Navracsics und Martonyi betonen Ungarns Mitverantwortung am Holocaust

Der stellvertretende ungarische Ministerpräsident Tibor Navracsics und Außenminister János Martonyi haben auf der in Budapest stattfindenden Konferenz „Jüdisches Leben und Antisemitismus im heutigen Europa“ die Mitschuld Ungarns am Holocaust betont.

In seiner am Dienstag gehaltenen Rede sprach Navracsics davon, das Land habe sich im Jahr 1990 der Tatsache gegenüber gesehen, dass der ungarische Staat sich gegen seine Mitbürger gestellt, sogar an ihrer Ermordung mitgewirkt habe. Diese Verantwortung müsse man akzeptieren. Ungarn habe aus der Vergangenheit gelernt und beschütze seine Bürger vor jenen, die Hass säten.

Am heutigen Mittwoch betonte Martonyi in der Abschlussrede, der ungarische Holocaust sei das größte nationale Trauma, denn er sei von Ungarn gegen Ungarn verübt worden. Und weiter: „Wir erkennen die Verantwortung an.“

Die zweitägige Konferenz, die vom Tom Lantos Institut organisiert wurde, fand im ungarischen Parlamentsgebäude statt. Als Eröffnungsredner war ursprünglich Ministerpräsident Viktor Orbán angekündigt, der jedoch wegen einer Verletzung ausfiel.

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18 Kommentare zu “Navracsics und Martonyi betonen Ungarns Mitverantwortung am Holocaust

  1. Englische Zusammenfassungen der beiden Reden sowie ein Video der auf Englisch gehaltenen Rede Martonyis sind auf der Internetseite der ungarischen Regierung verfügbar:

    http://www.kormany.hu/en/ministry-of-public-administration-and-justice/news/deputy-prime-minister-delivers-speech-at-conference-on-anti-semitism

    http://www.kormany.hu/en/ministry-of-foreign-affairs/news/minister-martonyi-holocaust-has-been-the-greatest-trauma-for-the-nation

    Ich würde jedem, der dieser Regierung pauschal Antisemitismus vorwirft, empfehlen, sich mit diesen Reden auseinander zu setzen. Darin wird nichts beschönigt oder verschwiegen, sondern es wird ganz klar historische Verantwortung übernommen. Was noch stärker hätte betont werden können, ist die Notwendigkeit eines überparteilichen Konsenses und der Verzicht auf eine Instrumentalisierung der Geschichte für tagespolitische Zwecke. Möge Navracsics‘ Vision vom Aufbau einer Gesellschaft guten Willens in Erfüllung gehen.

  2. „… Notwendigkeit eines überparteilichen Konsenses …“
    Gewiss doch, Herr Ungarnfreund, die sollen endlich mal historische Verantwortung übernehmen, die ungarischen postkommunistischen Sozialisten oder Bajnais Wer-hat-am-letzten-Spieltag-nichts-zu-feiern-Mannschaft? Oder haben Sie an die Jobbik-Cornichons gedacht ? Dass die endlich die historische Verantwortung für den K.u.K Antisemitismus und alles, was daraus wurde, übernehmen?
    Warum pochen Sie eigentlich immer auf Übereinstimmung der Meinungen?
    Wenn ich auf Wikipedia lese, was inzwischen alles Gegenstand der Antisemitismusforschung ist, begnüge ich mich bis auf Weiteres mit meiner eigenen Meinung und freu mich, sie mit niemandem teilen zu müssen, vor allem nicht mit politischen Parteien, die für Nix stehen.
    (Selbst der Cavaliere hat diese Woche im Senat für das Scheitern seines Umsturzversuchs gestimmt, angeblich, um Schlimmeres zu verhindern. War es das, was Sie mit „Notwendigkeit eines überparteilichen Konsenses“ meinten?)

    • Einfache Frage, einfache Antwort: Nein, das meinte ich nicht, Herr Herche. Ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen!

      • Sie bleiben Ihrem hehren Ziel treu? Sturz des gegenwärtigen Regimes um jeden Preis?

        (OT @Ungarnfreund und alle Insider – Weiß man inzwischen, wen alles die Linke-Geschäftsführerin in Westberlin damals angeworben hat? Dem nachzugehen, wäre doch auch mal interessant. Wie stehen die einst im Geltungsbereich des Grundgesetzes vom MfS angeworbenen Bürger heute eigentlich zu Ungarn? Hubertus Knabe – der wohl eher von der HA II beobachtet wurde, als dass er denen zugearbeitet hätte, schrieb damals sogar ’nen Ungarn-Reiseführer. http://ecx.images-amazon.com/images/I/41EJhnLpgBL._SL500_.jpg
        Kampa hat zu ihrer Überraschung aus der Zeitung erfahren, dass sie zuletzt Inoffizielle Mitarbeiterin der HA II, Spionageabwehr Bruderländer war. Das wäre doch ein Zeichen gegen das Vergessen, wenn nicht nur die Kampa in der Zeitung lesen müsste, wofür sie bis heute keine historische Verantwortung tragen will. Haben Sie nähere Informationen, Ungarnfreund? Bei Ihren Kontakten! Wer drückt sich noch vor der historischen Verantwortung für das Elend, das uns allenthalben begegnet. Bin Ihnen als DLKK – Der Letzte Kalte Krieger – wie immer und Weiterhin sehr verbunden.)

      • Fürs Protokoll, Herr Herche: Regierungswechsel finden in Demokratien im Allgemeinen durch Wahlen statt; ich bin in Ungarn nicht wahlberechtigt. Ihre ewigen und oberfiesen „Zersetzungsversuche“ mittels dubioser Stasi-Anspielungen fallen im Übrigen auf Sie selbst zurück. Sie zeigen damit nur, dass Sie aus der Geschichte des Kommunismus nichts gelernt haben. Sonst würden Sie sich menschlicher verhalten.

      • Lieber Ungarnfreund, lassen Sie mich in medias res gehen, damit wir es hinter uns bringen. Ja, ich bin in jeder Hinsicht ein Fiesling. Das lasse ich mir von einem Mistkerl Ihrer Couleur gern nachsagen.
        Ihren frommen Wunsch, nämlich Ungarn (recte Orbán und seine Parteigänger) sollte endlich die historische Verantwortung für die Annihilation abertausender Menschenleben im 20. Jahrhundert übernehmen, teile ich. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Wenn die Jüdische Gemeinde in Rom jetzt vorschlägt, die sterblichen Überreste jener Kultfigur der Neonazis nicht in Italien, sondern in Deutschland beizusetzen, würde ich vorschlagen, Erich Priebke in Ungarn zu entsorgen.
        http://www.faz.net/aktuell/politik/kriegsverbrecher-juedische-gemeinde-in-rom-priebke-in-deutschland-beisetzen-12616087.html

        Um an Ungarn ein Exempel zu statuieren.

        Das wäre doch mal ein echter Schritt in Richtung NS-Vergangenheitsbewältigung. Oder etwa nicht?

        (Siehste, lieber Ungarnfreund, fies geht auch ohne dubiose Stasi-Anspielungen)

      • Ach, Fiesling ist erlaubt, Mistkerl jedoch nicht. Na gut, beim nächsten Mal bin ich vorsichtiger in meiner Wortwahl.

        Wenn ich Mistkerl nicht mehr sagen darf, frag ich mich, wie ich einen Fiesling nennen kann, der Sätze wie diese generiert: Regierungswechsel finden in Demokratien im Allgemeinen durch Wahlen statt.

        Ahso, sag ich mir da. Wir haben es hier mit einem fiesen Satzgenerator zu tun, einem Satzbilder.

        Als Einer mit Hang zum Derben frag ich mich nur, wie kommen Regierungen im wirklichen Leben zustande. 1966 zum Beispiel, wo doch gar nicht gewählt worden war, wie kam es da zum Regierungswechsel?

        Also, Kanzler wurde am 1. Dezember 1966 z.B. das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger, der mit dem ehemaligen NSDAP-Mitglied, dem SPD-Politiker Schröder als Wirtschaftsminister, mit Plisch und Plum und Brandt als Außenminister und Vizekanzler Deutschland im Sinne der Alliierten regierte.
        So sah sie aus, die Volonté générale von damals: http://www.hdg.de/lemo/objekte/pict/KontinuitaetUndWandel_karikaturMurschetzPlischUndPlum/index.jpg

        Oder nehmen wir ein ungarisches Beispiel. Gyurcsány kam nach dem Sturz Medgyessys aber vor der Wahl 2006 an die Macht. Bajnai wurde nach dem Sturz Gyurcsánys aber vor der Wahl (Orbáns) an die Regierung.

        Fürs Protokoll: Regierungswechsel finden in Demokratien im Allgemeinen nach (!) Wahlen oder vor (!) Wahlen statt.

        Was sagen uns nichtssagende Sätze? Nichts.

        Und dennoch sagt der viel, der „Mistkerl“ sagt.

      • „Peter Herche“, es sei Ihnen gegönnt, dass Sie das Absurde lieben, jedes Argument, das Ihnen nicht passt, aus dem Zusammenhang reißen und verdrehen, dabei mal den zeitlosen Anti-Kommunisten und mal den abgehalfterten Germanisten herauskehren. Aber was wirklich nicht akzeptabel ist, sind ihre persönlichen Attacken, ihr perfides Gemunkel und ihre aus der Luft gegriffenen Unterstellungen. Da hört für mich der Spaß auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie es mögen würden, wenn Ihnen jemand –sagen wir mal– eine NS-Vergangenheit, Kontakte zu den Roten Khmer oder ähnlichen Schwachsinn andichten würde. Wenn Sie partout nicht in der Lage sind, einen respektvollen Ton zu finden, sehe ich keine Veranlassung zu weiterem Austausch mit Ihnen.

      • Ungarns-„Freund“, Ich bin im Gegensatz zu Ihnen an weiteren Schlagabtäuschen interessiert.

        Im Austausch gegen Ihre Entwertung, ich würde hier den „abgehalfterten Germanisten“ herauskehren, biete ich Ihnen die Wortschöpfung „einschlägige Fachliteteratur” an. Wenn Sie das für akzeptabel halten, können wir uns – ohne den guten Ton zu verletzen – z.B. über „Reduplikation” oder „Entwertung” unterhalten. Ich sehe mich dazu in der Lage, denn ich komme mit primitiven Abwehrmechanismen inzwischen ganz gut zurecht, jedenfalls, seitdem ich weiß, dass die Idealisierung den Gegenpol zur Entwertung bildet. Nur mit Idealisierungen z.B. der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit oder der Politik von Angela Merkel kann ich noch nicht umgehen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich so gut wie keine Neidgefühle mehr habe und einigermaßen frei von Verlust- und Abhängigkeitsängsten bin. Ich brauche keine Schutzmechanismen, um mein Selbstwertgefühl auf Kosten anderer EU-Länder zu stabilisieren.
        Allerdings, das gebe ich zu, ärgert es mich jedes Mal, wenn ich Sie dabei ertappe, wie Sie Ihre Weltsicht auf Kosten des Ihnen doch offensichtlich in der Seele fremden ungarischen Volkes festigen.

        Nein, wenn Sie meinen, dass Deutschland sich seiner „historischen Verantwortung“ gestellt hat, weil es die „Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ als Instanz zur Vergangenheitsbewältigung und Ruth Kampa als Beisitzerin des Bundeswahlausschusses gibt, nein, solange Deutsche meinen, dass Deutschland sich seiner „historischen Verantwortung“ gestellt hat, weil es die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ als Instanz zur Vergangenheitsbewältigung und Ruth Kampa als Beisitzerin des Bundeswahlausschusses gibt, nein, solange Deutschland sich, solange sind Ihre Blog beiträge zu Ungarn inhaltlich gesehen und pauschal gesagt einfach völlig daneben, wessen Sie sich offensichtlich nicht gewahr sind.

        Der Spaß hört bei Ihnen genau da auf, wo er bei mir erst losgeht.

        Was daran liegen mag, dass es Ihnen nicht nur an Erfahrung, sondern auch an der nötigen Vorstellungskraft fehlt.
        Ich jedenfalls habe laut lachen müssen, als ich in einem Stasi-Dokument vom 23.04.1975 als „Fragestellungen zu Herche” unter den Punkten 9 und 10 im Wortlaut das Folgende fand:
        „9. Gibt es Tentenzen zur Verherrlichung des Faschismus und Militärismus ?
        – ist er im Besitz alter Orden, Hakenkreuze, Fahnen, Büchern u.s.w.
        – ziegte er diese schon im Kollektiv ?
        10. Verherrlicht er bei Filmen oder im politischen Veranstaltungen den Faschismus ? wie, wo wann, wer war dabei ? “

        Ich meine, wenn ein DDR-Oberstleutnant des MfS namens Wagner sich nicht an Wörtern wie „Tentenzen“ und „Militärismus“ gestoßen hat, muss ich mich auch nicht für die posttraumatische Reduplikation in „einschlägige Fachliteteratur” schämen.

        Bei mir hört der Spaß erst bei Gregor Gysi auf. Und weil Sie in diesem Blog mal in etwa die Auffassung äußerten, die Partei „Die Linke” habe in Deutschland doch tatsächlich eine Daseinsberechtigung, kann ich mir gut vorstellen, dass Ihr Weltbild neben den Idealisierungen des Wolf-Ersatzes eben auch Entwertungen braucht, um Ihr Selbstwertgefühl stabilisieren zu können.

        Um es auf den Punkt zu bringen: Es wäre mir lieber, wenn Sie mich als Projektionsfläche akzeptieren könnten, jedenfalls solange Ungarn bei Ihnen nur als Mülleimer für Ihr anstudiertes Wissen herhalten muss.

      • Nur das Nötigste als Replik: Sie ertappen hier niemanden, Herr „Herche“, Sie konstruieren, verzerren und unterstellen. Dabei sind Sie vollkommen unfähig, Zwischentöne, Nachdenklichkeit oder fragende Suche nach der Wahrheit zu erkennen. Das ist hier der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Sie haben ein Problem mit der Politik von Frau Merkel, aber offenbar nicht mit der von Herrn Orbán. Und wer Ungarn nicht mit einer bestimmten Partei als selbst ernannter Pächterin der historischen Moral gleichsetzt, gar für Verständigung über parteipolitische Gräben eintritt, der hat Ihrer Meinung nach natürlich nichts verstanden – da lachen ja die Hühner. Zur Linkspartei habe ich übrigens gesagt, dass ich die nicht wählen würde, aber damit klar komme, dass es sie gibt. Ihre McCarthy-mäßige Kommunistenfresserei ist genauso lächerlich wie Marsovszkys Versessenheit aufs Völkische.

      • Danke für Ihre notige Replik, lieber Ungarnfreund. Dass Sie – neben der Diagnose auf Orbánhörigkeit – mir differentialdiagnostisch auch „ McCarthy-mäßige Kommunistenfresserei” attestieren, soll dahingestellt bleiben. Was mir aber zu denken gibt, ist Ihre Anwendung des antijüdischen Stereotyps „historische Moral” auf die Partei Fidesz.
        Es ist schon bedenklich, wer alles auf die begrifflichen „Ausdünstungen” Leo Trotzkis zurückgreift.

        http://www.hagalil.com/archiv/98/09/austria-3.htm
        http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/moral/moral.htm

        Apropos „Kommunistenfresserei”, meine Vorfahren stammen alle aus Afrika und kamen als mäßige Kannibalen nach Europa. Anerkannte Hypothesen gehen davon aus, dass die Kommunistenfresserei durch genetische Disposition in Kombination mit äußeren Einflüssen erworben wird. Großer Gott, meine kannibalistische Neigung ist therapierefraktär.

  3. Die vollständige Rede von Navracsics (auf Ungarisch):

    Eine sehr wichtige, sehr gute Rede. Da die deutschsprachige Öffentlichkeit über das Thema Antisemitismus in Ungarn durch die Medien umfangreich informiert wird, wäre es eigentlich logisch, dass auch diese Rede hie und da erwähnt wird. Bis jetzt ist es nicht der Fall. Eine einzige Ausnahme habe ich gefunden:
    http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1459408/VizePremier-Ungarn-fuer-Holocaust-mitverwantwortlich

  4. Großartig! Menschlich! Intelligent!
    halász, danke für die bemerkenswerte Rede von Navracsics!

    Die Buchstabenkünstler im Westen werden
    leider nichts, aber auch gar nichts verstehen,
    denn sie verstehen die Sprache der Ungarn nicht!

    Sie werden ihre unkritischen Leser wieder füttern mit realitätsfernen
    Berichten, versuchten Feststellungen und Fixierungen.

    2014 ist Wahljahr.
    Sie werden wieder ein Bild von Ungarn malen, obwohl sie den Pinsel
    nicht mal richtig halten können.
    Eine solche Rede bekommt in den westlichen Medien keinen Raum.

  5. Pingback: Holocaust-Gedenkjahr: Ágnes Heller spricht von “Leichenfledderei” | Hungarian Voice - Ungarn News

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