Krisztián Ungváry im Interview mit Index.hu: „Dass wir so eine politische Rechte haben, verdanken wir Kádár“

Nach Auffassung des ungarischen Historikers Krisztián Ungváry liegen die Ursachen des Erstarkens der heutigen Rechten in Ungarn in der Politik des Kádár-Systems begründet. Der Einparteienstaat habe viele rechte Bewegungen (von den gemäßigt Konservativen bis zu rechtsextremen Gruppierungen) zusammengeführt. Man habe zudem in ständiger, allegemeiner Paranoia vor der „Rechten“ gelebt, das Konservative als Faschismus diffamiert, dabei aber vergessen, wirklichen Rechtsextremismus zu bekämpfen.

Ein lesenswertes Interview.

http://index.hu/belfold/2013/11/27/kadar_miatt_van_ilyen_jobboldalunk

Einige Auszüge:

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Irrwege rechts und links nach dem Systemwechsel in großen Teilen auf dem Kádár-System beruhen.

Das Kádár-System hat die einzelnen rechten Gruppierungen zusammengeführt, und damit ein perverses politisches Bündnis geschaffen. Jene, die wir als „Volkstümliche“ (népieknek) bezeichnen, wurden zum größten Verbündeten der Staatsmacht, bekamen eine herausragende Rolle.  Auf der anderen Seite wurden ihre Werke zur einzigen Stimme, mit der sich die christliche Mittelschicht aufgrund ihrer Sonderstellung identifizieren konnte. Es ist in gewisser Weise die größte Tragödie der ungarischen Rechten, dass sich der Bewegung der Volkstümlichen vieles andere anschloss.

Die Volkstümlichen hielten vor 1945 das Horthy-System für eine Katastrophe und waren auf eine radikale Veränderung aus. Im Kádár-System passiert sodann ein Zusammenwachsen mit der Machtelite, hierbei spielte der tabuisierte Antisemitismus eine wichtige Rolle als Bindungselement. Im Moment sehen wir, dass die Erben der volkstümlichen Bewegung mit Statuen von Albert Wass und Horthy in der Öffentlichkeit erscheinen, ihr Weltbild besteht aus einem Durcheinander. Bei den Rechten im heutigen Ungarn ist alles zusammengewürfelt, von den christlichen Kirchen bis zur Einführung der Runenschrift ist einfach alles dabei.

Wie erscheint die entstellende Wirkung des Kádár-Systems bei der Linken?

Die Basis der urbanen Gruppierungen wurde nicht in derselben Weise zerschlagen, wie es rechts der Fall war. Die Verletzungen der Urbanen zeigen sich meiner Meinung nach am ehesten daran, dass sie auch nach 1990 die lügenbehafteten Klischees des Kádár-Systems verwenden. Auf beiden Seiten hat der Sozialismus eine verzerrende Wirkung gehabt. Ein Teil der ungarichen Gesellschaft fühlt sich verletzt, als jemand, den man früher fertig gemacht hat, und zwar selbst dann, wenn es in seinem persönlichen Leben nicht die geringste Spur davon gibt. Die Vertreter jener Generation, die voll von Verletzungen ist, werden langsam weniger. Unsere Generation hat weder Recsk noch Auschwitz erlebt, daher fällt es uns ein wenig leichter, Gespräche darüber zu führen.

Aber die Bedeutung der Erinnerungspolitik steigt, je weiter wir uns vom Systemwechsel entfernen.

Richtig, denn der größte Kulturschock war nicht der Einparteienstaat, sondern sein Zusammenbruch. Auf diesen Schock gibt es aktuell nur eine Antwort der Rechten, wonach der Kapitalismus eine schlechte Sache sei. Was die Auswüchse der Privatisierung angeht, so hat die Rechte eine im wesentlichen staatssozialistische Antwort, was wiederum beweist, wie sehr die Dinge miteinander verwoben sind.

Das Verhältnis der Rechten zum Kádár-System ist recht widersprüchlich, obwohl doch die Erinnerungspolitik der Rechten letztlich antikommunistisch ist.

Das sehen wir am ehesten bei den vom Staat getragenen Foschungseinrichtungen: Es gibt ein Forschungsinstitut Systemwechsel, dessen Leiter jener Zoltán Bíró ist, der ein Kader der MSZMP im Bildungsministerium war. Das verursacht offenbar keinerlei kognitive Dissonanzen.

Hängt das damit zusammen, dass es schwer ist, die Geschichte des rechten Widerstands aufzeigen?

Ja, weil es eine solche gemeinsame Geschichte nicht gibt.“