Fall Csatáry: Nick Thorpe im Interview mit Ádám Gellért

Ein lesenswertes Interview von BBC-Korrespondent Nick Thorpe mit dem Rechtswissenschaftler Ádám Gellért über den nahenden Prozess gegen den mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher László Csatáry. Es ist älteren Datums (Sept. 2012), aber durch die jetzt erhobene Anklage wieder aktuell.

http://hungarianreview.com/article/command_responsability_laszlo_csatary_in_context

Gellért rechnet, auch wegen der Erfahrungen aus dem Képíró-Prozess, bei dem die Beweislage unzureichend gewesen sei (er endete mit einem Freispruch in erster Instanz, bevor der Angeklagte verstarb), mit einer sehr genauen Beweisführung durch die Ankläger. Es gehe, so Gellért, aber letztlich weniger um die Aburteilung eines 98-Jährigen als um eine juristische Aufarbeitung aus historischen Gründen. Die Gefahr bei einem Freispruch sei, dass die Gesellschaft denken könnte, es sei unnötig, sich mit dieser Phase der ungarischen Geschichte zu befassen.

Gellért gilt als Kenner eines wesentlichen Teils der dem Verfahren zugrunde liegenden historischen Dokumente. Bereits im August 2012 hatte er sich kompetent zu Wort gemeldet und Teile der vom Simon-Wiesenthal-Center gegen Csatáry erhobenen Vorwürfe widerlegt. HV berichtete:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2012/08/24/fall-csatary-verurteilung-aus-dem-jahr-1945-in-pecs-ist-falschinformation/

Boris Kálnoky zum Tode Gyula Horns

Boris Kálnoky verfasste für die Welt einen Beitrag zum Tode des ungarischen Ex-Ministerpräsidenten Gyula Horn.

Der Nachruf fällt – wohl auch wegen des Grundsatzes „de mortuis nihil nisi bene“ – betont positiv aus. Der Autor bezeichnet Horn als den einzigen überragenden ungarischen Staatsmann des 20. Jahrhunderts und geht auf seine Verdienste ein. Die Charakterisierung als talentierter Machtpolitiker und jähzorniger Mensch stimmt mit dem überein, was ich auch schon aus anderer Quelle hörte.

http://www.welt.de/politik/ausland/article117321230/Ungarns-grosser-Staatsmann-des-20-Jahrhunderts.html

Ich selbst würde die Bewertung seiner Leistungen an der einen oder anderen Stelle ergänzen.

Die Rolle Horns, des Trägers des Karlspreises zu Aachen, bei der politischen Wende ist zweifellos groß genug, um sie mit gutem Grund in den Geschichtsbüchern zu verewigen. Urteilt man jedoch auf Grundlage des hervorragend recherchierten Buches „Der erste Riss in der Mauer“ von András Oplatka, wirkt sie gerade hierzulande mitunter krass überzeichnet. Er war, worauf gerade wir Deutschen aus Dankbarkeit oft und gerne fokussieren, zwar das Gesicht des zerschnittenen Eisernen Vorhangs. Jedoch anders als die Tagesschau bis heute glaubt, mitnichten die treibende Kraft. Oplatka beschrieb Horn glaubwürdig als Opportunisten, der zunächst aktiv die Entwicklungen hin zur Grenzöffnung zu bremsen versuchte, und erst zu einem Zeitpunkt, als es aufgrund der Position Moskaus kein Zurück mehr gab, die Positionen tauschte. Und blitzschnell dem (laut Oplatka) wirklichen Grenzöffner für die DDR-Bürger, Ministerpräsident Miklós Németh, die Lorbeeren wegschnappte. Horn war zweifellos der beste Selbstvermarkter der Wende.

Zu oft ausgeblendet wird auch, dass das um die Welt gegangene Bild des zerschnittenen Eisernen Vorhangs reine österreichisch-ungarische Operette zu Ehren Horns und seines Amtskollegen Alois Mock war. Zu diesem Zeitpunkt mussten die Presseleute beider Seiten geradezu händeringend suchen, um ein ausreichend langes Stück Zaun zu finden. Der löchrige, ja praktisch nicht mehr einsatzfähige Todesstreifen war größtenteils schon Wochen zuvor aus Kostengründen durch das Militär aufgelassen und verlassen worden. Ein PR-Coup war es durchaus: Bis heute glauben nicht wenige, Horn hätte den Zaun zerschnitten, und die hinter ihm wartenden DDR-Bürger quasi persönlich in die Freiheit entlassen. Nicht ohne Ironie ist übrigens, dass Horns Drahtschere beim Fototermin, ganz im Einklang mit seiner ursprünglichen Position, versagte…

Zum Jahr 1956: Richtig ist zwar, dass Horn der Retorsionsmaschinerie beitrat, weil sein Bruder getötet worden war. Ob das jedoch seine Haltung rechtfertigt, sich für die Geschehnisse bis zu seinem Ableben nie bei seinen Landsleuten zu entschuldigen, erscheint mir fragwürdig. Im deutschsprachigen Raum ist Horns Rolle bei den Vergeltungsmaßnahmen an den Revolutionären kaum bekannt; ganz in diesem Stil schweigt sich der Standard in seinem Nachruf darüber vollständig aus (Autor: Gregor Mayer).

Besonders wichtig erscheint mir die Rolle Horns bei der Transformation. Er war, wie auch Gyurcsány, eines der Gesichter der Riege von Wendehälsen, zu Kapitalisten gewandelten einflussreichen Kommunisten, die ihre politische Macht ohne Skrupel in wirtschaftliche Macht wandelten, weil sie an den entsprechenden Schalthebeln saßen. Milliarden ehemaligen Volksvermögens wurden während Horns Amtszeit unter undurchsichtigen Bedingungen in ausländische Hände gespielt und verschleudert. Ein Umstand, der den Staatsbankrott kurzfristig verhindert haben mag – was die Charakterisierung als Diebstahl am Land jedoch nicht ausschließt. Und da der Name Ferenc Gyurcsány schon fiel: Gyurcsánys Schwiegermutter, Piroska Apró, selbst Abkömmling eines im düsteren Stalinismus zu Macht gekommenen Clans, gehörte auch in der jungen Demokratie zum engsten Kreis der Berater Horns und mischte lange Zeit an den Schaltstellen der Verteilung in die richtigen Hände mit. Horn betrieb, wie auch jeder Ministerpräsident nach ihm, eine Klientelpolitik: Seine Kundschaft waren die Atkader.

Und auch seine Auftritte in den letzten Jahren, die der sich im Zerfallen befindenden MSZP Stammwähler erhalten sollten, oftmals kaum bei sich, vulgär fluchend, den damals amtierenden Staatspräsidenten László Sólyom beleidigend oder auch „nur“ betrunken, waren nicht geeignet, das Bild des großen Staatsmannes zu untermauern.

Der Grundsatz, über Tote nur Gutes zu sagen, fällt mir mitunter also nicht ganz leicht. Fest steht: Horn hatte Charakter wie Format und war 1988/89 zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ob es ein guter Charakter war, müssen die Historiker entscheiden. Der Heilige, zu dem er in der deutschen Presse als „Gesicht des Mauerfalls“ erklärt wird, war er nicht. Aber welcher Politiker ist das schon…

Umfrage: Geplanter EU-Angriff auf freie Wahlen oder Schmierenkampagne?

Gestern erschienen Meldungen ungarischer Medien zu den angeblichen Äußerungen der EU-Kommissarin Viviane Reding, die auf dem Treffen der „Bilderberg-Gruppe“ in eine Beeinflussung der ungarischen Wahlen im kommenden Jahr eingewilligt haben soll. HV berichtete: https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/06/19/politskandal-oder-ablenkungsmanover-hat-eu-kommissarin-viviane-reding-die-unterstutzung-der-ungarischen-opposition-fur-2014-zugesagt/

Es herrscht Unklarheit. Reding, die nach einem höheren Posten in der EU strebt, hat die Vorwürfe bestritten. Die Pressestelle der Kommission will Spekulationen nicht im Detail kommentieren. István Lovas von der regierungsnahen Zeitung Magyar Namzet beruft sich auf einen italienischen Informanten aus Kommissionskreisen. Ungarische Regierungskreise glauben den Vorwürfen, geben sich empört und hoffen weitere Beweise.

EU-Skandal oder Schmierenkampagne? Was oder wem glauben Sie? Wollen mächtige Kreise aus Wirtschaft, Hochfinanz und Politik hinter verschlossenen Türen Wahlausgänge beeinflussen? Oder dient die Meldung dazu, von der Negativpresse dieser Woche (Tavares-Bericht, Stellungnahme der Venedig-Kommission) abzulenken?