Boris Kálnoky berichtet über die Buchpräsentation von „Viktor Orbán. Ein Stürmer in der Politik“

Boris Kálnoky nahm an der Präsentation des von Igor Janke verfassten Buches „Viktor Orbán. Ein Stürmer in der Politik“ in Leipzig teil und berichtet den Bloglesern über seine Eindrücke. Vielen Dank dafür.

Buchvorstellung: Igor Janke’s „Viktor Orbán. Ein Stürmer in der Politik“

Am 14. März wurde auf der Leipziger Buchmesse die deutsche Übersetzung der Orbán-Biografie „Ein Stürmer in der Politik“ des polnischen Publizisten Igor Janke vorgestellt. Das Buch ist in Polen ein Erfolg, und in Ungarn ein echter Bestseller. „Hajrá Magyarok!“ wurde dort bislang 25.000-30.000 mal verkauft. (Angaben von Igor Janke mir gegenüber).

Es ist eine anerkennende, teilweise begeisterte Biografie Orbáns, ohne seine Schattenseiten zu verschweigen, sehr gut recherchiert, und angereichert durch tiefe persönliche Gespräche mit Orbán selbst und vielen einstigen und gegenwärtigen Weggefährten und Gegnern. Der Autor macht schon im Vorwort klar, dass er subjektiv und anerkennend schreibt, nirgends versucht er den Leser mit dem Ton abwägender „Objektivität“ zu belehren. Immer ist klar, dass hier jemand spricht, der viel von Orbán hält.

Ich wunderte mich, dass es bei der negativen öffentlichen Meinung über den ungarischen Ministerpräsidenten überhaupt möglich war, ein positives Buch über ihn bei einem deutschen Verlag unterzubringen.  Es zeigte sich dann, dass es tatsächlich nicht möglich war: Es erscheint im kleinen ungarischen Schenk Verlag, nachdem offenbar alle relevanten deutschen Verlage ablehnten (Angaben von Verleger Schenk mir gegenüber).

Ich halte es aber für höchst lesenswert und akzeptierte daher den Vorschlag, bei der Vorstellung des Buches Janke auf einer Podiumsdiskussion zu befragen, zusammen mit dem Osteuropa-Experten Kai-Olaf Lang. 

Interessanter als die Podiumsdiskussion, bei der Janke letztlich sagte, was ohnehin im Buch steht, war das informelle Gespräch mit ihm davor. Er sagte, dass er heute am liebsten zwei sehr kritische Kapitel anfügen würde, nur die Zeit fehlte dazu vor dem Erscheinungstermin. Das eine neue Kapitel beträfe die Geld-Akkumulation in Richting Simicska & Co per Staatsaufträge. Er verstehe zwar das Argument seiner Fidesz-Gesprächspartner, dass die Sozialisten ihre Finanz-Barone hatten und man es nun auch so mache, weil das politisch nötig sei.  Es sei aber trotzdem nicht in Ordnung, sagte Janke, und das habe er den Fidesz-Leuten auch gesagt.

Das zweite neue Kapitel beträfe den Atom-Deal mit Putin über die Ausweitung des AKW Paks. „Dafür werden Orbán und Ungarn noch einen hohen politischen Preis zahlen müssen“, meint Janke. Die Entscheidung sei ein riesiger strategischer Fehler.

Auf dem Podium fragte ich Janke was denn mit Orbáns Liberalismus geschehen sei. Denn er zitiert im Buch unter anderem Zsolt Bayer mit dem Satz (sinngemäß): „Wir waren liberal, und Liberalismus, das war für uns Amerika, das war Freiheit.“ – Dem stellte ich Orbáns Satz entgegen, den er mir letztes Jahr sagte: „Die Ungarn sind nicht liberal“, und insofern mache er auch keine liberale Politik.

Ja, er habe seine Meinung geändert, sagte Janke. Das könne man ihm nicht entgegenhalten, denn er sei damit nicht allein: in einer Zeitspanne von 25 Jahren würden viele Menschen ihre Ansichten ändern. „Freiheit“ sei für Orbán aber immer ein zentraler Wert geblieben.

Janke schilderte Orbán als einen Politiker, der europaweit relevante Debatten anstoße, etwa über Sinn und Unsinn der EU und des Nationalstaates.  Als solcher befinde er sich in einer Klasse mit Führungsfiguren wie Margaret Thatcher. Ich fragte Janke, was Orbán dennoch fehle, um eine wirkliche europäische Führungsfigur zu werden – denn daran scheitert er, anders als etwa Polen in der Ukrainekrise.

Ja, das  könne er nicht, sagte Janke, denn „dafür ist sein Charakter nicht geeignet“. Dafür müsse man „fähig sein, mit allen zu reden, mit allen auszukommen, wie Donald Tusk“. Das könne Orbán aber nicht. Außerdem sei Ungarn natürlich viel zu klein, um zu führen.

Kai Olaf Lang fragte unter anderem nach Orbáns Motivationsquellen, auch nach seiner Religiosität. Ja, er sei religiös, und das sei auch echt, meinte Janke. Früher sei er das nicht gewesen, man müsse aber auch verstehen, dass das Ansehen und der Einfluss der Kirche im kommunistischen Ungarn ganz anders als in Polen gewesen seien. Er glaube nicht, dass Orbán seinen Glauben in Politik umzumünzen versuche, aber umgekehrt gebe sein Glaube ihm Kraft, erfolgreicher und gefestigter durch Krisen zu gehen.

Die entsprechende Passage im Buch über die Wahlniederlage 2002 und wie Orbán unmittelbar im engsten Kreis reagierte ist übrigens sehr lesenswert, ebenso das daran anschließende Kapitel über seine religiöse Wende.

Kai-Olaf Lang fragte auch wohin Orbán das Land führen wolle. Als ein Hauptziel nannte Janke „wirtschaftliche Souveränität“, ohne aber eine umfassende Staatswirtschaft aufzubauen. Er wolle mehr ungarische Eigentümer und die Rolle der ausländischen Unternehmen dort einschränken, wo sie keine produktive Funktion erfüllten sondern nur Kaufkraft abschöpften. Janke stellte den Zuhörern die Frage, wie es ihnen denn gefallen würde wenn absolut alle Medien in Deutschland in ausländischer Hand wären. Das sei in Ungarn lange der Fall gewesen.

Mein Eindruck war, dass Janke ein absolut ernst zu nehmender, wenngleich im Gegensatz zu westlich-unterkühltem Usus ein wohltuend östlich-leidenschaftlicher Beobachter ist. Ich kann das Buch nur empfehlen.

Schöne Grüße an die Blog-Gemeinde! Boris Kálnoky“