Die Zeit: Literaturnobelpreisträger Imre Kertész beklagt „Holocaust-Industrie“ in der deutschen Erinnerungskultur

Aus Anlass des Erscheinens seines neuen Buches „Letzte Einkehr“ zieht der ungarische Literaturnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Imre Kertész in der aktuellen Printausgabe der Wochenzeitung Die Zeit ein schonungsloses Resümee seiner Rolle in der deutschen Erinnerungskultur. Der schwer an Parkinson erkrankte Kertész spricht davon, er sei ein „Holocaust-Clown“ der Deutschen und Teil der „Holocaust-Industrie“ geworden. Der Literaturnobelpreis sei an ihn verliehen worden, weil man die Erinnerungsliteratur habe preisen wollen. Kertész:

Ich habe den Literaturnobelpreis nur bekommen, weil man die Literatur des Zeugentums preisen wollte. Man hat mich vorher nach Stockholm eingeladen, um eine Rede zu halten. Aber in Wahrheit wollte man wissen, ob ich eine akzeptable Figur abgebe oder ob ich mein Rührei mit den Händen esse. Man kann nicht viel dagegen tun. Man ist ohnmächtig diesen Mächten gegenüber.

Kertész bekundet, er habe eigentlich nie Literatur verfassen, sondern sich damit befassen wollen, was der Totalitarismus aus den Menschen mache. Er, der sich als „sehr müde“ bezeichnet, habe verstehen wollen, warum die Menschen sind, wie sie sind.

Kertész lebt wieder in Budapest, bekennt sich zu seiner Liebe zu Berlin und gesteht, dass er sich in der ungarischen Hauptstadt nicht besonders wohl fühle. Den Judenstern habe er nicht in Berlin, sondern in Budapest getragen (Kertész wurde als Jugendlicher aus Budapest nach Auschwitz deportiert).

Das vollständige Interview, das gewiss auch zu einer Diskussion in Ungarn führen wird, erscheint in der Printausgabe.

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-09/Imre-Kertesz-Vorab

http://index.hu/kultur/2013/09/13/kertesz_egy_holokauszt-bohoc_voltam/

Die linksliberale ungarische Tageszeitung Népszabadság bringt das vollständige Interview auf ungarisch: http://nol.hu/kult/a_teljes_kertesz-interju___holokauszt-bohoc_voltam_?ref=sso

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41 Kommentare zu “Die Zeit: Literaturnobelpreisträger Imre Kertész beklagt „Holocaust-Industrie“ in der deutschen Erinnerungskultur

  1. Das, was er über die Entwicklung des totalitären Systems und die Biegsamkeit des Menschen sagt, ist in sich widersprüchlich. Ich finde eher, dass es individuell sehr unterschiedlich ist, ob sich ein Mensch biegen läßt oder nicht, ob er in einem totalitären System lebt oder nicht. Und die Österreicher bzw. die Monarchie seien Schuld an allem? Trotzdem finde ich „Sorstalanság“ ein großartiges Buch.
    Ich wundere mich über ihn und Elie Wiesel, dass sie sich beide über Ihre Heimat so äußern können, wobei Elie Wiesel wenigstens konsequent war und dem Land und vielleicht auch Kultur den Rücken gekehrt hat. Kertész dagegen schreibt und denkt ungarisch und ist durch und durch ein Ungar.

    • „…wobei Elie Wiesel wenigstens konsequent war und dem Land und vielleicht auch Kultur den Rücken gekehrt hat. Kertész dagegen schreibt und denkt ungarisch und ist durch und durch ein Ungar.“
      Und jetzt raten Sie mal mit wer am Ende Ungarn besser helfen kann… Dass Herr Kertész ungarisch denkt (ich dachte immer für die Liberalen und Linken gäbe es „die Ungarn“ nicht, dann dürfte es auch kein ungarisches Denken geben), klingt aus Ihrem Munde abwertend, fast so als wollten Sie ihn beleidigen. Was ist denn Ihrer Meinung nach so schlimm ungarisch zu denken? Noch eine Frage: Herr Ungarnfreund beteuert immer wieder, dass er alles durch die deutsche Brille sehen würde – ist das was anderes als deutsch denken? Ist es besser, deutsch zu denken als ungarisch? Das sind mit Sicherheit Fragen philosophischer Natur, dennoch brennen sie mir unter den Nägeln.

    • Dazu ein interessanter Auszug aus einem Interview mit Imre Kertész, das 2009 in der „Welt“ erschien:

      Die Welt: Sie sind in Budapest geboren, Sie haben dort ihre Kindheit verbracht, sind nach der Befreiung von Buchenwald aus dem KZ dorthin zurückgekehrt. Hier entstanden ihre wichtigsten Werke, für die Sie 2002 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden, allen voran das Jahrhundert-Buch „Roman eines Schicksallosen“, 1975 nach zwölfjähriger Arbeit fertiggestellt und veröffentlicht. Gibt es an Ihrem Land mit seiner ungemein reichen literarischen Landschaft denn rein gar nichts, dem Sie sich verbunden fühlen?

      Kertész: Ich bin ein Produkt der europäischen Kultur, ein Décadent, wenn Sie so wollen, ein Entwurzelter, stempeln Sie mich nicht zum Ungarn. Es reicht, dass Ihre Landsleute mich zum Juden gemacht haben. Rassische, nationale Zugehörigkeiten gelten nicht für mich. Und um auf Ihre reiche ungarische Literaturlandschaft zu kommen, ich werde Ihnen etwas verraten: Während all der sozialistischen Jahre habe ich kein einziges der staatlich genehmigten ungarischen Bücher gelesen. Mein Geschmack hat das einfach nicht gefressen. Immer, wenn ich es versucht habe, kippte mein Magen um. Natürlich gibt es ein paar ungarische Autoren, die ich sehr verehre, wunderbare Sprachkünstler, dekadente Spielernaturen, deren Namen Ihnen in Deutschland gar nichts sagen werden: Gyula Krudy zum Beispiel, der von 1878 bis 1933 lebte, oder Dezsö Szomory, ein Zeitgenosse Krudys. Beide waren übrigens auch gleichzeitig großartige Essayisten…

      Quelle: http://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article5116030/Ich-schreibe-keine-Holocaust-Literatur-ich-schreibe-Romane.html

  2. „Zeit: Ön szerint Ausztria-Magyarország felelőssége nagyobb a Harmadik Birodalom kialakulásában, mint Németországé? Szokatlan megközelítés.

    Kertész: Ebből is láthatja, milyen ügyesek voltak az osztrákok.“

    Darin ist Kertész unbedingt zuzustimmen.
    Selbst das Burgtheater ist per se Österreicher und erfüllt als Kolonisator eine Mission in Osteuropa.

    (Hassenswert finde ich übrigens nur die Häuptlinge der Eingeborenen, die sich von Österreichern für die Versklavung ihres Stammes mit Branntwein,Glasperlen und anderen großen Gagen belohnen lassen.)

  3. „ Literaturnobelpreisträger Imre Kertész beklagt “Holocaust-Industrie” …

    Endlich spricht dies auch mal ein Überlebender des Holokausts an.

    Wenn selbst Kertész von der Existenz einer „Holokaust-Industrie“ spricht, liege ich, der diesen Standpunkt schon seit Jahren vertritt, wohl doch nicht ganz falsch …

      • „Nachlegen“ verstehe ich im Sinne von „weitere Punkte aufzeigen“. Er greift auf weitere Aspekte zurück, um den Lesern seine Sichtweise zu erklären. Kertész zieht in der ZEIT ein in Teilen sehr negatives, in der FAS zum Teil ein widersprüchlich-positives Resümee. Etwa wenn er sagt, er habe ein „tolles Leben“ gehabt und sei für das, was ihm mit Auschwitz passiert sei, dankbar…

  4. Die Aussage von Kertész ist insofern verwunderlich, als ihm als philosophisch gebildetem Menschen, Denker und Übersetzer die Thesen Adornos über die Kulturindustrie bekannt gewesen sein dürften – schon seit Jahrzehnten. Das, was manche als „Holokaustindustrie“ bezeichnen (schön wäre es, wenn wir erfahren dürften, was Kertész genau darunter versteht), war und ist schon immer ein Teil der Kulturindustrie gewesen: wie jedes Kulturprodukt im Kapitalismus. Von daher ist die Aussage für mich (kultur-)logisch entweder sinnlos, da redundant, oder unsinnig, da der berüchtigte Ausdruck so viele Konnotationen hat, dass er damit disqualifiziert wird.

    • Redundanz sehe ich nicht. Kertész möchte in seinem sehr negativen Rückblick wohl weniger auf eine allgemeine Bewertung à la Adorno hinaus, sondern darauf, dass er selbst – ggf. nolens volens – zu einem Teil dieser Richtung in der „Kulturindustrie“ geworden ist. Kertész spricht, wenn Du das Interview auf ungarisch liest, im wesentlichen über seine eigenen Empfindungen. Zudem können wir nicht davon ausgehen, dass jeder Adornos Thesen kennt, vielleicht will Kertész ja auch denen etwas mitteilen, die sich nicht mit der Kulturindustrie befasst haben.

      Dass Kertész seinen Kritikern (zum Teil flammende Antisemiten) mit seiner Aussage, er hätte den Nobelpreis nicht wegen seiner literarischen Fähigkeiten, sondern stellvertretend für die Erinnerungsliteratur bekommen, Wasser auf die Mühlen schaufelt, macht die Sache durchaus tragisch.

      Kertész nötigt mir Respekt ab. Weil er nicht nur die Angriffe von rechtsaußen erträgt, sondern auch einem Teil seiner glühenden Verehrer den Spiegel vorhält. Als Holocaust-Überlebender hat er bei Verwendung des Begriffes „Holocaust-Industrie“ zudem weniger zu befürchten als ein Norman Finkelstein. Wir erinnern uns, was damals los war…

      Ich sehe zwei Möglichkeiten: Entweder es werden schon die Griffel gewetzt, um Kertész in den nächsten Wochen für verrückt oder für einen Verräter zu erklären. Oder man straft ihn durch Ignoranz. Warten wir es ab.

      • Ich würde mal sagen, er wird weder für verrückt erklärt noch ignoriert werden. Dass Auschwitz für ihn eine existentielle Erfahrung war und kein Betriebsunfall (insofern ist Galuts Bemerkung überhaupt nicht überflüssig, auch die Kulturindustrie ist kein Betriebsunfall, sondern die Logik des Kapitalismus), hat er schon 1975 geschrieben. Und dass viele seiner Bücher (neben dem Roman eines Schicksllosen Fiasko, Kaddisch, Galeerentagebuch) literarische Meisterwerke sind und daß er eben deswegen verehrt wird (insofern verstehe ich Ihren Satz vom Spigel nicht), wird sich auch nicht ändern.
        Wer weiß, was hier für Verletzungen dahinter stehen, und wer kann ermessen, was diese Krankheit jetzt, das totale Ausgeliefertsein und zum Nichtstun Verdammtsein voller Schmerzen bedeuten.

      • Ich finde Kertész und seine Schriften wie auch seine Presse-Interviews meist ziemlich verstörend. Man fragt sich automatisch: Was haben sie ihm angetan, dass er solche Ansichten entwickelt hat? Bezogen auf das Zeit-Interview würde ich ihn gern fragen, warum er eigentlich mitgespielt hat bei all den Ehrungen. Warum hat den Nobelpreis angenommen, warum überhaupt etwas veröffentlicht? Er scheint unter den Anfeindungen von rechts genauso zu leiden wie unter der Wertschätzung aus der Mitte der Gesellschaft. Nicht alle Überlebenden sind so. Viele, wie etwa der hier auch schon erwähnte Elie Wiesel, genießen eher die öffentliche Aufmerksamkeit, wollen gesellschaftspolitisch wirken, möglichst etwas verändern. Kertész hingegen hinterlässt den Eindruck eines körperlich wie seelisch Gebrochenen. Vielleicht wäre es eine schöne Geste, wenn jemand von der ungarischen Regierung (z.B. Áder oder Balog) ihn ohne Presse besuchen und einen Versuch unternehmen würde, ihn wieder in Ungarn willkommen zu heißen.

      • Oh nee, bloß nicht, das ist echt das letzte, was er sich je gewünscht hat oder noch wünscht. Davon würde ihm, wie er es in dem Welt-Interview gesagt hat, der Magen umkippen. Ich würde mal sagen, am besten läßt man ihn einfach endlich in Ruhe.

  5. Herr Palóc! Sprechen Sie damit etwa mich an?? „Dass Herr Kertész ungarisch denkt (ich dachte immer für die Liberalen und Linken gäbe es “die Ungarn” nicht, dann dürfte es auch kein ungarisches Denken geben), klingt aus Ihrem Munde abwertend, fast so als wollten Sie ihn beleidigen. Was ist denn Ihrer Meinung nach so schlimm ungarisch zu denken?“

    „Was ist denn Ihrer Meinung nach so schlimm ungarisch zu denken? Noch eine Frage: Herr Ungarnfreund beteuert immer wieder, dass er alles durch die deutsche Brille sehen würde – ist das was anderes als deutsch denken? Ist es besser, deutsch zu denken als ungarisch? Das sind mit Sicherheit Fragen philosophischer Natur, dennoch brennen sie mir unter den Nägeln.“ ?????

    • Liliom und Palóc, mir ist nicht ganz klar, worüber Sie hier streiten. Aber da mein Nickname gefallen ist, versuche ich gern, Ihnen zu erklären, was ich mit der „deutsche Brille“ meine:

      Im Wesentlichen geht es mir da um Folgendes: 1. betrachte ich die Politik in Ungarn als Außenstehender und 2. bin ich in Deutschland sozialisiert worden. Ich muss also nicht unbedingt in jeder Debatte über die ungarische Politik emotional mitgehen und brauche mich, plakativ ausgedrückt, in der Diskussion nicht jedes Mal für „Fidesz“ oder „MSZP“ entscheiden, sondern kann auch mal einfach sagen: „Da stimmt was mit der politischen Kultur insgesamt nicht.“ Oder: „Bei diesem Thema halte ich es mit Fidesz, bei jenem mit MSZP.“

      Kurz: Ich antworte auf den gern erhobenen Vorwurf „Du denkst zu deutsch!“ (oder: „Du lebst nicht im Land, sprichst zu wenig Ungarisch“ usw.) einfach: „Ja, ich weiß, aber ich kann nicht anders. Seht’s positiv, vielleicht bringt es Euch sogar weiter, mal eine Außenperspektive zu hören.“ Natürlich wird man trotzdem dauernd festgenagelt. Sobald man die Glaubenssätze des einen politischen Lagers hinterfragt, wird man automatisch dem anderen zugeordnet, ob man nun will oder nicht. Das nervt immer mal wieder.

      Schließlich und endlich eine notwendige Relativierung: Ich denke, es kann sich lohnen darüber nachzudenken, durch welche Brille man schaut. Aber ich will nicht sagen, dass immer klar zwischen „deutschen“ und „ungarischen“ Brillen unterschieden werden kann oder das diese oder jene besser oder schlechter wären. Es dürfte bei jedem Einzelthema sogar sehr viele unterschiedliche „deutsche“ und „ungarische“ Brillen geben.

    • @Liliom: Natürlich, sonst würde mein Kommentar nicht eingerückt unter Ihrem stehen. Kann ja aber sein, dass ich Sie missverstanden habe.

      @Ungarnfreund: Das ist in der Tat ein interessanter Ansatz. Tatsächlich betrachte ich die Situation in Deutschland aus ähnlichem Blickwinkel, nur nicht aus so großer Distanz. Nichtsdestotrotz sollte man damit nicht übertreiben.Wenn Sie nämlich Ungarn ausschließlich aus dem deutschen Blickpunkt betrachten, also sozusagen deutsche Maßstäbe ansetzen, wird das mit Sicherheit zu Messfehlern führen. Denn Ungarn ist nicht Deutschland, wird es auch nie und soll es auch nicht werden. Ungarn hat eine andere Geschichte, eine andere kulturelle Identität und damit gegebenenfalls abweichende Werte. Beispiel: hätte man sich während der langen Phasen ausländischer Besatzung in der ungarischen Geschichte immer den ausländischen Wertvorstellungen gebeugt, dann gäbe es heute kein Ungarn mehr über das wir reden könnten. Stattdessen hat man gelernt, Wert auf die Erhaltung der eigenen Identität zu legen und eigene Wertvorstellungen zu entwickeln. Das hat durchaus auch über Jahrhunderte hinweg Spuren hinterlassen und zwar per Erziehung und über das Lernen über und aus der eigenen Geschichte. Und ob Sie das jetzt hören oder einsehen wollen oder nicht, in diesem Bereich hat meiner Meinung nach Ungarn Deutschland (das diese Lektion eigentlich nie lernen musste) tatsächlich etwas voraus. Und ehe man mir etwas über europäische Werte und Identität predigt, die können, ja sie DÜRFEN, die Werte der Mitglieder nicht außer Kraft setzen. Zumindest nicht ohne gesamteuropäische gesellschaftliche Diskussionen und die hat es meiner Meinung nach bislang nicht gegeben. So wird das jedenfalls nie was mit Europa.

  6. „Ich finde Kertész und seine Schriften wie auch seine Presse-Interviews meist ziemlich verstörend. Man fragt sich automatisch: Was haben sie ihm angetan, dass er solche Ansichten entwickelt hat?“

    @Ungarnfreund: da gebe ich Ihnen Recht. Mit Verlaub, aber aus diesem Grund spreche ich von Menschen wie Kertész oft als „Holokaustneurotiker“, da sich für sie, leider oft durch ihr frühes Schicksal bedingt, alles nur um das ihnen vor Jahrzehnten zugefügte Leid dreht.

    Der Begriff ist also durchaus nicht abwertend gemeint. „Holokaustneurotiker“ sind oft wirklich – seelisch kranke Menschen. Kertész ist das lebende Beispiel.

    Was ich vielen dieser Holokaustneurotiker anlaste:

    Menschen wie Kertész, Konrád György, Heller Ágnes, Demszky Gábor, Karl Pfeifer usw. haben meiner Meinung nach den Holokaust instrumentalisiert und zu einem Mittel der moralischen Erpressung Ungarns gemacht.

    Drücken sie jemandem den Stempel des Antisemitismus auf, ist derjenige, politisch zumindest, tot (ob berechtigt oder nicht). Das haben wir in den letzten 25 Jahren zig Mal in Ungarn miterleben dürfen.

    Freundliche Grüße

    PR

    • Herr Rieckmann, da stimme ich nicht zu.

      Menschen wie Kertész, die dem Holocaust nur um Haaresbreite entkommen sind, kann man m.E. nicht vorwerfen, dass sie das Erlebte thematisieren und mahnen. Sie sind naturgemäß empfindlich gegenüber Strömungen, die es – Jobbik, kuruc.info, Garden – aufgrund einer falsch verstandenen Meinungsfreiheit in Ungarn heute gibt. Ich akzeptiere das, finde es geradezu selbstverständlich. Jeder Mensch wird durch persönliche Erlebnisse geprägt.

      Dass der Vorwurf des Antisemitismus als argumentative Waffe eingesetzt wird, um jemanden aus dem Dialog auszuschließen, kommt durchaus vor. Das ist aber m.E. kein für Holocaust-Überlebende typisches Phänomen. Sie sind – von einigen Ausnahmen abgesehen – zumeist viel vorsichtiger mit Antisemitismus-Vorwürfen als jene, die denken, sich im politischen Grabenkrieg als „Gute“ definieren zu wollen, und es einzig darauf abgesehen haben, den Gegner zu stigmatisieren und unmöglich zu machen. Ágnes Heller redet m.E. viel dummes Zeug, sie hat aber nie behaputet, Orbán sei Antisemit. Das übernehmen andere Dummbeutel. Ich vermute, dass die meisten jener lauten Ankläger weder Überlebende des Holocaust noch Juden sind. Sondern sehr oft deutsche und österreichische Nichtjuden, die im Diskurs punkten oder ihr Gewissen beruhigen wollen, indem sie den Faschismus und Antisemitismus auch dort bekämpfen, wo es ihn nicht gibt. Ich denke, auch darauf spielt Kertész an, wenn er von Holocaust-Industrie spricht. Anders als Finkelstein, dessen Thesen ich für Blödsinn halte. Der identifiziert das Judentum und Israel als Initiatoren der von manchen als „Antisemitismuskeule“ bezeichneten Argumentationsweise. Falsch, finde ich.

      Ich finde es bemerkenswert, dass derjenige, der einen anderen zu Unrecht als Antisemiten bezeichnet, weit weniger der Kritik ausgesetzt ist als der Bezichtigte. Dem droht, politisch oder gesellschaftlich, das Aus. Woran das liegt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist es geradezu abenteuerlich.

      Was ich Kertész im Bezug auf Ungarn anrechne, ist, dass er – soweit ich das mitbekommen habe – sich nie an der dort so sehr verbreiteten historischen Aufrechnerei beteiligt hat. Er hat nie versucht, das Leid der Menschen während 40 Jahren Kommunismus zu bagatellisieren oder Rákosi zu verharmlosen, nie versucht, den Umstand zu verschweigen oder zu vernebeln, dass ranghohe Funktionäre des Stalinismus nun einmal Juden waren (und vermutlich, wie auch Krisztián Ungváry trefflich analysiert, von verständlichen Rachegefühlen geprägt waren, die ihrerseits in die Sackgasse führten). In dieser Debatte haben wir es bis heute mit Leuten zu tun, die dann, wenn man auf Rákosi als „Rosenfeld“ verweist und auch die beiden anderen des „Dreigestirns“, Gerö und Farkas, ins Spiel bringt, klandestinen Antisemitismus riechen. Warum? Weil es ja egal sei, ob Mörder und Verbrecher Juden waren oder nicht. Nun, genau das wage ich, im Bezug auf den Stalinismus zu hinterfragen. Ich vermute, dass der Umstand, damals Jude gewesen zu sein und das Leid von Millionen Juden bis 1945 mitzubekommen, ggf. sogar eigene Opfer in der Familie zu beklagen, das damalige historische Umfeld also, bei der Entscheidung, Kommunist zu werden, sich z.B. der AVH anzuschließen und tatsächlichen und (z.B. 1956) angeblichen „Faschismus“ zu bekämpfen, eine Rolle gespielt hat. Wer das in Abrede stellt, unterschätzt meiner Meinung nach persönliche Beweggründe und Motive. Und tut gerade so, als wären alle Kommunisten Idealisten auf der Suche nach der besseren Welt gewesen!

      Was angebliche „Neurosen“ angeht, sollten wir Spätgeborene sehr vorsichtig mit Vorwürfen sein. Wir haben das, was Kertész und andere erleben mussten, nie selbst durchgemacht. Gott sei dafür gedankt. Wir sollten also nicht über deren Weg, das Erlebte zu verarbeiten, vorschnell urteilen. Die Gefühle von Opfern zu beurteilen, steht nur den Opfern zu. Deutsche haben , sozusagen als „Schiedsrichter“, oft genug schon nach 1945 gesagt „ach, man muss doch auch vergessen können!“. Ich denke, das ist vollkommener Blödsinn. Man darf das Geschehene nie vergessen, sonst droht die Wiederholung. Man sollte die Vergangenheit aber auch nicht im gegenwärtigen politischen Diskurs missbrauchen.

      • @HV: Danke für die ausführliche Antwort. Ich habe dazu auch einige Gedanken. Erstmal:

        Bitte bedenken Sie, dass auch andere Menschen in Ungarn (viele alte Menschen zum Beispiel, die tagtäglich Opfer der Zigeunerkriminalität auf dem Lande werden) „das Erlebte“ thematisieren und damit mahnen.

        Nur – sie bekommen bei weitem nicht dieselbe mediale Aufmerksamkeit wie z. B. Personen jüdischer Abstammung (man berichtet meist nicht mal über sie).

        Darum geht es mir nämlich:

        Wenn jemand einem 90-jährigen Rabbi ins Ohr flüstert „Ich hasse Juden“, (wie unlängst mit József Schweitzer angeblich in Budapest geschehen) besucht ihn das ungarische Staatsoberhaupt persönlich. Ein äußerst unschöner Vorfall, ABER:

        Wann wird Staatsoberhaupt János Áder z. B. die Angehörigen des vor einigen Tagen ermordeten Priesters aus Cibakháza besuchen?*

        Ich sage es Ihnen: nie.

        Weil die Nachricht belanglos ist. Und zwar deshalb, weil der Täter Zigeuner ist und das Opfer Ungar.

        Wären das Opfer Zigeuner oder Jude: Ungarn wäre wochenlang einem internationalen medialen Orkan ausgesetzt. Jetzt kann man sagen: „Aber die Abstammung ist doch völlig egal.“ Im Prinzip schon, ist sie aber nicht, das sehen wir Tag für Tag am unterschiedlichen Echo, das bestimmte Handlungen in den Medien auslösen.

        Es ist dieser Umstand, den ich bedauerlich finde, dieses Messen mit zweierlei Maß, dieses schockierende Missverhältnis in der Wertung der Dinge.

        Und zu diesem Messen mit zweierlei Maß tragen die ungarischen Holocaust-Neurotiker (zu denen ich auch Paul Lendvai zähle) mit ihrer pausenlosen Anti-Ungarn-Hetze ganz erheblich bei.

        Und ja, HV, die Antisemitismus-Keule wird in Ungarn sehr wohl von vielen Menschen jüdischer Abstammung in ungerechter und diffamierender Weise eingesetzt (ja, auch von Heller Á.

        Was soll man z. B. zu diesem Satz sagen:„Orbán Viktor a populista céljai elérésére használja az antiszemitizmust, de ő maga nem antiszemita.“ – sie hat viele solcher Sätze losgelassen, ein wenig googeln bringt viel ans Licht).

        Und ja, HV, durchaus auch von Holocaust-Überlebenden, wie z. B. Imre Kertész. Hatte er doch schon 2009 die Frechheit, Folgendes zu behaupten: „Ungarn ist ein Land der Lügner und Antisemiten (2009).“**. Wenn es Ungarn gibt, die dieser kollektiv degradierende Satz beleidigt, haben sie dafür mein VOLLSTES Verständis.

        Oder denken wir an Ákos Kertész, der seine Landsleute vor ca. 2 Jahren en bloc als „genetisch minderwertig“ abgestempelt hat („A magyar genetikusan alattvaló“).

        Und er darf es, weil er jüdischer Abstammung ist. Jeder Andere wäre von der Presse für so eine Aussage in Stücke gerissen worden. Er nicht.

        Indem Personen, die die Holocaust- und Antisemitismus-Keule schwingen, soviel Aufmerksamkeit gewidmet wird, hält man den Rechtfertigungs- und Distanzierungszwang aufrecht, ca. nach dem Muster: „Du akzeptierst jetzt entweder, dass Heller zum X-ten mal mit der Antisemitismuskeule auf uns eingedroschen hat und hältst schön das Maul oder wir stigmatisieren Dich und Du bist ein Antisemit!“ Dann muss man sich distanzieren, schlucken und ruhig bleiben. Oder das Stigma bleibt (es lebe die Meinungsfreiheit!).

        Durch eine derartige Stigmatisierung werden bestimmte Themen zu Tabus.

        Viele Intellektuelle Ungarns sind meiner Meinung nach in großem Maße Schuld an dieser bedauerlichen Entwicklung, da sie, aus Furcht vor dieser Stigmatisierung, „mit den Wölfen heulen“ und sich nicht an eine differenzierte Sichtweise dieses Themas heranwagen.

        Tut mir leid, HV, aber für so pauschalisierende, dumme und undifferenzierte Aussagen wie die von mir oben als Beispiele angeführten (und es gibt noch unzählige davon) habe ich auch dann kein Verständnis, wenn sie von Holocaust-Überlebenden kommen. Irgendwo hört der Spaß auf.

        Wünsche noch einen schönen Tag:
        PR

        *http://nol.hu/mozaik/megoltek_egy_idos_papot_cibakhazan

        **http://mno.hu/migr/hazugok_es_antiszemitak_orszaga_kertesz_imre_a_magyarokat_szidja-272752

      • Herr Rieckmann, Sie vereinfachen die Dinge sehr stark und vergleichen Äpfel mit Birnen. Und Sie polarisieren unnötig.

        Der ehemalige Landesrabbiner Schweitzer ist ein hoch angesehener Mann. Sicher hat Áder ihn besucht, weil er ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen wollte. Aber er hätte das Gleiche vermutlich auch für Kardinal Erdö getan, wenn der auf offener Straße beleidigt und bedroht worden wäre. Hieraus eine Bevorzugung aus religiösen Gründen abzuleiten, halte ich für übertrieben. Wenn Sie etwas kritisieren können, dann vielleicht dass das Staatsoberhaupt sich „nur“ um andere Prominente kümmert, während „einfachen“ Opfern von Angriffen oder Verbrechen solche Ehre meist nicht zu Teil wird.

        Der ermordete Priester von Cibakháza tut mir genauso Leid wie Ihnen. Fraglich ist nur, ob man dem Andenken eines solchen Mannes dadurch gerecht wird, dass man wieder diese furchtbare Litanei von der „Zigeunerkriminalität“ bringt. In der von Ihnen verlinkten Pressemeldung findet sich kein Hinweis auf den ethnischen Hintergrund der mutmaßlichen Täter. Im Übrigen bin ich der festen Überzeugung, dass „Zigeuner“ nicht deshalb kriminell werden, weil sie „Zigeuner“ sind, sondern weil sie in tiefer Armut leben, ausgegrenzt und angefeindet werden. Diese ewige Gegenüberstellung von „Ungarn“ und „Zigeunern“ muss einmal ein Ende haben. Die ungarischen Roma bilden eine Minderheit, aber sie sind genauso Ungarn.

        Die Zitate der beiden Kertész oder Hellers sind gewiss nicht schmeichelhaft. Aber ich finde trotzdem, dass man drüber stehen kann, wenn man die Geschichte und die persönlichen Erfahrungen dieser Menschen bedenkt. Wahr ist leider auch, dass gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit, wie die Soziologen sagen, in Mittelosteuropa inkl. Ungarn vergleichsweise stark ausgeprägt ist. Homophobie, Antisemitismus usw. sind dort leider weiter verbreitet als im „alten“ Europa. Das muss man ganz nüchtern so feststellen. Vgl.: http://library.fes.de/pdf-files/do/07905-20110311.pdf.

      • „Sondern sehr oft deutsche und österreichische Nichtjuden, die im Diskurs punkten oder ihr Gewissen beruhigen wollen, indem sie den Faschismus und Antisemitismus auch dort bekämpfen, wo es ihn nicht gibt.“

        hv, hier sehen wir all‘ ihre inkompetenz und überheblichkeit in reinkultur. die meisten rechten sind im übrigen mit dem thema überfordert – sie sind also nicht allein. und dennoch befreit diese ungeeignetheit der meisten diskutanten (auch hier im blog) die welt nicht von deren beiträgen.

        wollen sie uns tatsächlich fehlerfrei weismachen, entscheiden zu können, wo es faschismus und antisemitismus gibt – und wo nicht?

      • Frau kulturkrampf, vor dem von Ihnen zitierten Satz steht: „Ich vermute, dass die meisten jener lauten Ankläger weder Überlebende des Holocaust noch Juden sind. Sondern (…)“ Ich vermute also, wollte mit meinem Kommentar daher niemandem etwas „fehlerfrei weismachen“ (welchen Sinn diese Wortkombination auch immer ergeben soll). Und ich wollte, auch wenn das Ihre Textanalyse ergeben haben sollte, auch nicht die Existenz von Antisemitismus und Rassismus generell in Abrede stellen. Der Rest Ihres Beitrags belegt verwunderlicher Weise genau jene Arroganz und Überheblichkeit, die Sie anderen vorwerfen. Vermeintlich „rechte“ haben ja keine Ahnung…

      • „fehlerfrei“ sollte vor „entscheiden“ stehen. ich hatte den text nochmal geändert und vergessen dieses wort zu verschieben.

        wie stehen sie zu der aussage, dass rechte sich eigtl lieber nicht öffentlich mit dem thema befassen sollten, da ihre thesen und bemühungen fast immer auf exklusion anderer und/oder anderem beruht?

      • Ich halte diese These für arrogant und falsch. Nicht nur, dass ich gegen Verbote der öffentlichen Äußerung bin. Ihre These anzuwenden bedeutete, jeden aus der Diskussion auszuschließen, der angeblich rechts ist. Aber das wollen Sie vermutlich. Entscheiden würden das vermutlich auch Sie, wie man an Ihren Beiträgen erahnen kann. Willkommen in der Demokratie.

        Dass jeder Ihrer Beiträge, jede Ihrer Aussagen wie ein Bumerang auf Sie zurückfällt, sehen Sie vermutlich nicht. Glauben Sie, dieser Tonfall ist Ihnen gestattet, weil Sie nicht „rechts“ sind? Und mühen Sie sich nicht: Ich erwarte von Ihnen keine sinnvolle Antwort.

      • Die gute Frau greift HV ad hominem an Ihre Argumente sind Inkompetenz, Überheblichkeit, Weltoffenheit und Eigenlob. Ihr Fazit: „die Rechten” sind mit dem Thema Faschismus und Antisemitismus überfordert.

        Der gute Mann ist ihr von Natur aus eigentlich gar nicht gewachsen. Kulturell entwickelt sie sich in Richtung Monster, nicht zu reden von ihrem Intellekt …

  7. Es fällt mir schwer, Ungarnfreunds Einlassungen zu Kertész kommentarlos zur Kenntnis zu nehmen. Andererseits habe ich keine Lust, ihn noch einmal seelischer Quälerei auszusetzen, nachdem er wiederholt eingestanden hat, meinen Ausfälligkeiten nicht gewachsen zu sein.. Und schon gar nicht möchte ich, dass er sich wieder als Opfer versteht. Ich bin kein Sadist. Deshalb schweige ich zu seinem unsäglichen Kommentar.

    Gott sei Dank!
    HV hat inzwischen ausgesprochen, was zu Kertész unbedingt gesagt werden muß:
    „Wir haben das, was Kertész und andere erleben mussten, nie selbst durchgemacht.”

    Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Was Kertész erlebte, war die Auslöschung des Lebens anderer. Er hat im Namen der Toten erzählt.

    Ich bin mir darin nicht ganz sicher, stilistisch gesehen handelt es sich aber bei den Wortverbindungen „Holocaust-Industrie“ oder „Holocaust-Clown“ nicht um Worthülsen, sondern um sehr gewagte Zusammenstellungen sich beißender Begriffe, um die rhetorische Figur des Oxymorons.

    Die ’Banalität des Bösen’ ist in meiner Welt zur Redewendung verkommen und wird längst als Gewißheit gehandelt.

    Das Verfahren gegen jenen Bischof, der wegen Volksverhetzung vor Gericht steht, denn er leugnet, dass Abermillionen Juden durch Vergasung in Gaskammern industriell ermordet worden sind, geht in meiner Stadt nunmehr in die fünfte Runde.
    http://www.merkur-online.de/aktuelles/bayern/holocaust-leugner-williamson-erneut-gericht-3101062.html

    Auf meiner Brücke, die sich in Prüfening über die Donau spannt, laufen täglich zig normale Menschen an einem Hakenkreuz vorbei, das vor Jahren auf eine Stahlstrebe gesprüht wurde.

    Das alles verstört mich. Wenn die ganz Normalen Imre Kertész jetzt für senil, verrückt oder gar für beides zugleich halten.

    „Sein eigentliches großes Lebensthema war einzig der Totalitarismus und das, was er aus dem Menschen macht – die unendliche Biegsamkeit des Menschen.”

    Er sei der >>“Holocaust-Clown“ der Deutschen<< ist ein credo, quia absurdum.

    Das muss die ganz Normalen quälen. Begreifen können sie es nicht.

    Sonst hat HV alles ausgesprochen, was unbedingt gesagt werden muss. Danke.

  8. Homophobie, Antisemitismus usw. sind dort leider weiter verbreitet als im “alten” Europa. Das muss man ganz nüchtern so feststellen.

    Na, ungarnfreund
    da bin ich mir aber nicht sooo sicher. Allerdings eines muss man dem „alten“ Europa zugestehen: Man ist besser im „Verpacken“ des Ganzen.
    Aber Ungarn ist lernfähig.
    Ich denke da nur an die „A Haza nem eladó“ Bewegung. Die wird zwar ganz gerne mal in der Presse (wenn es sich mit einem Seitenhieb auf Orban verbinden lässt) hochgejubelt, man im Endeffekt aber dann doch nicht umhinkommt zu erwähnen, dass die Bewegung nicht ganz das zu sein scheint, was sie vorgibt.Aber so lassen sich die Leute leichter einwickeln und es fällt keinem so schnell auf, worum es eigentlich geht.

  9. Nochmal für alle, die meinen, Kertész hätte im Interview auch nur ein Quentchen Neues gesagt. Ihnen sei sein Essay „Wem gehört Auschwitz?“ empfohlen.

    „Ein Holocaust-Konformismus entwickelte sich, ein Holocaust-Sentimentalismus, ein Holocaust-Kanon, ein Holocaust-Tabusystem (…); Holocaust-Produkte für den Holocaust-Konsumenten wurden entwickelt. (…) Inzwischen kennen wir einen mit Literatur- und Menschenrechtspreisen überhäuften Holocaust-Guru (…). Inzwischen leben wir inmitten von dinosaurierhaftem Spielberg-Kitsch (…); und man wird sehen, es kommt die Zeit, da die Berliner und natürlich die dorthin verschlagenen Fremden (…) in peripateische Betrachtungen versunken und umbraust vom Berliner Verkehrslärm in dem mit Kinderspielplatz ausgestatteten Holocaust-Park spazierengehen (…)“

  10. „Diese ewige Gegenüberstellung von “Ungarn” und “Zigeunern” muss einmal ein Ende haben. Die ungarischen Roma bilden eine Minderheit, aber sie sind genauso Ungarn.“

    Stimmt, HV, aber Sie wissen genauso gut wie ich, dass sich die deutschsprachigen und ungarischen Medien dankbar auf Fälle stürzen, in denen ein Ungar der Täter und ein Zigeuner das Opfer ist – interessanterweise weiß man bei ungarischen Tätern immer sofort, dass es sich um Ungarn handelt. Umgekehrt scheren sie sich nicht drum und der Fall ist es nicht Wert, dass man darüber berichtet („nincs hírértéke“).

    HV, ich stimme Ihren Argumenten zu – im Prinzip –, Die Wirklichkeit sieht aber anders aus, z. B. so, dass man sich von Kertész und den anderen Holocaust-Neurotikern gefallen lassen muss, pauschal als „antisemitisch“ abgestempelt zu werden.

    Nein, HV, dies darf man nicht hinnehmen und ich werde gegen unverschämte und beleidigende kollektive Schuldzuweisungen wie diese immer mein Wort erheben, auch wenn sie von 100 Holocaust-Überlebenden und Roma-Menschenrechtlern zugleich kommen.

    Dass Menschen wie Kertész Imre, Heller Ágnes und Konrád György nach Belieben gegen Andersdenkende rumwüten und hetzen können wie sie wollen, muss ein Ende haben.

    Die „gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit“, die Sie erwähnen, wird ja zum Teil gerade von der Ignoranz, mit der die von mir angesprochene Clique den Holocaust- und Antisemitismus-Hammer schwingt, ausgelöst. Ich finde, es ist wichtig, dass wir uns das mal bewusst machen.

    Das geht nur, indem wir (auch auf die Gefahr der Stigmatisierung hin) Zivilcourage an den Tag legen, und gegen pauschalisierende, kollektive und ungerechtfertigte Antisemitismus-Vorwürfe von Seiten der Holocaust-Neurotiker so oft wie möglich unsere Stimme erheben.

    Ich sehe keinen anderen Weg, gegen diese Hauptakteure der Holocaust-Industrie wirksam vorzugehen.

    Freundliche Grüße

    PR

  11. Die aussagekräftigsten Sätze sind für mich diese:

    ZEIT: Und Sie sind Teil dieses Erinnerungsbusiness?
    Kertész: Man macht mit den Menschen, was man will.
    ZEIT: Sie hätten sich verweigern können.
    Kertész: Auch der Zweite Weltkrieg hätte nicht stattfinden müssen.

    Muss das nicht für Kertész ein Déjà-vu sein? Die Maschinerie damals und die heute haben die selbe Funktion. Man stellt sich nicht gegen den, alles niederwalzenden Strom der Macht, doch man sollte es. Wie sieht es mit Ihnen aus Herr HV., sehen Sie das Niederwalzen in Ungarn? Sind Sie Teil dieses Business?

    • „ich sage, dass die Qualität dieser Gesellschaft noch nie so schlecht war wie jetzt – nicht nur der Staat, sondern auch die Gesellschaft.“

      Ich aber sage aufgrund der ärmlichen Probleme, mit denen Dalos seine Leser zumüllt, die Qualität ungarischer Literatur war noch nie so schlecht.

      Wer die Lebenswirklichkeit des Sozialismus noch kennenlernen durfte, fasst sich bei Dalos einfach nur noch an den Kopf.

  12. Pingback: Imre Kertész ist tot – Hungarian Voice – Ungarn News

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