Boris Kálnoky zum Tode Gyula Horns

Boris Kálnoky verfasste für die Welt einen Beitrag zum Tode des ungarischen Ex-Ministerpräsidenten Gyula Horn.

Der Nachruf fällt – wohl auch wegen des Grundsatzes „de mortuis nihil nisi bene“ – betont positiv aus. Der Autor bezeichnet Horn als den einzigen überragenden ungarischen Staatsmann des 20. Jahrhunderts und geht auf seine Verdienste ein. Die Charakterisierung als talentierter Machtpolitiker und jähzorniger Mensch stimmt mit dem überein, was ich auch schon aus anderer Quelle hörte.

http://www.welt.de/politik/ausland/article117321230/Ungarns-grosser-Staatsmann-des-20-Jahrhunderts.html

Ich selbst würde die Bewertung seiner Leistungen an der einen oder anderen Stelle ergänzen.

Die Rolle Horns, des Trägers des Karlspreises zu Aachen, bei der politischen Wende ist zweifellos groß genug, um sie mit gutem Grund in den Geschichtsbüchern zu verewigen. Urteilt man jedoch auf Grundlage des hervorragend recherchierten Buches „Der erste Riss in der Mauer“ von András Oplatka, wirkt sie gerade hierzulande mitunter krass überzeichnet. Er war, worauf gerade wir Deutschen aus Dankbarkeit oft und gerne fokussieren, zwar das Gesicht des zerschnittenen Eisernen Vorhangs. Jedoch anders als die Tagesschau bis heute glaubt, mitnichten die treibende Kraft. Oplatka beschrieb Horn glaubwürdig als Opportunisten, der zunächst aktiv die Entwicklungen hin zur Grenzöffnung zu bremsen versuchte, und erst zu einem Zeitpunkt, als es aufgrund der Position Moskaus kein Zurück mehr gab, die Positionen tauschte. Und blitzschnell dem (laut Oplatka) wirklichen Grenzöffner für die DDR-Bürger, Ministerpräsident Miklós Németh, die Lorbeeren wegschnappte. Horn war zweifellos der beste Selbstvermarkter der Wende.

Zu oft ausgeblendet wird auch, dass das um die Welt gegangene Bild des zerschnittenen Eisernen Vorhangs reine österreichisch-ungarische Operette zu Ehren Horns und seines Amtskollegen Alois Mock war. Zu diesem Zeitpunkt mussten die Presseleute beider Seiten geradezu händeringend suchen, um ein ausreichend langes Stück Zaun zu finden. Der löchrige, ja praktisch nicht mehr einsatzfähige Todesstreifen war größtenteils schon Wochen zuvor aus Kostengründen durch das Militär aufgelassen und verlassen worden. Ein PR-Coup war es durchaus: Bis heute glauben nicht wenige, Horn hätte den Zaun zerschnitten, und die hinter ihm wartenden DDR-Bürger quasi persönlich in die Freiheit entlassen. Nicht ohne Ironie ist übrigens, dass Horns Drahtschere beim Fototermin, ganz im Einklang mit seiner ursprünglichen Position, versagte…

Zum Jahr 1956: Richtig ist zwar, dass Horn der Retorsionsmaschinerie beitrat, weil sein Bruder getötet worden war. Ob das jedoch seine Haltung rechtfertigt, sich für die Geschehnisse bis zu seinem Ableben nie bei seinen Landsleuten zu entschuldigen, erscheint mir fragwürdig. Im deutschsprachigen Raum ist Horns Rolle bei den Vergeltungsmaßnahmen an den Revolutionären kaum bekannt; ganz in diesem Stil schweigt sich der Standard in seinem Nachruf darüber vollständig aus (Autor: Gregor Mayer).

Besonders wichtig erscheint mir die Rolle Horns bei der Transformation. Er war, wie auch Gyurcsány, eines der Gesichter der Riege von Wendehälsen, zu Kapitalisten gewandelten einflussreichen Kommunisten, die ihre politische Macht ohne Skrupel in wirtschaftliche Macht wandelten, weil sie an den entsprechenden Schalthebeln saßen. Milliarden ehemaligen Volksvermögens wurden während Horns Amtszeit unter undurchsichtigen Bedingungen in ausländische Hände gespielt und verschleudert. Ein Umstand, der den Staatsbankrott kurzfristig verhindert haben mag – was die Charakterisierung als Diebstahl am Land jedoch nicht ausschließt. Und da der Name Ferenc Gyurcsány schon fiel: Gyurcsánys Schwiegermutter, Piroska Apró, selbst Abkömmling eines im düsteren Stalinismus zu Macht gekommenen Clans, gehörte auch in der jungen Demokratie zum engsten Kreis der Berater Horns und mischte lange Zeit an den Schaltstellen der Verteilung in die richtigen Hände mit. Horn betrieb, wie auch jeder Ministerpräsident nach ihm, eine Klientelpolitik: Seine Kundschaft waren die Atkader.

Und auch seine Auftritte in den letzten Jahren, die der sich im Zerfallen befindenden MSZP Stammwähler erhalten sollten, oftmals kaum bei sich, vulgär fluchend, den damals amtierenden Staatspräsidenten László Sólyom beleidigend oder auch „nur“ betrunken, waren nicht geeignet, das Bild des großen Staatsmannes zu untermauern.

Der Grundsatz, über Tote nur Gutes zu sagen, fällt mir mitunter also nicht ganz leicht. Fest steht: Horn hatte Charakter wie Format und war 1988/89 zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ob es ein guter Charakter war, müssen die Historiker entscheiden. Der Heilige, zu dem er in der deutschen Presse als „Gesicht des Mauerfalls“ erklärt wird, war er nicht. Aber welcher Politiker ist das schon…

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8 Kommentare zu “Boris Kálnoky zum Tode Gyula Horns

  1. Danke, HV, dass Sie darauf hinweisen, dass Horns Popularität in Deutschland eigentlich auf reine Medienlogik zurückzuführen ist. Er war 1989 zweimal prominent in Erscheinung getreten: Horn durchschnitt nicht nur am 27.6. symbolisch den letzten Rest des bereits seit April 1989 stückweise abgebauten Eisernen Vorhangs an Ungarns Westgrenze. Er war es auch, der die Öffnung der Grenze für die DDR-Flüchtlinge am 10.9. im Fernsehen verkündete.

    Eigentlich seltsam, dass sich kaum einer in Deutschland fragt, ob ein Außenminister wirklich so eigenmächtig handeln kann und ob es da nicht einen Regierungschef geben muss, der die Entscheidungen traf und die Letztverantwortung trug. Diesen Regierungschef gab es: Miklós Németh. Aber der ist einfach kein Medienmensch. Nach der Wende ging er zur Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung nach London. Ein paar Mal konnte man ihn 2009 zur 20-Jahr-Feier des Mauerfalls in deutschen Medien sehen. Aber das lag vielleicht nur daran, dass Horn zu dieser Zeit schon im Koma lag und nicht mehr interviewt werden konnte.

    Für mich ist jedenfalls Miklós Németh der eigentliche Held von 1989 in Ungarn. Es ist eine Schande, dass die ungarischen Medien ihn bis heute ignorieren. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung der Adenauer-Stiftung im Budapester Terrorhaus; es muss etwa 2010 gewesen sein. Dort sprach auch Németh und beklagte sich bitter darüber, dass er zwar von den Deutschen eingeladen worden sei, bei den Feiern zum Mauerfall 2009 in Berlin gemeinsam mit dem früheren polnischen Gewerkschaftsführer Lech Welesa aufzutreten, aber kein einziges ungarisches Medium darüber berichtet habe. Namentlich beschwerte er sich darüber, dass die staatliche Nachrichtenagentur MTI ihn ignoriere. Wie zur Bestätigung las ich später eine MTI-Meldung über jene Veranstaltung im Terrorhaus, in der fast alle Redner zitiert wurden, nur einer nicht: Miklós Németh.

    • Nu, ei verbibbsch!

      Oder mit Julius Cäsar gesagt, der Antikapitalist liebte den Verrat am Sozialismus, aber er hasste den Verräter.
      Für den gewendeten Salonbolschewisten ist Német halt der Londoner Banker.

      Nu, ei verbibbsch!

  2. Soweit ich mich erinnere, musste der zu durchschneidende Zaun sogar eigens erst aufgebaut werden weil nichts mehr da war…

    Alle Einwände stimmen sicher, auf sehr knappem Platz entschied ich mich gegen Differenzierung, um die Hauptpunkte klarer durchzubringen.

    Horn war Apparatschik und Opportunist, und, wie ich schrieb, auch Zyniker.

    Aber Klappern gehört auch für Politiker zum Handwerk, und der Endeffekt ist wichtig: Dadurch, dass Horn auch im eigenen Interesse sich die Lorbeeren für das Durchschneiden des Vorhangs zusprach, wurde auch Ungarns historische Leitung noch einmal medial überhöht. Das war nicht nur gut für ihn, sondern auch gut für das Land (bzw dessen Ansehen zumindest in Deutschland.)

    Dass er ein kommunistischer Machttechniker war, und nach der Wende den Sozialisten auf dubiose Weise eine wirtschaftliche Machtbasis verschuf, erwähne ich ja auch, aber auch das ist objektiv gesehen eine „Leistung“, in dem Fall für seine Partei (für das Land weit weniger vorteilhaft)

    Auch das Bokros-Sparpaket war nötig.

    • Interessanter Punkt, Herr Kálnoky. Man kann es in der Tat so sehen, dass Ungarn insgesamt von Horns Selbstinszenierung profitierte. Es geht mir aber ein wenig zu weit, wenn im Anschluss an die Zaundurchschneidung vom 27.6. Bilder von den DDR-Flüchtlingen beim Paneuropäischen Picknick am 19.8. gezeigt werden und im Prinzip gesagt wird: auch das sei Horns Verdienst.

      Eigentlich muss man denen Recht geben, die sagen, dass Ungarns Rolle beim Fall des Eisernen Vorhangs besser nicht überschätzt werden sollte. Fraglich ist doch, ob die Regierung Németh seinerzeit eine andere Wahl gehabt hätte. Um die ungarischsprachigen Flüchtlinge aus Ceausescus Rumänien aufnehmen zu können, war Ungarn der Genfer Flüchtlingskonvention beigetreten. Die musste nun auch auf die DDR-Bürger Anwendung finden.

      Außerdem wäre es ja praktisch ganz unmöglich gewesen, Zehntausende DDRler von Ungarn über die Tschechoslowakei wieder in ihre Heimat zu schaffen. Weiterhin winkte die Anerkennung der Regierung Kohl, die zwar anerkannte, dass Ungarn keine Menschen verkauft, aber wenig später trotzdem großzügig ihre Schatullen öffnete.

      Witzig finde ich schließlich, wie routiniert, aber gleichzeitig abstrakt deutsche Politiker „Ungarn“ regelmäßig für 1989 danken. Wem genau dankt man da eigentlich? Der Regierung Németh, die zwar eine reformkommunistische, aber immerhin noch eine böse kommunistische mit noch böseren MSZP-Erben war? Oder dankt man der Bevölkerung, die damals den Flüchtlingen geholfen hat? Oder dann schon besser einfach abstrakt dem ganzen Land?

  3. Guter Artikel HV. Besonders in D kommt Gyulabacsi zu gut weg. Auch das mit den Geschäften und saufen stimmt. Ich habe Horn 1997 im damaligen Postakocsi erlebt. Anlass war ein „geschäftliches“ Essen mit einer ausländischen Delegation. Mit ein Grund warum ich sehr kritisch mit den Ungarischen Politikern umgehe.

  4. Ganz typisch wieder für die ahnungslosen deutschen Schreiber, die seit 20 Jahren Horn auf den Sockel stellen. Mich wundert, dass Kálnoky, der gut Bescheid weiss, nicht die kritische Seite mehr betont hat. Die proletenhaften Angriffe auf Solyóm und seine Kumpanei mit Gyurcsány wurden nicht genannt. Horn hätte einzig Format bewiesen, wenn er MSZP-Wahlbetrug und die MSZP.Staatsverschuldung scharf kritisiert hätte. Horns Aachener Karls-Preis war nicht mehr als ein Rheinischer Scherz. Deutschland hat in Sachen Ungarn kaum dazu gelernt. Den Preis hätte Németh verdient. Keine Frage. Boris Kálnoky
    sieht es anders?
    PS: Wenigstens hat Horn seinem Land nicht wie Gyurcsány geschadet. Das ist schon einen
    Staatsmann wert.

  5. Ich habe Gyula Horn – der damals Staatssekretär im Aussenministerium war – im Februar 1989 beim Budapester Filmfestival gehört. Seine Rede hätte auch jemand aus der demokratischen Opposition halten können. Ich war erstaunt über seine Fähigkeit die politische Position sehr schnell zu wechseln. Da gibt es auch andere Politiker, die sich daran ein Beispiel genommen haben.
    Ich machte mit ihm während der Zeit der MDF Regierung ein Interview im Budapester Weissen Haus. Er sprach druckreif, was nicht jeder Politiker kann.
    Das letzte Mal sah ich ihn vor ein paar Jahren bei Bundespräsident Heinz Fischer als er eine hohe österreichische Auszeichnung erhielt.

  6. Bitte nicht den Kontext meines Arguments vergessen. Welcher ungarische Staatsmann im 20. Jahrhundert schaffte es, mehr als Horn, nicht nur ein positives Image für sein Land zu schaffen, sondern dies statt mit „Scheitern“ mit „Erfolg“ zu verbinden?

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