Zeichen des Wahlkampfes (Teil 4): Nebulöse Anschuldigungen gegen Unbekannt in der Magyar Nemzet

Eines der lange erprobten Mittel im ungarischen Wahlkampf ist, dem politischen Gegner finanzielle Bereicherung, Vetternwirtschaft und Korruption vorzuwerfen. Ziele waren beinahe alle führenden Politiker (Medgyessy, Gyurcsány, Orbán u.v.a.), die Frage, wer den Vorwürfen Glauben schenkt, hängt eher von der Parteipräferenz als vom tatsächlichen Wahrheitsgehalt solcher Anschuldigungen ab.

In der regierungsnahen Tageszeitung Magyar Nemzet war am Wochenende eine besondere Variante dieses politischen Stilmittels zu bewundern. Der Beitrag ist mit „Verbrecherische Hunderte von Millionen auf dem Konto eines Sozialisten?“ überschrieben.

20140202-212701.jpg

Ohne Namen, ohne irgendwelche nähere Fakten wird im Beitrag unter Bezug auf „Informationen“ behauptet, ein ranghohes Mitglied der Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP), das auch Mitglied des Parlaments sei, habe angeblich mehrere hundert Millionen Forint in seinen Besitz gebracht. Der Betrag stehe in keiner Relation zu dessen erklärten Einnahmen.

In Anbetracht der völlig fehlenden konkreten Fakten ist der Nachrichtenwert dieser Meldung freilich gleich Null. Sie dient allein dazu, die Spekulation der Leser zu befeuern: Wer kann es sein? Schon wieder die MSZP?

Das Blatt bewegt sich im moralischen Tiefgeschoss, aber wohl juristisch auf sicherem Terrain: Die nebulöse Anschuldigung ist so allgemein und zusätzlich mit Begriffen wie „angeblich“ entschärfte, dass Klagen wegen Verleumdung oder Verletzung der Persönlichkeitsrechte kaum zu erwarten sind. Politisches Kapital kann, in einer polarisierten Gesellschaft wie der ungarischen, trotzdem geschlagen werden. Horrorgeschichten über den „Feind“ werden auf allen Seiten aufgesogen, irgendwas bleibt hängen.

Advertisements

20 Kommentare zu “Zeichen des Wahlkampfes (Teil 4): Nebulöse Anschuldigungen gegen Unbekannt in der Magyar Nemzet

  1. Alles Lügen? „Gyurcsány drängt Mesterházy in den
    Hintergrund“
    http://mno.hu/belfold/gyurcsany-teljesen-hatterbe-szoritotta-mesterhazyt-1208767
    Ist das auch so eine kampagnenhafte Behauptung der Orbán-nahen
    Medien ? Wäre es wahr, so wäre bewiesen, wie HV schon behauptete,
    dass Gyurcsány der Totengräber der ungarischen Linken sei. Linke ?
    Gibt es die überhaupt in Ungarn – außer Katalin Szili vielleicht ?
    http://www.budapester.hu/2014/01/30/raus-aus-der-sackgasse/#comment-305

  2. Hahaha, ich kann mir schon vorstellen, wie der kalte Schweiss auf dem Rücken einiger Funktionäre der MSZP herunterlief, als die Nachricht rauskam. Jetzt haben wir auch einen Namen und einen Rücktritt. Die Lage wird ernst.

  3. Nun sieht es so aus, dass es hier statt nebulösen Anschuldigungen um professionelle Wahlkampfteilnahme seitens Magyar Nemzet geht. Ein für die Regierung dankbares Thema wird medial inszeniert und ausgeschlachtet. Der erste Bericht ohne konkreten Fakten war die Ouvertüre. Da war die Interesse der Öffentlichkeit geweckt, jeder hat darauf gewartet, ob was nachgeliefert wird, und was nachgeliefert wird. Die Sozialisten durften einige Tage im eigenen Saft schmoren. Ich kann mir vorstellen, dass nach diesem ersten Bericht mehrere Politiker schlaflose Nächte hatten, bis endlich konkrete Fakten nachgeliefert wurden. Und wenn die Fakten stimmen, dann ist es ein Desaster für die Opposition.

    Ich sehe Magyar Nemzet hier auch im „moralischen Tiefgeschoss“. Die Fakten wurden zwar nachgeliefert. Die Art und Weise, wie dieses Skandal inszeniert wird, hat jedoch mit seriösem Journalismus nicht viel zu tun, das Blatt macht Wahlpropaganda für die Regierungsseite. Es wäre auch interessant zu wissen, seit wann Magyar Nemzet über die Informationen verfügt, die zum Skandal geführt haben. Sind die Informationen schon älter und wurden sie extra für den Wahlkampf aufgehoben?

    Andererseits muss man auch sehen, dass in der Vergangenheit die „Linksliberalen“ und ihre Presse mit ähnlichen Methoden die Nationalkonservativen bekämpft haben. Ich habe den Eindruck, es werden in diesen Wochen und Monaten alte offene Rechnungen beglichen: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Strick um Strick…

  4. Das Geld sei gar nicht Simons Eigentum gewesen. Es sei ein Teil der verschwundenen Mllionen aus dem in 08 aufgenommene IWF Kredit. Das pfeifen die Spatzen vom Dach.
    Ist nur zum hoffen das noch einige Tretmienen im Unterholz hochgehen bis zum Wahltermin.
    So könnte ich mir die wahl-Fahrt von Frankfurt nach München mit ruhigeren Gewissen sparen.

  5. „Die Art und Weise, wie dieses Skandal inszeniert wird, hat
    jedoch mit seriösem Journalismus nicht viel zu tun …“ Gell,
    halász? Wie der Artikel eines anonymen Bloggers (Poldi bácsi*), der
    sich was aus den Fingern gesogen hat, um zu beweisen dass der
    Sender Hír TV die Tonaufnahme vom Parteikongress der MSZP (wo ein
    Anwesender dem Bürgermeister von Felcsút einen Strick wünschte)
    manipuliert hätte. Dankbar und ungeprüft übernahmen die
    linksliberalen Organe diese Nachricht (HVG, Népszabadság, Népszava
    usw.**). Einen Tag später stellte sich heraus, dass bei den
    Aufnahmen des linksliberalen Senders ÁTV dasselbe Wort zu hören ist
    („kötelet“ = Strick, nicht „börtönt“ = Knast)***. Keine Rede also
    davon, dass Hír TV die Tonspuren der Aufnahmen manipuliert hätte.
    Es grüßt: PR * Der Artikel von Poldi bácsi:
    http://poldi.blog.hu/2014/01/30/koteles_kampany_itt_a_bizonyitek_a_hirteve_belenyult_a_hangsavba
    ** Népszabi:
    http://nol.hu/belfold/felhangositotta_a_hirtv_a_koteles_bekiabalast?ref=sso
    HVG:
    http://hvg.hu/itthon/20140131_Belehangositott_Mesterhazy_koteles_beszed
    ***Célpont:
    http://mno.hu/celpontblog/az-mszp-es-a-csicskak-1209140

    • PR, die Tatsache, dass andere manipulieren, sollte einen nicht dazu bringen, sich auf dasselbe Niveau herabzulassen. Unter dieser Mentalität leidet die politische Kultur in Ungarn seit mindestens 25 Jahren. Und es wird keinen Gewinner geben, befürchte ich…

  6. „PR, die Tatsache, dass andere manipulieren, sollte einen
    nicht dazu bringen, sich auf dasselbe Niveau herabzulassen.“
    Natürlich nicht. Ich wollte nur auch auf diesen Fall hingewiesen
    haben, der ja erst einige Tage alt ist. MfG P. Rieckmann

  7. Wie war das doch mit dem Mafia-Staat? So: Alle Staatsgewalt
    geht von Gewalt, Erpressung, und politischer Einflussnahme aus, was
    nur dann möglich ist, wenn Erpressung, Gewalt und politische
    Einflussnahme eine verbreitete, im Volk tief verankerte, Mentalität
    ausdrücken. Der Fall des Gábor Simon hat übrigens eine pikante
    Note. Er war Staatssekretär für Soziales und Arbeit in der
    Regierung von Ferenc Gyurcsány (2004-2009). und in der Regierung
    von Gordon Bajnai (2009-2010). Was meine Rumänienautorität mit dem
    poetischen Namen Keno, den Experten für den Handel mit menschlichen
    Organen heute gejuckt haben muss, kann ich nur ahnen. Spontan
    fallen mir jetzt die Plüschsitze mit Federkern aus den wilden
    Siebzigern und die Flohjagden nach jeder Bahnreise von Dresden nach
    Budapest ein. Auch wenn meine Schwester Margret immer behauptete,
    dass die Flöhe, die der puli kutya* auf dem Ödhof in Szatymaz
    hatte, noch bissiger gewesen seien , als die rumänischen, von denen
    eh nur Fahrgäste in der 1. Klasse der Căile Ferate Române
    profitiert haben. Mich juckt es gewaltig, wenn ich Keno Versecks
    SPON-Artikel von heute lese, wobei ich mich nicht entscheiden kann,
    ob der Auslöser für meinen momentanen Phantomschmerz die Flöhe aus
    “Szatymaz” , meine Verwandten in der DDR sagten immer “Zatimaßi”,
    oder aber der Sadomasosermon ” Judenfeindlichkeit in Ungarn:
    Skandalwelle im Holocaust-Gedenkjahr” gewesen ist. Quelle 1: So
    einer, wie der puli kutya aus “Zatimaßi”
    http://www.youtube.com/watch?v=cU9TWQlDu4Y Quelle 2: Kenos
    Sadomaso-Sermon:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/holocaust-gedenkjahr-in-ungarn-beginnt-mit-antisemitischen-skandalen-a-952066.html
    Keine Quelle, weil die sozialistische Mafia in Ungarn nie ein Thema
    für die deutsche Presse war: Gábor Simon, der als Staatssekretär
    für Soziales und Arbeit in der Regierung von Ferenc Gyurcsány
    (2004-2009). und in der Regierung von Gordon Bajnai (2009-2010)
    Abermillionen in Österreich gebunkert hat. Was tun gegen Kenos
    Bartjucken in der journalistischen 1. Klasse?

    • Nicht nur, dass die sozialistische Mafia für die deutschsprachige Presse und ihre prominenten Einflüsterer kein Thema war und ist:

      1. Verseck „übersieht“ die Rede Navracsics‘ und des ungarischen
      UN-Botschafters zur Mitschuld Ungarns am Holocaust.

      2. Verseck „übersieht“, dass, nach einer aktuellen Untersuchung, der Antisemitismus in Ungarn 2010 – wenn man also will: nach 8 Jahren linksliberaler Regierung – einen traurigen Höhepunkt erreichte und seitdem wieder RÜCKLÄUFIG ist (auch wenn man sich nicht ausruhen darf), http://www.szombat.org/politika/a-magyarorszagi-antiszemitizmus-szamokban

      3. Verseck lässt seine Leser über die zum Teil wirklich unterirdischen Wahlkampfzwischenrufe der „demokratischen Opposition“ im Unklaren, etwa darüber, dass man dieser Tage nicht einmal davor zurückschreckte, die im Beitrag erwähnte Mária Schmidt als „Holocaustleugnerin“ zu verunglimpfen. Das abzudrucken, traute sich Verseck wohl nicht, könnte es ja bei den aufgeklärten Spiegel-Lesern vielleicht einen schlechten Eindruck auf die ach so kultivierte Linksopposition werfen.

      4. Dass eine bekannte Regierungskritikerin, die Medienwissenschaftlerin Mária Vásárhelyi, mit einem offenen Brief an Annette Lantos, die Witwe des Holocaustüberlebenden und US-Congressmen Tom Lantos sogar versuchte, moralischen Druck auszuüben und sie dazu bringen wollte, aus dem Beraterkreis für das „Haus der Schicksale“ auszusteigen, sei nur am Rande erwähnt. Das ist m.E. der bisherige, absolute Tiefpunkt in den Reihen jener, die der Regierung vorwerfen, Wahlkampf auf Kosten der Opfer zu machen. Diese Leute übersehen, dass „in den Spiegel schauen“ nichts mit der Wochenzeitung zu tun hat…

      Steckt ein System dahinter? Klar. Die Regierung muss als möglichst schlimm dargestellt werden, die Fehlgriffe der heutigen Opposition aber werden verschwiegen. Für Selbstzensur braucht Keno Verseck nicht einmal ein Mediengesetz…

      • Das müßten Sie mal erläutern, inwiefern „nach einer aktuellen Untersuchung der Antisemitismus in Ungarn 2010 – wenn man also will: nach 8 Jahren linksliberaler Regierung – einen traurigen Höhepunkt erreichte und seitdem wieder RÜCKLÄUFIG ist“. Aus welchem der Diagramme haben Sie das herausgelesen? Und auch in der Zsf. heißt es doch: „A korábbi vizsgálatokkal való összevetés azt mutatja, hogy az antiszemita csoport aránya a teljes lakosságon belül 2010-ben volt a legnagyobb, azóta valamelyest csökkent, de nem állt vissza a 2010 előtt időszakban mért alacsonyabb szintre.“ Soweit ich mich erinnere, kam Fidesz im März 2010 an die Macht. Was also haben die hohen Zahlen 2010 mit den acht Jahren davor zu tun, in denen die Zahlen laut Untersuchung „auf niedrigerem Niveau“ lagen?

  8. Steckt ein System dahinter?
    Nein, das halte ich für eher unwahrscheinlich. Keno Verseck entlarvt sich mit seinem jüngsten SPON-Artikel über das judenfeindliche Ungarn, das er in allen Tönen ausmalt und dem SPON-Leser sehr einseitig präsentiert, als echter Prepper, wenn auch nicht als einer der ‚Doomsday Preppers‘, wie sie der Film, der 2013 vom National Geographic Channel in der dritten Staffel ausgestrahlt wurde, zeigte, sondern als Prepper – Bereit für das ungarische Wahldesaster am 6. April 2014, zwei Tage danach, Ungarns Befreiung von den Resten der Roten Armee. Wozu mir jetzt nur eine Textstelle aus Band 13, Ethos der Weltkulturen: Religion und Ethik (herausgegeben von Anton Grabner-Haider) einfällt, die wirklich nicht passend ist: „An der aktuellen Politik des Staates des jüdischen Volkes scheiden sich die Geister innerhalb der Judenheit zwar gründlich, aber seit Beginn der Holocaustwelle dominiert die aus der NS-Judenvernichtung abgeleitete Verpflichtung zur ethnischen Selbsterhaltung (Survivalismus) die Verhaltensweisen.“ Die Verpflichtung zur ethnischen Selbsterhaltung von Journalisten wie Verseck dominiert die öffentliche Meinung über Ungarn. Doch ist sie nur die halbe Wahrheit. Ich fände es gut, wenn sich der andere Teil der Judenheit, der nicht Pfeifer, Heller oder Verseck heißt, hier auch einmischen würde. Vielleicht irre ich mich ja, aber ich denke, den Juden in Ungarn geht es unter Orbán besser, als Homosexuellen unter dem Jesuitenpabst. Auf jeden Fall geht es ihnen heute viel besser, als es den ungarischen Invalidenrentnern unter Gábor Simon erging, unter jenem Staatssekretär für Soziales und Arbeit in der Regierung von Ferenc Gyurcsány (2004-2009) und in der Regierung von Gordon Bajnai (2009-2010), der mit Abermillionen, die er in Österreich bunkerte, privat vorgesorgt hat, der nicht nur einem Teil der ungarischen Invalidenrentnern die eh schon spärliche Grundsicherung abgesprochen hat, sondern sehr vielen Hilfebedürftigen einfach den Teppich unter den Füßen weggezogen hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s