HírTV-Sendung Célpont: Bericht zum World Jewish Congress 2013 in Budapest

Am vergangenen Freitag (10.05.2013) berichtete die HírTV-Sendung „Célpont“ über den World Jewish Congress in Budapest.

Zu Wort kommen einige Delegierte des Kongresses, die sich mit der Rede des ungarischen Ministerpräsidente Viktor Orbán zufrieden zeigten. Zum Communiqué befragt, welches die Rede Orbáns kritisierte und die vom Präsidium des WJC unmittelbar nach der Rede herausgegeben worden war, konnten sich die befragte Delegierten nicht äußern. Es war ihnen – so die Befragten – nicht zur Kenntnis gelangt. In der Verlautbarung war Orbán vorgehalten worden, dass er sich nicht von der rechtsradikalen Partei Jobbik distanziert habe.

Wenige Tage später räumte der WJC-Präsident Ronald Lauder ein, Orbán habe sich sehr wohl von Jobbik distanziert. Lauder hatte von einem kurz vor dem WJC in einer israelischen Zeitung erschienenen Interview erfahren, in dem Orbán Jobbik als „Gefahr für die Demokratie“ bezeichnet hatte. Lauder sagte, er wisse dies zu schätzen.

Der Vorsitzender des Verbands der Ungarischen Jüdischen Gemeinden (MAZSIHISZ), Péter Feldmájer, äußerte sich gegenüber Célpont positiv zur Rede. Ebenso

Der ungarische Rabbi Slómó Köves wunderte sich in einem Interview über das schnelle Tempo, in dem die Orbán-kritische Stellungnahme herausgegeben worden war. Zwischen dem Ende der Rede und dem Erscheinen auf der Homepage des WJC seien „keine zwei Minuten vergangen“, jede konkrete Bezugnahme auf die Rede, in der viele Tatsachen angesprochen worden seien, habe gefehlt. Kövers stellte in den Raum, die Stellungnahme könnte schon vorab fertiggestellt worden sein. Er habe sich „eine konstruktivere Position vom WJC erwartet“.

http://mno.hu/celpont_musor/salom-1160194

Gewisse Verwirrungen traten auch um die englische Übersetzung der Orbán-Ansprache auf. Das Ministerpräsidialamt gab eine offizielle Übersetzung heraus, in der Teile der Rede unpräzise und sinnentstellend wiedergegeben worden waren. So sprach Orbán in seiner ungarisch gehaltenen Rede sowohl die ungarische jüdische Gemeinde an, als auch die ausländischen Besucher. Er erwähnte konkret auch diejenigen, die „eigentlich nach Hause gekehrt seien“, weil ihre familiären Wurzeln in Ungarn liegen. Zudem sprach er allen Gästen das Recht zu, das zu kritisieren, was ihnen nicht gefalle.

Die internationalen Korrespondenten – etwa Stephan Löwenstein von der FAZ – bedienten sich mangels ungarischer Sprachkenntnisse aus der der wenig geglückten englischen Übersetzung, tradierten diese wiederum ins Deutsche und legten Textstellen aus, die Orbán so nie gesagt hatte. So wurde aus den „Gästen, die zu uns nach Ungarn kommen“ (ungarische Fassung) im englischen plötzlich Menschen „who knock on our door“ („die an unsere Tür klopfen“). Löwenstein bastelt um die (angeblichen) Reaktionen der Zuhörer sogar eine Geschichte: „Sitznachbarn zischelten einander zu: Haben wir geklopft oder um eine Gunst gebeten? Schon da war klar, dass das Publikum jedes Wort des Gastredners auf eine sehr feine Goldwaage gelegt werden würde.“ Nochmals: Bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass Orbán das Wort „Anklopfen“ nie in den Mund nahm.

Die Kritik muss hier aber auch die offiziellen Übersetzer treffen. Mediengesetz, Verfassung, Verfassungsnovelle, jetzt WJC: Es ist bemerkenswert und traurig zugleich, dass das Amt des Ministerpräsidenten regelmäßig seit 201 an Übersetzungen scheitert. Zugegebener Maßen ist ungarisch eine schwierige Sprache, die Fähigkeiten von Übersetzern werden vor allem von Orbán in seinen zumeist sehr blumigen Reden zusätzlich sehr stark beansprucht. Wer hier mit dem Lexikon operiert, kommt nicht ans Ziel. Nur englische Muttersprachler, die zusätzlich sehr gut ungarisch beherrschen, kommen hier ans Ziel. Der Verfasser dieser Zeilen, der bereits mehrere Gesetzestexte aus dem Ungarischen ins Deutsche übertragen hat, weiß, wie schwer die Aufgabe ist, „sinnerhaltend“ zu tradieren.

Neben dieser Verantwortung der Politik sollten sich Zeitungen ernsthaft überlegen, ob sie Korrespondenten mit ungarischen Sprachkenntnissen beschäftigen. Es gilt eben nach wie vor der Grundsatz, dass man ein Land erst dann versteht, wenn man die Sprache der Menschen spricht. Viele fachlich-inhaltliche Fehler in der Berichterstattung könnten so ebenso vermieden werden wie „gefilterte“ Stimmungsbilder.

Kommt das „lex kuruc.info“?

Das ungarische Internetportal origo.hu berichtet über einen Gesetzentwurf, der in bestimmten Fällen die Sperrung gesetzwidriger Internetseiten für ungarische Nutzer ermöglichen soll, selbst wenn sie von ausländischen Servern aus betrieben werden. Grundlage für die Sperrung soll ein rechtskräftiges Gerichtsurteil sein.

http://www.origo.hu/itthon/20130510-jon-a-lex-kurucinfo.html

Ungarns Regierung wird, insbesondere seit 2010, im Zusammenhang mit der rechtsradikalen Hetzseite kuruc.info heftig kritisiert. Die Seite verbreitet, über einen US-amerikanischen Server, rassistische, antisemitische, antiziganistische und sonstige grob menschenverachtende Inhalte. Auch die Regierungspartei Fidesz wird regelmäßig beschimpft, dennoch wird ihr von linker und liberaler Seite vorgehalten, nichts gegen die Inhalte zu unternehmen und die Hintermänner unbehelligt zu lassen.

Kuruc.info, das über beachtliche Zugriffszahlen verfügt, wird international gerne als Beleg für rassistische Tendenzen in der ungarischen Gesellschaft herangezogen. Dabei ist keineswegs klar, ob die Zugriffsdaten a) korrekt sind und b) ob nur Anhänger des neonazistischen Spektrums die Seite aufrufen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil dürften gerade die Gegner von kuruc.info und Journalisten ausmachen, die die Seite zitieren.