„Die Presse“: Bericht über die „Zigeunerpartei Ungarns“

Die ungarische Minderheit der Roma tritt bei der ungarischen Parlamentswahl am kommenden Sonntag (6. April 2014) mit einer eigenen Partei an. Die „Zigeunerpartei Ungarns“ (Magyarországi Cigány Párt, MCP) könnte für die etwa 600.000 ungarischen Roma eine Alternative zu den etablierten Parteien sein.

http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1584827/Ungarn_RomaPartei-will-ins-Parlament?_vl_backlink=/home/index.do

In Wahlwerbespots betont die MCP, die Diskriminierung im Bildungssystem beenden zu wollen, die Hochschulausbildung kostenfrei auszugestalten und den Lohn für die viel kritisierte gemeinnützige Arbeit (kommunale Beschäftigungsprogramme) an den Mindestlohn anpassen zu wollen. Im Parteiprogramm sind auch der Einsatz gegen Kinder- und Jugendarmut genannt.

Die MCP tritt auf der „normalen“ Landesparteiliste zur Wahl an. Hier ist zu beachten, dass nur derjenige Wahlbürger die MCP wählen kann, der sich nicht zu einer bestimmten Minderheit bekannt und angegeben hat, bei der Parlamentswahl statt der Landesliste für eine eigene Minderheitenliste stimmen zu wollen. Nach anfänglichen verschwindend geringem Interesse der Roma an der Wahl eines Minderheitenvertreters hatten zuletzt (Stand: 27.03.2014) 15.381 Personen für die Minderheitenwahl optiert: Sie geben eine Stimme für den Wahlkreiskandidaten und eine weitere für den Minderheitenvertreter ab.

Parteichef der MCP ist der langjährige Roma-Interessenvertreter Aladár Horváth.

Zum Parteiprogramm (Kurzversion): http://www.magyarorszagiciganypart.hu/MCP%20r%C3%B6vid%C3%ADtett%20program.pdf

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4 Kommentare zu “„Die Presse“: Bericht über die „Zigeunerpartei Ungarns“

  1. Eine sehr gute Sache, wie ich finde. Die Roma brauchen unbedingt eigene Vertreter im Parlament, und wenn die sich noch für die Armen an sich einsetzen, ist das doch super!

    Es ist, denke ich, unglaublich wichtig, dass die Roma anfangen, sich selber zu vertreten und für ihre Rechte einzusetzen. Dies alles könnte ihnen vielleicht helfen, ein neues Selbstbewusstsein aufzubauen, Hoffnung zu schöpfen, dass es mit z.B. mehr Bildung einen Ausweg aus der Misere geben kann. Sie können sich nur selber helfen, niemand anders wird es tun. Und: Niemand anders kann es. Die Roma müssen sich zuerst selbst helfen wollen, dazu gehört auch eine gesunde Selbstkritik. Wenn gute gebildete Roma anfangen würden, dazu zu stehen, dass sie Roma sind, sich als Roma „outen“ würden, könnten sie als Beispiel für weniger gebildete Roma fungieren.

    Es ist sicher nicht einfach, als Rechtsanwalt oder Arzt in einem Land mit relativ rassistischer Mehrheitsbevölkerung zu sagen: Auch ich bin Roma. Aber es trauen sich meiner Meinung nach viel zu wenige hier in Ungarn. Sie würde damit aber ein starkes Zeichen setzen, gegenüber Rassisten (dazu möchte ich noch schreiben, dass natürlich nicht alle Ungarn rassistisch sind) und in Hinblick auf die eigene Minderheit.

    Eine eigene Partei im Parlament wäre ein guter Schritt in eine solche Richtung.

    • Ich gebe Ihnen Recht. Alle etablierten Parteien seit 1990 haben die Roma verraten, sie als Stimmvieh missbraucht. Meine Frage ist: Was kann die MCP? Armenpolitik ist für eine gesamtgesellschaftliche Anerkennung auf Dauer zu wenig, befürchte ich. Aber der Anfang ist gut. Ein paar Roma-Intellektuelle passten gut ins Konzept. Einer wie István Forgács, der seine Meinung auch den Roma offen sagt. Oder was meinen Sie?

  2. Auf Dauer mag es tatsächlich zu wenig sein, aber als Anfang ist es gut. In Ungarn leben ja wirklich viele Menschen unter Umständen, wie sie sich die meisten Deutschen gar nicht vorstellen können, da es diese Art von tiefster Armut in Deutschland zum Glück nicht mehr gibt. Menschen ernähren sich hauptsächlich von Schmalzbrot oder gezuckertem Brot oder von Brotsuppe, da sie sich nichts anderes leisten können, sie wohnen in Ruinen ohne fließend Wasser und Strom, ohne Toilette, und dies in Regionen, in denen es einfach keine Arbeitsplätze gibt. Auch wenn man arbeiten will, findet man nichts, und wenn man Roma ist, stehen die Chancen noch schlechter.
    Deshalb denke ich, als erster Ansatz ist die Armutsbekämpfung gut – hier findet man evtl. eben auch genug Wählerstimmen (falls diese Menschen überhaupt wählen gehen, denn Bildung oder die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben ist bei diesen Ärmsten der Armen auch nicht sonderlich ausgeprägt…).
    Damit die Partei aber ernst genommen wird braucht es auf Dauer dann mehr. Wichtig wäre tatsächlich, mehr Roma-Intellektuelle ins Boot zu holen. Ich denke aber leider, dass dies nicht einfach ist, da diese sich nicht mit den armen, ungebildeten Roma identifizieren (wie auch Forgács István, wie ich meine). Ich sehe das bei meinem Mann: Er ist Roma, aber vollkommen integriert, hat einen Job und sieht sich selbst als Ungar. Er selbst hat keine Probleme hier in Ungarn. Wenn sich Roma integrieren wollen, dann können sie hier gut leben, mein Mann wird noch nicht mal als Roma wahrgenommen von der Mehrheitsbevölkerung. Er wird, da er sich selbst nicht zu den benachteiligten Roma zählt, wahrscheinlich auch nicht MCP wählen. Für ihn und seine Familie haben andere Themen Vorrang, die sie selbst betreffen. Dazu gehört eben nicht die Armut der Roma-Mehrheit.

    Ergo: Integrierte Roma gehen mehr auf Abstand zur armen Roma-Mehrheit als viele Ungarn. Hier liegt wahrscheinlich eines der Hauptprobleme, denn sie wären ein Schlüssel zu Verbesserung der Lage der armen Roma – denn diese können sich nicht selber helfen. Es fehlt ihnen an (einer gelernten) Problemlösungskompetenz.

    Ich wünsche der MCP, dass sie es schaffen und der Aufgabe gewachsen sind, der sie sich stellen!!! – Sie wären die Ersten…

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