FAZ: Michaela Seiser über „Triumph und Wirklichkeit“

In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommentiert Michaela Seiser die Wirtschaftspolitik und die Lage in Ungarn.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/ungarn-zwischen-triumph-und-wirklichkeit-12312656.html

 

Zur Ergänzung die Prognosen für das laufende Jahr, zusammengefasst von der AHK Ungarn: http://www.ahkungarn.hu/fileadmin/ahk_ungarn/Dokumente/Wirtschaftsinfos/HU/Statistik/INFO_HU_Prognosen.pdf

Prozess um Morde an ungarischen Roma: Urteil am 6. August

Der mehrjährige Strafprozess um die rassistisch motivierten Morde an sechs ungarischen Roma steht vor dem Abschluss. Nachdem den Angeklagten heute das letzte Wort gewährt wurde, hat das Gericht – nach zehn Minuten Hauptverhandlung – Termin zur Urteilsverkündung auf den 6. August 2013 bestimmt.

http://index.hu/belfold/2013/07/24/romagyilkossag-per_jon_az_itelethirdetes/

Das Urteil wird bereits seit Monaten mit Spannung erwartet. Nachdem die maximale Dauer von Untersuchungshaft in Ungarn auf vier Jahre begrenzt ist und das Gericht im Juni angekündigt hatte, erneut in die Beweisaufnahme eintreten zu wollen, war befürchtet worden, dass die Angeklagten auf freien Fuß kommen könnten.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/06/05/prozess-um-mordanschlage-auf-roma-wiedereroffnung-der-beweisaufnahme-gefahr-der-aussetzung-der-untersuchungshaft-steigt/

Ein Gerichtssprecher ließ kürzlich verlautbaren, diese Gefahr sehe er nur, wenn das Gericht durch „eine Atombombe zerstört werde„.

Nach beispiellosen Pannen bei den polizeilichen Ermittlungen gegen die vier Angeklagten, die bis an den Versuch der Vertuschung heranreichten, sowie dem Verdacht einer Verwicklung der Geheimdienste in die 2008-2009 verübte Mordserie stand das Gericht seit Anbeginn des Verfahrens unter enormem öffentlichen Druck. Insbesondere die ausländische Presse bemängelte mangelndes Interesse und dass es das Gericht sich auf eine „technizistische Prozessführung“ beschränkt und es versäumt habe, eine politische Aufarbeitung zu betreiben.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ungarn-politik-zeigt-kein-interesse-an-prozess-gegen-roma-moerder-a-912370.html

12. Zinssenkung in Folge: Leitzins der MNB bei 4,00 %

Der Geldpolitische Rat der Ungarischen Nationalbank (MNB) hat auf seiner heutigen Sitzung den Leitzins erneut um 25 Basispunkte auf 4,00 % gesenkt. Damit erreichte der Refinanzierungszins ein neues Rekordtief.

Das Gremium begründete ihre Zinsentscheidung mit dem Ziel einer Ankurbelung der Wirtschaft: Nach dem schwachen Vorjahr könne die Wirtschaft dieses Jahr wieder an Fahrt aufnehmen. Inflationsgefahren sieht die MNB in Anbetracht der geringen Inlandsnachfrage und der Senkung der Mietnebenkosten durch die Regierung nicht.

http://www.mnb.hu/Monetaris_politika/donteshozatal/mnbhu_monet_kozlem/mtkozl_20130723_kozlemeny

Die Senkung entsprach den Erwartungen der Marktteilnehmer.

Ausführlicher bei Bloomberg: http://www.bloomberg.com/news/2013-07-22/hungary-seen-lowering-main-rate-as-focus-shifts-to-ending-cycle.html

Gastbeitrag: Rezension des Ungváry-Buches „Die Bilanz des Horthy-Systems. Diskriminierung, Sozialpolitik und Antisemitismus in Ungarn“

Galut, ein geschätzter Leser und Kommentator des Blogs, hat sich die Mühe gemacht, eine umfangreiche und sehr lesenswerte Rezension des neuen Buches von Krisztián Ungváry zu verfassen und sie Hungarian Voice zur Verfügung zu stellen.

Vielen Dank hierfür!

Anmerkungen zu Krisztián Ungvárys Buch. Ein Lesetagebuch.

Krisztián Ungvárys Buch „Die Bilanz des Horthy-Systems. Diskriminierung, Sozialpolitik und Antisemitismus in Ungarn“ ist aus meiner Sicht das zweitwichtigste, wenn nicht gar das wichtigste historische Buch des vergangenen Jahres.* Dabei ist der Buchtitel, dies sei vorweg gesagt, ein Etikettenschwindel, denn um eine Bilanz des Horthy-Systems handelt es sich hier mitnichten.** Ungváry unternimmt vielmehr den Versuch, den ungarischen Holocaust auf den Spuren der neuesten Trends der internationalen Holocaustforschung zu deuten, wobei insbesondere seine Vertrautheit mit der deutschen Literatur ins Auge springt (v.a. Götz Aly).

Der Autor zeichnet in 17 chronologischen Kapiteln nicht die Ereignisgeschichte oder die Beschlussfassung des ungarischen Holocausts nach, sondern analysiert die antijüdischen und antisemitischen Maßnahmen der ungarischen Regierungen (Teleki, Bethlen, Gömbös, Imrédy usw.). Zusätzlich nimmt er die Einstellung unzähliger Vereine, Verbände, Parteien und gesellschaftlich-literarischen Strömungen unter die Lupe, allesamt in der für mich nachvollziehbaren Annahme, dass deren öffentlichkeitswirksame Aktivitäten, antisemitischen Forderungen, Vorträge, Eingaben und Publikationen das ungarische gesellschaftliche Klima gegen die Juden beeinflussten.

Zu Recht bemerkt Ungváry, dass der ungarische Holocaust lange Zeit lediglich als Ereignisgeschichte abgehandelt, aber nicht umfassend interpretiert und in den gesellschaftlichen, ideengeschichtlichen sowie sozialpolitischen Kontext Ungarns eingebettet wurde. Dies auf breiter Quellengrundlage getan und die separaten Ergebnisse anderer Historiker zu einer Meistererzählung zusammengeführt zu haben, ist sein großes Verdienst.

Manche Historiker könnten Ungvárys Deutung nun als materialistisch schmähen, doch mich überzeugt sein (wohl von Aly übernommener) Interpretationsansatz. Worin besteht dieser? Er erklärt den in der ungarischen Gesellschaft breit verankerten und vielfältigen Antisemitismus sowie v.a. auch den Wunsch vieler Politiker und Intellektuellen nach Enteignung des jüdischen Vermögens, um Finanzmittel zur Durchführung einer Sozialpolitik zu Gunsten der armen Bevölkerungsschichten zu bekommen, mit dem überdurchschnittlichen Reichtum der jüdischen Ungarn. Diesen Reichtum (je nach Zählung 20-25% des Nationalvermögens bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 5%) belegt Ungváry, indem er die einschlägige Literatur wie auch Statistiken aus der Zwischenkriegszeit heranzieht. Die Verbesserung der zum Himmel schreienden sozialen Lage der Landbevölkerung und der Proletarier hätte eigentlich eine umfassende, mithin die damaligen Besitzverhältnisse grundsätzlich in Frage stellende Boden-, Agrar- und Enteignungspolitik nach sich ziehen müssen. Dass dies von der „neobarocken“ (Szekfü) ungarischen Aristokratie nicht vollbracht wurde, ist zwar psychologisch nachvollziehbar, aber dennoch fatal gewesen. So mussten für die ungerechten Zustände andere verantwortlich gemacht und für deren Überwindung das Vermögen Anderer herangezogen werden, und diese waren die Juden.

Der ungarische Antisemitismus war bereits im 19. Jahrhundert europaweit bekannt. Hierauf aufbauend entfaltete sich in der Zwischenkriegszeit eine heftige, antisemitische Massenbewegung mit unzähligen Facetten und Personen. Dass dabei die lächerlichen völkischen und nationalsozialistischen Parteien und Parteichen antisemitisch waren, ist nichts Neues. Dass sehr viele Personen des literarischen, politischen oder sozialen Lebens antisemitisch waren, überrascht auch nicht. Neu ist also auch nicht, dass Ungváry von Telekis und László Némeths Antisemitismus und sogar Rassismus schreibt. Dennoch ist es insgesamt bedrückend, wenn selbst bei Gyula Illyés oder János Kodolányi Antisemitisches oder Hasserfülltes zu lesen ist oder wenn Lörinc Szabó einem jüdischen Freund und Dichter angesichts der „Judengesetze“ den Selbstmord empfiehlt. Selten wurde bislang die dunkle Seite der völkischen*** Literaten so hell beleuchtet und so eindeutig benannt!

Nicht nur Politiker: Literaten, Biologen, Statistiker, Geographen und selbsternannte „Judenexperten“ befassten sich in den 1930er Jahren mit der sogenannten „Judenfrage“ und erstellten Vorschläge, wie man sie loswerden, ihr Vermögen jedoch behalten könnte. Entrechtung, Aussiedlung, Vertreibung, Austausch gegen die im Ausland lebenden Ungarn, die heimgeholt werden sollten – dies waren nur einige der Vorschläge, die heutzutage jeden, nur ein bisschen humanistisch denkenden und an Rechtssätze glaubenden Menschen den Kopf schütteln lassen, damals aber offen(bar) aussprechbar und ganz normal waren. Daran ändert auch nichts, dass Ungváry etwa im Zusammenhang mit Überlegungen zur Sterilisierung von Behinderten darauf hinweist, dass solche Gedanken und Gesetze (!) damals in vielen Ländern bekannt waren und gegolten haben (Dänemark, Schweden, USA).

Da Ungváry den antisemitischen Diskurs in der Gesellschaft und die (teilweise vorauseilende oder gar gesetzeswidrige!) antisemitische Praxis der lokalen Verwaltung so detailliert nachzeichnet, überzeugt dessen Charakterisierung als „kumulative Radikalisierung“ (S. 359), was man als langsame, gegen- und wechselseitige Beeinflussung der einzelnen Akteure wie der Gesellschaft verstehen soll. Beeindruckend sind aber auch die inhaltlichen und personellen (vgl. die Rajk-Brüder) Schnittmengen, die er zwischen den rechtsradikalen und kommunistischen Parteien nachweist: Die Enteignung und Umverteilung fremden Privatbesitzes unter Missachtung jeglicher Besitzansprüche und juristischer Prinzipien charakterisierte eben beide Ideologien – über die Zäsur des Jahres 1945 hinweg. Und die Sympathie vieler Intellektueller (Illyés, Németh usw.) mit solchen staatssozialistischen Enteignungen zu Gunsten der Armen (unabhängig von dem ideologischen Vorzeichen, unter dem die Enteignungen durchgeführt wurden), erklärt auch die erfolgreiche Integration von Illyés und Németh in das Kádársche System Jahrzehnte später.

Zwei Argumentationsstränge fielen mir beim Lesen von Ungvárys Buch besonders auf: Zum Einen die Betonung des Zusammenhanges zwischen den Wünschen vieler Politiker nach der Heimholung der im Ausland lebenden Ungarn (Szekler in der Bukowina, Tschangos in der Moldau oder gar Ungarn in den USA) und der Entfernung der jüdischen Ungarn aus dem Land. Dadurch sollte für die Neuankömmlinge Platz geschaffen und ein ethnisch noch homogeneres Ungarn erreicht werden. Ich denke, dieser Aspekt wurde in den bisherigen Analysen des ungarischen Holocaust bislang zu selten beleuchtet.**** Der zweite Gedankengang ist die Verknüpfung der Vertreibung der Ungarndeutschen (dies nennt Ungváry an einer Stelle pointiert „Deportation“) im Jahre 1945 mit dem Wunsch nach der Neuverteilung von fremdem Vermögen – erneut, um die landlose, in Armut lebende Bevölkerung zufriedenzustellen. Hier handelte es sich um denselben Gedanken, der auch schon bei der Enteignung jüdischen Vermögens waltete: Die Aneignung und Redistribution des Eigentums einer Minderheit sollte den (materiellen) Wunsch einer Mehrheit nach Wiedergutmachung (einer angeblichen Ungerechtigkeit) befriedigen.

Es ist für mich eine Eigenart der ungarischen Historiographie, dass sie alles aus einer zentralen, Budapester Perspektive betrachtet und lokale Entwicklungen insbesondere in den 1920 abgetrennten (aber im II. WK erneut zu Ungarn gehörenden) Landesteilen nicht berücksichtigt. Die Folge dessen ist u.a. dass die Geschichte der ungarischen Minderheiten weder von der ungarischen Historiographie in ihren Großwerken noch von der jeweiligen Mehrheitshistoriographie adäquat berücksichtigt wird. Dies fällt auch bei Ungvárys Buch auf, v.a. bei den erwähnten Aspekten des vorangehenden Absatzes. Meines Erachtens hätte die Berücksichtigung etwa der lokalen Einstellungen und Wünsche der Ungarn in Oberungarn oder auch in Siebenbürgen zu den Aspekten der Heimholung der Ungarn und der Vertreibung der Juden bzw. Deutschen noch weitere, wesentliche Aspekte zur Gesamtargumentation des Buches beitragen können. Denn gänzlich unberücksichtigt wurde im Buch etwa die Rolle von Miklós Bonczos, 1941-1944 in mehreren Ministerien selbst unter der Sztójay-Regierung tätig. Er war 1941 für die Heimholung der Szekler aus der Bukowina und die Planung der Heimholung der Tschangos 1944  verantwortlich und in dem zeitlichen Zusammenhang auch in den Holocaust mit involviert. Zu Recht betont Ungváry im Zusammenhang mit Eichmann und seinem Stab, dass diese Personen sowohl für die Umsiedlung von Deutschen als auch für die Deportation von Juden zuständig und verantwortlich waren. Umso unverständlicher ist es daher, wenn ihm einerseits die Person von Bonczos und dessen Arbeit, andererseits der besonders starke Wunsch vieler Siebenbürger Ungarn nach der Ansiedlung der Szekler und Tschangos in Siebenbürgen entgeht. Interessant wäre in dem Kontext auch die Person des siebenbürgisch-ungarischen Ethnologen Domokos Pál Péter gewesen, der 1941 und 1946, also in zwei völlig unterschiedlichen politischen Systemen, in Denkschriften die Umsiedlung der Tschangos aus der Moldau betrieb. Eine andere hochgradig spannende Person ist Jaross Andor: zu seiner Zeit in der Tschechoslowakei noch Anwalt der Minderheitenrechte der ungarischen Minderheit – 1944 aber Innenminister unter Sztójai und Mittäter bei der Organisation des Holocaust. Wie lässt sich so eine „Karriere“ schlüssig deuten? Ich glaube, gerade solche, aus der zentralen Budapester Sicht vielleicht unbedeutend erscheinenden Aspekte könnten zusätzlich interessantes Licht auf die Genese und Praxis der antisemitischen Maßnahmen in kleinen, lokalen Bezügen werfen.

Horthys Rolle beim ungarischen Holocaust wird im Buch sehr differenziert bewertet. Zwar habe er relativ früh relativ detaillierte Kenntnisse darüber gehabt, was mit den Juden im deutschen Herrschaftsbereich geschehe. Dass in Ungarn die Juden bis März 1944 einigermaßen unbehelligt leben konnten, dafür sei ihm Respekt zu zollen, meint Ungváry. Horthys Verhalten danach verurteilt er dagegen, da Horthy aktiv nichts gegen die Entrechtung und Gettoisierung und die Deportationen unternahm, obwohl er sowohl über das dabei angewandte brutale Vorgehen als auch das Ziel, also die Ermordung der Juden, Bescheid wusste. Horthy wird hierbei in einem Atemzug mit István Bethlen und Miklós Kállay genannt, die aus einer (wert)konservativen Warte aus seit Jahren die immer radikaleren Forderungen, Vorschläge und auch Verordnungen der rechtsradikalen Parteien sowie der antisemitischen Teile der Verwaltung abzuwehren versuchten. Dafür benennt Ungváry umso eindeutiger etwa 200.000 Ungarn als Mittäter: Gendarmen, Statisten, Ghetto-Aufseher, Ärzte und Hebammen, die in den Ghettos die Leibesvisitationen zwecks Auffinden versteckter Wertgegenstände durchgeführt haben usw. Die Zahl der vom jüdischen Vermögen profitierenden Nutznießer schätzt er dafür auf Millionen. Die deprimierendsten Kapitel des Buchs sind jene am Schluss, in welchen Ungváry belegt, mit welcher Dreistigkeit und Unverfrorenheit viele „christlichen“ Ungarn für sich das Vermögen (Klaviere, Kleidungsstücke, Geschäfte, Möbeln usw.) reklamierten. Die dem Staatshaushalt zugeflossenen Finanzmittel haben diesen saniert, die Inflation eingedämmt, die trotz aller Vorkehrungen auf den Markt gelangten, in Kriegszeiten eigentlich raren Konsum- und Luxusgüter (wie auch jene des täglichen Gebrauchs) sorgten für die Zufriedenheit der Bevölkerung.

Problematisch empfand ich beim Lesen den Begriff der „Arisierung“, mit dem Ungváry die Übertragung jüdischen Vermögens in christliche Hände bezeichnet. Dass sich dafür in Deutschland dieser Begriff eingebürgert hat, ist mir klar. Jedoch wurden die Deutschen als Angehörige einer vermeintlichen „arischen“ Rasse angesehen, was bei den Ungarn nicht der Fall war (die einschlägige Entsprechung wäre dann wohl eher „Turanisierung“…). Anstatt von „Arisierung“ zu sprechen, hielte ich es für sinnvoller, von „Magyarisierung“ und „Hungarisierung“ zu reden.

Zu guter Letzt ein Hinweis zum Lektorat: Ungváry bedankt sich zwar beim Lektor des Verlages, doch empfand ich die Zahl der Druckfehler als sehr hoch (ungewöhnlich hoch für ein Buch aus Ungarn). Störend war mitunter auch die Zitierweise, da sie uneinheitlich war: So begab ich mich auf die Suche nach einer angeblich existierenden „Auschwitz“-Monographie von Götz Aly (vgl. S. 458). Eine solche existiert aber nicht, gemeint war damit womöglich sein, zusammen mit Susanne Heim geschriebenes Buch „Vordenker der Vernichtung: Auschwitz und die deutschen Pläne für eine europäische Neuordnung“. Als leserfreundlich werte ich den sehr guten, lesbaren Schreibstil von Ungváry und die Kürze der einzelnen Kapitel, die es erlauben, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen, ein-zwei Kapitel zu lesen und dann erst einige Tage später weiterzumachen, ohne den Faden völlig neu aufrollen zu müssen.

Abschließend möchte ich das Buch jedem empfehlen, der sich über den geistigen Hintergrund und die ideologischen Voraussetzungen des ungarischen Holocaust informieren und eine, den neuesten Ergebnissen der Forschung entsprechende Deutung der Ereignisse zur Kenntnis nehmen will. Ungváry stellt dabei die ungarische***** Täterseite in den Mittelpunkt, sucht nach den Motiven, Antriebskräften und Zielen der Täter. Dies ist umso gerechtfertigter, wenn man Geschichte in größeren Zusammenhängen begreifen und womöglich sogar Vergleiche mit anderen Zeiten und Gesellschaften anstellen will. Insgesamt ein sehr wichtiges, zum Nachdenken anregendes, mitunter aber auch traurig machendes Buch.

*Den Titel streitig machen kann ihm meines Erachtens nur Géza Komoróczys monumentales, zweibändiges Werk „A zsidók története Magyarországon“, das noch von einem Quellenband ergänzt wird. (Diese subjektive Rangfolge bezieht sich natürlich nur auf Ungarn).

** Hierzu hätte Ungváry ein völlig anderes Buch schreiben müssen. Jenes müsste die Innen- und Außenpolitik, die Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik Ungarns, den Spielraum Ungarns auf internationaler Ebene, die Person und den Politiker Horthy, dessen Einflussnahme auf seine Ministerpräsidenten usw. usf. analysieren. Nichts dergleichen geschieht aber in Ungvárys Buch. Wie dieser inhaltlich so viel umfassende Titel über eine vermeintliche Bilanz des Horthy-Systems zustande kommt, ist mir rätselhaft und ich kann es allenfalls als eine verkaufsfördernde verlagspolitische Entscheidung erklären.

*** Das Wort „népi“ und „népiség“ ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. Mir ist bekannt, dass Borbándi in seiner klassischen Studie vom ungarischen „Populismus“ spricht, doch wäre das dementsprechende „populistisch“ noch irreführender. Daher bevorzuge ich „völkisch“, wenngleich ich mir der Konnotationen bewusst bin.

**** Aly und Gerlach haben ihn zwar in ihrem Werk „Das letzte Kapitel“ erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt.

***** Bezeichnend hierfür ist auch sein wiederholter Hinweis darauf, dass vom „Dritten Reich“ bis 1941 kein Druck auf Ungarn ausging, irgendwelche Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen. D.h. alle bis dahin verabschiedeten Judengesetze sind als authentisch ungarische Willensäußerungen anzusehen und nicht damit zu erklären, dass die ungarischen Regierungen irgendeinem deutschen Druck nachgeben mussten.

Die Presse: Gastkommentar von János Martonyi

Der ungarische Außenminister János Martonyi bittet in einem Gastkommentar für die österreichische Tageszeitung Die Presse um faire und an Fakten orientierte Berichterstattung über das Land.

http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/1431488/Ungarn-im-Zeichen-eines-neuen-Selbstbewusstseins

Bence Fliegaufs „Csak a szél“ kommt in die deutschen Kinos

Bence Fliegaufs Film „Csak a szél“ kommt in die deutschen Kinos. Das Drama, das sich mit dem Leben einer ungarischen Zigeunerfamilie befasst, wurde auf der Berlinale 2012 mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Seit einigen Tagen erscheinen Berichte, die auf das sehenswerte und tief bewegende Werk aufmerksam machen.

HV möchte anhand einer misslungenen Filmkritik, die auf SWR2 erschien, deren Lückenhaftigkeit aufzeigen. Der Autor Herbert Spaich zeigt, ob aus politischer Korrektheit oder mangelnder sprachlicher Kenntnis, nur das Hauptthema des Films, nicht aber die wertvollen Nuancen, die Fliegauf dem Zuseher quasi im Vorbeigehen präsentiert. Diese Bilder, die den „Trüffelsuchern des Antiziganismus“ verborgen bleiben, machen den Film erst vollständig und fördern die ganze bedrückende Lebensrealität ungarischer Roma zu Tage.

http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturthema/filmkritik-just-the-wind/-/id=10016988/nid=10016988/did=11754816/1l78hiz/

Der Film zeigt einen Tag im Leben der Romni Mari, ihrer beiden minderjährigen Kinder Anna und Rió sowie ihres unter den Folgen eines Schlaganfalls leidenden Vaters.

Aufhänger des Films ist der Mord an der Roma-Familie Lakatos, die von Unbekannten mit Schrotgewehren erschossen wurde. Auch die Kinder kamen dabei ums Leben. Mari ist beunruhigt, fordert ihre Kinder jedoch auf, die Schule zu besuchen. Dieser Bitte kommt nur die Tochter Anna nach, Sohn Rió beschimpft seine Schwester, die ihn wecken will, und verbringt den Tag lieber im Wald und beim Play-Station-Spiel mit anderen jungen Zigeunern. Der fehlende Schulbesuch Riós ist, anders als der SWR analysiert, allerdings mehr seiner Unlust als irgendeiner Form von Angst geschuldet – hier ist offenbar Spaichs Phantasie mit ihm durchgegangen. Es ist übrigens nicht Mari, die dem Bus hinterherläuft, sondern ihre Tochter Anna.

Mari arbeitet vormittags bei der Straßenmeisterei, nachmittags putzt sie in der Schule ihrer Kinder. Während ihre Vorarbeiterin bei der Straßenmeisterei hilfsbereit ist und ihr einen Beutel mit Kleidern für ihre Tochter schenkt, ist sie beim Job in der Schule alltäglichen Diskriminierungen durch den Hausmeister ausgesetzt. Auch hier ist Mari allerdings nicht nur unschuldiges Opfer. Sie erscheint zu spät zur Arbeit, wird vom Hausmeister deswegen ermahnt und darauf hingewiesen, „Jeder ist ersetzbar“. Mari antwortet mit einem trotzigen „Außer Dir natürlich!“.

Auch das Mobbing durch die Kollegin ist nur die halbe Realität: Als sie auf dem Posten der sich verspätenden Mari reinigt (die Turnhalle) und sie wegschicken will, ergreift Mari fluchend deren Putzeimer und wirft ihn in den Gang hinaus. Nach getaner Arbeit escheint erneut der Hausmeister und macht Anspielungen, Mari würde nach „Aas“ stinken. Aus Wut ergreift Mari das Geschirr des Hausmeisters und versenkt es in dem Putzeimer, mit dem sie kurz zuvor die Toilette gereinigt hat.

Anders als Spaich und viele seiner Kollegen in den vergangenen Tagen unisono suggerierten, handelt der Film also nicht nur von der Diskriminierung einer wehrlosen Romni, sondern auch von ihren wütenden und zum Teil bedenklichen Reaktionen. Dieses Bild zeichnet Fliegauf auch im Allgemeinen. Keine Szene zeigt dies besser als die Aufnahmen von Maris Heimweg: Sie geht durch die Siedlung und wird von einem Roma aufgefordert, mit ihm einen Schnaps zu trinken, sie könne ihm ja danach „den Schwanz lutschen“. Maris ablehnende Haltung wird von einem vorbeikommenden Nichtroma beobachtet, woraufhin dieser von den umherstehenden Zigeunern ohne Anlass wüst beschimpft („Schwuchtel“, „Wichser“) und bedroht wird. Ein Roma schlägt ihm die Mütze vom Kopf, ein anderer behauptet, er würde Streit suchen, weil sie „cigány“ seien…tatsächlich hat niemand anderes als die Roma den Konflikt provoziert. Ein weiterer Zigeuner schlichtet den Streit.

Die wohl bedrückendste Szene – außer dem tragischen Ende – bildet der Besuch Riós in dem Haus der ermordeten Familie Lakatos. Rió sucht nach Wertgegenständen, als zwei Polizeibeamte auftauchen und sich im Haus umsehen. Rió versteckt sich. Die Polizeibeamten sprechen darüber, dass es mit der Familie Lakatos „die falschen“ Zigeuner erwischt hätte, es seien keine „Parasiten“, sondern fleißige Menschen gewesen, die ihre Kinder zur Schule geschickt und ein Badezimmer besessen hätten. Der ältere Beamte äußert, er könne jederzeit die Roma aufzeigen, die es verdient hätten, so zu enden wie die Familie Lakatos, etwa jene Roma, die kürzlich eine 82-jährige Frau vergewaltigt und misshandelt hatten, um an ihre Ersparnisse von 20 Euro und eine Packung Hühnereier zu kommen. Die Szene strotzt dank der grausam fachsimpelnden Polizisten, die am Tatort Pistazienkerne verputzen und gewisse Sympathie mit den unbekannten Mördern und ihrer „Botschaft“ hegen, vor Antiziganismus und fehlender Pietät vor den Opfern. Aber auch das Bild von Gewaltverbrechen, die durch Roma begangen werden, zeigt blitzlichtartig auf eine hierzulande wenig bekannte Realität in Ungarn, die zu tiefer Besorgnis in Teilen der Gesellschaft führt und rechtsradikalen Parolen von der „Zigeunerkriminalität“ fruchtbaren Boden bietet. Diese Besorgnis kann die Parolen und Sichtweisen der Polizisten nicht rechtfertigen, gleichwohl ist sie real.

Die junge Anna, eine fürsorgliche Person, die Englisch lernt, um gemeinsam mit ihrer Familie nach Kanada zu ihrem Vater auszuwandern, ist die positive Heldin des Films. Sie kümmert sich um die kleine Romni Zita, deren total verwahrloste Mutter mit gewalttätigen Roma ihren Alltag verbringt und ihre Tochter verkommen lässt, anstatt sie zur Schule zu schicken. Hilfsbereit bringt Anna ihr Medikamente (die ihr sogleich mit den Worten „her mit den Medikamenten, Du Fotze“ von einem Zigeuner abgenommen werden) und lernt fleißig in der Schule. Das Bild der Heldin bekommt nur dadurch Kratzer, dass sie Sie Ärger um jeden Preis aus dem Weg zu gehen scheint. Das gipfelt darin, dass sie der Vergewaltigung einer Mitschülerin tatenlos zusieht und wortlos den Raum verlässt, ohne dem ihr entgegen kommenden Erwachsenen zu sagen, was passiert ist.

Am Abend findet sich die Familie wieder in ihrem kleinen Haus im Wald ein. Mari stellt ihren Sohn Rió zur Rede, weil er Kaffee gestohlen hat. Rió versucht, sich dilettantisch aus der Sache herauszulügen, was ihm aber nicht gelingt. Er möchte seiner Mutter am kommenden Tag ein Versteck zeigen, die Mutter verlangt jedoch abermals, er solle lieber die Schule besuchen.

Kurz danach beruhigt Mari ihren Sohn, ein Geräusch von draußen sei „nur der Wind“. Ein folgenschwerer Irrtum.

Nach meiner Auffassung thematisiert Bence Fliegauf mit seinem zu recht preisgekrönten Werk nicht allein das Thema „Diskriminierung der Roma“. Anknüpfungspunkt sind zwar jene tödlichen Gewaltverbrechen, denen in Ungarn in den Jahren 2008 und 2009 sechs Angehörige der Minderheit, darunter auch Kinder, zum Opfer fielen. Anders als die eindimensionalen Zuseher, die dem Film einen erhobenen Zeigefinger (nur) gegen die ungarische Mehrheitsgesellschaft entnehmen möchten, zeigt Fliegauf aber gerade die gegenseitigen Schwierigkeiten im Zusammenleben auf. Missverständnisse, gegenseitige Vorurteile und Verkrustungen, die ein gedeihliches Miteinander zunehmend erschweren. Und dafür sorgen, dass selbst bestialische rassistische Verbrechen an Landsleuten Gleichgültigkeit, Aufrechnungsmentalität und falsch verstandene Solidarität hervorrufen. „Wir“ und „Die“. Polizisten, die glauben, lebenswertes von lebensunwertem Leben unterscheiden zu können und sich bei ihrer täglichen Arbeit gewiss nicht von ihren Vorurteilen freimachen können, sind hier ebenso Mitursache des Problems wie Zigeuner, die aktiv Streit suchen und jedes eigene Fehlverhalten mit Diskriminierung „durch die anderen“ rechtfertigen wollen. Hinzu kommen Roma, die in Fliegaufs Werk quasi an jeder Ecke herumsitzen und sich mit billigem Fusel betäuben: Natürlich treibt gesellschaftliche Ausgrenzung Menschen in Armut, persönliche Verwahrlosung und Alkoholismus; doch ein Ausweg aus der Situation muss auch von der Minderheit selbst gewollt sein, wie der Rom István Forgács zu Recht betonte.

Der Wille, die eigene Situation zu verbessern, ist unter den Protagonisten nur bei Mari und ihrer Tochter Anna zu erkennen. Die entfesselte Welle von Hass verschont jedoch kein Mitglied der Familie. Das ist, wie immer, die eigentliche Tragik: Vorurteile und all ihre grausamen Folgen treffen immer die Falschen.

Es lohnt sich also, auch auf die Nebensätze des bewegenden Films zu achten, anstatt ihn nur als die heute in Mode geratene Anklage gegen die ungarische Mehrheitsgesellschaft zu verstehen. Die Welt ist komplexer: Niemand zeigte das zuletzt besser als der Autor Rolf Bauerdick mit seinem Werk „Zigeuner„. Ein Ausweg aus der beklemmenden Situation wird nur gemeinsam und ohne gegenseitige Schuldvorwürfe zu bewerkstelligen sein; und auch wenn das hier thematisierte Art von Verbrechen auch künftig nicht völlig augeschlossen werden kann, so wird eine von gegenseitigem Respekt geprägte Gesellschaft angemessen darauf reagieren: mit Empörung, Bestürzung und Trauer. Unabhängig von der ethnischen Herkunft.

Bence Fliegaufs Film ist, als Aufruf gegen Gewalt und für ein Miteinander, uneingeschränkt zu empfehlen.