Ágnes Heller im Interview mit Deutschlandradio

Die prominente Philosophin und Orbán-Kritikerin Ágnes Heller im Interview mit Deutschlandradio:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/tacheles/2133808/

Heller bemängelt das Fehlen des „Geistes der Demokratie“ in ihrer Heimat. Wer bei Verstand wollte ihr widersprechen? Demokratie muss erst in Fleisch und Blut übergehen. Weniger als 25 Jahre sind seit dem Systemwechsel vergangen, das ist wahrlich wenig nach über 40 Jahren kommunistischer Diktatur und mehreren indoktrinierten Generationen, von denen bis heute viele Vertreter an den Schaltstellen sitzen.

Fraglich nur, ob Ágnes Heller hieraus die richtigen Schlüsse zieht: Sie bemängelt das Fehlen von demokratischer Gesinnung, gibt ihrem Land aber offenbar gar nicht die Zeit, sie zu lernen. Dabei ist es ein steiniger Weg, insbesondere dann, wenn man – anders als Westdeutschland nach 1949 – die Demokratie nicht mit einem durch alliierte Geldkoffer finanzierten Wirtschaftswunder schmackhaft gemacht bekommt, sondern die Erfahrung macht, als rückständige und vollkommen verschuldete Volkswirtschaft urplötzlich im europäischen und globalisierten Wettbewerb bestehen zu müssen. Mit majestätischem Blick auf die Donau spricht es sich offenbar leicht.

Anstatt den eigenen Landsleuten Zeit zu geben und den Satz „it’s the economy, stupid!“ zu verinnerlichen, wirkt Heller maßgeblich mit anderen in ihrer zum Teil verbohrten dogmatischen Haltung gefangenen Intellektuellen daran mit, Druck auf Ungarn auszuüben und das Land samt Menschen zu verurteilen. Auch im Interview plädiert sie für Druck von außen. Das ist vertretbar, wenn es um Rechtsverstöße Ungarns gegen EU- und anderes internationales Recht geht. Doch was wäre, wenn es in vielen Fällen nur darum ginge, denjenigen politischen Kräften, die Heller unterstützt und die in demokratischen Wahlen 2010 makuliert wurden, Vorteile im Wettbewerb zu verschaffen? Auch in Ordnung, nur sollte man das dann auch offen sagen. Die Frage aber bleibt in diesem Fall: Wie demokratisch ist jemand, der eine vom Volk gewählte Mehrheit in eine antidemokratische Ecke stellt, nur weil man mit einer anderen Richtung sympathisiert?

Von den ökonomischen Alltagsproblemen der Menschen sind Ágnes Heller und der noch unversöhnlichere György Konrád, wie man annehmen darf, recht weit weg. Gleichwohl meinen sie, über die Motive, die Sichtweisen und die Einstellungen des Wahlvolkes urteilen zu müssen. Oder hat Ágnes Heller jemals das wirtschaftliche Totalversagen der sozialliberalen Koalition als Grund für den überragenden Wahlsieg des Fidesz in 2010 ernsthaft in Erwägung gezogen?

Heller spricht ihren Gegnern nicht nur demokratische Gesinnung ab (und stellt vorsorglich schon eine Wahlfälschung durch Fidesz im Jahr 2014 in den Raum). Sie erklärt Ungarn, immerhin das Land der 1956-er Revolution und des „ersten Risses in der Mauer“, sogar zu einem Land von Befehlsempfängern. Der Beifall ihres Publikums ist ihr dabei sicher.

Nicht zum ersten Mal lernen wir: Demokraten sind die, die Ágnes Heller für Demokraten hält. Diese intolerante Auffassung abzulehnen, bedeutet nicht, die heutige Regierung vorbehaltlos zu unterstützen. Oder mit den Worten von Gáspár Miklós Tamás gesprochen: Ágnes Heller liegt in politischen Fragen so gut wie immer falsch.

31 Kommentare zu “Ágnes Heller im Interview mit Deutschlandradio

  1. Entsetzliche Person mit entsetzlichem Frager und antidemokratischer Grundhaltung:

    Deutschlandradio Kultur: Es gab aber auch Menschen, die in den letzten Monaten gegen das Regime Orbán auf die Straße gegangen sind, Sie auch. Es gibt eben auch eine demokratische Mehrheit im Land, die sich gegen diese Entwicklung wehrt.
    Agnes Heller: Es gibt eine Demokratische Minderheit im Land, die sich gegen die nichtdemokratische Mehrheit wehrt. Natürlich hoffe ich, dass diese Minderheit sehr schnell eine Mehrheit sein wird. Aber bis zum heutigen Tag können wir nur über eine demokratische Minderheit reden.

    Liebe Tante Heller: Schon in einem Interview bei arte haben Sie vor fast zwei Jahren den Ungarn das Versdtändnis für Demokratie abgesprochen – und Sie spalten weiter und weiter, indem Sie die Version von Orbáns Regierung als Regime verbreiten !

    Agnes Heller: Das heißt, Ungarn sind das so gewöhnt: Wenn ihnen jemand einen Befehl gibt, gehorchen sie. Das heißt, sie bekommen einen Befehl und gehorchen dem Befehl. Das ist die ungarische Tradition. Neinsagen ist keine ungarische Tradition.

    Liebe Tante Heller: Als deutscher war ich lange genug in Ungarn und habe erlebt, wie renitent die Ungarn sein können. Das mit dem Befehl trifft wohl eher auf die Deutschen und sein Radio zu. Im voreilenden Gehorsam Fragen zu formulieren wie Deutschlandradio es tut wäre auch nicht typisch ungarisch. Ist es Ihnen nicht peinlich?

    Deutschlandradio Kultur: Sie sprechen von den Wahlen, die 2014 stattfinden werden.
    Agnes Heller: Wir brauchen 2014 für Wahlen europäische Beobachter.

    Jetzt wir mir aber ganz schlecht, Tante Heller. Ihr leckt euch gegenseitig den Speichel!
    Gyurcsánys Wahlbetrug von 2006 (den jeder aufgeklärte Deutscher als solchen bezeichnen würde, könnte er auf Grund von Informationen die Ereignisse verstehen) war offenbar für Sie nur eine Ungeschicktheit der MSZP-SZDSZ Truppe, den es zu vertuschen gilt.
    György Konrád, der noch schlimmer als Veführer redet, verkauft im Westen die Version, nach der Orbáns 2/3 Macht mit aggressivem Wahlkampf zustanden gekommen sei – und nicht durch den beinahe Staatsbankrot.

    Ich wünsche Orbán viel Glück, bei solcher nicht regierungsfähiger Opposition. Gott bewahre Europa vor diesen Schwätzern.

  2. Was ich in letzter Zeit in Kommentaren zu Artikeln deutscher Zeitungen öfter gelesen habe:
    Wichtige Mitteilung: Fidesz engagiert Kommentatoren, die sich für die Sache des Regimes einsetzen und Fakten verdrehen.

    Bitte melden bei mir! Bis heute habe ich noch kein Angebot erhalten.

  3. „Entsetzliche Person mit entsetzlichem Frager und antidemokratischer Grundhaltung:“ – volle Zustimmung, Dr. Mókus. Und da sage noch jemand, in Ungarn herrsche keine Pressefreiheit … solange die Hellers, Konráds, TGMs, Debreczenis und wie sie alle heißen Tag und Nacht ihre Gülle über Ungarn ausgießen können, kann es so schlimm nicht sein (natürlich wird mir das in Deutschland und Österreich wieder niemand glauben).

  4. Dem Kommentar stimme ich weitgehend zu.
    Was mich bestürzt sind die 25 Jahre. Ob das viel oder wenig ist, sei dahingestellt. Es braucht wohl ebenso mehrere Generationen, bis die Folgen des Totalitarismus überwunden sind. Trotzdem können sich jene Kreise nicht aus der Verantwortung stehlen, die dafür können, dass wir in einem Vierteljahrhundert diesbezüglich nicht mehr Fortschritt gemacht haben. Wenn das so weitergeht inklusive „it’s the economy“, werden 100 Jahre nicht reichen, um den Scherbenhaufen von einem halben Jahrhundert Faschismus und Kommunismus (samt dem weiterhin gepflegten Erbe) abzuarbeiten.

  5. Heller hat sich sicherlich gedacht: Fidesz hat noch einen Wahlbetrug und eine Lügenrede nach der Wahl frei. Als Retourkutsche für 2006. Da sollte man mal vorsorglich einen möglichen Wahlbetrug von Fidesz in den Raum stellen. Aber liebe Ágnes, man sollte nicht so sehr von sich auf andere schließen !? Orbán macht so was ganz anders.

    • Nur ein technischer Kommentar: es dürfte ein Unterschied sein zwischen Wahlbetrug und Betrug der Wähler. Ersteres wäre Manipulation des Wahlergebnisses oder sonstige ungesetzlichen Zuwiderhandlungen. Solche haben sich MSZP-SZDSZ wohl nicht in größerem Umfang zuschulde kommen lassen – am ehesten vielleicht mancherorts die Gulaschkanonen und sonstigen Wahlzuckerl vom Typ „Glasperle“ für die Zigeuner.
      Das andere ist der massive Betrug an den Wählern, wofür die emblematische Rede von Öszöd steht.

  6. Zwei Dinge finde ich irritierend, um nicht zu sagen: komplett falsch, an diesem Interview:

    1. Die Forderung nach internationalen Wahlbeobachtern. Was normalerweise zu deren Aufgaben gehört, scheint Frau Heller nicht so genau zu wissen. Denn wenn es Manipulationen zu Gunsten der Regierungsparteien gab, dann haben diese schon längst auf dem Wege einer zwar umstrittenen, aber doch ganz legalen Wahlrechtsform stattgefunden. Plumpe Fälschungen im laufenden Wahlprozess, wie sie Heller befürchtet und wie sie Beobachter normalerweise verhindern sollen, sind meines Erachtens nicht zu erwarten. Europa wäre schlecht beraten, auf eine solche Prognose hereinzufallen.

    2. Die Vorstellung Hellers, dass sich derzeit eine demokratische Minderheit gegen eine nichtdemokratische Mehrheit zu wehren hat. Fidesz/KDNP nimmt erklärtermaßen keinerlei Rücksicht auf oppositionelle Meinungen, sondern arbeitet daran, die eigenen politischen Vorstellungen mit allen Mitteln von der Neubesetzung sämtlicher Schlüsselpositionen im Staat über lange Amtszeiten bis hin zu übermäßigem Gebrauch von 2/3-Gesetzen und Verfassungsänderungen einzubetonieren. Das wird von der Opposition meiner Meinung nach zu Recht als Tyrannei der Mehrheit empfanden. Ich zweifele aber daran, dass sie sich wesentlich anders verhalten würde, wenn sie bei den nächsten Wahlen eine ähnliche Mehrheit erringen würde. Wir würden wohl dieselbe Politik „in Grün“ erleben, wie man so schön sagt. Nur dass diesmal alles Streben darauf ausgerichtet wäre, den Fidesz/KDNP-Beton wieder aufzupickern und durch den eigenen zu ersetzen.

    Die übrige Analyse der politischen Zustände in Ungarn durch Heller erscheint mir hingegen gar nicht so abwägig, wie von HV dargestellt. Vergleiche über Zeit und Raum hinweg sind immer schwierig. Aber wenn wir mal mit HV von der Staatsgründung der BRD 1949 ausgingen und 23 Jahre dazu addierten, befänden wir uns gedanklich im Jahr 1972. Da, werter HV, hatte die Bonner Republik schon eine Große Koalition hinter sich und erlebte gerade erstmals die Machtübernahme von SPD und FDP. Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird, bis in Ungarn mal Große Koalitionen möglich werden. Ich möchte gar nicht behaupten, dass diese so furchtbar erstrebenswert wären. Aber eins zeigen sie doch: das alle Demokraten über die Lager hinweg miteinander regieren können, wenn es sein muss. Davon ist in Ungarn nichts zu sehen und zu hören. Stattdessen regiert der blanke Hass, wie nicht zuletzt manche Diskussionen in diesem Forum zeigen.

    • @Ungarnfreund
      Ich befasse mich zur Zeit viel mit dem Dorf, aus der meine Familie stammt. Die Leute waren bitterarm und geschlossen auf der Seite der Bauernbewegung. Viele Leute freuten sich auf die Zeit nach der „Befreiung“, endlich war der Gutsherr weg (der zu keinen Zeiten dort ansässig war) und mit ihm sollte die Schicht der Tagelöhner und Barfüssigen verschwinden. Ehrbare Leute engagierten sich auch in der Sozialdemokratischen Partei, einige wenige sogar aus nachvollziehbaren Gründen bei den Kommunisten. Super Zeit, alles hätte einen normalen Lauf genommen. Was dort anschliessend passiert ist, kann man nicht verdrängen: Die männliche Bevölkerung (arme Bauern!) über 14 Jahren wurde ins Arbeitslager verschleppt, die alten Gemeindevorsteher (arme Bauern! Sozialdemokraten! Bauernbewegte!) wurden im Gefängnis der Komitatshauptstadt totgeprügelt, weil sie ihr geringes Land „nicht dem Staat anboten“. Mit 5 Hektaren Land galt man bereits als Kulake, mit allen negativen Folgen… Wie soll man denn da etwas wählen, das einen sozialistischen Anstrich hat? Ich kenne Leute, die wählen in D SPD, in Ungarn konsequent Fidesz. Ich selber stehe eher auch der Sozialdemokratie nahe, könnte es aber niemals übers Herz bringen, in Ungarn mein Kreuz bei der Linken zu machen. Obwohl ich alle linken Positionen als meine eigenen empfinden würde. Haben Sie eine Lösung?

      • Hey, Joe, es ist eben so ein Kreuz mit den ungarischen Linken. Sie sind keine!
        Wüßte die alte Tante SPD, was MSZP so getrieben hat, dann würden sie Verrat und Ettikettenschwindel wittern. Aber mein Eindruck für Europa ist: Mit den liberalen Werten, die FDP, SZDSZ und andere einbringen, ist auch Huckepack durch die Hintertür der Wirtschaftsliberalismus eingetreten. Was an Gyurcsány und Bajnai links sein soll, ist mir nicht klar. Sie sind bereitwillige Türöffner westlicher Firmen, Multis und Vertreter eines westlichen Stils, den ich nur als laissez fair bezeichnen kann. Ergebnis: Ein schwacher Mittelstand und 80% Staatsverschuldung. Wie im HV-Blog schon hier und dar erkennbar: Einige Aspekte der Fidesz-Politik sind links (Stichwort Verstaatlichung, Bankenzange…) Ob Attila Mesterházy geläutert ist, wage ich zu bezweifeln.

      • Es gibt leider noch keine soziale Linke Partei in Ungarn wie in D. Wer wirklich etwas verändern will kann nur „Gemeinsam 2014“ wählen. Ansonsten reicht es bis 2018 zu warten, bis dahin gibt es zwar eine Linke doch die Nazis werden m.E. das Rennen machen. Dann können die Ungarn mit den Füßen abstimmen – mitmaschieren oder abhauen.

        Frau Heller hat in vielem Recht, sonst würde die echte magyarische Seele hier nicht so losbloggen. Tja Frau Heller ist eben wie ein Blick in den Spiegel meine Herren.

      • Joe DiMaggio, mir ist nicht ganz klar, wie ein und dieselbe Person in Deutschland die SPD und in Ungarn den Fidesz wählen kann. Da liegen mir einfach zu viele Welten dazwischen.

        Ich denke, dass ich mich, wenn ich in Ungarn wahlberechtigt wäre, weder für MSZP noch für Fidesz begeistern könnte. Aber es ist ja nicht so, dass es daneben keine Alternativen gäbe. Ich setzte mal gewisse Hoffnungen in die LMP. Vielleicht würde ich mich nach deren Auseinanderbrechen nun für Együtt 2014 entscheiden.

        Wenn jemand persönlich unter dem Kommunismus gelitten hat, wird er wohl keine Sympathien für irgendwelche Parteien hegen, die ihn auch nur entfernt an diese Zeit erinnern. Genauso ist es umgekehrt. Ist ja kein Zufall, dass alle großen ungarischen Intellektuellen jüdischer Herkunft nichts Positives an den Rechtskonservativen finden können, sondern sowohl Jobbik als auch Fidesz zum Teil in Bausch und Bogen verdammen.

        Rein rational muss man bzgl. der MSZP feststellen, dass sie zwar ihre Wurzeln in der MSZMP hat, diese Geschichte aber kaum noch nachwirkt. Die Masse der Altkommunisten und Vor-Wende-Opportunisten ist längst ausgetreten und/oder verstorben. Die Reformkommunisten haben ihrem Land 1989/90 einen großen Dienst erwiesen, in dem sie den Weg zu einem friedlichen Übergang ebneten. Ihre praktische Politik ist, wie hier sogar kritisiert wird, ziemlich liberal und keineswegs sozialistisch. Mesterházy hat zudem die allermeisten Genossen mit kommunistischer Vergangenheit in die zweite, dritte, vierte Reihe verdrängt und die Führung deutlich verjüngt. Gyurcsány ist ausgetreten. Für mich reicht das, um die MSZP nicht zu verdammen, wenngleich ich sie –wie gesagt– vermutlich nicht wählen würde.

      • Ich kann mir ohne weiteres vorstellen, dass jemand SPD wählt und in Ungarn Fidesz favorisiert. Zumal die Wirtschaftspolitik des Fidesz mehr mit der Sozialdemokratie zu tun hat als die der MSZP und SZDSZ…

        Ihre hier fehlende Vorstellungskraft, lieber Ungarnfreund, hat also wohl mehr ideologische Ansätze. Sicher, Fidesz hat eine andere Rhetorik und Ideologie als die SPD, da liegen sicher „Welten dazwischen“. Man muss diese Ideologie und Rhetorik auch wirklich nicht mögen, kann auf sie als in Deutschland sozialisierter Mensch wahrscheinlich nur mit gewisser Verwunderung blicken.

        Aber wer gerade die wirtschaftspolitischen Ansätze betrachtet, wird Gemeinsamkeiten finden. Vielleicht sind Fidesz-Wähler ja am Ende doch nicht so verblendet, wie man sie hierzulande manchmal darstellt.

      • @Ungarnfreund | 12. Juni 2013 um 19:06
        „Joe DiMaggio, mir ist nicht ganz klar, wie ein und dieselbe Person in Deutschland die SPD und in Ungarn den Fidesz wählen kann. Da liegen mir einfach zu viele Welten dazwischen.“ – Haha, da kennen Sie meine Freunde nicht! Es gibt noch viel extremere Beispiele…
        Zugegebenermassen ist es auch ein bisschen eine Ausländerfrage. Als junge Ausländer in Deutschland konnten wir uns nicht wirklich für die CDU/CSU begeistern. Was das Heimatland angeht, ist man der grösste Patriot, in der Fremde gesellt man sich dann zu den Linken (in unserem Fall zu jenen, die noch weiter links stehen als die SPD).

        Ich habe in Ungarn mal die Élôlánc gewählt, die damalige Gruppe um András Lányi, welche aus dem Védegylet enstanden ist. Letztere war es auch, die László Sólyom als Präsident vorschlug. Das hätte eine anständige grüne Partei werden können, leider war es aber eine verschenkte Stimme. Die haben wunderbare, „zivile“ Sachen gemacht damals. (Der Élôlánc hat leider die Dynamik gefehlt, die Milla heute auszeichnet. Milla vereint aber Leute, die einfach nur „dagegen“ sind, Élôlánc war eine Organisation, die für etwas stand, nämlich Umwelt. Viele Ungarn lassen sich leider gerne für Demonstrationen gegen etwas motivieren, konstruktive Positionen haben es in der ungarischen Öffentlichkeit schwerer). Seitdem habe ich einmal bei den Gemeindewahlen Fidesz gewählt, weil ich Demszky, den Bürgermeister des 20-jährigen Stillstandes, nicht mehr sehen konnte. Ich tat es aber mit grossem Widerwillen. Sonst habe ich in Ungarn nie gewählt, was mich jetzt gerade selber schockiert.

        Was das Opfertum angeht: Irgendwo muss man Herr Balog zustimmen. „Das größte Übel der ungarischen Gesellschaft besteht darin, dass alle Opfer sein wollen und meinen, einen Anspruch auf Entschädigung zu haben. Da sind die Holocaust-Opfer, die Opfer des Kommunismus, der Christenverfolgung, der Roma-Diskriminierung und die Opfer der eigenen Dummheit. Wenn alle Opfer sind, wer wird dann hier noch arbeiten?“
        Mir hat der Minister aus dem Herzen gesprochen.

      • HV, was Sie Ideologie nennen, kann man auch als Grundwertorientierung bezeichnen. Ich stimme Ihnen darin zu, dass Orbáns eklektizistische Wirtschaftspolitik einige klassisch-linke Elemente beinhaltet, z. B. die Verstaatlichung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Dinge wie die Einheitssteuer wären für die SPD hingegen keineswegs akzeptabel. Derartigen Quatsch befürworten hierzulande nur die Liberalen.

        Ich bin in keiner Partei Mitglied. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein eingefleischter SPD-Anhänger Orbáns Freiheitskampf gegen Europa oder seinen Nationalismus billigen würde. Ich denke, das ist selbst für sogenannte „Seeheimer“ (rechter SPD-Flügel) zu schwer verdaulich. Wirtschaftspolitik ist wichtig, aber lange nicht alles.

        Joe DiMaggio danke ich für das Balog-Zitat, das mir schon wieder entfallen war. Man kann es auch auf die regionale Außenpolitik beziehen. Es gibt da so ein Historiker-Bonmot: Die Zugehörigkeit eines Landes zu Mittel- und Osteuropa erkennt man daran, dass sich dort alle als Opfer der Geschichte sehen. Aber ich will jetzt nicht schon wieder damit anfangen, wie furchtbar ich den in Ungarn betriebenen Trianonkult finde…

      • @ HV
        gerne

        Nazi = Jobbik in Ungar, NPD in D
        Linke = Linkspartei in D in Ungarn noch keine

      • Richter János, Sie glauben allen Ernstes, Jobbik wird in 2018 das Rennen machen?
        Ich teile Ihre Befürchtung nicht. Eher glaube ich, dass Jobbik im kommenden Jahr auf ein Maß deutlich unter 10% zurückfällt. Immer noch zu viel für meinen Geschmack, aber besser als heute. Ohne Programm wird diese Partei sich selbst erledigen. Haben wir bei Miép gesehen, werden wir bei Jobbik sehen. Glaube (und hoffe!) ich. Die Studentenschaft, der man Statistiken zufolge zu 30% Jobbik-Anhängerschaft nachsagt, wird wohl kaum wahlentscheidend sein.
        Natürlich ist die Wahlbeteiligung die große Unbekannte. Wer nicht hingeht, unterstützt Jobbik und auch die von Ihnen so sehr geliebten Linken (in Ungarn: Munkáspárt).

    • Zitat von Ungarnfreund: „Stattdessen regiert der blanke Hass, wie nicht zuletzt manche Diskussionen in diesem Forum zeigen.“

      Ein geradezu klassischer Satz.

      Niemand scheint willig zu sein – auch hier im Forum nicht, so eine Aussage zu treffen: „Die Parteien stellen fest, dass sie unterschiedlicher Meinung sind.“ Dann muß man sich hinsetzen und die Gegensätze ausdiskutieren, auch wenn es dabei hart und mühsam zugeht und jedermann weiß, dass das Ergebnis niemals dem eigenen Standpunkt entspechen kann, sondern immer nur der kleinste gemeinsame Nenner zwischen allen Beteiligten ist. Warum ist das in Ungarn unbekannt?

      • Lieber Wrawanek!
        Ein Kompromiss ist nur zwischen ehrlichen Menschen denkbar. Es macht aber keinen Sinn mit solche Gegnern zu verhandeln, die „Tag und Nacht lügen„, und nur beschwindeln.
        Deswegen ist es hier zur Zeit leider nicht möglich.

      • @J. Reiter: Wenn Sie mit derart vorgefassten Meinungen die Sache angehen, haben Sie logischerweise keinen Erfolg, weil Sie von vornherein nicht mit der anderen Seite reden. Sie wissen garnicht, wie die andere Seite Sie sieht: Vielleicht auch als notorischen Lügner?

    • „Davon ist in Ungarn nichts zu sehen und zu hören. Stattdessen regiert der blanke Hass…“
      An den Politikern wird’s nicht scheitern, ich meine, unter’m Tisch können die schon lange miteinander, wenn’s sein muss. Ich verfolge zwar nicht Tag für Tag das Parlamentsgeschehen, kenne aber zu viele Abgeordneten, um auf das Kasperltheater hereinzufallen. Dieses Schauspiel ist eher eine Reaktion auf die (zum Gutteil mitverantworteten, genährten/konservierten) gesellschaftlichen Verhältnisse, weil sie spüren, die Polarisierung dient am ehesten der Wählermaximierung. Im Hintergrund machen’s Geschäfte und sind einander viel näher, als man meint.

  7. „Von den ökonomischen Alltagsproblemen der Menschen sind Ágnes Heller und der noch unversöhnlichere György Konrád, wie man annehmen darf, recht weit weg. Gleichwohl meinen sie, über die Motive, die Sichtweisen und die Einstellungen des Wahlvolkes urteilen zu müssen.“

    soll das nun bedeuten, dass hier im blog meinungsäusserungen seitens wirtschaftlich überpriviligierter, evtl. auch die des blogbetreibers, unerwünscht sind?

    was bleibt denn dann noch übrig? machen wir den laden zu?

    —————-

    und nochmal für’s gebetsbuch:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Argumentum_ad_hominem

    http://philosophy.lander.edu/logic/person.html

  8. Was hält Ágnes Heller eigentlich von den ca. 50% ung. Wahlberechtigten , die in ihrer Haltung noch unentschlossen sind?
    Sind auch diese Menschen in Ihren Augen undemokratisch? Sie sollte lieber denken, bevor sie quatscht. Langsam beginne ich zu ahnen, warum in Ungarn keine große Koalition denkbar ist.
    Glaubt sie, sie könnte mit solchen arroganten Aussagen zum hirnlosen Ungarn („Wenn ihnen jemand einen Befehl gibt, gehorchen sie“) irgendwen in Ungarn zum umdenken bewegen? Sie betreibt somit Wahlkmapf für Fidesz, mag aber nicht auf die Schmeicheleien im Westen verzichten. Pauschalisierungen dieser Art führen in die Sackgasse. Es gibt nicht den Ungarn, den Franzosen, den Israeli, den Deutschen, den Polen… Pauschalisierungen führen in den Rassismus. Unser Hirn braucht Vereinfachungen, die das Leben erleichtern, manchmal sogar Vorurteile. Aber Vorverurteilungen und Pauschalisierungen ganzen Länder führen zu Intolleranz und Diktatur. Zu Beginn dieser Entwicklung missbraucht jemand seine Macht.
    Das gilt für Heller wie Orbán.
    (Eigentlich ist das, was ich schreibe, Allgemeinwissen)

  9. Als einer, der mehr als 30 Jahren in der CH lebt und recht häufig nach Ungarn reist (drum kenne ich die Situation vor Ort ziemlich gut), frage ich mich immer wieder ob diese Weltfremden (Heller & Co.) auf dem selben Planet leben, wie die sog. common people. Grad A. Heller sollte sich fragen, die in den 1970s von den Kommunisten ins Exil gezwungen worden war, ob sie bei vollem Verstand sei, gerade für die Postkommunisten eine Lanze zu brechen.

    Sind sie (Heller, Konrad et Co.) überhaupt bei vollem Verstand, wenn sie solche Lügen verbreiten?

    • Seit wann, Lacika, ist eine nüchtern vorgetragene Analyse – eine zutreffende dazu – eine Lüge? Man muß ja nicht unbedingt mit Agnes Heller einer Meinung sein. Sie gibt aber eine gute Diskussionsgrundlage. Und diese Diskussion muß gerade in Ungarn geführt werden.

      • Sehen Sie Lacika, was sich hier im Kleinen abbildet, das ist das ungarische Problem im Großen. Sie bezeichnen jemanden als Lügner, der über etwas nachgedacht und sich darüber eine Meinung gebildet hat. Wenn der Andere über Sie genauso blockierend denkt wie Sie über ihn, ist der Graben da, über den man nicht rüber kommt.

        Nehmen Sie es mir nicht übel: Sie machen den Eindruck, als ob Sie gegen Agnes Heller keine auf eigene Erkenntnisse basierte Gegenmeinung haben. Da scheint Ihnen nur Wadenbeißerei als Ausweg zu bleiben, womit Sie sich unter Ihrem Niveau darstellen.

      • zwischendurch ein wort des dankes an hv, dass er im kampf ungarns um anerkennung in der welt, uns allen (und auch sich selbst) diese bühne bereitet.

  10. Wie sagte doch die gute Frau gleich?

    „Sehr viele junge Leute sind überhaupt nicht rassistisch. Sie revoltieren nur gegen die Väter. Und weil in Ungarn überhaupt keine radikale linke Partei existiert, stimmen sie für die radikale Rechte.“

    Tja, mir scheint es wirkt schon irgendwie

    „Tágabb összefüggésben pedig a Jobbik-jelenségről Bajnai azt gondolja, hogy a 8-10 százalékos támogatottságuk nem azt jelenti, hogy ennyi neonáci, rasszista lenne az országban. „Egyrészt más pártoknál is lehet bőven olyan, aki rasszista nézeteket vall, másrészt a Jobbik szavazóinak jelentős része mély nemzeti hagyományőrző, vagy a szociális reménytelenség, vagy éppen a korrupció vitte abba a táborba, ahol egyszerű, könnyen fogyasztható igazságokat kap“. Bajnai megfogalmazása szerint nekik a Jobbik nézeteivel, vezetőivel van éles harcuk, „a Jobbik szavazóit pedig meg kellene nyerni annak az ügynek, amit mi képviselünk“. Ezt azzal indokolta, hogy nem lehet lemondani a szavazók tizedéről.

    Ich dachte mir fallen die Augen aus dem Kopf, als ich das las.
    Diese Sätze sollte man sich merken!!
    Richtig klasse find ich den:die Korruption hat sie in dieses Lager getrieben.
    Nazis (laut Richter J.) sind also bei együtt 2014 Willkommen?Der Zweck heiligt die Mittel??

    Na dann „Gute Wahl“ !

    http://nol.hu/belfold/bajnai__a_jobbik-szavazokat_is_meg_kell_nyerni
    PS:
    ne linke Radikale ist mal ganz schnell gegründet 😉

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