NZZ: Beitrag von György Dalos

Der ungarische Schriftsteller und Historiker György Dalos befasst sich in einem Gastbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung mit der Umbenennung von Straßen und Plätzen in Ungarn.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/wohin-nur-mit-marx-1.18244672

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6 Kommentare zu “NZZ: Beitrag von György Dalos

  1. Bei Linsentrübung leiden Historiker unter erhöhter Blendempfindlichkeit. So sehen sie die Geschichte nur unscharf. Anders ist es nicht zu erklären, wenn der „Meistbegünstige” des verteufelten Orbán-Regimes die Zwischenkriegszeit posthum nur noch mit Militantismus und Antisemitismus auffüllen kann. Im Sterberegister des Kirchenbuchs steht sein Name zwar unter der Jahreszahl 1927, ein Umstand, der jedoch das Urteil des voreingenommen Historikers nicht milder ausfällen lässt. Der ungarische Bischof ist für Propagandisten eben nur eine historische Persönlichkeit zum Ausschlachten, eine Art Otto Dibelius, dessen einstiges politisches Wirken sich leicht in seine Teile zerlegen und aus der Gesamtheit seines Lebenswerks herauslösen, aus dem historischen Kontext isolieren und durch den Fleischwolf drehen lässt. Vom Unheilspropheten Prohászka ist es nur noch ein linker Tritt bis zum Wegbereiter des von den Ungarn zu verantwortenden Holocausts.
    Gottseidank verliert der Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise für Ideologen mit Altersstar nicht seine Bedeutung als in Stein gemeißelter oder gar in Bronze gegossener Geschichtsfetisch.
    Krampf lass nach.

    • @Liliomszál
      Elnézést kérek.In den Superlativ gesetzt, ist Ottokár natürlich der „Meistbegünstigste“ ungarische Antisemit, wegen der neun Straßen und Denkmäler, die in Stuhlweßenburg an ihn noch erinnern. An Feliks Dzierzynski, den Wohltäter der Menschheit, erinnert in Székesfehérvár kein einziges Denkmal mehr. Dabei war er doch für jeden Tschekisten das große Vorbild.

    • Sieht so aus, als hätten Sie nicht auch nur einen Blick in Prohászkas „Die Judenfrage in Ungarn“ geworfen (finden Sie auf den einschlägigen Seiten). Hätten Sie es getan, hätte sich Ihr Post wahrscheinlich erledigt. Das dort Geschriebene ist in keiner Weise, auch im Kontext der Geschichte oder des Lebenswerkes nicht zu rechtfertigen.

      • Ich las kürzlich, dass es in Deutschland Mediziner geben soll, die sich nicht an die Regeln halten, wenn sie auf die Schnelle den Hirntod eines Ihnen [!] ausgelieferten Patienten festzustellen haben, weil dessen Organe für andere noch brauchbar sind. Es soll Leute geben, die sich über so etwas empören können. Ich habe dafür Verständnis. Was mich angeht, also wenn mir das mal passieren würde, dass mir ein Mediziner den Hirntod bescheinigt, weil er mein Herz vom rechten Fleck haben will, dann würde ich dagegen Rechtsmittel einlegen und letztlich sogar vor das Sozialgericht ziehen. Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, dass Leute, denen vorschnell der Hirntod bescheinigt worden ist, sich nicht an die Regeln halten. Es muss sich doch niemand empören. Jeder kann gegen den vorschnellen Hirntod Rechtsmittel einlegen. Es gibt in der Sozialgerichtsbarkeit keinen Anwaltszwang. Und im Gegensatz zu Ungarn pflegen deutsche Sozialgerichte den Amtsermittlungsgrundsatz. Vor dem Hauptstädtischen Verwaltungs- und Arbeitsgericht Budapest müssten Sie als Betroffene, der schon vor Eintritt des Hirntods das Herz entnommen worden ist, die relevanten Tatsachen selbst vorbringen, während deutsche Sozialgerichte in Ihrem Fall ein medizinisches Sachverständigengutachten einholen würden. Die Wahrheitsfindung hinsichtlich Ihres Hirntods würde sozusagen von Amts wegen betrieben.
        Ich las neulich, dass in Deutschland die Neutralität von Gerichtsgutachten mehr als gefährdet sei. Im Deutschen Ärzteblatt wurden erste Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die zur „Begutchtungsmedizin in Deutschland am Beispiel Bayern“ im Rahmen einer Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt worden ist. Sie werden es nicht glauben, aber solange kein Gerichtsgutachter meinen Hirntod festgestellt hat und mein Herz noch schlägt, interessiert mich diese Studie nicht.
        Mich interessiert etwas ganz anderes, zum Beispiel, warum sich Dalos in der NZZ nicht dafür ausgesprochen hat, auch der Lichtgestalt Feliksz Edmundovics Dzerzsinszkij in Székesfehérvár wenigstens ein kleines Denkmal zu errichten. Nachdem wir doch die friedliche Revolution hatten! Und die Transformation! Nachdem sich der Rassenkampf und die Klassenfrage des 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert mit der friedlichen Revolution längst erledigt hat. Warum wird in Ungarn 25 Jahre nach Ende der Geschichte nicht einfach neben jedes Denkmal des meistbegünstigen Antisemiten auch ein Dalos-, Trotzki- oder Dzerzsinszkij-Mahnmal als Zeichen des Rassen- und Klassenfriedens errichtet?
        Ich las über Weihnachten die Bilanz, die Ungváry aus der Horthyära gezogen hat. Als verständiger Historiker hat er die relevanten Tatsachen zusammengetragen, die Prohászkás antisemitische Polemik, nennen Sie die wegen mir ruhig Hetze, in ihrem historischen Kontext verständlich machen.
        Mein Herz sagt, nichts würde die vorschnelle Feststellung Ihres Hirntods rechtfertigen, wie auch die Polemik eines 1927 verstorbenen Antisemiten seit Auschwitz in einem ganz anderen Licht zu sehen ist. Auch rechtfertigt nichts die Vergangenheit, wenn sie sich uns in Denkmälern vergegenwärtigt. Es gibt gegen das 19. und 20. Jahrhundert keinen Rechtsbehelf. Ich habe, weil ich die Gegenwart einfach nicht mehr ertragen kann, das Abonnement des Deutschen Ärzteblattes inzwischen gekündigt. Geschichte ist mir leichter verständlich.

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