„Jüdisches Leben und Antisemitismus im heutigen Europa“: Rede von Vize-Ministerpräsident Tibor Navracsics

Der stellvertretende ungarische Ministerpräsident Tibor Navracsics sprach (in Vertretung des wegen einer Operation abwesenden Premiers Viktor Orbán) als Eröffnungsredner auf der in Budapest abgehaltenen Konferenz „Jüdisches Leben und Antisemitismus im heutigen Europa„. Die Rede, die trotz der gesteigerten Aufmerksamkeit in der internationalen Presse im Bezug auf das Phänomen des Antisemitismus in Ungarn bislang überraschender Weise fast keine Aufmerksamkeit erregte (keine deutsche Publikation berichtete), gebe ich nachfolgend ins Deutsche übersetzt wieder:

Sehr geehrte Anette und Cathrine Lantos,
sehr geehrter Herr Lapid,
verehrte Damen und Herren,

Ungarn ist die Republik der anständigen Menschen. Eine Gemeinschaft, in der wohlwollende Menschen für gemeinsame Ziele arbeiten. So jedenfalls würden wir es gerne im Jahre 2013 sehen. Die Frage ist, ob diese These den Tatsachen entspricht, ob wir vom heutigen Ungarn wirklich sagen können, dass es die Republik der anständigen Menschen ist, in der wir alle, unabhängig von unserer Weltanschauung, Rasse, Religion und unserem Geschlecht, die Themen der Welt diskutieren, miteinander streiten, unsere Sichtweisen gegenüberstellen, manchmal auch wütend miteinander zoffen können, aber stets mit dem Ziel, Ungarn zu einem besseren Platz in der Welt zu machen. Zu einem besseren Platz für alle. Alle, die Bürger Ungarns sind, sich als solche fühlen, oder aber Menschen, die gerne in Ungarn leben möchten, aber Bürger eines anderen Landes sind.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin Vertreter einer Generation – geboren 1966 -, die die Zeit des Holocaust nicht selbst erlebte. Meine Altersgenossen und ich wurden 20 Jahre Jahre nach 1945 geboren, eine Generation trennte uns vom Holocaust und einem Kapitel in der Politik Mittelosteuropas, die in rationalen, kühlen und wissenschaftlichen Kategorien nicht beschrieben werden kann. Wir konnten höchstens Zahlen, statistische Daten und manche Details zum System kennenlernen, aber nur die Literatur veranschaulichte den Wahnsinn. Sie beschrieb uns, was es bedeutet, wenn der menschliche Geist die gesellschaftlichen Regeln, den gesunden Menschenverstand und die alltägliche Vernunft über den Haufen wirft, um dann in einem selbstzerstörerischen Amoklauf zu münden. Und was es bedeutet, wenn ein Staat sich gegen die eigenen Bürger wendet, und Entscheidungen trifft, die zur Folge haben, dass brave Bürger aus der Gesellschaft ausgegrenzt, und dann der Vernichtung – zuerst seelisch, dann körperlich – preisgegeben werden.

Wer ungefähr so alt ist wie ich, der weiß wohl, dass die seinerzeit verwendeten ungarischen Geschichtsbücher nicht gerade breit über die positiven Aspekte des ungarisch-jüdischen Zusammenlebens berichteten. Es wurde eher geschwiegen. Zwar kamen das Schicksal und die Standpunkte des ungarischen Judentums hier und da zum Vorschein, etwa bei der jüdischen Emanzipation, der Einführung der bürgerlichen Ehe und dem Holocaust. Die Zeit davor und danach spielte aber keine Rolle. Wir lernten nicht aus den Geschichtsbüchern, dass Ungarn seit Anbeginn eine multinationale und multikulturelle Gemeinschaft war, in der neben Slawen, Rumänen und Deutschstämmigen auch Juden lebten, das Gemeinwohl mehrten, ihren Teil zu unserer gemeinsamen Kultur beitrugen und das Leben unserer Vorfahren lebenswerter machten. Wir konnten das nur aus persönlichen Erlebnissen lernen. Ich erinnere mich etwa daran, dass mein Vater, der in Balatonberény aufwuchs, mir erzählte, dass ein Junge mit ihm in die Klasse ging, dessen Vater, ein Mann namens Braun, den örtlichen Laden besaß. Der Junge kam eines Tages nicht mehr in die Schule. Der Laden war geschlossen, die Familie Braun ward nie mehr gesehen. Auf die Frage, was mit ihnen geschehen sei, kam nur nervöses Schweigen und die Worte, das solle man besser nicht fragen, die Brauns seien bestimmt weggezogen. Als wir dann im Jahre 1979 einen Familienausflug nach Polen unternahmen und auch das Konzentrationslager Auschwitz besuchten, fanden wir unter den Namen der ungarischen Opfer die gesamte Familie Braun. Das war meine Begegnung mit dem Holocaust.

Nach 1990 gab es dann plötzlich einen Zeitpunkt, in dem wir uns mit der Verantwortung des ungarischen Staates auseinandersetzen konnten, schließlich durfte man auf einmal darüber sprechen, darüber diskutieren. Das Erlebnis war jedoch wie eine Überdosis. Denn wir hatten nicht gelernt, dass der ungarische Staat für den Holocaust verantwortlich war. Man hatte uns beigebracht, dass es „die Horthy-Faschisten“ gewesen seien, eine abgegrenzte Sorte Mensch, mit der wir uns nicht mehr zu befassen brauchten, denn diese Phase habe mit dem Sieg der Kommunisten im Jahr 1945 geendet. Ungarn sei über all das hinweg. Im Jahr 1990 erfuhren wir dann plötzlich, dass das alles nicht stimmte. Wir erfuhren, dass jener ungarische Staat, der die Institutionen betrieben hatte, sich gegen seine eigenen Bürger gewendet und sogar zu deren Vernichtung beigetragen hatte.

Minister Lapid sagte, er wolle nicht unhöflich dem Hausherrn gegenüber sein, aber er müsse aussprechen, dass auch die Ungarn für den Holocaust verantwortlich seien. Ich sage Ihnen als Hausherr, dass Sie nicht unhöflich waren. Wir wissen, dass wir für den Holocaust verantwortlich sind. Und wir wissen auch, dass ungarische staatliche Einrichtungen mitverantwortlich waren. Mir als Verwaltungs- und Justizminister würde es leicht fallen, die Verantwortung abzuschieben in der gleichen Weise, wie man uns in den 70ern und 80ern beibrachte, die Verantwortung abzuschieben: Mit Worten wie „das waren wir nicht, das waren andere, wir brauchen uns damit nicht zu befassen“. Doch, das müssen wir. Denn wir wissen, auch wenn meine Familie  – dem Himmel sei Dank! – nicht selbst betroffen war, dass es Ungarn waren, die die Taten begangen. Und Ungarn, die darunter litten. Ungarn haben geschossen, und Ungarn sind gestorben. Und mit dieser Verantwortung müssen wir uns befassen, hier in Ungarn, in ganz Mittelosteuropa. Wir müssen die Symbole der Erinnerung und die Spuren suchen, ebenso wie die Überlebenden, denen gegenüber wir vielleicht ein wenig die Versäumnisse der Vergangenheit wieder gut machen können. Vielleicht können wir wenigstens dafür sorgen, dass die Erinnerung bleibt. Nicht einmal das geht so einfach. Ich kann Ihnen zwar darüber berichten, dass wir – und damit meine ich Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Regierungen gleichermaßen – Einiges dafür getan haben, dass die Opfer des Holocaust eine finanzielle Entschädigung bekommen. Und dass die Symbole des ungarischen Judentums wieder öffentlich wahrgenommen werden können. Zugleich ist uns bewusst, dass es an Vielem fehlt.

Sie wissen sicher, dass wir in Ungarn seit dem Jahr 2000 am 16. April einen eigenen ungarischen Holocaust-Gedenktag begehen (zusätzlich zum europäischen). Im Jahr 1999 entschieden wir, dass wir ein Holocaust-Gedenkzentrum schaffen wollten, dieses wurde im Jahr 2004 in der Synagoge in der Pávastraße eingeweiht. 2002 wurde das „Haus des Terrors“ eröffnet, um den Besuchern die schlimmsten Episoden der ungarischen Geschichte näher zu bringen. Darüber hinaus haben wir versucht, die Zeichen jüdischer Kultur vor Ort wiederzubeleben: Im Jahr 2000 wurde die Synagoge in Jánoshalma renoviert, im gleichen Jahr wurde die Jüdische Sammlung in Balassagyarmat der Öffentlichkeit übergeben, 2002 folgte die Synagoge von Makó. 2012 wirkten wir an der Organisation des Wallenberg-Gedenkjahres mit, und mit Wirkung vom 1. Januar 2013 wurde die Zusatzrente für Holocaustüberlebende um 50 Prozent erhöht. Wir versuchen, in Kenntnis unserer Verantwortung, uns die Erinnerung und die Überlebenden zu erhalten.

Die Symbole der Erinnerung können natürlich nur erhalten werden, wo es sie noch gibt. Denn während wir in Budapest den aus- und inländischen Touristen stolz die Tradition des ungarischen Judentums zeigen können, gibt es auch Städte, in denen es keine Spuren mehr davon gibt. In meiner Heimatstadt Veszprém haben die Kommunisten aus der Synagoge das Gebäude der Führung der staatlichen Kohlebergwerke gemacht, sie lösten die jüdische Schule auf, ebenso geschah es mit dem ohnehin winzigen jüdischen Viertel. Sie löschten die Erinnerung an das Veszprémer Judentum aus, obwohl aus dieser Stadt große Menschen wie Oberrabbiner Professor Armin Hofer und der noch heute unter uns weilende József Schweitzer, dem ich lange Gesundheit wünsche, abstammen. Allerdings ist es nicht leicht, die Spuren offen zu legen. Die Überlebenden werden weniger, ein Teil der Denkmäler wurde vernichtet. Daher ist EIle bei der Aufarbeitung der Vergangenheit geboten.

Ungarn ist die Republik der anständigen Menschen, so jedenfalls möchten wir es sehen.  Und ich würde mich freuen, wenn auch Sie diese Sichtweise im Alltag teilen könnten. Aber leider wissen wir, dass es nicht immer so ist. Denn leider kann man von Ungarn ebensowenig wie von irgend einem anderen Land sagen, dass dort nur anständige Menschen leben. Es gibt immer welche, die vom Hass leben. Entweder, weil sie den Hass zum Leben brauchen, oder weil sie gute Geschäftschancen darin sehen, ihre Existenz oder Politik darauf aufbauen. Aus diesem Grund dürfen wir bei unseren Bemühungen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, auch die Gegenwart nicht vernachlässigen. Das Recht spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, die demokratischen Spielregeln aufzustellen, d.h. bei der Beantwortung der Frage, was man zulassen darf und was nicht. Die anwesenden Abgeordneten wissen genau, welch heftige Auseinandersetzungen wir in der Vergangenheit zu der Frage geführt haben, wie die Grenzen der Demokratie zu ziehen sind, die Grenze zwischen dem Hinnehmbaren und dem Inakzeptablen. Zwischen Redefreiheit und Aufstachelung zum Hass. Ist die Lösung einmal gefunden, scheint es einfach, doch die davor liegende Diskussion ist schwer und voller Dilemmas. George Bernhard Shaw sagte, er möge Diskussionen nicht, weil er am Ende immer darauf komme, dass er im Unrecht sei. Ähnlich ist es in parlamentarischen Debatten, wenn man selbst mit einer schier unerschütterbaren Position beginnt und erst durch die Gegenüberstellung der Meinungen erfährt, auf welch wackligem Fundament diese gebaut ist; so war es etwa bei der Regelung der Grenzen der Redefreiheit und der parlamentarischen Freiheit der Meinungsäußerung. Wie Sie wissen, hat das ungarische Parlament in den vergangenen Jahren leider mehr als einmal bewiesen, wie schwer es ist, die Grenze zwischen Redefreiheit im Parlament und der Hassrede zu ziehen. Márton Gyöngyösis Äußerungen etwa, die viel vom Ruf der ungarischen Demokratie zerstörten und als deren Konsequenz wir gezwungen waren, die Geschäftsordnung des Hohen Hauses strenger zu gestalten. Nennen wir das Kind beim Namen: Wir mussten die parlamentarische Redefreiheit beschränken, mit dem Ziel, zu verhindern, dass man im Parlament zu Hass anstacheln kann. Ich sage das wieder in Richtung von Minister Lapid: Wir haben aus der Vergangenheit gelernt und wissen, was bei uns geschah. Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Diese Demokratie verteidigt sich selbst. Sich selbst und ihre Bürger, und zwar vor denen, die Hass sähen. Mit Hilfe des Rechts, durch gesetzliche Ahndung der Hassrede, oder durch die Möglichkeit, als Mitglied einer gesellschaftlichen Gruppierung gegen beleidigende Äußerungen vorzugehen, wollen wir erreichen, dass sich jedermann in Ungarn sicher fühlt. 

Ungarn ist die Republik der anständigen Menschen, jedenfalls möchten wir, dass es so ist. Um diesen Traum zu verwirklichen, müssen wir sehr viel für die Zuknft tun. Was wir für die Kinder von heute tun, kommt dem Ungarn von Morgen zu Gute, ganz egal ob es sich um Magyaren, Kroaten, Serben, Juden, Zigeuner, Rumänen, Deutsche oder eine andere anerkannte nationale Minderheit handelt, die hier lebt, deren Verwandte hier leben, die hier leben möchte oder auch nur mit diesem Land sypathisiert. Und weil wir unserer Verantwortung bewusst sind, haben wir entschieden, dass das Jahr 2014 in Ungarn das Jahr des Holocaust-Gedenkens sein wird. Und weil wir auch wissen, dass wir dieser Verantwortung im Lichte der Zukunft gerecht werden müssen, fiel die Entscheidung, die Bildung in das Zentrum des Holocaust-Gedenkjahres zu stellen. Denn was man uns nicht beigebracht hat, müssen wenigstens wir unseren Kindern beibringen. Wir müssen unseren Kindern nicht nur die Verantwortung Ungarns für den Holocaust vermitteln, sondern auch die Ergebnisse des jahrhundertelangen friedlichen ungarischen-jüdischen Miteinanders. Denn ich glaube, unsere gemeinsame Geschichte ist vom Grunde her positiv. Diese Gemeinschaft war über Jahrhunderte hinweg die stärkste in ganz Mitteleuropa. Sie brachte in Ungarn und den heute außerhalb Ungarns liegenden Städten kulturell, wirtschaftlich und in allen Bereichen des Lebens Reichtum, Fortschritt und derart positive Zeichen des Zusammenlebens mit sich, dass es sich lohnt, dies unseren Kindern aufzuzeigen. All das, um sicher zu stellen, dass die Grauen der Vergangenheit sich nicht wiederholen. Damit die heutigen Hassredner keinen Nachschub mehr bekommen können. Und das Ungarn der Zukunft wirklich die Republik der anständigen Menschen werde.

Sehr geehrte Damen und Herren, in der heutigen ungarischen Politik gibt es zweifellos Menschen und politische Gruppen, die der Auffassung sind, Ungarns Platz könne im Lager des Hasses sein. Wir gehören nicht zu denen. Wir gehören zu jenen, die überzeugt sind, dass Ungarn nur dann eine Zukunft hat, wenn alle seine Bürger, und deren Verwandte, Bekannte, Freunde, auch Ungarns Freunde, sich hier wohlfühlen und in Sicherheit wähnen. Wir können es nicht zulassen, dass man, egal, auf welcher Grundlage, unsere Bürger ungleich behandelt. Vor allem dürfen wir es, in Kenntnis unserer Vergangenheit, nicht zulassen, dass der Antisemitismus zunimmt. Wenn es sein muss, müssen wir die rechtlichen Mittel verschärfen. So lange es geht, haben wir  politische Mitteln zu nutzen. Damit Ungarn wirklich die Republik der anständigen Menschen werde.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. „

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43 Kommentare zu “„Jüdisches Leben und Antisemitismus im heutigen Europa“: Rede von Vize-Ministerpräsident Tibor Navracsics

  1. Zsolt Tyirityán, Chef der Jobbik-nahen Neonazi-Miliz Betyársereg (Betyáren-Trupp), erklärte auf einer öffentlichen Kundgebung von Rechtsextremisten in Budapest am Nationalfeiertag 23. Oktober 2012, er wünsche sich eine Regierung, die die Juden “wieder auf Viehwaggons packt und weit weg zum Arbeiten schickt”. Die anti-rassistische Stiftung “Tett és védelem” (Tat und Schutz) [von der ungarischen Regierung unterstützte jüdische Organisation] erstattete Anzeige wegen Aufhetzung. Die ungarische Polizei lehnte den Antrag ab, wie die Tageszeitung “Népszabadság” [ http://nol.hu/belfold/20131005-nacik_kozott_lehet_zsidozni ]
    berichtete, und zwar mit der folgenden Begründung: “In einem Umfeld, in dem die Beteiligten einmütig die selben Ansichten teilen, kann man nicht von Aufhetzung sprechen, sondern eher von Herstellung von Einverständnis unter den Beteiligten.” (dpa-Koresspondent Gregor Mayer auf Facebook)
    Tyirityáns Rede am 23.10.2012 am Budapester Corvin köz (vor dem Kino). Interessant ab 2.23, Viehvaggons ab 4:30. Erschließt sich auch ohne Sprachkenntnisse.

      • Böse Absicht? Keineswegs, aber man fragt sich, warum Pfeifer zu Navracsics’s-Rede gerade Tyirityán eingefallen ist. Kahnemann würde zur Erklärung vermutlich den Begriff Priming, Bahnung heranziehen. Mal angenommen, funktionaler Analphabetismus ließe sich bei Pfeifer von vornherein ausschließen, worin ich mir aber nicht sicher bin, dann müssen bei ihm implizite Gedächtnisinhalte beim Lesen des Navracsics-Redetextes durch vorangegangene Reize, im gegebenen Fall also von Tyirityáns Haßrede ausgehende Reize, aktiviert worden sein. Komisch ist nur, dass die Veszprémer Polizei genau an dem Tag, an dem Navracsics seine Rede auf der in Budapest abgehaltenen Konferenz “Jüdisches Leben und Antisemitismus im heutigen Europa“ hielt, das Ermittlungsverfahren gegen Tyirityán, das wegen dessen Haßrede in Devecser eingeleitet worden war eingestellt hat. Der Zeitpunkt der Verfahrenseinstellung war vielleicht ein Zufall? An Zufälle darf man glauben, an Verschwörungen besser nicht. Jedenfalls hat die Strafermittlungsbehörde letztendlich den Vorwand geliefert, um Tyirityáns Haßrede vom letzten Jahr noch einmal Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aber, für mich ist das der springende Punkt: Navracsics war vor Tyirityán. In der deutschen Öffentlichkeit fand Navracsicss-Rede übrigens so gut wie gar keine Aufmerksamkeit. Was Pfeifer als Blogschreiber versucht hat, läuft unter Medien-Priming, und Medien-Priming wird im Allgemeinen als eine Erweiterung des Agenda-Settings betrachtet. Der letzte Satz steht in der deutschen Wikipedia unter dem Stichwort Medien-Priming. Komisch, welche impliziten Gedächtnisinhalte die von Pfeifer ausgehenden Reize bei mir jedes mal aktivieren. Als ich die Navracsics-Rede las, dachte ich mir nur, dass er es gut meint. Vielleicht will er Orbán irgend wann mal ablösen. Aber sie kaufen ihm das nicht ab, ich meine, dass FIDESZ-Politiker sich mit keiner bösen Absicht tragen. Dass Pfeifer eine böse Absicht verfolgt, glaube ich auch nicht. Er macht einfach nur seinen Job als Troll in diesem Blog. Den aber macht er gut. Wenn man den Wert einer Rede an der Wirkung misst, die sie entfacht, dann hätte Navracsics lieber seinen Mund halten sollen. Als Justizminister sollte er besser für brauchbare Gesetzentwürfe sorgen, damit das Parlament über das Schicksal Ungarns entscheiden kann. Ich meine, anders ist Tyirityán und Pfeifer das Handwerk nicht zu legen.

    • Entsetzlich ist diese „Rede“! Ich verstehe nicht, warum diese an einem öffentlichen Platz an einem Nationalfeiertag vorgetragene Hassrede nicht als solche verurteilt wird, bzw. hoffe ich, dass das noch passiert!
      Aber, es muss gesagt werden, dass trotz dieser Rede, die in jedem Land dieser Erde sicherlich unter dieser Anzahl von einem Publikum gehalten werden könnte, kann man sich als Jude jetzt nach der bedeutendsten Klarstellung seit dem Krieg zu der Rolle des ungarischen Staates im Holocaust am besten und sichersten fühlen.
      In der Navracsics Rede, die großartig ist, beanstande ich nur eines. Nämlich die Unterscheidung zwischen Ungarn und Juden. Konsequent ist er auch nicht, aber er redet von Juden, die unter uns leben. Nein, die ungarischen Juden gehören, ganz klar egal welche Staatsbürgerschaft sie besitzen, zu den Ungarn und das sollte unser Minister und auch Ministerpräsident auch, meiner Meinung nach wissen.

  2. Herr Pfeifer, die Rede erschließt sich nicht ohne Sprachkenntnis, wie Sie behaupten! Die Form dieser Rede erfüllt natürlich die Erwartung an eine Hassrede. War es auch. Aber reicht es aus, wenn man gegen Jobbik und Konsorten angehen möchte? Blödsinn!
    Außerdem sollte man schon verstehen, wenn Tyirityáns ruft: Rákosi Mátyás, mi volt ? Zsidó! Farkas Mihály, mi volt? Zsidó! … (Rákosi Mátyás, was war er ? Jude!, Farkas Mihály, was war er ? Jude! … )
    Dem ganzen kann man sich nur stellen, wenn man Geschichte kenn, die Jahre unter dem Mörder und Stalinisten Rákosi kennt, die Pfelkreuzer (Nazis) kennt, ihren Unterschied zu den Horthy-Faschisten benennen kann.
    Aufklärung auf allen Ebenen ! Runter mit den Scheuklappen! Eröffnet Diskussionen! Zeigt Rassismus, wo Rassismus ist. Zeigt Diktatur, wo Diktatur ist !!

    • Richtig Rákosi &Co wurden als Juden geboren. János Kádár, der mehr Ungarn hat hängen lassen als Rákosi & Co wurde als Katholik geboren. Miklós Horthy, der mitverantwortlich war für die Deportation von mehr als einer halben Million ungarischer Staatsbürger nach Auschwitz-Birkenau war Calvinist. Gibt es jemand in Ungarn der außer bei Rákosi & Co auf die Religion von Politikern hinweist in öffentlichen Reden?
      H.P. man muß nicht nur die Geschichte von Rákosi und der Pfeilkreuzler kennen, sondern auch die des Horthyregimes und da empfehle ich Ihnen Krisztián Ungvárys „A Horthy rendszer mérlege“.
      Ich behaupte, man muß gar nicht ungarisch können, um zu verstehen, was Tyirityán gesagt hat.

      • Es genügt, dass es jemanden in Wien gibt, der auf Horthys Calvinismus und Kádárs „Geburt als Katholik“ (Katholik wird man durch Taufe…) hinweist. Sie. Und Sie tun das zum wiederholten Male. Obwohl Ungváry Ihnen eine mögliche Erklärung für die Führungsrolle von Juden im stalinistischen Unterdrückungsapparat (AVH) präsentiert:

        „Bei den Allermeisten könnte aber auch Rache als Motivation zum Eintritt in die Polizei eine Rolle gespielt haben, denn die ersten Mitglieder der politischen Polizei waren überwiegend Juden, die unter der Diktatur als Verfolgte gelitten hatten, nur wenige kamen aus der Emigration.“

        Vielleicht gilt Ungvárys These ja auch für Rákosi & Co. Dass Horthy und Kádár unter Verfolgung aufgrund ihrer Religion gelitten haben, war mir unbekannt.

        Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass auch Juden zu den Verfolgten des Rákosi-Systems gehörten.

        Quelle: Krisztián Ungváry, Belastete Orte der Erinnerung, 2009.

  3. @Hufnagel Pisti
    *Zeigt Rassismus, wo Rassismus ist*
    Wie wahr wie wahr.
    Denn Rassimus ist nur dann Rassimus, wenn sich irgendein ungarischer Dünbrettbohrer irgendwie hirnrissig äussert.
    Äussert sich eine sog „Künstlerin“ in rassistischer Art und Weise in dem sie einem Roma (der es wagte eine Auszeichnung von der ung.Regierung anzunehmen) mit eisernem Kreuz „schmückt“ dann lockt das keinen derer die ansonsten in der ersten Reihe stehen und Kampf gegen Rasissmus schreien , hinterm Ofen hervor.
    Meine Güte, wie scheinheilig ist das denn?

    • Interessant, was passiert, wenn man darauf hinweist, dass die Hassrede von Zsolt Tyirityán sich nicht wirklich ohne Text erschließt, wie von Pfeifer behauptet. Daran nahm ich Anstoß.

      Da ich selber Ausländer bin in Ungarn, der sich Ungarisch angeeignet hat, habe ich mir auch das Verständnis dessen, was in Ungarn gebrüllten oder geschriebenen wird, erkämpft. Die Ungarische Geschichte ist ebenso komplex wie die Sprache. Herr Pfeifer, auch war nicht gemeint, dass nur das Kleinste, was Rákosi getan hat, die Ausfälle von Jobbik erklärt oder gar rechtfertigt.
      Aber erwähnen können muss man schon, dass Horthy nicht zu den Pfeilkreuzern gehörte,
      (was einige im Westen denken), dass Rákosi ein Jude war … und man könnte vieles noch mitteilen. So mancher staunt, der einen Moment nur hinter die Kulissen schauen kann. Aber wer die Erklärungshoheit meint zu haben, wie die, die über die Dummheiten der Vororbánschen Regierungszeit fast schweigen, nämlich die Intellektuellen im Linken Warmwasserpool, pocht auf sein Recht des letzten Wortes.

      „Miklós Horthy, der mitverantwortlich war für die Deportation von mehr als einer halben Million ungarischer Staatsbürger nach Auschwitz-Birkenau war Calvinist“ . Da ich wissenshungrig in Sachen Ungarn bin,
      ,anders als der deutsche medienabservierte Wohlstandsbürger mit gutem Gewissen, würde ich zu dieser Aussage gerne etwas mehr erfahren. Aber vielleicht kaufe ich mir das empfohlene Buch von Krisztián Ungváry.

  4. HV ich fragte: “ Gibt es jemand in Ungarn der außer bei Rákosi & Co auf die Religion von Politikern hinweist in öffentlichen Reden?“
    Ich lebe nicht in Ungarn und wann immer der blöde Hinweis kommt, das Wüten Rakosis könnte mit seiner früheren Religionsgemeinschaft zu tun haben, antworte ich mit dem Hinweis auf Kádár.
    Wie erklärt man denn den Terror in der CSSR, wo unter den vierzehn im Slanskyprozess Gehängten elf „jüdischer Abstammung“ waren?
    Und wie erklärt man den Terror Stalins nach 1948, haben dort auch ehemalige Juden gewütet, oder waren viele der Opfer Menschen „jüdischer Abstammung“?
    Also nocheinmal. Kádár hat mehr Ungarn hängen lassen als Rákosi, wieso wird bei ihm nicht immer angemerkt, welcher Religionsgemeinschaft er angehört hat, bevor er Kommunist wurde und warum bei Rákosi?

    • Herr Pfeifer, ich gehe nun seit 8 Jahren in Ungarn ein und aus. Erst vor einem Jahr ist mir Herr Rákosi als Jude vorgestellt worden. Die ich keine Jobbikleute persönlich kenne, sondern nur
      frustrierte Fidesz-Wähler (ehemalige oder zukünftige) oder Nichtwähler, wird in diesen Kreisen auch kein Rákosi-Juden-Kommunismus Thema benutzt oder mißbraucht. Rákosi und seine Diktatur ist mit oder ohne seine Abstammung/Religion ein seltener Mann in Diskussionen!!
      Dafür die „Orbán-Diktatur“ und ihre rechtsradikalen Schläger um so häufiger – wie letztens in der taz. Scheiße! Hier in Ungarn werden überall Minderheiten durch die Straßen gescheucht, man wird wirklich fast umgerannt von den rechtenTypen. An den Laternenpfählen stören Roma die Beleuchtung, die aufgeknöpft wurden. Man muss das ein Land sein. Wehret den Anfängen der sachlichen Diskussion und Information!

      • Hufnagel Pisti, die deutschen Medien und österreichischen Medien berichten in der Regel korrekt über Ungarn. Die linke Berliner Wochenzeitung Jungle World widmete ihre letzte Ausgabe dem Thema Ungarn. Damit ich von HV nicht beschuldigt werde, für mich Werbung zu betreiben, gebe ich keine URL an.
        Zur Auflockerung kann man sich auch Satire anschauen. So zum Beispiel die letzte Satiresendung des ZDF, in der auch Österreich drankommt, doch Ungarn an die Spitze gestellt wird:
        http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1999176/Alle-irre.-Ausser-wir%2521#/beitrag/video/1999176/Alle-irre.-Ausser-wir!

      • Ich antworte mir selber, so wie andere mit sich selber reden.
        „Hufnagel Pisti, die deutschen Medien und österreichischen Medien berichten in der Regel korrekt über Ungarn“, das hat er mir (weiter unten) geschrieben. Nun haben wir denn Wahnsinn Schwarz und Weiß. Ich mache mir gleich in die Hose.

        Weiter unten jedoch lohnt sich jedoch zu lesen, was Karl Pfeifer sagt :
        „Ich stimme Krisztián Ungváry zu, der sinngemäß schrieb, dass zwar Fidesz und Jobbik politisch konkurrien, doch ideologisch nicht“
        Na politisch konkurrieren auch MSZP und Jobbik. Es gibt ja Wahlforschung.
        Sind doch viele MSZP-Wähler rechtsextem gehüpft. Man denke nur an die unsägliche Morvai Kristina.

        Ich erinnere mich noch an eine Sendung im ZDF im Frühling 2012. Eine junge Journalistin im
        ZDF-info Kanal in ihrer Anmoderation: „Zuerste die gute Nachricht: Ungarn ist pleite,…….“
        Leider finde den genial gehässigen Beitrag nicht mehr im Netz. Kann mir da jemand helfen?
        Don Kichote vielleicht. Der weiß doch alles so gut und war doch sicherlich begeistert.

      • Ich brülle geradezu vor Begeisterung, können Sie es schon hören? Ein Vorschlag: „Antworten Sie sich selbst“ dann kommt das heraus, was Sie lesen möchten, Herr Hufnagel Stephan.

      • @ Hufnagel Pisti

        Die frohe Botschaft, Ungarn sei „fast Pleite“, wurde vom ZDF am 26.01.2012 als Aufhänger genommen, um in der Sendung Europa plus gegen den Feindstaat Nr. 1 zu hetzen.

        „Europa plus Viktor Orbán – Ein Populist? Ein Provokateur? Ein Demagoge? Oder doch: Ein Demokrat? Kann sich die EU-Kommission nur noch durchsetzen, wenn es ums Geld geht? Sind die europäischen Grundrechte gekauft?“

        Klicken Sie heute auf den Link zur Sendung „Europa plus vom 26.01.2012“, erscheint lediglich das Schuldeingeständnis des ZDF: „Es ist ein Fehler aufgetreten.“ „Der Beitrag konnte nicht gefunden werden.“
        http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1552590/Europa-plus-vom-26.01.2012?bc=svp;sv0&flash=off

        Mal sehen, wie lange es noch dauert, bis Licht fällt, in das Dunkel der Zersetzungskampagne zum Chanukka 2010.

        PS:*
        „Doch alles, was ich berühre, ist zweifelhaft“
        Die lange Nacht, die der Deutschlandfunk zum Pessach 2012 mit dem europäischen Schriftsteller György Konrád hatte, ist noch nicht aus dem Online-Gedächtnis des Öffentlich-Rechtlichen getilgt worden. http://www.dradio.de/dlf/vorschau/20120422/
        *PS = Postsozialismus

        Nota bene:
        Während „Die Welt“ es schon schreibt: „Linksfraktion erwägt Trennung von Stasi-Frau Kampa“, http://www.welt.de/politik/deutschland/article120747869/Linksfraktion-erwaegt-Trennung-von-Stasi-Frau-Kampa.html
        tappt Deutschlandradio aktuell noch im stasifreundlichen Optimismusdunkel:
        „Die Linksfraktion sieht keinen Anlass dafür, sich wegen der Stasi-Vorwürfe von Geschäftsführerin Kampa zu trennen.“ http://www.dradio.de/nachrichten/20131004140000/

        Gemunkelt wird auch, dass die Stasi-Kampa dem „Neuen Deutschland“ mal über fünf Ecken mit ’ner Million aus der verschwundenen SED-Beute ausgeholfen hat. Woher „Jungle World“ das Geld für die Honorare her nimmt, auf die Karl Pfeifer Anspruch hat, wurde noch nicht thematisiert.

        Viel eleganter als der operative Einsatz von Medien wie „Jungle World“ sind Zersetzungskampagnen, die sich aus den Gebührenerträgen der GEZ finanzieren lassen. Wie die GEZ 2012 ihre Beute verteilt hat, geht aus ihrem Geschäftsbericht hervor. “

        „Verteilung der Gebührenerträge 2012 auf die Rundfunkanstalten
        Rundfunkanstalt Gesamterträge*) in EUR
        Bayerischer Rundfunk 906.034.030,70
        Hessischer Rundfunk 408.147.732,49
        Mitteldeutscher Rundfunk 585.657.568,83
        Norddeutscher Rundfunk 967.968.851,33
        Radio Bremen 42.141.424,77
        Rundfunk Berlin-Brandenburg 366.265.030,08
        Saarländischer Rundfunk 67.286.143,64
        Südwestrundfunk 996.539.516,88
        Westdeutscher Rundfunk 1.146.225.694,77
        ARD (insgesamt) 5.486.265.993,49
        Zweites Deutsches Fernsehen 1.813.823.518,89
        Deutschlandradio 192.430.993,59
        Gesamt 7.492.520.505,97

        *) In den Beträgen sind Gebührenanteile für die Landesmedienanstalten in Höhe von 141.856.745,67 EUR enthalten.

        Quellen:
        http://www.rundfunkbeitrag.de/haeufige_fragen/einnahmen_oeffentlich_rechtlicher_rundfunk/
        http://www.rundfunkbeitrag.de/e1645/e2461/GB2012.pdf

        In Zahlen ausgedrückt, belief sich das Zersetzungspotential des ZDF im Jahre 2012 auf 1.813.823.518,89 Euro. Von der Größenordnung her halte ich die vom ZDF am 26.01.2012 als frohe pro Europa Botschaft verbreitete Schadenfreude, Ungarn sei fast Pleite, für angemessen. Dass beim Klicken auf diesen Link hier http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1552590/Europa-plus-vom-26.01.2012?bc=svp;sv0&flash=off
        ganz aktuell die Meldung erscheint: „Es ist ein Fehler aufgetreten“ , muss ein Irrtum sein.

  5. „Wir wissen, dass wir für den Holocaust verantwortlich sind. Und wir wissen auch, dass ungarische staatliche Einrichtungen mitverantwortlich waren. (…) Denn wir wissen, (…) dass es Ungarn waren, die die Taten begangen. Und Ungarn, die darunter litten. Ungarn haben geschossen, und Ungarn sind gestorben. Und mit dieser Verantwortung müssen wir uns befassen, hier in Ungarn, in ganz Mittelosteuropa.“

    Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube es ist das erste Mal, dass ein hoher Vertreter einer ungarischen Regierung die Verantwortung des ungarischen Staates und der Ungarn für den Holocaust in dieser Deutlichkeit anspricht und anerkennt. Wenn es so ist, dann ist diese Rede nicht nur großartig, sondern auch historisch.

  6. halász, wie läßt sich diese Rede mit der Praxis der ungarischen Polizei vereinbaren, wegen der Hetzrede des Tyirityán – Juden in Viehwaggons wegtransportieren – kein Verfahren zu eröffnen?
    Krisztián Ungváry hat in einem Artikel darauf hingewiesen, dass in fidesznahen Medien wie Magyar Hirlap, Echo TV, Demokrata Texte erscheinen, die in Deutschland so nur in Neonazi-Medien publiziert.
    Wenn beanstandet wird, dass die ausländischen Medien sich bei der Berichterstattung über diese Rede zurückgehalten haben, dann könnte das damit zusammenhängen, dass der Eindruck entsteht, diese Rede und einige andere Aktionen der ungarischen Regierung sollen nur ablenken von den oben geschilderten Tatsachen.

    • Karl Pfeifer hätte es demnach vorgezogen, wenn diese wichtige Rede nicht gehalten worden wäre. Um dann natürlich wieder einer der ersten zu sein, die Geschichtsfälschung und fehlendes Eingeständnis von Schuld bemängeln. Tja, schwer bzw. gar nie zufrieden zu stellen, der Herr Pfeifer…

      • Nein HV! da unterstellen Sie mir etwas. Die Vergangenheit ist nicht zu ändern, obwohl es genug Leute in Ungarn gibt, die das versuchen. Auch, um diesen entgegenzutreten sind solche Reden, wie die von Minister Navracsics gehalten wichtig. Doch wenn sie nicht von entsprechenden Taten begleitet werden, können sie kontraproduktiv für den Redner werden, weil sie denjenigen Recht zu geben scheinen, die behaupten diesen Politikern ist nur wichtig, potentielle rechtsextreme Wähler nicht zu vergraulen.
        Ich hätte es vorgezogen, wenn die Fideszpolitiker, die nicht müde werden sich auf das Christentum zu berufen, sich mal das Neue Testament Matthäus 7: 16-20 anschauen und danach handeln würden.

      • Natürlich müssen Sie, Karl Pfeifer, diese Rede, ausgehend von Ihrem argumentativen Ansatz, für „kontraproduktiv“ halten. Denn Sie sprechen ja sinngemäß davon, dass Fidesz Teil eines „völkischen Blocks“ sei, zu dem auch Jobbik gehöre. Abgrenzungslinien können Sie nicht erkennen, wie auch Ihre Leib-und-Magen-Wissenschaftlerin dazu nicht in der Lage ist. Wer so denkt, d.h. Fidesz und Jobbik zu einer Einheit vermischt (neben Ihnen tun das auch Marsovszky, Stephan Ozsváth und andere), also davon ausgeht, dass Fidesz um jeden Preis der Jobbik das Wort rede, für den erscheint eine solche Rede gewiss nicht zielführend. Vielmehr spalterisch und inkonsequent. Eines dürfte klar sein: Navracsics konnte mit seiner Wortmeldung gewiss keinen eingefleischten Rechtsradikalen von Jobbik für sich oder Fidesz gewinnen. Wer den Beweis dafür will, einen stabilen Magen hat und sich auf kuruc.info traut, wird sehen, dass die dortige Stürmer-Fraktion wahrlich tobt. Man wirft Fidesz „Juden-Arschleckerei“ vor, Martonyi, der den Holocaust als das größte nationale Trauma Ungarns bezeichnete, kommt auch in die Mühlen („legundorítóbb beszéde“).

        Die Rede Navracsics´ war eine offene Abgrenzung von Jobbik, und ein Anfang, mit der seit Kriegsende eingeführten Kultur des Schweigens und Verharmlosens aufzuräumen. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, wer damals (mit dem Ziel, das „Volk“ von jeder Schuld freizusprechen) mit dieser verlogenen Kultur begonnen hat, hoffe ich. Und das, obwohl es damals noch viele, sehr viele Täter gab!

        Ich finde es traurig, dass a) diese bedeutende Rede in der deutschen Presse komplett totgeschwiegen wird und b) Chefankläger wie Sie es nicht fertig bringen, ein Wort der Anerkennung dafür zu finden. Sie und Ihre Kollegen müssen sich schon die Frage stellen, ob Sie glauben, mit einer solchen Vorgehensweise (Schlechtes berichten, Positives nicht würdigen) irgend einen Ungarn davon zu überzeugen, dass eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit lohnt. Ich glaube – mit Verlaub – nicht, dass Menschen Sie und die o.g. Multiplikatoren Partner sein können, wenn es um diese Aufarbeitung geht. Sie können einfach Ihren Hass auf Fidesz nicht ablegen…das sollte aber Ihr Problem, nicht das Ungarns sein.

        Ich selbst halte die Rede für sehr bedeutsam. Man sollte sich schon fragen, warum keine linke und liberale Regierung seit der Wende es bislang fertig gebracht hat, so etwas zu sagen. Dass es eine „rechte“ Regierung ist, die so klar die Mitverantwortung Ungarns am Holocaust – ohne wenn und aber – betont, wird sicher den einen oder anderen verärgern. Kuruzzen genauso wie Pusztarangers.

        Sehen wir es positiv: Künftig werden Sie wohl Fidesz nicht mehr ohne weiteres Geschichtsfälschung vorwerfen können. Überarbeiten Sie also Ihren Vortrag für das nächste Antifa-Treffen 🙂

    • Herr Pfeifer iwie lässt sich die Abbildung von Romani Rose (die Website ist Ihnen bekannt) mit dem Kampf gegen Rassimus /Roma vereinbaren?
      oder ist das künstlerische Freiheit?
      oder kommt es immer darauf an aus welchen Löchern es pfeift?

    • „wie läßt sich diese Rede mit der Praxis der ungarischen Polizei vereinbaren, wegen der Hetzrede des Tyirityán – Juden in Viehwaggons wegtransportieren – kein Verfahren zu eröffnen?“

      Herr Pfeifer,
      für mich ist die Entscheidung der Polizei im Fall Tyirityán auch vollkommen inakzeptabel. Das letzte Wort ist in dieser Angelegenheit wohl noch nicht gefallen, die Stiftung „Tett és védelem” wird weitere juristische Schritte einleiten. Ich hoffe, dass sie damit Erfolg haben wird und Tyirityán für diese grausame Rede zur Verantwortung gezogen wird.

      Die Praxis der Polizei und der Behörden beim Umgang mit Hetze und Hassrede scheint nicht Einheitlich zu sein. Es gibt Beispiele für entschlossenes Auftreten und es gibt Beispiele, wo das Vorgehen der Polizei kritikwürdig ist. Eins ist aber unstrittig: die einschlägigen Gesetzesänderungen der aktuellen Regierungsmehrheit geben den Behörden und der Polizei zur Verfolgung von rassistischer und antisemitischer Hassrede und Hetze ein wirksames Instrumentarium in die Hand. Ich hoffe, dass die Polizei nach einer Lernphase (dazu gehören auch Gerichtsurteile) zu einer klaren, entschlossenen Linie kommt.

      Antisemitische Hetze und Hassrede werden seit einigen Monaten durch ein Monitoring Programm systematisch und professionell erfasst. Das Monitoring Programm wird von der ungarischen Regierung mitfinanziert.
      http://tev.hu/en/uj-korszak-az-antiszemita-incidensekrol-valo-kozbeszedben/

      „Wenn beanstandet wird, dass die ausländischen Medien sich bei der Berichterstattung über diese Rede zurückgehalten haben, dann könnte das damit zusammenhängen, dass der Eindruck entsteht, diese Rede und einige andere Aktionen der ungarischen Regierung sollen nur ablenken von den oben geschilderten Tatsachen.“

      Ich denke, der deutschsprachige Zeitungsleser sollte selber entscheiden, ob die Rede Ablenkung ist, oder nicht.

  7. https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/10/05/judisches-leben-und-antisemitismus-im-heutigen-europa-rede-von-vize-ministerprasident-tibor-navracsics/#comment-15686

    „Verlinken Sie nur. Auch Magdalena Marsovszky, die Wissenschaftlerin, dreht dort wieder ihre Pirouetten. “
    Ja, ich bin auch der Meinung, dass sich das Verlinken lohnt.Ist doch mal so eine richtig schöne Ausgabe über Ungarn geworden.Endlich erkenne auch ich die Wahrheit !! und mutig, mutig die Genossendemokratiewächter von der Achse des Guten!!haben sie sich doch in die Höhle des Löwen getraut! Werden nicht täglich in Ungarn die Minderheiten (hier Ausländer! ) angegangen, vollgepöbelt?
    Seit wann gibt es gleich die Dschungelwelt?

    Stimmt, seit 1997.Mir scheint, dass sie von 1997 bis 2010 wohl noch ziemlich von Liane zu Liane gesprungen sein müssen!
    oder sollte ich in der Zeit ihren Urschrei überhört haben?

  8. HV was sagen schon Reden aus, wenn die Taten dazu im diametralen Gegensatz stehen?
    Kontraproduktiv ist solch eine Rede für Fidesz, wenn diese dann – wie ich darauf hingewiesen habe – alles mögliche tut, um auch rechtsextreme Wähler bei der Stange zu halten, wenn man der nazistischen Jobbik (László Karsai) wo es nur geht entgegenkommt.

    • Taten im diametralen Gegensatz? Na dann wollen wir mal einige positive Taten aufzeigen:

      Einführung des ungarischen Holocaust-Gedenktages durch die 1. Orbán-Regierung, Wallenberg-Jahr 2012, 2014 ein weiteres Gedenkjahr. Erhöhung der Zusatzrente für Holocaust-Überlebende. Aufnahme der „Uniform-Kriminalität“ als Bußgeld- bzw. Straftatbestand. Bestrafung der Verunglimpfung einer gesellschaftlichen Gruppe.

      Sie sehen keine Taten, die in die richtige Richtung gehen? Dann sperren Sie die Augen auf!

  9. HV: Ich habe genau geschrieben, was ich beanstande. Dazu äußern Sie sich nicht.
    >>Bestrafung der Verunglimpfung einer gesellschaftlichen Gruppe.<<
    Wie ist dann zu erklären, dass ein Tyirityán ungestraft öffentlich erklären kann, Juden sollten in Viehwaggons verfrachtet werden und die Polizei da kein Verfahren eröffnet? Sie sind doch Jurist erklären Sie uns doch bitte, wieso man für solch eine Erklärung in Österreich und Deutschland bestraft wird und warum das in Ungarn nicht bestraft wird.

    • Sie beanstanden, Fidesz komme Jobbik „wo es nur geht entgegen“. Das ist, übrigens auch vor dem Hintergrund der von mir angesprochenen Punkte, Unsinn. Fidesz tut hier und da nicht genug, aber davon zu sprechen, die Partei oder Regierung würde Jobbik überall wo es geht entgegenkommen, ist ein Märchen. Ein Märchen, das Sie nur zu gerne vortragen. Oder stellte es ein Entgegenkommen dar, den „Gib Gas“ Aufmarsch zu untersagen?

      Dass ich Jurist bin, bedeutet nicht, dass ich die Einstellungsverfügung der Polizei verstehe. Ich halte sie sogar für absurd. Diskussionen über den fragwürdig weiten Bereich der Meinungsfreiheit hatten wir hier schon zahllose Male, beschweren Sie sich bei jenen, die glaubten, Ungarn brauche einen freien Diskurs auch für Nazis, so z.B. der SZDSZ. Als „Gib Gas“ verboten wurde, beschwerte sich auch Ágnes Heller. Dumm, nicht wahr?

      Jedes Mal, wenn Fidesz daherkommt und etwa im Parlament versucht, Pfeifen wie Gyöngyösi einzubremsen, kommen dann Heller und ihr Gefolge und krakelen, die Demokratie sei am Ende. Die Lösung kann nur sein, nazistische Auswüche verbaler und sonstiger Art zu ahnden. Da ist die jetzige Regierung, die angeblich „Antisemitismus“ im Wahlkampf einsetzte, weiter als alle ihre Vorgänger. Wenn auch noch viel zu tun ist.

      • Mir vorzuwerfen, ich hätte seinerzeit und später nicht die damalige Haltung von SZDSZ, die man mit „Freiheit für Nazidiskurs“ resümieren kann ist absolut unfair. Denn ich habe x Mal dagegen geschrieben und hier mich schon selbst zitiert. Erklären Sie uns bitte nicht, dass Heller und Gefolge die Verantwortung dafür tragen, dass die ung. Polizei einen Tyirityán straflos öffentlich verhetzen läßt.
        Ich stimme Krisztián Ungváry zu, der sinngemäß schrieb, dass zwar Fidesz und Jobbik politisch konkurrien, doch ideologisch nicht.
        Ich stimme Ihnen zu, dass da noch viel zu tun ist und warte gespannt, darauf, dass es auch getan wird und zwar im Interesse der gesamten ungarischen Gesellschaft.

  10. „Es gibt immer welche, die vom Hass leben. Entweder, weil sie den Hass zum Leben brauchen, oder weil sie gute Geschäftschancen darin sehen, ihre Existenz oder Politik darauf aufbauen. “

    Dem kann man sich -wenn man sich so quer durch die Medien liest- nur 100% anschließen!

  11. Es freut mich ungemein, dass Don Kichote wie auf Knopfdruck reagiert.
    Mein Tipp:
    Ein paar gezielte Worte wie ein Köder gelegt, dann kommt das heraus, was Sie lesen möchten.
    Vielen Dank, Pisti!

  12. Eine gute Rede. Einziger Wermutstropfen in meinen Augen: Beim Hinweis darauf, welche Völker seit jeher in Ungarn gemeinsam leben („dass Ungarn seit Anbeginn eine multinationale und multikulturelle Gemeinschaft war, in der neben Slawen, Rumänen und Deutschstämmigen auch Juden lebten“) wurden die Roma wohl vergessen. Schade, denn sie sind es, die die schwierigste Stellung im Land (und überall auf der Welt) haben.
    Ich hoffe, dass 2014 als „Jahr des Holocaust“-Gedenkens vielleicht etwas bewegen wird. Ich denke aber, nicht nur das Wissen um die Verbrechen ist ein Problem. Das größte Problem, was ich hier in Ungarn im Alltag beobachte, ist das Nicht-Vorhandensein von „political correctness“. Es geht mir um die Alltagssprache. Viele sehen sich selbst gar nicht als rassistisch, verwenden aber in negativen Zusammenhängen ständig Wörter wie cigány, zsidó, buzi usw.
    Das ist man aus Deutschland so nicht gewohnt, hier achtet man mehr auf eine politisch korrekte Ausdrucksweise. Teilweise so verkrampft, dass es mich früher, als ich noch in Deutschland lebte, fast nervte. Erst, seit ich hier in Ungarn lebe, begreife ich, wie wichtig die alltägliche Ausdrucksweise ist, um ein harmonisches gesellschaftliches Miteinander zu gewährleisten. (Man darf auch nicht unter den Tisch kehren, dass die meisten „weißen Ungarn“ von den Roma als parasztok (Bauern) betitelt werden – der Rassismus herrscht leider auf allen Seiten.)

    • @ ann christina:

      Willkommen!

      Politische Korrektheit, ein sehr weites Feld. Ich stelle in Ungarn ganz allgemein eine Verrohung der Alltagssprache fest. Ich denke, das zieht sich durch alle Bereiche, übrigens bis in das Parlament, und dabei wird dann die politisch korrekte Ausdrucksweise als erstes zum Opfer fallen. Wer einmal die Tramlinien 4 oder 6 in Richtung Móricz Zsigmond Körtér nimmt, wird spätestens ab dem „Blaha“ Leute treffen, die jeden ihrer Sätze mit „bazmeg“ oder „köcsög“ abschließen…

      Was den Begriff des „cigány“ angeht, wüsste ich gerne Ihre Meinung. Ist er zwingend politisch unkorrekt? Oder kommt es auf die Art und Weise an, wie man ihn verwendet? Ich stehe auf den letzteren Standpunkt, und meine hier eine falsche Art der political correctness fest zu stellen, die z.B. dazu führt, dass man in deutschen Zeitungen davon liest, bulgarische „Sinti und Roma“ würden in Duisburg auf den Straßenstrich gehen…dabei gibt es in Bulgarien keine Sinti, und Prostitution ist für sie ein Tabu. Vielleicht sollte man – mit Rolf Bauerdick – versuchen, dem Begriff „Zigeuner“ die ihm letztlich durch Funktionäre angedichtete Negativkonnotation nehmen, anstatt ihn zwanghaft und ohne Sachkunde durch „Sinti und Roma“ zu ersetzen. Maßgeblich muss natürlich sein, wie sich die Minderheit selbst nennt: das entscheiden aber nicht irgendwelche Funktionäre, sondern alle Mitglieder.

      Ihre Aussage, dass ungarische cigány die Mehrheitsgesellschaft mitunter als „parasztok“ bezeichnen, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Sie, liebe ann christina, ziehen aber – womöglich wieder aus falscher politischer korrektheit heraus – den Zorn vieler „Menschenrechtler“ in Deutschland auf sich, die sich auf den Standpunkt stellen, es sei stets nur das Versäumnis der Mehrheit, wenn es der Minderheit schlecht geht oder diese Diskriminierung erfährt. Auch diese Meinung teile ich nicht. Wie ist Ihre Meinung?

      • *Ich stelle in Ungarn ganz allgemein eine Verrohung der Alltagssprache fest*

        Zu der Verrohung der Sprache muss ich leider hinzufügen, dass man dabei nicht unbedingt dem „Alltagsvolk“ aufs Maul schauen muss, sondern dass sich auch in der Literatur eine niveaulose Sprache feststellen lässt.Ich habe mir ein Buch in der ungarischen Übersetzung gekauft, welches ich vorher im Original gelesen hatte.Ich kann nur sagen:Ich bin entsetzt.Voll mit Wörten der Kategorie, die Sie HV oben erwähnten und die im deutschen Original nie und nimmer vorkommen.
        Will man so Modernität ausdrücken? Quasi ich bin trágár also bin ich „in“ ?

      • Hallo 🙂
        Ich habe eben mal meinen Lebensgefährten, der ja Roma ist, zu seiner Meinung befragt, was den Begriff „cigány“ betrifft: „Cigány“ hat eine durchaus negative Konnotation, da es von der Mehrheitsgesellschaft „traditionell“ in negativen Zusammenhängen verwendet wird und wurde (büdös cigány, mint a cigányok – bei schlechtem Betragen usw.). Ein Roma kann sich also durchaus beleidigt fühlen, wenn er von einem „weißen“ Ungar als „cigány“ angeredet/betitelt wird, da er weiß, dass die „Weißen“ damit „traditionell“ etwas Negatives meinen. Mein Mann sagt, als „weißer“ Ungar sollte man lieber „Roma“ sagen. Die Roma untereinander bezeichnen sich aber gegenseitig als „cigányok“ – untereinander ist natürlich klar, dass damit nichts Schlechtes gemeint ist.
        Die Bezeichnung Roma wurde übrigens noch vor der Wende als offizielle Bezeichnung eingeführt – eben wegen der negativen Konnotation des Begriffes „cigány“. Das wusste ich bisher gar nicht. Ich dachte, das sei eine Nach-Wende-Erscheinung. Heute gilt „cigány“ weniger als Schimpfwort als vor der Wende – aber trotzdem sollten „Weiße“ besser bei Roma bleiben.
        Begriffe wie „Sinti“ waren meinem Mann völlig neu, Hier in Ungarn gibt es nur Roma – und die unterscheiden sich in verschiedene Gruppen – traditioneller Weise nach Berufen aufgeteilt. Geht man nicht von Berufen aus, dann bleiben 2 Gruppen – die „oláh cigányok“ und die „magyar cigányok“. Die Oláh leben traditioneller, tragen oft auch traditionelle Roma-Kleidung, sprechen eine eigene Sprache (Lovári) und sehen auf die magyar cigányok ebenso wie auf die „weißen“ Ungarn eher herab. Sie gehen auch eher keine Beziehungen mit ihnen ein (es gibt selbstverständlich Ausnahmen – der Bruder meines Mannes, ein magyar cigány, ist mit einer Oláh verheiratet, was von beiden Familien nicht sonderlich wohlwollend aufgenommen wurde). Die magyar cigányok versuchen sich eher in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren (soweit diese sie lässt) und sprechen die Roma-Sprache (Lovári) kaum oder gar nicht. Sie gehen auch durchaus Beziehungen mit „weißen“ Ungarn ein (die Familie meines Mannes ist z.B. auch vollkommen gemischt).

        Ich würde sagen, dass man „cigány“ als Begriff schon verwenden kann – in einem neutralen Zusammenhang. Spreche ich aber als „Weiße“ mit einem Roma, dann sage ich lieber „Roma“, einfach aus Respekt und weil ich Missverständnisse vermeiden will. Vor allem, wenn ich ihn nicht kenne und er nicht weiß, wie ich es meine. Aber das muss wahrscheinlich jeder für sich selber entscheiden und die Konsequenzen akzeptieren…

        In Bezug darauf, wessen „Schuld“ es nun sei, wenn sich jemand diskriminiert fühlt, bin ich der Meinung, dass es hier auf Minder- und Mehrheitsgesellschaft ankommt. Obwohl man doch auch sagen muss, dass die Mehrheitsgesellschaft in der stärkeren Position ist und deshalb beim Aufeinander-Zugehen den ersten Schritt machen sollte. Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft haben es einfach schon dadurch leichter, dass sie eben in der Mehrheit sind und damit eine größere Chance auf Akzeptanz und damit verbunden einen Arbeitsplatz, eine Wohnung usw. haben. Das heißt, eine größere Chance auf ein Leben in Würde. Gerade in Bezug auf die Minderheit der Roma ist dieses Thema ein unglaublich weites Feld. Mein Mann winkt da witzigerweise als Erster ab, wenn ich manchmal meine, man müsste hier doch mal was für eine bessere Integration tun. Er ist der Auffassung: Wer sich integrieren will, der kann das auch und schafft das auch. Es fehle hier häufig am Willen. Man kann niemanden integrieren, der nicht will. Das beste Beispiel für eine tatsächliche Parallel-Gesellschaft, dass ich kenne.

        Traurig ist eben nur, dass man – auch, wenn man sich integriert – ständig die Sprüche um sich her hören muss. Meinem Mann sieht man es nicht sehr an, dass er Roma ist. Das führt oft zu den abstrusesten Situationen – hier in Ungarn hält sich halt niemand zurück, was das Äußern seiner Meinung angeht 😉 Und jeder schimpft gegen jeden (hier darf man wiederum die momentanen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der meisten in Ungarn lebenden Menschen nicht vergessen und die damit verbundene allgemeine Unzufriedenheit – aber das würde nun zu weit führen).

        Das hier gezeichnete Bild ist etwas negativ – ich möchte an dieser Stelle deshalb anmerken, dass es natürlich auch sehr viele gute Beispiele gibt und Menschen, die sich um ein freundliches und respektvolles Miteinander bemühen. Die eben auch nicht rassistisch sind. Man sollte nie verallgemeinern. Und das ich sehr gerne hier in Ungarn lebe.

  13. Hallo ann christina,
    eigentlich schade, dass noch niemand eine Antwort auf Ihren Beitrag geschrieben hat.Ich habe ihn mit grossem Interesse gelesen.
    Ich möchte mal alles Für und Wider im Zusammenhang mit den Roma ausklammern.
    Was mich bei dem Thema (Roma) so wütend macht ist, dass man sie ständig für irgendwelche Schlagzeilen „missbraucht“ um sich im Namen der Demokratie zu profilieren.Ich bin fest davon überzeugt, dass es weder den Roma noch den Obdachlosen im Ungarn einer jetzigen „Opposition“ (falls jene an die Macht kommen würde) besser gehen wird.Man hat ja seit 1989 Zeit dazu gehabt etwas zu tun.

  14. Die Zeit bringt einen ausführlichen Artikel über die Horthy-Zeit, über den ungarischen Antisemitismus und den Holocaust. Am Schluss des Artikels schlägt die Autorin den Bogen zur Gegenwart:
    „In Ungarn profiliert sich das von Viktor Orbán geführte Parteienbündnis vor allem mit symbolischer Politik … Die Juden werden marginalisiert … Die Mitwirkung der ungarischen Gendarmerie an der Deportation der Juden und den Massenmorden der Pfeilkreuzler wird nicht erwähnt. Im offiziellen Geschichtsbild sind die Ungarn nur Opfer.“

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