

      • Ja, das hat auch die FAZ vermerkt, trotzdem denke ich, wird die Kampagne der ungarischen Regierung weitergeführt. Es läßt vermuten, dass die führenden Fideszpolitiker einfach keine Ahnung haben wie Medien funktionieren.
        Im von mir zitierten FAZ-Artikel kommt auch J. Czukor, ung. Botschafter in Berlin zu Wort, der „den Versuch unstatthafter Einflussnahme“ verneint. >>NDR-Kulturchef Christoph Bungartz sagt dagegen „Das ist schon ein gewisser Versuch der Einschüchterung.“ Die Diplomaten wissen wohl, dass ein Versuch der Einschüchterung bei den Medien in Deutschland und Österreich eher das Gegenteil hervorrufen würde. Doch dürften sie zugleich unter Druck stehen, der breiten Front der Kritik etwas entgegenzusetzen…<< soweit die FAZ
        Ich habe das Gefühl, dass diese führenden Fideszpolitiker glauben, ihren Stil, mit dem sie ihren "Befreiungskampf" im Inland (mit Verleumdungen, Unterstellungen und Kampagnen, hier sei nur auf die Kampagne gegen die Philosophen hingewiesen, welche die Spaltung der Gesellschaft noch verschärft hat) auch auf das Ausland ausdehnen zu können und damit noch Lob ernten zu können.
        Dass sich dabei ein ung. Botschafter in seinem Gastland lächerlich machen könnte, stört diese Politiker gar nicht, denn worauf es ankommt, ist nicht das Ausland, sondern der Teil der heimischen Öffentlichkeit, der die Kampfparolen Orbáns vollinhaltlich inhaliert.
        Hier nur ein Beispiel dafür, als "Reporter ohne Grenzen" zwei ung. Journalisten einen Preis gab, erhielt der Vorsitzender der Jury, Botschafter Albert Rohan, der bis zu seiner Pensionierung Generalsekretär des Aussenministeriums in Wien war, einen Belehrungsbrief des ung. Botschafters.
        Dieser Brief ging in "ganz Wien" von Hand zu Hand und sorgte für Heiterkeit. Denn Rohan kann man beim besten Willen nicht Linkslastigkeit vorwerfen.
        Nun wer sich mit der ganzen Welt im Krieg wähnt, der darf sich nicht wundern, wenn das Echo der Medien dementsprechend ist.
        Wird das langfristig Orbán & Co nützen?

      • „Doch dürften sie zugleich unter Druck stehen, der breiten Front der Kritik etwas entgegenzusetzen.“

        So hat das auch Frank Spengler von der KAS im Interview betont.

        Ich vermute mit Ihnen, dass Fidesz mitunter den Tonfall der innerungarischen Auseinandersetzung auf die internationale Ebene „exportiert“. Das ist, wie ich einem ungarischen Fidesz-Parlamentarier im vergangenen Jahr ausdrücklich sagte, ein Fehler. Ich habe übrigens nie behauptet, dass ich die Kommunikationspolitik Fidesz´ für weise halte. Sie ist eher amateurhaft. Nur: Die bei ZAPP gehörten Personen entlastet das nicht die Bohne.

  3. „Würde so etwas im ungarischen Fernsehen vorkommen, … …“:


    Das ist ein kleiner Auszug der inneren Kritik; wenn es nach Orbán ginge, gäbe es in Deutschland schon kein Fernsehen mehr.
    Die Kritik der EU-Länder an Deutschland war noch viel heftiger, demnach hätten die deutschen Botschafter nicht anderes mehr zu tun, als Beschwerdebriefe zu schreiben.
    Hier noch ein Schmankerl, welches es dann leider schon nicht mehr gegeben hätte:

    Wer nicht zur Selbstreflexion fähig ist, kann keine Kritik ertragen. Das kann aber nicht das Problem ausländischer Korrespondenten und Redakteure sein.

  4. HV Ich fürchte, was Sie dem Fidesz Abg. geraten haben, geht bei einem Ohr hinein und beim anderen hinaus. Die scheinen beratungsresistent zu sein.
    Mit Recht macht der von mir zitierte S. Löwenstein auf eine Falschmeldung von Reuters u.ä.m. aufmerksam.
    Verglichen mit der Fidesz-Kommunikation war aber >>der Kika-Beitrag mit seinen in dieser Sendung üblichen Salvationsfloskeln (viele meinen…“) harmlos.<<
    Ich sah gestern auf ATV ein Skypeinterview mit Kim Lane Scheppele. Sie wies darauf hin, dass viele Materialien zur Verfassung, wie z.B. die Beschlüsse des Verfassungsgerichtes lediglich in ungarischer Sprache vorliegen, und dass ein "lebensschützender" Jurist, der nicht Ungarisch kann, sich für die vierte Änderung dieser Verfassung ausgesprochen hat, obwohl er nicht des Ungarischen mächtig ist und das die Regierung sich auf ihn beruft.
    Ich denke, am wenigsten sollten sich diejenigen beschweren, die mit einer Kampagne sondergleichen sechs liberalen ungarischen Philosophen grundlos und ohne jeglichen Beweis kriminelle Machenschaften unterstellten.
    Was immer Sie deutschen und österr. Journalisten taten, so grobe Manipulationen wie sich das ung. königl. Fernsehen erlaubte, gab es nicht.
    Sicher wäre es wünschenswert, wenn Orbán & Co. den Rundumschlag beenden und normal regieren würden. Ich fürchte, er ist dazu nicht in der Lage.

    • „Verglichen mit der Fidesz-Kommunikation war aber >>der Kika-Beitrag mit seinen in dieser Sendung üblichen Salvationsfloskeln (viele meinen…”) harmlos.“

      Ausgehend von der Argumentation „Wiens“, wonach Ungarn in der Autokratie versinke, ist es schon bemerkenswert, wenn man die dortigen Verhältnisse zum Maßstab nimmt.

  5. Lieber HV, das zitierte stammt von Stephan Löwenstein, nicht von mir.
    Autokratie oder nicht Autokratie. So grobe Manipulationen wie sich die königl. Medien in Ungarn erlauben, kann man bei ARD und ORF nicht feststellen. Wenn also diejenigen, die einen Manipulator anstatt zu feuern noch befördern, sich über deutsche u. österr. Medien beschweren, dann kann man sie aufmerksam machen, dass sie im Glashaus sitzen.

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