Welt: Interview mit dem Historiker Krisztián Ungváry über den Antisemitismus der Horthy-Zeit in Ungarn

Die Tageszeitung Die Welt bringt in ihrer heutigen Online-Ausgabe ein von Boris Kálnoky geführtes Interview mit dem ungarischen Historiker Krisztián Ungváry zum Antisemitismus in Ungarn während der Horthy-Zeit.

http://www.welt.de/kultur/article121115862/Ungarns-Judenhasser-brauchten-keinen-Hitler.html

Ungváry, der jüngst ein umfangreiches Werk mit dem Titel „Die Bilanz des Horthy-Systems. Diskriminierung, Sozialpolitik und Antisemitismus in Ungarn“ vorgelegt hat, präsentiert im Gespräch mit Kálnoky einige Kernthesen seines Buches zu den Ursachen des ungarischen Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit. Ungváry hält diesen für ein „rational erklärbares“ Phänomen, was keinesfalls „entschuldbar“ bedeutet. Er vertritt vielmehr die These, dass die damaligen Gründe und Ursachen des Antisemitismus die Gegenwart zu besonderer Wachsamkeit mahnen, da sich das Phänomen auch wiederholen könne.

Ungváry erklärt den ungarischen Antisemitismus, der in der Mittäterschaft Ungarns an der Ermordung von etwa 500.000 ungarischer Juden im Jahre 1944 gipfelte, letztlich mit wirtschaftlich/sozialen, d.h. materialistischen Ursachen und dem Neid großer Teile der Bevölkerung auf die beruflich und finanziell überdurchschnittlich erfolgreiche jüdische Mittelschicht (20-25% des Vermögens bei einem Bevölkerungsanteil von ca. 5%) Ungarns. Ungarns Politik sei letztlich an einer „Umverteilung“ interessiert gewesen und habe sich dabei des Vermögens der ungarischen Juden bedienen wollen. Anders als große Teile der Bevölkerung Ungarns, die die Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der Landsleute jüdischen Glaubens bis heute als Folge der deutschen Besatzung, jedenfalls aber des deutschen Einflusses verstehen wollen (diese Sichtweise ist nicht zuletzt Folge jahrzehntelanger Verharmlosung der ungarischen Rolle in den Lehrplänen der Volksrepublik Ungarn), vertritt Ungváry die These, dass erst die aktive Rolle Ungarns und Teile seiner Politik die Erklärung dafür liefern, warum Ungarn ab 1944 seine Mitbürger am schnellsten in die Vernichtungslager im Osten transportierte, obgleich die in Ungarn lebenden Juden zuvor, d.h. bis einschließlich 1943, zwar diskriminiert wurden, vor Massendeportationen aber relativ sicher waren.

Das Buch Ungvárys wurde durch galut, einen geschätzten Leser und Kommentator dieses Blogs, am 20. Juli 2013 in einem Gastbeitrag für Hungarian Voice rezensiert:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/07/20/gastbeitrag-rezension-des-ungvary-buches-die-bilanz-des-horthy-systems-diskriminierung-sozialpolitik-und-antisemitismus-in-ungarn/

 

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45 Kommentare zu “Welt: Interview mit dem Historiker Krisztián Ungváry über den Antisemitismus der Horthy-Zeit in Ungarn

  1. Der angeblich so antisemitische A. Wass kommt in seinem Fabula (1946) auf den selben Schluss: die Ursachen des Holocausts sind Gier und Neid.
    http://kleinsthof.de/DeepThought/Reh.php

    Ich habe dafür grundgesetzliche Verständnisprobleme.

    Ungvary sagt: „Die alten ungarischen Eliten verhinderten eine Mobilisierung des Bauerntums“

    was bedeutet das? Das Schema war doch in jedem Land das selbe: mit dem Fortschritt der gesundheitlichen Versorgung nahm die Anzahl der Bevölkerung rasch zu, und die fanden keine Arbeit mehr in der Landwirtschaft. Die sind aber keinesfalls verhindert in die Städte zu ziehen, und viele wurden Arbeiter in neuen Betrieben. Die wurden Gewinner des Kapitalismus: die Arbeiter gelten in Ungarn als untere Mittelschicht. Armut herrscht unter Leute die in der Landwirtschaft nur ihr Arbeitskraft verkaufen können, (zsellerek), und unter denen die nur Diener Stellen (cseled) in der Stadt . Aber bis dem ersten Weltkrieg bleiben diese Vorgänge einigermaßen in geregelt: die goldene Jahren der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung. Die Ungarn ausgesprochen mögen die Modernität. Mit Trianon ändert sich alles: Hunderttausende flüchten nach Ungarn, die Industrie verliert sowohl ihre Rohstoffquellen als auch ihre Märkte, die ungarische Landwirtschaftliche Produkte werden boykottiert. Aber darauf gibt es nur eine gute Antwort: noch mehr Kapitalismus, damit Arbeitsplätze geschafft werden. Das war damals so klar, das Gyula Gömbös, der einzige Faschist der von Horthy zum Ministerpräsident ernannt worden ist, hat sich für seine frühere antisemitische Thesen entschuldigt: er wollte sich mit dem jüdischen Kapitalisten verbünden (übrigens Gömbös, genau so wie viele andere führende Persönlichkeit der Horthy Ära war Deutschstämmig, und war stolz darauf. Antideutsche Rassismus? Sorry?) Mir gibt einfach kein Sinn was Ungvary sagt. Die Aufteilung der Latifundien hat nirgendwo in der Welt die Arbeit und KapitalMangel behoben: zum Vergleich sind unsere Nachbarländer: da wurden die (ungarische) Latifundien unter (rumänische, tschechische etc.) Bauern verteilt: weder die Armmut noch das Antisemitismus wurde damit gelöst.

    Die Geschichte mit den Zinsen und Hass ist natürlich war : diese Schicht hat wahrscheinlich die überzeugte Pfeilkreuzler gegeben: die gequält gemordet und geraubt haben. Aber da sehe ich nicht das Problem: es gibt sehr wenige Leute heute in Ungarn die diese Schicht nicht verurteilen würde. Das Problem ist die „Christliche Mittelklasse“, mit denen sich ein Großteil der heutigen Bevölkerung identifiziert, und deren Verantwortung in der Holocaust weitgehend geleugnet wird. Dabei ohne das Wegschauen dieser Schicht (jeges közömbösseg, Bibó) hätten die Pfeilkreuzler nicht agieren können. Sicherlich haben einige wirtschaftliche Möglichkeiten in der Verschleppung der Juden gesehen, aber das war nicht die Hauptmotivation ihrer Ablehnung. Sondern, dass sie die Juden für für die Räterepublik und damit für Trianon gehalten haben. Und in ihren Augen, die Räterepublik war nicht anderes, als der Versuch des jüdischen Plebs eine Neuverteilung des politischen und wirtschaftlichen Vermögen auf den Kosten der Christlichen Mittelklasse zu erzwingen (weiterführende Literatur: C. Tormay: Bujdosokönyv). Ich finde es schrecklich, dass diese Gedanke -jetzt in umgekehrten Richtung- wieder auftaucht.

    Natürlich gab es vor 1945 auch Turan und Turulkult und etc. Aber unvergleichbar mehr Ungarn haben die starken Deutschen und ihren Führer bewundert, als die sich rassistisch überlegen gefühlt haben. Anti Deutsche Rassismus kam auf erst nach dem Krieg auf und der wurde künstlich angeregt. Die Kommunisten haben, ganz genau wie Hitler damals mit den Juden, für alle Probleme die Deutsche verantwortlich gemacht. Das hat mit der Modernität und Bürgertum und Neid nichts zu tun: und das muss Ungvary wissen. (übrigens die Verschleppung der Deutschen war nicht mal annähernd so gründlich wie, bei den Juden, und vor allem die städtische also moderne und reichere Deutschstämmige wurden nicht verschleppt)

    Das Buch passt aber Perfekt auf die deutschen Markt, und wird sicherlich ein Bestseller. Ich bin neidisch:)

  2. Antideutscher Rassismus war in der ungarischen Armee unter Horthy unbekannt. Denn viele der hohen ung. Offiziere waren deutscher Abstammung, was natürlich von den Kommunisten dazu benützt wurde, die Schuld für alles was nach der deutschen Besatzung passierte pauschal den Deutschen in die Schuhe zu schieben.
    Was die „christliche Mittelklasse“ anbelangt hat Sándor Márai – ich zitiere jetzt aus der Erinnerung – in seinem Tagebuch 1944 auf das Beispiel einer Kleinstadt hingewiesen in der es drei Zahnärzte gab, die Sonntags nachmittag miteinander Karten spielten. Nachdem der jüdische Zahnarzt deportiert wurde, rannten die beiden anderen zu seiner Ordination und schlugen sich um die Ausrüstung.
    Der Historiker László Varga führte mit dem Militärhistoriker Sándor Szakály und mit der Historikerin Judith Molnár ein interessantes Gespräch über Honvéds, Csendör und Holocaust
    http://nepszava.hu/cikk/1001415-honvedseg-csendorseg-holokauszt

  3. Tja, ich befürchte, da wird der Herr Kalnoky wohl Herrn Ungváry wohl nochmals interviewen
    müssen. Hat doch ein Experte??? festgestellt, dass Ungváry antisemitische Klischees unterlaufen sind!! Das muss man natürlich sofort hinterfragen!! (wer ist eigentlich Th.Schmid? )
    Hach, was würde Ungarn nur ohne die vielen (neuen) Experten machen, die einem die Welt erklären???

    • Schmid ist Herausgeber der WELT. Was ihn zum Experten der ungarischen Geschichte – das Forschungsgebiet Ungvárys – macht, ist mir allerdings unbekannt. Aber „Antisemitismus hat keine ratio“ klingt hervorragend! Hoffen wir einfach, dass durch diese Feststellung das Problem der „Ubiquität“ antisemitischer Vorurteile beseitigt ist.

      Ungváry hat es nicht leicht. In Ungarn regelmäßig von rechtsrechten Hetzern zum Juden und Vaterlandsverräter erklärt, muss er sich von Schmid in Deutschland vorhalten lassen, selbst antisemitischen Klischees aufgesessen zu sein. Selbstredend, ohne dass Schmid das Buch Ungvárys im Zusammenhang gelesen hat.

      • Wo bleibt Ihre inhaltliche Argumentation? Von einer sorgfältigen Lektüre ganz zu schweigen. Schmid geriert sich weder als „Ungarn-Experte“ noch beurteilt er Ungvárys Buch, im Gegenteil, er sagt, man müsse abwarten, wie er im Buch argumentiert, und er betont ausdrücklich: „Nicht nur, aber vor allem die Juden betreffend, gibt es ein altes Stereotyp: Die Opfer sind selbst schuld. Krisztián Ungváry teilt diese Sichtweise nicht.“ Schmid merkt nur an, dass er in dem Interview zu oberflächlich argumentiert: „In dem Interview aber gibt er sich nicht genügend Mühe, diese Deutung auszuschließen.“ Vielleicht war aber auch nicht genügend Platz für eine gründlichere Darlegung, weil Kalnoki noch seine Reste verwursten musste. Und Ihre Experten-Gläubigkeit ist auch nicht ganz zu verstehen. Warum sollte die Wissenschaft nicht auch blinde Flecken haben? György Tatár sprach in diesem Zusammenhang und in Bezug auf Romsics von „funktionalem Antisemitismus“: http://www.es.hu/tatar_gyorgy;funkcionalis_antiszemitizmus;2012-08-23.html

      • Originell wie immer, Fagaras.

        Bis soeben beschränkte sich Ihre „inhaltliche Argumentation“ auf das Einstellen von Links. Da war ich Ihnen jedenfalls durch Kundgabe meiner Meinung ein wenig Inhalt voraus.

        Sie werfen Kálnoky – den man, werte(r) Fagaras, mit „y“ am Ende schreibt – vor, er habe etwas verwursten wollen. Woraus leiten Sie diese Erkenntnis ab, Sie, der Sie auf inhaltliche Argumente Wert legen, die eigenen aber so ungern mitteilen? Unterstellen Sie unredliche Motive?

        Den Vorwurf der Expertengläubigkeit verstehe ich nicht, ich finde ihn fast lustig. Was haben Sie denn bislang in diesem Thread getan? Verlinkt, anstatt die eigene Meinung zu äußern…

        Glaube ist für die Kirche. Ich gönne mir den Luxus einer Meinung, und die ist, dass ich Ungváry in vielen seiner historischen Thesen zustimme. Seine Annahme, der ungarische Antisemitismus habe wirtschaftliche Gründe gehabt, teile ich. Wie Ihnen Karl Pfeifer berichten kann, sehe ich vieles auch anders als Ungváry. Aber eines habe ich Schmid ganz gewiss voraus: Ich lese ich die Bilanz des Horthy-Systems gerade im Original. Und finde das Buch sehr verdienstvoll, weil es versucht, auf Ursachenforschung zu gehen. es wird gewiss eine Debatte anregen. Und in der wird der Vorwurf antisemitischer Klischees kaum Platz haben.

        Die blinden Flecken bestreite ich nicht, es gibt sie in allen Wissenschaften. Nur befürchte ich, dass Sie mit Ihrer Art von Kommentierung zu Kálnoky und Ungváry, die von viel Ablehnung und wenig Inhalt geprägt war, nicht beseitigen werden. Die Frage, ob Sie überhaupt zur Aufklärung beitragen wollen, können freilich nur Sie beantworten.

      • Freilich kann ich die Argumentation in den verlinkten Artikeln noch einmal wiedergeben (wie Sie das ja so gerne bei Ihren einzelnen Posts tun), aber was hätte das für einen Sinn, wenn es doch jeder selbst lesen kann? Das heißt nicht, daß ich dem jeweiligen Autor an sich folge (deshalb verstehe ich auch nicht, was Schmids Person, Position, Funktion überhaupt für eine Rolle spielt), aber der konkreten Argumentation in einem konkreten Beitrag schon oder zumindest halte ich sie für bedenkenswert. Ich argumentiere dann schon selbst, wenn wie diesmal eine Diskussion entsteht. Und in diesem Sinne finde ich, Schmid hat auf einige sehr problematische Punkte (vor allem den mit den wirtschaftlichen Ursachen – was haben Sie denn Schmids Argumenten entgegenzusetzen, außer daß Sie, wie Sie sagen, Ungvárys Ansicht diesbezüglich teilen?) in dem Interview hingewiesen (das erklärt wohl auch die bellenden Reaktionen hier). Wie gesagt, in dem Interview, nicht in Ungvárys Buch, das haben Sie scheinbar immer noch nicht verstanden, daß Schmid b e t o n t, man müsse das Buch abwarten (bzw. dessen deutsche Übersetzung). Wieso ich finde, werter Herr Kalnoki verwurstet seine Reste? Hat er doch selbst gesagt: „Ich glaube nicht dass vier Interviews über vier Monate, sowie IVs zusätzlich mit Köves, Oberlander und Ungváry oberflächlich ist.“ Das Interview mit Ungváry war sein Recherche-Material zu dem Szegedi-Text, und wenn er das schon mal hatte, dann konnte er das doch gleich noch in der Welt platzieren, auch wenn dieser Platz äußerst gering war, und das Interview dafür gekürzt werden mußte (denn ich glaube nicht, daß Kalnoki nur diese zehn Minuten mit Ungváry gesprochen hat) und dadurch vielleicht auch die Argumentation entstellt wurde.

      • Lesen Sie galuts Ausführungen, zu denen Sie schweigen. Das meiste, was man Schmid entgegenhalten kann, zählt er bereits auf. Ich selbst möchte dazu, um vor Ihrer inquisitorischen Befragung sicher zu sein, eigentlich nichts mehr sagen: Denn glaubt man Ihnen, verstehe ich es ja ohnehin nicht 🙂 …

        Galuts Rezension des Buches sei hier ebenfalls noch einmal empfohlen.

        Vielleicht doch zwei Ergänzungen:
        1. Einen der traurigen Höhepunkte der auf mich etwas aufgeregt wirkenden Replik Schmids bildet seine Auslegung, es komme der „Verhöhnung“ des Vermögens von Menschen, moralische Urteile, gleich, wenn „jemand“ (Ungváry ist gemeint) behaupte, Elend und Armut „führe“ zwangsweise und reflexhaft zu Antisemitismus. Denn Ungváry hat diese These gar nicht aufgestellt, vielmehr erschnüffelt sie Schmid mit seinem Näschen – oder glaubt es jedenfalls. Konkret drückt sich Schmid sich in seiner Replik so aus, als würde Ungváry seine Thesen nicht auf die Horthy-Zeit, sondern auch auf die Gegenwart beziehen („führe zu Antisemitismus“). Schmid hat mit dieser in fromme Worte gekleideten Unterstellung den Text Ungvárys längst verlassen und lebt offenbar seine Vorstellungen davon aus, was (wieder) einmal gesagt werden musste, um sich vom (geglaubten) Antisemitismus loszusagen. Vielleicht hat er ja ein paar empörte Leserbriefe bekommen, und reagiert darauf? Ich bin überzeugt, heute ist man weiter als vor 100 Jahren, was die Suche nach Sündenböcken und die moralische Rechtfertigung dieses Verhaltens angeht. Dass die Juden – auch aus wirtschaftlichen Gründen – zu Sündenböcken gemacht wurden, war damals eine lässliche Sünde, sogar gewisser Maßen „en vogue“. Emanzipation gegen Reaktion, Moderne gegen Konservatisismus. Gerade die damalige Zeit hat also dazu geführt, dass der Antisemitismus, auf Grundlage von Neid und Missgunst, so schnell wachsen konnte und (schon lange vor dem Holocaust) in weiten Teilen Europas zu Diskriminierung führte. Ich bin auch überzeugt davon, dass sich die Fähigkeit zu moralischen Urteilen (auch wenn man das bedauert) dem „Zeitgeist“ anpasst. Mit heutigen Moralvorstellungen über die damalige Zeit zu urteilen, lässt eben jene „blinden Flecken“, von denen Sie gestern schrieben. Man muss versuchen, die Geschichte vor dem Hintergrund der Zeit zu verstehen, in der sie sich abspielte. Dass sich moralische Werte ändern, zeigt etwa der Umstand, dass Homosexualität in den 1970er Jahren noch eine Straftat war. Wer Ungváry unterstellt, er wolle den damaligen Antisemitismus (der vor einer bestimmten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation entstand) mit Blick auch auf die Gegenwart, also dauerhaft, als zu rechtfertigendes Phänomen darstellen, befindet sich entweder auf dem Holzweg (ist also ein historischer Ignorant) oder will vorsätzlich diskreditieren.

        2. Die Anmerkung Schmids, man müsse auf das Buch warten, macht seine zuvor gewählten Worte nicht ungeschehen. Er redet über etwas, das er sich selbst zurecht reimt. Und von dem er – wie man seinen Ausführungen selbst entnehmen kann – offenbar kein gesteigertes Wissen hat. Er glaubt lediglich zu wissen, dass man bestimmte Dinge nicht sagen darf. Das scheint mir etwas dünn.

        Hoffentlich bekommt Ungváry die Möglichkeit zu einer öffentlichen Replik. Hier könnte eine wirklich interessante öffentliche Diskussion entstehen. Etwa darüber, wie schnell man sich hierzulande vorhalten lassen muss, man falle auf antisemitische Klischees herein. Wenn die Welt sie nicht abdruckt: Hungarian Voice wäre selbstverständlich dazu bereit!

      • Ja, klar, wenn Sie andere auffordern zu argumentieren, dann ist das nur berechtigt, wenn andere Sie dazu auffordern, dann ist das gleich inquisitorisch. So was nennt man Messen mit zweierlei Maß, das Sie ja so gern den anderen unterstellen.
        1. Schmid antwortet auf Galuts und auch auf Ihr Argument, man müsse diese armen Antisemiten und ihren Reflex in ihrer Zeit verstehen und dürfe nicht mit heutigen Moralvorstellungen herangehen, damit, daß es durchaus gesellschaftliche Gruppen, Parteien oder auch ganze Länder (Dänemark etwa), auch in jener Zeit, gab, die auf so billige Erklärungsmuster nicht hereinfielen.
        2. Schmid merkt an, daß eine monokausale Erklärung (und mehr gibt dieses Interview leider nicht her), der Antisemitismus sei vor dem wirtschaftlichen Hintergrund und deshalb rational zu erklären, einfach viel zu kurz greift, und dem kann ich uneingeschränkt zustimmen.
        3. Schmid fabuliert auch nichts hinzu, wie Galut und Sie ihm unterstellen, in dem Interview steht halt leider nur das. Zudem bezieht sich Ungváry durchaus auch auf heute, und nicht, wie Sie behaupten, nur auf damals, z.B. „Es war sehr schwer, unter diesen Bedingungen nicht zum Rassisten zu werden. Das hätte ein gewisses Bildungsniveau vorausgesetzt, das diese Menschen nicht hatten. Der natürliche Reflex ist ja leider, Menschen nach äußerlichen Attributen zu beurteilen, und wer den Kredit gab, wurde als Jude erlebt, selbst wenn er vielleicht keiner war. Diese Kategorisierung zu hinterfragen, war (und ist auch heute leider) für den Durchschnittsmenschen eine Überforderung.“
        Also vielleicht lesen Sie einfach noch mal genauer sowohl Interview als auch Replik.

      • Nun habe ich, auf Ihren Rat hin, nochmals „genauer“ gelesen. Und hierbei fällt auf, dass galut und ich dem Herrn Schmid rein gar nichts unterstellen. Denn er schreibt: „Die Juden hätten doch nicht auftrumpfen, sie hätten sich doch nicht so in den Vordergrund spielen müssen, sie hätten sich doch unauffälliger verhalten können, dann wäre ihnen schon nichts geschehen – Ungváry sagt es nicht, es klingt aber wie der zweite Halbsatz, den er verschluckt. Ungváry meint das nicht, schon weil er viel zu klug dazu ist. Aber er schließt diese Unterstellung auch nicht aus.“ Das, was Schmid hier tut, ist genau das, was Sie als „hinzufabulieren“ bezeichnen. Das Gerede davon, man (eigentlich meint Schmid sich selbst) könne das von Ungváry nicht Gesagte in gewisser Weise verstehen, ist meines Erachtens abenteuerlich. Ungváry hat meiner Empfindung nach nichts verschluckt, und muss auch keine Deutung ausschließen, die irgendwer anhand nicht gesagter Worte möglicher Weise vornehmen könnte. Ein bekanntes Stilmittel: Jemandem etwas vorzuwerfen, nicht weil er es gesagt hätte, sondern weil er es nicht gesagt hat und Dritte das nicht Gesagte so oder so verstehen könnten. Nicht der Sender, sondern der Empfänger ist es, der hier seiner eigenen Vorurteilsbehaftung auf den Leim geht. Es wäre schön, wenn Sie Ihre nachfolgenden Bemerkungen von Andeutungen, der Gegenüber habe nicht gelesen oder nicht verstanden, freihalten könnten. Wir beide sind, glaube ich, über Schule und Universität hinaus. Ich hoffe und nehme an, beide mit Erfolg. Und benötigen daher keine Zurechtweisungen dieser Art. Wenn Sie konkretes an meinem Verhalten in der Vergangenheit auszusetzen haben, benennen Sie es doch bitte, anstatt sich in Verallgemeinerungen im Bezug auf meine Person zu ergehen (etwa dazu, was ich angeblich so gerne tue). Schmid würde das nicht gutheißen. 🙂

      • Toll, wieder dasselbe Muster, Sie dürfen scharf und polemisch sein, Ihr Gegenüber darf es nicht. Im Übrigen ist mir egal (Ihnen scheinbar nicht), was Schmid tut oder nicht, mir ist auch seine Motivation oder Person egal oder für was er ein Experte ist und ob er Ungarn kennt oder nicht, was hier zählt, sind seine Argumente zu diesem konkreten Thema, nur als Antwort auf Ungváry hat sein Artikel einen Sinn. Und daß Sie in Ihrem Blog häufig das Messen mit zweierlei Maß der EU gegenüber Ungarn anprangern, ist wohl ein offenes Geheimnis.

        Ich bin weiterhin der Ansicht, daß der folgende Teil des Interviews problematisch ist (nicht nur Ungvárys Antwort, sondern auch Kalnokis Frage, der Ungváry nicht entschieden widerspricht bzw. die er nicht differenziert) und daß Schmid davon ausgehend die richtigen Überlegungen anstellt:

        „Die Welt: Sie beschreiben das plastisch – wie Massen verarmter Bauern von Wucherern Kleinstkredite aufnahmen zu zehn Prozent Zins wöchentlich, und von gierigen Rechtsanwälten wegen Zahlungsunfähigkeit vor Gericht geschleppt und enteignet wurden. Wucherer und Rechtsanwälte waren alles Juden, die Opfer meist Ungarn. Musste man da als Opfer nicht zwangsläufig Antisemit werden?
        Krisztián Ungváry: Es war sehr schwer, unter diesen Bedingungen nicht zum Rassisten zu werden. Das hätte ein gewisses Bildungsniveau vorausgesetzt, das diese Menschen nicht hatten. Der natürliche Reflex ist ja leider, Menschen nach äußerlichen Attributen zu beurteilen, und wer den Kredit gab, wurde als Jude erlebt, selbst wenn er vielleicht keiner war. Diese Kategorisierung zu hinterfragen, war (und ist auch heute leider) für den Durchschnittsmenschen eine Überforderung.“

        Ein logische oder, wie Ungváry sagt, „rationale“ oder gar (Kalnoki) „zwangsläufige“ Verbindung zwischen den wirtschaftlich-sozialen Bedingungen und dem Judenhaß herzustellen, halte ich für problematisch und Schmid hat m.E. recht, wenn er sagt, Ungváry grenzt sich nicht genug von diesem Gedanken ab.

        Die zweite äußerst problematische These ist der Vergleich zwischen Judendeportation und -ermordung einerseits und Vertreibung der Deutschen andererseits, weil Sie wieder nur einen ähnlichen Zug oder eine gemeinsame Ursache hervorhebt und dabei alle anderen Ursachen, Bedingungen, historischen Entwicklungen vernachlässigt.

  4. Der Artikel von Schmid ist meiner Meinung nach peinlich. In Unkenntnis der ungarischen Geschichte und in Unkenntnis des Buches von Ungváry alleine aus Halbsätzen, die nicht Ungváry gesagt, sondern Schmid selbst sich hinzugedacht hat, so einen Artikel zu generieren, ist gelinde gesagt unseriös („Ungváry sagt es nicht, es klingt aber wie der zweite Halbsatz, den er verschluckt. Ungváry meint das nicht, schon weil er viel zu klug dazu ist. Aber er schließt diese Unterstellung auch nicht aus. „) Ja, meine Güte, wenn man alles, was irgendwer in die eigenen Sätze hineinlesen könnte, ausschließen würde/müsste, könnte nie ein Gespräch stattfinden, weil man immer wieder Abgrenzungen vornehmen müsste. So funktioniert aber Kommunikation nun einmal nicht, dass ich die Nichterfüllung meiner eigenen stillschweigenden Erwartungen dem anderen vorwerfe.
    Schmid wirft Ungváry vor, dieser würde in dem Antisemitismus vieler Ungarn (Schmid spricht nur/v.a. von den ungarischen Bauern) eine Rationalität erkennen. Nun, wenn nach dem Krieg die vielen christlichen Ärzte, Ingenieure, Journalisten (sehr viele davon Flüchtlinge aus den verlorenen Gebieten) im kleinen Ungarn sahen, dass etwa in Bp. ihre Berufsfelder zu 45-55-65% von Juden besetzt waren und deshalb die MONE (Verband der Ärzte), der Verband der Ingenieure usw. Numerus clausus für die eigenen Reihen beschloss, um die Zahl der jüdischen Ärzte etc. zu verringern, dann war das doch eine Handlung, die man mit dem Ursache-Wirkung-Prinzip nachvollziehbar fand (dass wir uns heute damit nicht identifizieren, ist selbstredend!). Und wenn Statistiken bewiesen, dass etwa 25% des Nationalvermögens in den Händen von Personen war, die man eben als „Juden“ wahrnahm, wobei man wusste, dass die jüdischen Ungarn zahlenmäßig nur 5% der Landesbevölkerung ausmachten, dann empfand man eben, dass die Juden überdurchschnittlich reich war. Da kommt Schmid umsonst mit der Binsenwahrheit „Obgleich es in Ungarn wie anderswo viele erfolgreiche und wohlhabende Juden gab, waren doch längst nicht alle Juden reich“. Man hat es eben nicht sehen wollen und es ist eine trivialpsychologische Erkenntnis, dass, was man nicht sehen will, es eben häufig auch als inexistent wahrgenommen wird.
    Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie leichtfertig sich Personen zu/in Angelegenheiten äußern …

  5. Großartig. Ich denke, Ungváry wird darauf antworten wollen. Das Buch muss man nicht abwarten, höchstens eine deutsche Übersetzung, die ich an dieser Stelle dringend anraten möchte. Oder eine deutsche Variante, in der Ungváry den ungarischen mit dem deutschen Antisemitismus kontrastieren würde. Hört jemand zu? Bitte! (ich glaube er würde das auch gerne machen).

  6. Irgendwie hat sich mir beim Lesen des Artikels von Schmid sofort der Eindruck aufgedrängt, dass man in den höheren Chefetagen zu der Erkenntnis gelangt ist, bisher viel zu wohlwollend über Ungarn berichtet zu haben und dies nun aber ganz schnell spontimässig ändern muss.

  7. Das Interessante an dem Schmid-Text ist zudem: bisher war es eine häufige und bedauerliche Praxis vieler Journalisten, Aussagen aus ihrem Zusammenhang zu reißen, um Skandale zu kreieren. Aber immerhin gab es die Aussagen und es gab den Zusammenhang. Schmid hingegen erfindet selbst einen Zusammenhang, wie er empfindet, dass es ihn geben müsste, und empört sich dann über den eigenen, von ihm selbst erfundenen Zusammenhang.
    Wie bizarr!

    • Nun bin ich ja mehr „vom flachem Land“, aber wenn ich mal ganz unvoreingenommen den Text von S. lese, weshalb habe ich dann irgendwie das Empfinden, dass hier eine „Reinwaschung“ der deutschen Vergangenheit stattfidet?
      So nach dem Motto: Wir waren in der Vergangenheit schlimm , aber die Anderen waren es auch! (geteilte Schuld ist halbe Schuld?? )
      Wenn ich mir aber ansehe , wieviele Menschen vor dem Einmarsch in Ungarn schon umgebracht wurden, dann frage ich mich: Haben wir ein Recht dazu andere „anzuklagen“???

      http://geschichtsverein-koengen.de/Holocaust.htm

  8. Eine Frage bleibt unbeantwortet. In Bulgarien, das mit Hitlerdeutschland verbündet war, gab es auch Juden diskriminierende Gesetze, doch dort protestierten die Berufsvereinigungen (z. B. der Ärzte und der Rechtsanwälte) dagegen. Aus den von Bulgaren besetzten Gebieten wurden Juden deportiert, nicht jedoch aus Bulgarien, wo es 1945 mehr Juden gab als 1938.
    Bulgarien war sicher nicht so entwickelt wie Ungarn, d.h. Armut und agrarische Wirtschaft gehen nicht automatisch mit Antisemitismus zusammen.
    Was also unterschied Bulgarien von Ungarn? Und damit keiner mich mit Absicht mißversteht, ich glaube nicht, dass der Unterschied mit Genetik was zu tun hatte.
    Es geht darum, dass man in Ungarn, die Juden zum Sündenbock machte, dass in Ungarn unter Horthy der Antisemitismus teil der Staatsräson wurde.
    Ungvárys Verdienst ist es, darauf hingewiesen zu haben, dass der Antisemitismus nicht aus Deutschland oder Österreich importiert werden mußte.
    Und so versucht Fidesz-KDNP auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Das Ausland soll glauben, die Regierung tue doch alles in ihrer Macht stehende, um den Antisemitismus zu bekämpfen und dafür werden einige Alibiaktionen gestartet.
    Im Inland toleriert man in Medien, die wie Ungváry treffend schreibt, von Fidesz kontrolliert werden, ungehemmte antisemitische und rassistische Hetze, die so in Deutschland und Österreich nur von Neonazi transportiert werden.

    • Ist es korrekt, dass in Bulgarien 50.000, in Ungarn aber mehr als 500.000 Juden lebten? Kann dieser Umstand damit zu tun haben, dass man in Ungarn „die Juden“ seinerzeit eher als „Gefahr“ wahrnahm? Das vermeintlich Fremde zieht möglicher Weise je mehr Vorurteile auf sich, desto mehr man es wahrnimmt.

      Auch nach Ungvárys Neid-Argument würde das auch Sinn machen. Von 500.000 Juden, in deren Händen bis zu 25% des Nationalvermögens war, war offensichtlich mehr zu rauben…

      • HV Ihre Argumentation steht auf schwachen Beinen. Wenn es nur um Vermögen gegangen wäre, dann hätte man nicht bettelarmen Juden aus der heutigen Karpatoukraine zuerst nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Übrigens hat schon István Bibó vermerkt, dass diese Juden, die in der Regel kein Ungarisch sprachen, vor der Volkszählung (ich glaube mich zu erinnern 1941) gebeten wurden, sich als Ungarn zu bekennen und dass das Stiefmutterland sie dafür als erste hat vernichten lassen.
        Die meisten Juden Bulgariens (63.403 waren es 1943) in der Hauptstadt Sofia konzentriert und viele waren Ärzte, Rechtsanwälte. Tatsache ist, dass sowohl Ärzte- als auch Rechtsanwaltskammer gegen die Juden diskriminierende Gesetze protestierten, (hingegen befürworteten die Apotherke- und Handelskammer diese).
        1940 zählte Bulgarien 6.2 Millionen Einwohner, davon lebten 407.000 in Sofia. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren 80 Prozent der Bevölkerung des agrarisch geprägten Staates Bauern. Also Armut und eine mehrheitlich bäuerliche Bevölkerung waren wenigstens in dem Ausmaß wie in Ungarn gegeben,
        Aus der Encyklopädie des Holocausts ein wichtiger Absatz: „Der Antisemitismus hatte in Bulgarien keine größere Geltung erlangt. Karl Hoffmann, Polizeiattaché und Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Bulgarien, stellte in einem Brief an seine Vorgesetzten in Berlin vom 5. April 1943 fest, daß weder die ideologischen noch die „rassischen Voraussetzungen“ für eine Unterstützung der Deportationen von seiten der bulgarischen Bevölkerung gebeben seien.“.

        Also wird klar, während das Horthyregime den (nicht immer gewalttätigen) Antisemitismus befürwortete und betrieb, war das in Bulgarien nicht der Fall. So gesehen und das bestätigt Ungváry in seinem Buch, ohne dem und ohne die Begeisterung der Horthyadministration – Ehre den wenigen Ausnahmen, die sich nicht daran beteiligten – hätten die ungarischen Ordnungskräfte nicht binnen weniger Wochen mehr als eine halbe Million deportieren können.
        Und jetzt kommen wir zurück zu meiner Argumentation: Es liegt, auch wenn einige Poster hier das Gegenteil behaupten, nicht im Interesse der ungarischen Bevölkerung, wenn im nächsten Jahr die ungarische Regierung einerseits an die Ereignisse 1944 erinnern wird und wenn dann andererseits in einigen von Fidesz kontrollierten Medien die antisemitische und rassistische Hetze sowie Horthyapologie weiter betrieben und Gesten gegenüber der ungarischen Nazipartei Jobbik gemacht werden. .
        Joëlle Stolz (Vienne, correspondante) schreibt: „Longtemps accusé de complaisance envers les dérapages antisémites de l’extrême droite, le gouvernement du premier ministre conservateur hongrois Viktor Orban se distingue désormais par son zèle sur le sujet, et veut encourager un travail de mémoire dans le pays à l’occasion du 70e anniversaire des déportations en Hongrie, au printemps 2014.“
        D.h. die Orbánregierung möchte die Erinnerungsarbeit im nächsten Frühjahr aktiv ermutigen.
        Und sie vermerkt auch dass Elöd Novak (Jobbikabg.) entgegengetreten wurde, als er sich gegen diese Erinnerungsarbeit aussprach.
        D.h. die internationalen Medien beobachten die Lage und sind auch bereit jede Änderung des bisherigen Kurses zu vermerken. Was der hier oft wiederholten Behauptung widerspricht, die Medien wären voreingenommen.

      • Kann denn eine Frage, die ich an Sie richtete, auf schwachen Beinen stehen?
        Es leuchtet mir natürlich ein, dass nicht NUR das Vermögen eine Rolle spielte.
        Auf den zahlenmäßigen Unterschied Ungarn-Bulgarien gehen Sie nicht ein. Besteht die Möglichkeit, dass man 500.000 Juden (oft überdurchschnittlich erfolgreiche und wohlhabende) in Ungarn als „bedrohlicher“ empfand als 50.000 in Bulgarien? Dass auch dies natürlich den Antisemitismus, insbesondere den staatlichen Antisemitismus im Ungarn unter Horthy, nicht zu rechtfertigen vermag, darüber besteht zwischen uns kein Dissens. Aber könnte die Bevölkerung dadurch anfälliger gewesen sein? Mich interessiert jetzt die Ursachenforschung. Ich erinnere mich an die Aussage des Generals in dem grandiosen Filmwerk „a napfény íze“. Der sagte zu dem konvertierten und assimilierten Juden Sors (geb. Sonnenschein), der sich Verfolgung ausgesetzt war: „Az antiszemitizmus a gyölölködö és sikertelen emberek betegsége.“ Ich tendiere dazu, dieser Filmfigur zuzustimmen und daher auch Ungváry…

        Im übrigen kann ich den Film (deutsch: „Ein Hauch von Sonnenschein“) nur empfehlen. Er erzählt die Geschichte vierer Generationen einer jüdischen Familie vom 19. Jahrhundert bis in die Kádár-Zeit.

      • Natürlich kann eine Frage und die danach erfolgte Behauptung auf schwachen Beinen stehen.
        Die von mir aufgeworfenen Fragen über die Gegenwart können auch mit diesen Fragen nicht beiseitegeschoben werden. Und interessanterweise will auf meine Fragen zur Gegenwart keiner antworten.
        Für diejenigen, die eine Apologie des Horthyregimes betreiben, muss ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein Greuel sein. Eine solche liegt aber im Interesse Ungarns. Ob man diese Erinnerungsarbeit mit der Kampfrethorik gegen die EU im Einklang bringen wird können? Wir werden sehen, wie das weitergeht.

      • Ich will Ihre Fragen zur Gegenwart nicht „beseite schieben“, wie kommen Sie nur wieder zu diesem Reflex? Das eine Thema hat mit dem anderen nur wenig zu tun, hier geht es schwerpunktmäßig um die historischen Thesen Ungvárys.

        Zu der fast zehn mal so großen Zahl von Juden in Ungarn fällt Ihnen also nichts ein. Gut, belassen wir es einfach dabei.

        Aber zum Thema Bulgarien habe ich noch eine Anmerkung: Wie ich lese, gab es im Jahr 1943 ein geheimes Abkommen der bulgarischen Regierung zur Deportation von 20.000 (der ca. 50.000) bulgarischen Juden. Wir reden hier nicht von Nordgriechenland und Mazedonien. Dem bulgarischen Volk ist zugute zu halten, dass es nach Bekanntwerden dieses Geheimabkommens zu Protesten (u.a. in Sofia) kam, was zur Folge hatte, dass die Deportationsbefehle zwar nicht annuliert, aber aufgeschoben wurden. Es war übrigens auch dem Umstand, dass im September 1944 bereits die russischen Truppen in Bulgarien einmarschierten, zu verdanken, dass die Deportation dann nicht mehr durchgeführt werden konnten. Bereits zuvor, wenn ich nicht irre am 8. Juli 1944, wurden die Deportationen auch in Ungarn gestoppt.

        http://www.balkanbiro.org/en/berichte/bulgarien/rettung-der-bulgarischen-juden

        Es war also nicht der fehlende staatliche Antisemitismus (den gab es in Bulgarien sehr wohl), sondern der Protest aus der Bevölkerung (in Kombination mit dem Einmarsch der Russen), der die Ermordung letztlich verhinderte. Es gab in Bulgarien Judengesetze, es gab die Bereitschaft zur Deportation, etwas anderes zu behaupten, scheint mir – und da drücke ich mich vorsichtig aus – nicht auf dem Boden der Tatsachen zu stehen. Was uns zurück führt zu der Frage: Warum war die Bevölkerung, trotz in beiden Ländern bestehender Bündnisse mit Hitlerdeutschland, in beiden Ländern existierender Judengesetze und staatlichen Antisemitismus und trotz der in beiden Ländern auf Regierungsebene bestehenden Bereitschaft, Juden zu deportieren, eher bereit, die Deportation der auf dem Land lebenden Juden zu unterstützen oder ihr jedenfalls tatenlos zuzusehen? Sind Ungarn, wie Ákos Kertész bemerkte, etwa „genetisch zum Untertan geboren“? Oder war die Landbevölkerung aus anderen Gründen besonders erpicht darauf, die jüdischen Mitbürger „loszuwerden“?

        Bei Ihrem historischen Abriss unterschlagen Sie übrigens zum wiederholten Male, dass die in Budapest lebenden Juden der Deportation und der Vernichtung größtenteils entgingen und – trotz der von Ihnen betonten Negativmerkmale des Horthy-Systems – Juden relativ lange von der Deportation verschont blieben. Wenn ich mich nicht irre, haben Sie selbst aus diesem Grund Ungarn aufgesucht. Auch das gehört zur Geschichte des ungarischen Holocaust, weil es die Widersprüchlichkeit der ungarischen Rolle im Holocaust dokumentiert. Auch wenn es die Schuld der Beteiligten nicht schmälert.

        Was 2014 angeht, so bin ich zuversichtlich. Seit der Rede von Tibor Navracsics hat (endlich!) ein ranghoher Regierungsvertreter öffentlich die Verantwortung Ungarns am Holocaust bekannt. Leider gab es kaum ausländisches Echo auf diese Rede. Die Rede war ein Lichtblick, auch wenn es bei der Vermittlung des Wissens in der Bevölkerung noch viel zu tun gibt…

      • “ … und wenn dann andererseits in einigen von Fidesz kontrollierten Medien die antisemitische und rassistische Hetze sowie Horthyapologie weiter betrieben und Gesten gegenüber der ungarischen Nazipartei Jobbik gemacht werden. .“

        Die von Pfeifer in obigem Schachtelsatzfragment „aufgeworfenen Fragen über die Gegenwart“, sind wahnwitzig.
        Er behauptet, Fidesz kontrolliere Medien, in denen antisemitische und rassistische Hetze betrieben werde.
        Er behauptet, Fidesz kontrolliere Medien, die Horthyapologie betreiben.
        Er behauptet, in Fidesz-kontrollierte Medien würden „Gesten gegenüber der ungarischen Nazipartei Jobbik gemacht“.

        Mal ehrlich, Herr Pfeifer, welche unerwarteten Rückschlüsse ziehen sie aus der Tatsache, dass auf IHRE Fragen zur Gegenwart keiner antworten will?

      • Strasbourg, den 30. Oktober 2013

        Mal eine gute Nachricht, sozusagen als Gegengewicht zu Pfeifers Aberwitz.
        Deutschland hat einen mutigen Schritt in Richtung Entnaszifizierung Ungarn gewagt. Die Kaiserstadt Goslar hat dem gebürtigen Österreicher Hitler, Adolf die Ehrenbürgerwürde aberkannt.
        http://www.spiegel.de/politik/deutschland/adolf-hitler-ist-kein-ehrenbuerger-von-goslar-mehr-a-930777.html
        Na wenn das kein Zeichen in Richtung Fidez ist!
        Obwohl, also der SPD-Gabriel, der meint:
        “Man könne sich dadurch nicht reinwaschen.”
        Trübe Aussichten sind das. Armes Ungarn. Einmal Fidez immer Naszi.

    • Mit seinem folkloristischen Bulgarien-Vergleich hat Pfeifer wieder einmal eine echte Bereicherung für die historischen Wissenschaften geleistet. Bislang durfte man davon ausgehen, dass die Geschichte der Juden in Bulgarien eine ganz andere war, als die der Juden in Ungarn, was insbesondere für die Judenemanzipation gilt, die in Ungarn schon 1867 im Österreichisch-Ungarischen Ausgleich festgeschrieben wurde, während die Juden in Bulgarien ihre Gleichstellung dem im Wesentlichen von Bismarck erstellten Vertragswerks des Berliner Kongresses von 1878 verdankten. Auf einen französischen Vorschlag hin wurde damals die diplomatische Anerkennung Bulgariens, wie auch Serbiens und Rumäniens von der in Artikel 44 des Vertrags formulierten Erklärung zur Gleichstellung der Juden abhängig gemacht. Aber seit wann zählen die Fakten für bekennende Antideterministen.

      Offensichtlich sieht sich Pfeifer in der Erzähltradition geistlicher Schauspiele, wie wir sie aus dem Mittelalter kennen. Bekanntlich beginnt ja das „Mittelländisches Osterspiel“ auch nicht mit Bismarcks Reichsschöpfung, sondern mit der Annihilation des Gartens Eden, in dem noch alles gut war, von einem Ausgleich zwischen Gott und der Schlange gar nicht zu reden.

  9. Bezüglich Bulgarien, Dänemark und was auch immer

    …man könnte genau so gut hinterfragen, wieso man in der Schweiz* nicht mehr Juden vor der Verfolgung gerettet hat, oder weshalb die St.Louis weder in Kuba, noch in Amerika oder Kanada anlegen durfte und man die Passagiere zurück ins Verderben schickte????
    Ich ahne aber die Antwort schon:Das kann man nicht dazu benutzen Ungarn „eins vor den Latz zu knallen.“

    *von 1940 an wurden jüdische Flüchtlinge an der Grenze abgewiesen.

    • Turó Rudi,
      es geht nicht darum „den Ungarn eins vor dem Latz zu knallen“,. sondern um die Frage, weshalb heute Politiker der Regierungspartei Fidesz-KDNP Horthyapologie betreiben und weshalb in von Fidesz kontrollierten Medien wie Ungvary schreibt ungehemmte antisemitische und rassistische Hetze betrieben wird.

  10. Ich bin kein Determinist. Die Erklärung, es ist so geschehen, d.h. es musste so geschehen, ist meiner Meinung nach falsch. Menschen treffen eine Wahl nach ihrem Gewissen.

    HV meine Antwort auf Ihre Frage würde den Rahmen eines Postings sprengen, denn ich kann sie nicht – wenn ich gewissenhaft bleiben will – einfach mit ja oder nein beantworten.

    Ich habe das ungarischsprachige Buch von Ungváry Anfang Mai gekauft und während eines Wochenendes gelesen. Das Buch kann ich empfehlen, auch wenn ich denke, dass einige seiner Urteile nicht genug fundiert sind. (Beispiel: die rassistisch antideutsche Motivation ungarischer Antifaschisten. Hier nur ein Gedanke, Attila József war sicher ein Antifaschist, aber man wird ihm keinen antideutschen Rassismus unterstellen können, sein Gedicht über Thomas Manns Besuch in Ungarn habe ich das erste Mal als 13jähriger gelesen und seither noch ein paar Mal und es ist eines seiner schönsten.)
    Über die Vorzüge des Ungváry Buches habe ich schon auf HV geschrieben. Sollte es zu einer deutschsprachigen Ausgabe kommen, werde ich das Buch gerne rezensieren.

  11. Pfeifers menschen „treffen eine Wahl nach ihrem Gewissen“.

    Ah deshalb!

    Nur, haben Pfeifers menschen auch die Kraft, „Gewissensentscheidungen“ gegen massive Nachteile oder Gefährdungen zu vertreten?

    Und wie verhalten sich Pfeifers menschen bei der gemeinsamen Abwehr von Freßfeinden?

    Oder wenn es gilt, gemeinsam ein Revier zu verteidigen?

    Was tun Pfeifers Menschen in gruppenaggressiven Situationen?
    (Kreuziget ihn!)

    Wie verhalten sie sich in massensuggestiven Situationen gegenüber Gruppenfremden und Außenseitern?
    (Kreischen sie Hosianna oder Hosanna?)

  12. Nur mal so ganz nebenbei bemerkt:
    Komisch, dass es zu dem Artikel von Schmid keine Kommentare gibt.
    Sollte da die Pressefreiheit etwa irgendwie abhandengekommen sein?
    oder bezieht die sich nur auf auserwählte Experten???

  13. Interessante DIskussionen zum Thema gibt auch bei Facebook. Zustimmung bekommt Ungváry etwa vom ehemaligen SZDSZ-Politiker Mátyás Eörsi, der offen bekennt, mit der Kritik an Ungváry nicht übereinzustimmen. Dies bezieht sich auf den Aspekt des Vergleichs der Motive, was die Deportation der Juden und die Vertreibung der Deutschen angeht.

    Die Debatten in ungarischer Sprache sind bei diesem Thema überhaupt etwas sachbezogener, empfinde ich. Die bloß moralische Empörung Schmids teilen bei den Debatten, die ich verfolgt habe, die wenigsten. Natürlich verirrt sich auch der eine oder andere Kellernazi, aber die werden schnell einbegremst eingebremst.

  14. „…Kellernazi, aber die werden schnell einbegremst.“

    Nazis eingremsen! Genau! Dann müssten Pfeifer, Lendvai & Co. in ihrem Krieg gegen Ungarn einen anderen Popanz aufbauen und könnten zeigen, wieviel Kreativität im Alter noch möglich ist.

    Apropos Popanz, wie finanziert sich eigentlich die reformierte Heimsuchungs-Kirch-Gemeinde in Budapest, die sich einen Gábor Vona für Horthy-Bronze-Büsten-Einweihungen leisten kann und einem Lendvai Stoff für Merkel-, Ungarn- und Nazi-Priming liefert?
    Kálnoky hat uns neulich verschwiegen, wer die Geldgeber von Jobbik sind. Weiß jemand, wer den III/III-Bischofsspross Hegedűs sponsert? Die FIM seines Vaters müssten ja langsam alle in Pfeifers und Lendvais Alter sein und werden, wenn ihre schmale Rente das überhaupt zulässt, ihr Geld wohl eher für Potenzmittel ausgeben.

    Überhaupt wundert es mich, dass eine reformierte Kirchengemeinde in Ungarn Geld für Bronzebüsten übrig hat. Seinerzeit verdingte sich der hauptamtliche Pfarrer der ref. Gemeinde in Szeged als Kammerjäger und Informant des Staatssicherheitsdienstes, so schmal war das Salär, das ihm das Presbyterium zugestanden hatte.

    Woher der Geldregen, der die Heimkehr-Gemeinde in Budapest heimgesucht hat?

    HV! Die ehemaligen erst eingrenzen und dann eingreifen, eingremsen eben, aber schnell!

  15. Die Welt hat sich geweigert, die Antwort Ungvárys auf Schmids Anwürfe zu veröffentlichen. Ungvárys Brief wurde vom ungarischen Portal Galamus abgedruckt:

    http://www.galamuscsoport.hu/tartalom/cikk/338122_ungvary_krisztian_valasza_a_die_welt_biralatara

    Dass man sich in einer großen Zeitung nicht mehr gegen den vom Herausgeber geäußerten Vorwurf verteidigen darf, antisemitischen Klischees aufgesessen zu sein, halte ich – vorsichtig gesprochen – für bemerkenswert…ebenso wie den Umstand, dass man unter Schmids Beitrag in der Welt Online keine Kommentare zuließ.

    • Das ist mehr als seltsam. Denn ein direkt kritisierter Wissenschaftler sollte das Recht auf Replik haben. Hoffentlich kommt das Buch von K.U. bald in deutscher Sprache heraus, und dann werden Journalisten und Leser, die nicht Ungarisch können, aufgrund seines Buches sich ein Urteil bilden können.

      • Lieber Herr Pfeifer, wessen Argumentation auf so dünnem Eis steht wie die des Thomas Schmid, wer (konkret) Ungváry Dinge in den Mund legt, der kassiert lieber einen solchen Antwortbrief. Der sollte Schmid vor Augen geführt haben, dass seine Kenntnisse zum Sachverhalt bestenfalls rudimentär sind. Si tacuisses, philosophus mansisses… Ich kann nur spekulieren, ob Schmid selbst in die Redaktionsarbeit eingegriffen hat, ob die Redaktion sich schützend vor den Herausgeber stellte oder ob sich im Hintergrund etwas ganz anderes abspielte. In jedem Fall ist es kritikwürdig, was die Welt tat. Dalos legt z.B. in seiner Antwort bei Galamus sehr viel Wert auf den Umstand, dass man seine Antwort zurückstellte, um Schmid vorab zu Wort kommen zu lassen. Und durch spätere Veröffentlichung von Dalos‘ Artikel einen falschen Eindruck erweckte. Das ist alles andere als redlich. Das mit Ungváry den „Trüffelsuchhunden in Sachen Antisemitismus“ auch noch einer zum Opfer fällt, der in Ungarn tatkräftig gegen die Geschichtsklitterung in der Gesellschaft ankämpft, Antisemitismus kritisiert, die Mitverantwortung Ungarns am Holocaust betont, und dafür von rechtsradikalen regelmäßig als „Jude“ tituliert wird, ist letztlich tragisch. Es zeigt aber, dass niemand davor gefeit ist, in diese Mühle hineinzugeraten. Und wie ich neulich schrieb, scheint derjenige, der jemanden in diese Ecke stellt, keinem Rechtfertigungszwang zu unterliegen. Ganz anders als der Gescholtene…

  16. Pingback: Krisztián Ungváry reagiert auf die Kritik von WELT-Herausgeber Thomas Schmid | Hungarian Voice - Ungarn News Blog

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