Keno Verseck über das Holocaust-Gedenkjahr und das Besatzungsdenkmal

Das Online-Angebot der Deutschen Welle, DW.de, bringt einen Beitrag von Keno Verseck zum beginnenden Holocaust-Gedenkjahr 2014 und das soeben beschlossene Denkmal zur Erinnerung an die deutsche Besatzung Ungarns am 19. März 1944.

http://www.dw.de/kontoverse-um-holocaust-gedenkjahr-in-ungarn/a-17384365

Im Verlauf des Beitrages kritisiert Verseck, das Besatzungsdenkmal suggeriere, der „ungarische Staat, so die Konnotation, sei also nur eingeschränkt oder gar nicht verantwortlich gewesen für den Holocaust an den ungarischen Juden.“

Es ist zweifellos so, dass die ungarische Regierung, etwa was die historische Aufarbeitung und die Rolle Miklós Horthys angeht, widersprüchliche und zum Teil kritikwürdige Zeichen setzt. Die obige Behauptung Versecks wird freilich dem Umstand nicht gerecht, dass – wie der Autor zweifellos weiß – der stellvertretende ungarische Ministerpräsident Tibor Navracsics im Oktober 2013 und der ungarische UN-Botschafter Csaba Körösi offen die Schuld des ungarischen Staates und seiner Behörden am Holocaust einräumten, Körösi zudem eine ausdrückliche Entschuldigung ausgesprochen hat. Neben diesem Blog berichtete lediglich die österreichische Tageszeitung Die Presse über Körösis Worte, wohingegen Vorwürfe, Ungarn tue nicht genug gegen Antisemitismus und relativiere/verharmlose seine Rolle im Holocaust, bzw. rehabilitiere Miklós Horthy, allgegenwärtig sind. Als vorläufiger Höhepunkt der pseudohistorischen Debatte verstieg sich der Rabbiner Joel Berger vor wenigen Tagen in der Jüdischen Allgemeine gar zu der Behauptung, „die meisten Ungarn“ hätten aktiv am Völkermord mitgewirkt – und macht so faktisch ein ganzes Land zu Tätern.

Richtig ist, dass Versuche, Ungarn als reines Opfer der Nazi-Herrschaft darzustellen, in Anbetracht der Jahre vor 1944 ebenso zurückzuweisen sind wie Behauptungen, der 19. März 1944 und der Einmarsch der Deutschen in Ungarn wären gar keine Besatzung, eher ein Freundschaftsbesuch, gewesen. Keine der beiden politischen Seiten ist bereit, die widersprüchliche Rolle Ungarns im 2. Weltkrieg zu verinnerlichen, jeder deutet die Geschichte so, wie es die eigene Klientel hören will. Die Linken sind es, die dabei ebenso engstirnig vorgehen wie die Rechtsextremen. Die Tatsache, dass Ungarn vor März 1944 (mit Ausnahme von Kamenec-Podolsk) keine Deportationen durchführte, sogar Juden aus anderen Ländern (Polen, Österreich u.a.) aufnahm, diese in Ungarn relativ lange in Sicherheit vor Deportation und Ermordung waren und sich Ungarn so die Ablehnung Hitler-Deutschlands zuzog, gehört ebenso zur Geschichte wie der Umstand, dass ungarische Behörden nach dem deutschen Einmarsch das „deutsche Soll“ bei den Deportationen so eifrig übererfüllten, dass die Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz teilweise zusammenbrach; ganz zu schweigen von jenen Ungarn, die sich am Vermögen der Ermordeten schamlos bereicherten.

Eine Sache ist gewiss richtig: Der jetzige Aufruhr hat seine Ursache im Wahlkampf, Ungarn wählt am 6. April 2014 sein Parlament neu. Das Wahlkampfgetöse um das Denkmal ist übrigens eindeutig links zu verorten. Dort wird, wie so oft, am lautesten krakelt, der Umstand aber, dass sich bis heute ein Denkmal zu Ehren der „sowjetischen Helden“ auf dem Freiheitsplatz befindet, die – anders als in Österreich – mehr als 40 Jahre Besatzer und Unterdrücker waren, als „etwas ganz anderes“ dargestellt.

Dass der Antisemitismus in Ungarn seit 2010 tendenziell rückläufig ist (so eine aktuelle Median-Studie), wird – weil es nicht ins Bild passt – von Verseck und anderen Orbán-Kritikern ebenfalls verschwiegen: In den Jahren 2003 (also ein Jahr nach Abwahl der ersten Regierung Orbán) bis 2010 stieg die Zahl jener, die Juden für unsympathisch hielten, von 3% auf unglaubliche 28%. Seit 2010 sind die Zahlen immerhin auf 21% zurückgegangen; wenn das auch noch lange kein Grund für Jubel ist, so stellt es doch die These vieler Kritiker In Frage, die Regierung „schüre“ den Antisemitismus. All das spielt in der Debatte, in der Antisemitismusvorwürfe gerade von jenen eingeführt werden, die bislang wenig oder gar nichts aktiv gegen Judenhass unternommen haben, sondern seine Existenz lediglich als politisches Faustpfand gegen den politischen Kontrahenten nutzen, ebensowenig eine Rolle wie der Umstand, dass Fidesz schon in seiner ersten Regierungszeit (1998-2002) einen Holocaust-Gedenktag einführte, übrigens im „Nicht-Wahljahr“ 2000.

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3 Kommentare zu “Keno Verseck über das Holocaust-Gedenkjahr und das Besatzungsdenkmal

  1. Ich bin mir sicher, Verseck ist auch gegen das passenderweise auf dem Freiheitsplatz (Szabadság tér) stehende sowjetische Kriegerdenkmal in Budapest.

    Stichwort: 50-200.000 vergewaltigte ungarische Frauen.

    Diese Zahl stammt aus dem neuesten Film von Fruzsina Skrabski
    (Ellhallgatott gyalázat, zu Deutsch: Verschwiegene Schande).

    Es geht um die von sowjetischen Soldaten ab 1944 an der ungarischen Zivilbevölkerung begangenen Greueltaten. Der Film wurde gestern Abend im Hír TV gezeigt.

    Hier der Trailer und einige Gedanken von Skrabski:

    http://pestisracok.hu/skrabski-fruzsina-mindig-is-nagyon-idegesitett-a-szovjet-emlekmu/

    Bezeichnend: Szanyi Tibor von der MSZP fragte sie, warum sie denn jetzt noch auf diesen „ollen Kamellen“ rumreiten müsse …

    Tja, Tibor: denk mal scharf nach.

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  2. „Eine Sache ist gewiss richtig: Der jetzige Aufruhr hat
    seine Ursache im Wahlkampf, Ungarn wählt am 6. April 2014 sein
    Parlament neu. Das Wahlkampfgetöse um das Denkmal ist übrigens
    eindeutig links zu verorten.“ Ich denke, das greift zu kurz, HV.
    Die Debatte um dieses Denkmal hätte es auch ohne Wahlkampf gegeben.
    Außerdem habe ich nicht den Eindruck, dass das Mitte-Links-Bündnis
    dieses Denkmal zu einem wirklichen Top-Thema macht. Im Gegenteil,
    Mesterházy & Co. weiß, wie riskant das angesichts der
    volatilen Stimmung im Volk wäre und hält sich lieber zurück.
    Besonders den Protest des jüdischen Gemeindeverbands und der
    Historiker um Krisztián Ungváry, László Karsai u. a. oder Brahams
    Rückgabe des ungarischen Verdienstordens kann man sicherlich nicht
    einfach unter Wahlkampf subsumieren. Ich teile übrigens die Ansicht
    von Rabbi Köves, der in der Presse mit der Aussage zitiert wurde,
    dass das geplante Denkmal nicht zwingend eine Relativierung der
    ungarischen Mitverantwortung für den Holocaust darstelle. Das
    Problem ist aber, dass ein solche Interpretation grundsätzlich
    möglich ist. Das Denkmal ist also ambivalent und widersprüchlich
    wie so vieles in der ungarischen Geschichtspolitik. Schon die
    Ästhetik, diese merkwürdig antiquiert-theatralische Formensprache
    aus dem 19. Jahrhundert spricht mich überhaupt nicht an. Man hätte
    besser eine gründliche öffentliche Debatte zulassen sollen statt so
    „par ordre de Mufti“ zu entscheiden. Es ist eigentlich immer so,
    dass die Erinnerungspolitik von der Gegenwart überlagert wird. Aber
    in Ungarn ist das besonders krass, weil die Gräben so tief sind. Es
    wird wohl noch viel Wasser die Donau runterfließen, bis sich dort
    so etwas wie ein Grundkonsens in der Betrachtung der Geschichte des
    20. Jahrhunderts herausbilden wird.

    • Gegen eine inhaltliche „Debatte“ habe ich nichts, gerade weil ich Ihre Einschätzung (bzw. die Slómó Köves‘) zum Denkmal selbst teile.

      Ich sprach bewusst vom „Aufruhr“ und „Wahlkampfgetöse“, und den sehe ich nicht in Ungvárys Position begründet, sondern etwa in den auf die Erhaschung einer maximalen Öffentlichkeit abzielenden Auftritten Bajnais sowie den Worten Gyurcsánys (vgl. z.B. hier und hier). Oder solcher „Fachleute“, die mal eben (wie ein deutscher Rabbiner) „die meisten“ Ungarn zu aktiven Mittätern erklärten. Oder uns weismachen wollen, es habe nur eine „sogenannte“ Besatzung gegeben, nicht etwa einen 19.3.1944, ab dem jene Strömungen in der ungarischen Politik bzw. auch der Regierungspartei, die zuvor u.a. von Kállay und Horthy halbwegs zurückgedrängt worden waren, ungebrochen ihr schädliches Wirken entfalten konnten.

      Für meine historische Einschätzung zum Beitrag von Kahlweit, mit der ich gewiss nicht auf einen kollektiven Freispruch der Ungarn abzielte, sondern für eine überfällige offene Auseinandersetzung mit den Widersprüchen dieser Zeit plädierte, wurde mir hier gar unterstellt, ich spielte den „Pfeifer in rechts“. Es gibt eben zwei Seiten derselben Medaille: Und so lange in Budapest ein Sowjetdenkmal einseitig die „Befreier“, die nebenbei auch Brandschatzer, Vergewaltiger und Mörder waren, feiert – ganz wie vor 1989 verordnet -, ist jeder Vorwurf von Mitte-Links über einseitige Geschichtsbetrachtung eigentlich ein totes Gleis. Wenn nicht gar ein schlechter Witz.

      Was Karsai angeht, so scheint dem sein juristischer Sieg über Jobbik ein wenig zu Kopf gestiegen zu sein. Er stellte sich vor einigen Tagen tatsächlich bei einer Versammlung des MAZSIHISZ hin und bezeichnete Mária Schmidt, die Leiterin des geplanten „Haus der Schicksale“ am Josefstädter Bahnhof als „Holocaustleugnerin“ und „Holocaustverharmloserin“. Ein, wie ich finde, nur mit der Wahlkampfstimmung erklärbarer, vollkommener intellektueller, fachlicher und menschlicher Aussetzer; oder auch: kibújt a szög a zsákból!. MAZSIHISZ-Vize Feldmájer entschuldigte sich einige Tage später im Namen der Organisation bei Schmidt dafür, dass Karsai sie „wüst beleidigt und in ihrer Ehre verletzt“ habe. Auch Karsai relativierte seine Worte im Nachgang.

      http://m.mandiner.hu/cikk/20140125_megkovette_schmidt_mariat_a_mazsihisz_alelnoke

      Ich empfehle die folgende HírTV-Sendung Célpont, bei der auch Ungváry und Köves zu Wort kommen:

      http://tablet.mno.hu/videok/91545

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