Scheiterte Péter Feldmájer an „zu viel Fairness“ gegenüber Viktor Orbán?

Die Jüdische Allgemeine berichtet über das Misstrauensvotum der Vollversammlung des Verbands der Jüdischen Gemeinden in Ungarn, MAZSIHISZ, gegenüber ihrem bisherigen Vorsitzenden, Péter Feldmájer. Feldmájer war am vergangenen Wochenende das Vertrauen entzogen worden. Die Plenumssitzung fand kurz nach dem in Budapest abgehaltenen World Jewish Congress statt.

Bemerkenswert erscheint folgende Passage des Artikels:

Nach Meldungen der Jewish Telegraph Agency wirft man Feldmájer vor, die Ansicht des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán über den Antisemitismus im Land nicht genügend infrage gestellt zu haben. Dieser hatte vergangene Woche in seinem Grußwort bei der Vollversammlung des Jüdischen Weltkongresses in Budapest betont, dass der zunehmende Antisemitismus ein europaweites, nicht speziell ungarisches Problem sei. Während in Westeuropa jüdische Schulkinder ermordet und Anschläge auf Synagogen verübt würden, gebe es nichts Vergleichbares in Ungarn, sagte Orbán.

Feldmájer hatte bei der Vollversammlung hervorgehoben, dass sich die Situation für Juden in Ungarn in den vergangenen Jahren zwar verschlechtert habe, es aber keine wirkliche Bedrohung gebe. »Wir sind nicht so gefährdet wie beispielsweise Juden in Frankreich oder auch Deutschland«.“

Könnte sich Feldmájer, der sich etwa differenziert über die Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán geäußert hatte und nicht in Pauschalkritik verfiel, durch „zu viel Fairness“ angreifbar gemacht haben? Bereits während des WJC fiel auf, dass Feldmájer nicht in das zum Teil hysterische Bild der Orbán-Kritiker einstimmte, wonach Juden in Ungarn ernsthaft um ihre Sicherheit besorgt sein müssten.

Das Präsidium des WJC gab, so der regierungsnahe Nachrichtensender HírTV unter Bezugnahme auf Befragungen von Delegierten, bereits wenige Minuten nach der Rede des ungarischen Ministerpräsidenten auf dem WJC ein Communiqué heraus, in dem Orbán scharf kritisiert wurde. Die WJC-Delegierten hatten über diese Stellungnahme aber offenbar nicht abgestimmt, der unabhängige Rabbiner Slómó Köves deutete gar an, die Stellungnahme könnte vorab gefertigt worden sein, da sie auf den Inhalt der Rede nicht konkret eingegangen sei. Er bezeichnete die Aussagen als kontraproduktiv.

Der Präsident des WJC, Ronald Lauder, hatte Orbán etwa kritisiert, weil er sich nicht von Jobbik distanziert habe. Als er später erfuhr, dass Orbán kurz zuvor Jobbik als „Gefahr für die Demokratie“ bezeichnet hatte, gestand er seinen Irrtum ein und sagte, er wisse diese Aussage Orbáns zu schätzen.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15959

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12 Kommentare zu “Scheiterte Péter Feldmájer an „zu viel Fairness“ gegenüber Viktor Orbán?

  1. Was Sie „zu viel Fairness“ nennen, sind einfach zu wenig Fakten: Nicht Feldmájer, sondern Orbán hätte längst zu Kövér/Nyirö, Bayer/Romatiere, Szaniszló/Balog etc. Stellung beziehen müssen, ist klar, warum er es nicht tut. Ok. Dass es sogar Feldmájer auslässt, machts nicht besser oder „fairer“, sondern deckt nur ein Gebettuch drüber. Muss in Budapest erst eine Bombe hochgehen, bis die gleiche „Gefährdung“ wie im Westen vorliegt oder reichen gebrochene Nasenbeine und Pöbeleien auch? Worum man sich in Ungarn Sorgen machen muss, ist der Antisemitismus als Abfallprodukt des Macht-Kalküls der herrschenden Partei. Das ist in der Form in Europa einmalig. Dies nicht zu benennen ist nicht „fair“, sondern grob fahrlässig. Ihre Fairness, HV, ist die gleiche, wir lassen Unangenehmes, nicht in Bild passendes einfach weg (von ein paar Ausnahmen abgesehen) und nennen das dann „ausgewogen“, während der, der bestehende Missstände benennt als Hetzer oder uninformiert oder vorurteilsbefangen diffamiert wird. / im übrigen ist Feldmájer wegen anderer interner Intrigen abgesäbelt worden, aber das nur am Rande. M.S.

  2. „Muss in Budapest erst eine Bombe hochgehen, bis die gleiche “Gefährdung” wie im Westen vorliegt … “

    M.f.S. untertreibt gewaltig. Die Inhaber von „Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ haben schon einige „Bomben“ gelegt, um die „Weltöffentlichkeit“ für sich einzuvernehmen, nachdem ihnen in Ungarn von der Mehrheit der ungarischen Wähler das Vertrauen entzogen worden ist.

    Dass es bisher nur für Blindgänger gereicht hat, scheint M.f.S. zu ärgern. Aber wer sich am Freitag und Sonntag Juszts „Privatgespräche“ mit László Kasza auf atv angetan hat, ahnt schon jetzt, was dem ehrlichen Bürger in Ungarn noch alles von denen blüht.

    Schlimm, wenn der Wunsch der Schicker des Gedankens ist. Was machen eigentlich Compagnon Heltai-Hopp und das andere Schläferchen?

    Von wegen keine Bomben gelegt!

  3. „Während in Westeuropa jüdische Schulkinder ermordet und Anschläge auf Synagogen verübt würden, gebe es nichts Vergleichbares in Ungarn, sagte Orbán.“

    In Ungarn gibt es auch ja keine riesigen Gruppen muslimischer Einwanderer oder Staatsbürger. Der Antisemitismus hat in Frankreich einen ganz anderen historischen Hintergrund, was ihn natürlich nicht weniger verwerflich macht. Aber Orbán tut hier genau das, was er immer tut („man solle doch nicht das Ganze, sondern die einzelnen Fakten, Gesetzesartikel etc. miteinander vergleichen!“), er schmeißt Äpfel und Birnen in einen Topf und kocht daraus sein ideologisches, von mangelnder Bildung zeugendes Süppchen. Das dabei nur Halbwahrheiten rauskommen und Zusammenhänge verloren gehen, wen juckt´s.

    • In Ungarn gibt es auch ja keine riesigen Gruppen muslimischer Einwanderer oder Staatsbürger.
      Muslimische ….
      Na, aber hallo, was ist denn das für Rassimus!!

    • Auch so eine Argumentationsart die in Deutschland leider immer öfter zu beobachten ist, besonders in intellektuellen Kreisen: wenn jemand anderer Meinung ist als man selbst, dann muss seine Bildung mangelhaft sein – sprich: er muss blöd sein – anders lässt sich seine abweichende Meinung ja nicht erklären. Wenn Sie mich fragen, spricht gerade diese Herangehensweise nicht von allzu hoher Bildung. Vielmehr zeugt sie von Arroganz und Egoismus. Ich habe nie verstanden wie jemand so sehr von seiner eigenen Meinung überzeugt sein kann, dass er sie offenbar für die gottgegebene unumstößliche Wahrheit höchst selbst hält bzw. wie jemand so sehr ausschließen kann, dass er falsch liegen könnte. Um auf Orbán zurückzukommen: der hat studiert und ein Diplom erworben. Jetzt kommt sicherlich gleich, dass Bildung sich nicht oder nicht nur durch den Abschluss einer akademischen Laufbahn definiert. Das ist zwar wahr, denn auch ein gewöhnlicher Bauer ist nicht blöd, aber wer entscheidet dann und nach welchen Gesichtspunkten wer über Bildung verfügt und wer nicht? Sie? Und selbst wenn, wass sagt Ihnen, dass es Orbán an Bildung mangeln würde? Weil er Ihr Weltbild nicht teilt? Womit wir wieder bei der Arroganz angelangt wären…

      Ich hatte mal einen (deutschen) Lehrer der sagte, dass prinzipiell alle Menschen blöd wären, es gehe nur darum wie blöd. Er wollte seine Schüler damit von Höhenflügen abhalten und ihnen klar machen, dass der erste Schritt zur Minimierung ihrer eigenen Blödheit lautet, sich der eigenen Blödheit bewusst zu werden. Auch eine Sichtweise.

      • Nein, Paloc, weil er weder um historsiche Zusammenhänge weiß noch Situationen richtig einzuschätzen vermag noch über die Urteilskraft verfügt, einen Fall korrekt unter eine Regel zu subsumieren, noch einen richtigen Vergleich anstellen kann usw. Nicht mehr habe ich kritisiert, lediglich, daß seine Meinung auf (erkenntnistheoretisch, nicht unbedingt ideologisch) falschen Voraussetzungen beruht.

  4. “Während in Westeuropa jüdische Schulkinder ermordet und Anschläge auf Synagogen verübt würden, gebe es nichts Vergleichbares in Ungarn, sagte Orbán.”

    Die Aussage stimmt so nicht. Er hat nicht speziell Westeuropa gesagt, sondern einfach nur: in anderen Ländern auf der Welt.

  5. Welch ein Glück! Er hat, was Kant der Kritik unterzog:

    Fagaraschs Urteilskraft!

    Fagarasch weiß.
    Fagarasch vermag.
    Fagarasch kann.
    Subsumieren.
    Richtig.
    Vergleichen.

    Welch Glück für die Menschheit, dass Fagaras den Grundgedanken auf eine wissenschaftliche Basis stellt.

    Wie Pfeifer, Szarvasi und kuruc.info
    Wie Gyurcsány, Bajnai oder der WJC
    Wie Kasza, Konrád oder Vona
    Wie dpa, ard oder VVN
    Wie die Soldaten Sockenschuss und die anderen Veteranen

    Alle gegen Orbán! Der Wahn auf wissenschaftliche Basis gestellt!

    Urrä! Tavares ruft, Magyaren!
    Zeit ist´s, euch zum Kampf zu scharen.
    Wollt ihr Knecht sein oder Schlechte?
    Feri, feri! Es geht um Geld und Rechte!

  6. Bereits vor der Bpester Tagung des WJC kam der Vorschlag Dr. P.F. abzusetzen, einer der Befürworter dieses Vorschlags war der Vorsitzende der Debrecener IKG, der gute Beziehungen zu Bürgermeister Kósa pflegt. Dr. P.F. hat sich taktisch unklug verhalten und während der Zusammenkunft von Mazsihisz geweigert, den Vorschlag zur Abwahl auf die Tagesordnung zu setzen, was bei einigen Delegierten dazu führte, dass sie auch für die Absetzung stimmte.
    So etwas las ich heute Früh in einer ungarischen Zeitung online.

  7. Verbale antisemitische Entgleisungen sind nicht in Ordnung, können aber in der Tat nicht mit brennenden Synagogen verglichen werden. Das wissen auch viele liberale Juden, denen aber die Meinungsfreiheit ein sehr wichtiges Gut ist.
    Ich denke auch, dass Feldmájer interne Probleme hatte. Aber es ist etwas naiv zu glauben, dass jemand bloß deshalb 1-2 Tage nach dem wichtigsten jüdischen Ereignis der letzten 50 und der kommenden 50 Jahre als Präsident einer sehr professionell organisierten und diszipliniert auftretenden 150.000 Seelen community abgesägt wird.
    Fazit: Den Orbánhassern innerhalb der MAZSIHISZ werden wohl ein paar Sicherungen durchgebrannt sein, als sie feststellen mussten, dass Orbán einen guten Auftritt auf ihrer Tagung hatte, Slomo Köves von konzeptionierter Verleumdung Orbáns durch die WJC gesprochen hat, Ronald Lauder sich bei Orbán für ungerechtfertigte Vorwürfe entschuldugen musste und ihr Präsident Feldmajer nicht so getan hat, als ob seit 2010 ein neuer Holocaust aus Budapest ausgebrochen sei. Dabei haben sie sich so viel Mühe gemacht, die Regierung durch die ausnahmsweise Abhaltung der WJC in Budapest so richtig anzupatzen. Das war wohl das letzte Tröpfchen, das das Fass bei den Feldmajerskeptikern zum Überlaufen brachte…

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