Zeichen des Wahlkampfs (Teil 3): „Strick“ oder doch „Gefängnis“?

Der gestrige Parteitag der ungarischen Sozialisten (MSZP), auf dem Parteichef Attila Mesterházy mit 99,7% der Stimmen zum Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten des Linksoppositionsbündnisses „Zusammenhalt“ (MSZP, Együtt 2014/PM, DK und Liberale, ungarisch „Összefogás“) gewählt wurde, wird durch die Debatte um einen Zwischenruf aus dem Publikum überschattet. Die regierungsnahe Presse breitet das Thema genüsslich aus, MSZP-Spitzenkandidat Mesterházy gerät in Erklärungsnot und schrammt an der Unwahrheit vorbei.

Was war geschehen? Mesterházy hielt vor mehr als 10.000 Anwesenden in der Sportarena eine kämpferische Rede, in der er – wie erwartet – die Arbeit der Regierung heftig kritisierte. Im Rahmen seiner Ausführungen kam er auch auf den Lörinc Mészáros, den Bürgermeister von Felcsút (Heimatort von Ministerpräsident Viktor Orbán), und dessen plötzlichen unternehmerischen Erfolg zu sprechen. Mészáros habe innerhalb von drei Jahren die Einnahmen seines Unternehmens verfünffacht (ein Konsortium, zu dem auch das Unternehmen Mészáros´ gehört, gewann gerade eine Ausschreibung im Bereich Trinkwasser im Gesamtwert von über 80 Mio. EUR = 25 Mrd. HUF) und stehe nun auf dem 88. Platz der Liste der reichsten Ungarn. Mesterházy zufolge müsse man jemandem, der so ein guter Unternehmer sei, einen Lehrstuhl an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften zur Verfügung stellen („neki katedrát kellene adni a közgázon„).

Ein Zuhörer rief in diesem Moment „Einen Strick!“ („Kötelet!„).

Mesterházy setzte seine Rede fort, kam jedoch später auf den Zwischenruf zurück und sagte, am Ende werde es wohl doch kein Lehrstuhl, sondern „eher das andere werden, was jemand soeben hier hereingerufen hat“.

Der Blog 444.hu berichtet über den Vorfall, nicht ohne eine gewisse berechtigte Häme, da der staatliche Fernsehsender M1 in seinen gestrigen Nachrichten („Hiradó“) seinem Publikum über die Dauer von fast drei Minuten den Zwischenruf etwa 8-mal vorspielte,  um, einem Detektiv gleich, den Nachweis des Zwischenrufes zu führen und keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Auch die regierungsfreundlichen Tageszeitungen Magyar Nemzet und Magyar Hírlap breiten den Vorfall genüsslich aus.

mesterhazy_kotel1

Mesterházy selbst behauptete hingegen im Interview mit dem oppositionellen Fernsehsender ATV, der Zwischenruf sei nicht „Einen Strick!“, sondern „Gefängnis!“ („Börtönt!“) gewesen. Er, Mesterházy, habe von rechtsstaatlichen Mitteln gesprochen, sowie davon, dass das Gesetz für alle Menschen gleichermaßen Geltung haben müsse (auch für Viktor Orbán, Lajos Simicska, Lörinc Mészáros und János Lázár). Der Zwischenruf sei in diesem Zusammenhang gestanden.

Das Interview ist hier abrufbar:

http://www.atv.hu/videok/video-20140127-mi-szukseges-a-baloldal-gyozelmehez (entscheidende Stelle ab ca. 10:10 min)

Mag jeder Zuhörer selbst entscheiden, welchen Inhalt der Zwischenruf hatte…

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4 Kommentare zu “Zeichen des Wahlkampfs (Teil 3): „Strick“ oder doch „Gefängnis“?

  1. Zwei Dinge sind sicher:

    1) Während der Rede von Mesterházy gab es Zwischenrufe.

    2) Zwar waren die Nachrichten in den öffentlich-rechtlichen Medien nie richtig objektiv, bei dem aktuellen Zustand ist die Grenze zum Unerträglichen eindeutig überschritten.

    Die Wahrnehmbarkeit der Zwischenrufe hängt von der Lautstärke und von der Entfernung zum Redner bzw. zu den Mikrofonen ab. Möglicherweise gab es den Zwischenruf „Gefängnis“ auch. Ich würde auch nicht ausschließen, dass der Ruf „Strick“ eine Provokation war. Zwar war Einsatz von Provokanten bis jetzt eine Methode, mit der die „Linken“ Veranstaltungen von Gegner stören bzw. in Verruf bringen wollten, aber wer weiß…

  2. „Ein Zuhörer rief in diesem Moment “Einen Strick!” (“Kötelet!“).“

    Wir wissen, warum die regierungsnahe Presse diesen Vorfall dermaßen ausschlachtet, oder?

    Im Wahlkampf 2002 haben die MSZP und ihr Wahlkampfverantwortlicher Ron Werber eine Rede von Kövér László böswillig umgedeutet und daraus die „Galgen-Rede“ (köteles beszéd) gemacht.

    Es gab damals auch einen Werbespot im Öffentlich-Rechtlichen:

    eine besorgte MSZP-Mutter nimmt ihre kleine Tochter in den Arm, um sie vor der Horde mit den Stricken zu schützen …

    PR

  3. Die Hauptfrage, die sich stellt, ist:

    muss jemand nach Ansicht der MSZP in Ungarn in den Knast (oder an den Galgen), nur weil er/sie reich geworden ist?

    Herr Mesterházy, wie steht’s um das System der sozialen Marktwirtschaft? Aufstiegschancen für alle, oder?

    Was hat der reich gewordene Mészáros nachweislich verbrochen?

    Reicht es schon, dass er mit Orbán befreundet ist?.

    Nein, diese MSZP-dominierte Opposition bietet keine Alternative.

    PR

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