Welt: Interview mit dem Historiker Krisztián Ungváry über den Antisemitismus der Horthy-Zeit in Ungarn

Die Tageszeitung Die Welt bringt in ihrer heutigen Online-Ausgabe ein von Boris Kálnoky geführtes Interview mit dem ungarischen Historiker Krisztián Ungváry zum Antisemitismus in Ungarn während der Horthy-Zeit.

http://www.welt.de/kultur/article121115862/Ungarns-Judenhasser-brauchten-keinen-Hitler.html

Ungváry, der jüngst ein umfangreiches Werk mit dem Titel „Die Bilanz des Horthy-Systems. Diskriminierung, Sozialpolitik und Antisemitismus in Ungarn“ vorgelegt hat, präsentiert im Gespräch mit Kálnoky einige Kernthesen seines Buches zu den Ursachen des ungarischen Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit. Ungváry hält diesen für ein „rational erklärbares“ Phänomen, was keinesfalls „entschuldbar“ bedeutet. Er vertritt vielmehr die These, dass die damaligen Gründe und Ursachen des Antisemitismus die Gegenwart zu besonderer Wachsamkeit mahnen, da sich das Phänomen auch wiederholen könne.

Ungváry erklärt den ungarischen Antisemitismus, der in der Mittäterschaft Ungarns an der Ermordung von etwa 500.000 ungarischer Juden im Jahre 1944 gipfelte, letztlich mit wirtschaftlich/sozialen, d.h. materialistischen Ursachen und dem Neid großer Teile der Bevölkerung auf die beruflich und finanziell überdurchschnittlich erfolgreiche jüdische Mittelschicht (20-25% des Vermögens bei einem Bevölkerungsanteil von ca. 5%) Ungarns. Ungarns Politik sei letztlich an einer „Umverteilung“ interessiert gewesen und habe sich dabei des Vermögens der ungarischen Juden bedienen wollen. Anders als große Teile der Bevölkerung Ungarns, die die Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der Landsleute jüdischen Glaubens bis heute als Folge der deutschen Besatzung, jedenfalls aber des deutschen Einflusses verstehen wollen (diese Sichtweise ist nicht zuletzt Folge jahrzehntelanger Verharmlosung der ungarischen Rolle in den Lehrplänen der Volksrepublik Ungarn), vertritt Ungváry die These, dass erst die aktive Rolle Ungarns und Teile seiner Politik die Erklärung dafür liefern, warum Ungarn ab 1944 seine Mitbürger am schnellsten in die Vernichtungslager im Osten transportierte, obgleich die in Ungarn lebenden Juden zuvor, d.h. bis einschließlich 1943, zwar diskriminiert wurden, vor Massendeportationen aber relativ sicher waren.

Das Buch Ungvárys wurde durch galut, einen geschätzten Leser und Kommentator dieses Blogs, am 20. Juli 2013 in einem Gastbeitrag für Hungarian Voice rezensiert:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/07/20/gastbeitrag-rezension-des-ungvary-buches-die-bilanz-des-horthy-systems-diskriminierung-sozialpolitik-und-antisemitismus-in-ungarn/