EILMELDUNG: Lebenslange Freiheitsstrafe für die wegen Mordes an sechs ungarischen Roma Angeklagten

Das zuständige Strafgericht für das Budapester Umland (Budapest Környéki Törvényszék) hat soeben das Urteil gegen die wegen Mordes an sechs ungarischen Roma Angeklagten verkündet. Die drei Haupttäter, die Brüder Árpád und István Kiss sowie der Mitangeklagte Zsolt Petö wurden wegen mehrfachen, gemeinschaftlich begangenen und im voraus geplanten Mordes aus niedrigen Beweggründen, teilweise zum Nachteil an Personen unter 14 Jahren sowie wegen vielfacher Gefährdung von Menschenleben, Missbrauch von Schuss- und Kriegswaffen und Raub zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. Es handelt sich um die Höchststrafe, eine Haftentlassung ist ausgeschlossen.

Gegen den viertrangigen Angeklagten István Csontos verhängte das Gericht eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren wegen Beihilfe.

Die Angeklagten tragen die Kosten des Verfahrens von insgesamt 107 Mio. Forint.

Die Urteilsbegründung dauert an.

http://index.hu/belfold/2013/08/06/ciganygyilkossagok_itelet/

Advertisements

15 Kommentare zu “EILMELDUNG: Lebenslange Freiheitsstrafe für die wegen Mordes an sechs ungarischen Roma Angeklagten

  1. Lebenslange Freiheitsstrafe für die wegen Mordes an sechs ungarischen Roma Angeklagten
    und Freiheitsstrafe von 13 Jahren wegen Beihilfe.

    aber „für Aktivisten gehen sie nicht weit genug“
    Tja, da frag ich doch mal ganz naiv:
    Was würde denn einem „Aktivisten“ so vorschweben als Strafe?

    • Mit „Aktivisten“ sind wahrscheinlich Vertreter der Zivilgesellschaft und Angehörige gemeint. Sie monierten, dass der Richter die rassistischen Motive der Täter nicht genügend berücksichtigt (im Juristendeutsch: „gewürdigt“) hätte, sondern nur allgemein „niedere Beweggründe“ angeführt hätte. Es wäre sicher für viele Leser interessant, wenn HV uns gelegentlich die Urteilsbegründung ein wenig näher erläutern könnte.

      Ich denke, die Urteilsverkündigung war trotz allem ein sehr guter Tag für den Rechtsstaat und die Demokratie in Ungarn, auch wenn natürlich noch viele Fragen offen bleiben, z.B. bezüglich der Rolle der Geheimdienste und eventuellen weiteren Tätern oder Hintermännern.

      Die Berichterstattung in den deutschen Medien war sehr breit und durchwachsen. Die in etlichen Veröffentlichungen bemühten Seitenhiebe auf Orbán und Fidesz fand ich ebenso unangemessen, wie die angebliche Aussage eines von Stephan Ozsváth in einem Radiobeitrag zitierten Fidesz-Sprechers, der es anscheinend für nötig hielt darauf hinzuweisen, dass die Taten während der Regierungszeit des politischen Gegners begangen worden sind. Als ob das irgendwas erklären würde. Genauso könnte man herausstellen, dass die Täter in jener Zeit verhaftet wurden. Das sind für mich billige politische Zänkereien auf dem Rücken der Opfer.

      Ebenfalls daneben fand ich die in vielen Medien vorgenommene Vermengung der Anschlagsthematik mit dem Wasserkonflikt in Ózd. Diese beiden Dinge in einen Artikel zu packen, gehört sich einfach nicht. Man stelle sich vor, ein Pressebericht über den Zschäpe-Prozess endete mit Vorwürfen gegen irgendeinen deutschen Provinzbürgermeister, dessen Umgang mit Asylbewerbern und der Schlussfolgerung, die Bundeskanzlerin müsse einschreiten, weil sie mit dem Mann in derselben Partei sei. Schlicht unangemessen.

      Den Vogel abgeschossen hat in Sachen Ózd übrigens der Bundestagsabgeordnete Tom Koenigs, eigentlich ein sonst gut informierter und anerkannter Menschenrechtspolitiker. In seiner Erklärung forderte er doch tatsächlich ein Einschreiten von Bundesregierung, UNO und EU. Hier nachzulesen: http://www.tom-koenigs.de/presse-news/menschenrecht-auf-wasser-gilt-auch-in-ungarn.html. Wo bleibt denn da die Verhältnismäßigkeit beim Einsatz politischer Mittel?

      • Hat sich einer eigentlich mal die Mühe gemacht nachzuforschen, wie die Zustände wirklich in Ozd sind?
        Wieso gibt es da kein fließendes Wasser in den Häusern?
        So ein Satz hier sollte einen doch stutzig machen.
        „van viszont talán 3-4 olyan lakás, amelyekben még megmaradt a fürdőszoba“
        még megmaradt ???
        Hoppla, wo sind denn dann die anderen Badezimmer hin?.Also war da mal Wasserleitung in den Häusern. und es gab sogar Badezimmer.

        Hier vorsichtshalber mal gleich der Link dazu.
        http://hvg.hu/itthon/20111210_Bodis_Kriszta_ozdi_hetes_telep

        Ein Klick dahin könnte evtl ganz aufschlussreich sein!!
        http://hvg.hu/itthon/20111105_ozd_hazrombolas_lakas

        Ansonsten mal eine Bemerkung dazu ganz unabhängig von Òzd.
        Wer weiß denn, was an so einer „Wasserstelle“ abläuft?
        Mich würde mal interessieren wieviel Liter Wasser da jährlich sinnlos weglaufen.
        Vor unserem Haus ist gerade so eine Wasserentnahmestelle.
        Wir hätten mal zählen sollen, wie oft wir schon dahin gerannt sind, weil einfach „vergessen“ wurde, den Hahn zu schließen.
        Was nix kostet , ist auch nix wert!!!

      • Schön, dass Sie die Berichterstattung so differenziert sehen. Ich stimme Ihnen allerdings nicht in dem Punkt zu, dass es unerheblich wäre in wessen Amtszeit die Morde fielen, denn hier ist von Geheimdienstkontakten die Rede. Haben die Mörder irgendwelche Unterstützung vom Geheimdienst erhalten, so wäre die seinerzeit amtierende Regierung politisch verantwortlich. Auch wenn sie jetzt noch schlecht zurücktreten könnte… Ich jedenfalls empfand es als ein Fünkchen Ehrlichkeit als die Sächsische Zeitung dies erwähnte, die sonst so eifrig alles der Fidesz in die Schuhe schiebt (sie hat in ihrem Artikel übrigens die Flugblattaktion rund um Csak a szél mituntergebracht – ganz ohne Fidesz Antiziganismus vorzuwerfen geht es dann eben doch nicht).

      • Lieber Palóc, fraglich ist doch, ob es denjenigen, die es für besonders wichtig halten, jetzt ostentativ darauf hinzuweisen, in wessen Regierungszeit die Morde geschahen, und bedeutungsschwer danach zu fragen, in wessen Interesse sie wohl begangen worden sein mögen, wirklich um Aufklärung geht.

        Ich sehe es so, dass sich jener Fidesz-Sprecher, wenn seine Äußerungen wirklich so gefallen sind, sowie die Verfasser entsprechender Artikel in der rechten Presse pietätlos verhalten haben. Sie haben sich an einer politischen Schlammschlacht beteiligt, ohne jede Rücksicht auf die Opfer dieser furchtbaren Verbrechen.

        Ich denke, in Deutschland ist bislang niemand auf die Idee gekommen, Gerhard Schröder oder Angela Merkel persönlich für die mangelnde Aufklärung der NSU-Morde verantwortlich zu machen oder Ihnen gar ein Interesse an diesen Untaten zu unterstellen, weil diese Verbrechen „in ihre Regierungszeit fielen“.

        So etwas wäre hierzulande einfach undenkbar. In Ungarn macht das Gezerre zwischen den Parteien und ihren „Lagern“ nicht einmal vor einer solchen Mordserie halt. Das ist so traurig. Ich finde gar keine Worte dafür.

        Schauen Sie sich mal Szilvia Varrós Kurzvideos an auf dieser Seite an: http://www.zeit.de/kultur/film/2013-08/interview-szilvia-varro-roma-in-ungarn, oder suchen Sie danach bei Youtube. Da werden diesen Gewaltverbrechen und die Lebensumstände der Opfer geschildert. Was da geschehen ist, ist so unmenschlich, so unfassbar grausam und kaltblütig, dass eigentlich jedes Parteiengezänk darüber verstummen sollte.

      • Die Verfasser von Artikeln in der „rechten Presse“ waren also pietätlos. Das könnte ich hier und da sogar unterschreiben. Wie sehen Sie aber dann jene Artikel, die versuchen, Orbán und Fidesz krampfhaft mit diesen Morden in Verbindung zu bringen? Geht es denen etwa um die Opfer?

        Ich glaube, dass man im Hinblick auf mögliche Geheimdienstverwicklungen ruhig darüber sprechen darf, wer 2008 und 2009 an der Regierung war und damit die politische Verantwortung für die Dienste hatte. Ein gewisser György Szilvásy war’s, der sich seit 20 Jahren an die Mächtigen krallt, mal für Antall, mal für Gyurcsány werkelte und mittlerweile erstinstanzlich wegen Spionage verurteilt wurde.

        Fragen nach der politischen Verantwortung muss man sich auch in der BRD stellen. Das sieht unser ehemaliger Kanzleramtsminister Steinmeier gerade bei der NSA-Affäre.

      • „Wie sehen Sie aber dann jene Artikel, die versuchen, Orbán und Fidesz krampfhaft mit diesen Morden in Verbindung zu bringen?“

        Ich habe oben schon klargestellt, dass ich die Kontextualisierung der Morde in den meisten Artikeln für nicht gelungen halte, um das mal zurückhaltend auszudrücken. Ich kann nicht nachvollziehen, wie die Verfasser mancher Beiträge von derart grausamen Bluttaten in wenigen Worten auf den Wasserkonflikt in der Kleinstadt Ózd kommen konnten, um dann schwuppdiwupp mit einer Breitseite gegen die Regierung Orbán zu enden.

        Wie ich höre, soll sich jetzt ein Parlamentsausschuss mit den Morden und den Ermittlungspannen befassen. Das ist ja schon einmal ein Anfang. Hoffentlich kommt da mehr raus als nur politische Schattenboxerei. Ich hätte mir auch ein paar politische Gesten gewünscht, z.B. eine Schweigeminute im Parlament oder ein Treffen des Staatspräsidenten mit den Hinterbliebenen.

        Im Übrigen bin ich der letzte, der einen Herrn Szilvásy in Schutz nehmen möchte. Aber das Strickmuster „Gyurcsány / Bajnai sind so mies, dass sie bestimmt auch was mit dieser Mordserie zu tun haben“ finde ich wirklich abstoßend.

      • Sie finden die „Kontextualisierung“ der Artikel „nicht gelungen“, aber das „Strickmuster“ iBa Bajnai und Gyurcsány „wirklich abstoßend“. Ja, da ist sie wieder, die selektive Empörung.

  2. Hat da etwa der rechtsradikale ungarische Staat Rechtsradikale verurteilt ?

    Damit der Deutsche es mal wieder (besser) weiß:
    http://www.zeit.de/kultur/film/2013-08/interview-szilvia-varro-roma-in-ungarn/komplettansicht

    „Auf der einen Seite Rechtskonservative und Rechtsradikale, auf der anderen Seite die Sozialliberalen und Sozialisten“

    Wo sind in Ungarn Sozialliberale und echte Sozialisten? Meint sie die, die Ungarn beinahe in den Staatsbankrott geführt haben? Aber dafür gibt es ja den Eimer, in den der Deutsche Schreiber Orbán und Jobbik hineinstecken möchte.

    Auch gut: „Wir Ungarn haben uns nie mit unserer Vergangenheit auseinandergesetzt. Nicht mit unserer Rolle im Zweiten Weltkrieg, nicht mit der Revolution von 1956 und auch nicht mit der Mordserie gegenüber den Roma. Wir schweigen einfach und tun so, als würde uns das alles nichts angehen“

    Müßten die Deutschen unter den von ungarischen „Sozialliberalen und Sozialisten“ geschaffenen Verhältnissen leben,
    dann wäre es vorbei mit der Demokratie.

    Wählt ihr Links, dann kommt Rechts.
    Wählt lieber den gesunden Menschenverstand.

  3. ntv von heute:
    Sie setzen Roma-Häuser in Brand, schießen auf die Fliehenden und töten zwei Menschen. Auch bei weiteren Anschlägen sterben drei Roma. Jetzt werden die Mitglieder der rechtsextremen „Todesbrigade“ in Ungarn zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das kann aber nichts daran ändern, dass der Hass auf die Roma gesellschaftsfähig bleibt. So dreht ein Bürgermeister der Regierungspartei mitten in der Hitzewelle einem Roma-Viertel das Wasser ab.

    Und in den üblichen Käseblättern:
    80% der Bevölkerung Ungarns sind den Roma gegenüber feindselig.
    (Ich kenne den Durschnitt, und der sieht anders aus)

    Der Herrenmensch ist widerwärtig in seiner Arroganz.
    Er denkt eher in Kartegorien von Feind. Kritik ist zu komplex für den
    arroganten Pauschalisten. Daher sind die Ungarn feindlich, nicht kritisch.
    Deutschland sollte lieber Hintergründe beleuchten statt falschen Zahlen
    zu nennen – und sich fragen wie sie mit Problemen umgehen würden,
    die die deutschen Probleme mit den sogenannten Einwanderern aus Bulgarien und
    Romänien haben.

    • Deutschlandfunk – PRESSESCHAU

      Die neue NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG meint:

      „Der Richterspruch sollte zwar viele zum Nachdenken anregen, aber vor allem Ministerpräsident Viktor Orbán. Es sind seine verbalen Angriffe und die seiner Fidesz-Partei, die den modrig-sumpfigen Boden bereiten für die widerwärtigen Gewaltexzesse gegen die Roma. Solange das Urteil diesen Mann nicht zur Vernunft bringt, wird der rassistische Hass gegen die Roma in Ungarn leider bestehen bleiben“

      Hoch lebe die Pressefreiheit! Hoch! Hoch! Hoch!

      Off-Topic:
      („Wissen Sie, was das größte Problem der Psychologie ist?“, fragte Mollath Alexander Dill. Natürlich weiß er die Antwort: „Der Bestätigungsfehler“. Dieser besteht in der Neigung, solche Informationen zu bevorzugen, die die eigene Erwartung stützen. Wer ist schon im Sinne von Karl Popper ein derartiger „kritischer“ Rationalist, dass er vor der Aufstellung von Thesen zunächst versucht, diese zu falsifizieren, also Gegenhypothesen aufzustellen und solange andere Lösungen auszuschließen, bis als einzige die richtige übrigbleibt? Dass Vorurteile Urteile werden, prägt nicht nur den Alltag, sondern auch Recht und Medizin. Jeder hat bereits erlebt, wie ein gutmeinender Doktor eine schnelle Diagnose stellte und daraufhin verordnete. Dass die Diagnose falsch ausfiel, merkt der Patient erst beim Ausbleiben des therapeutischen Effekts.)

      • Welche verbalen Angriffe meint die NOZ? Hat man dort vor lauter Enttäuschung darüber, dass das Verfahren mit der Höchsstrafe endete, den Verstand verloren? Hatte man sich schon auf einen Freispruch durch die „gleichgeschaltete“ Justiz vorbereitet?

  4. Verbale Angriffe gegen Roma von Fidesz? Roma wählen in erster Linie Fidesz!
    Wiederwärtig ist nur die Schreiberei von NOZ – Qualitätsmedienschmiererei.

  5. Pingback: Kurie bestätigt lebenslange Haftstrafen im “Roma-Mordprozess” |

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s