Tagesspiegel: „Vom Musterschüler zum Sitzenbleiber“

Der Tagesspiegel veröffentlicht in seiner heutigen Ausgabe einen längeren Beitrag des Autors Mohamed Amjahid über Ungarn vor den Wahlen. Der Titel: „Vom Musterschüler zum Sitzenbleiber“.

http://www.tagesspiegel.de/politik/ungarn-vor-den-wahlen-vom-musterschueler-zum-sitzenbleiber/9697094.html

 

Was fährt in einen Journalisten, dass er so etwas schreibt?

In den Jahren 2008 und 2009 fuhr ein ungarisches Pendant zur NSU-Terrorzelle mordend durch das Land. Sie erschossen 55 Menschen, alles Roma, teils brachten sie ganze Familien um. Vier Verdächtige wurden festgenommen, sie sind bis heute nicht verurteilt.“

Tatsächlich starben sechs Personen.

Tatsächlich sind drei der vier Täter zu lebenslanger Haft, einer zu 13 Jahren Haft, verurteilt worden. Nicht heute oder gestern, sondern im August 2013.

Wer es diesem Blog nicht glaubt, nimmt es vielleicht SPON ab: http://www.spiegel.de/politik/ausland/urteil-in-ungarn-lebenslaenglich-fuer-die-roma-moerder-a-915109.html

Hat Herr Mohamed Amjahid für seinen Beitrag recherchiert?

Advertisements

11 Kommentare zu “Tagesspiegel: „Vom Musterschüler zum Sitzenbleiber“

  1. Das hab ich mich ehrlich gesagt auch gefragt… 55 Menschen???? Soweit mal wieder zu deutschem Journalismus… Schön war übrigens auch noch das hier:

    „Aber warum tauschen Millionen Ungarn fundamentale Grundrechte gegen die Aussicht auf Sicherheit und Ordnung unter einer stabilen Ein-Mann-Regierung? Warum sympathisieren so viele mit einer Partei wie Jobbik?“

    Hat Herr Amjahid sich mal damit beschäftigt, wie viele Einwohner Ungarn hat? Wenn Jobbik tatsächlich 20 % bekommen sollte – was ich nicht hoffe und auch eher bezweifle – dann haben vielleicht gerade mal 1,5 Millionen Ungarn sie gewählt (was ca. 15 % der Gesamtbevölkerung wäre, aber nicht Volljährige und Nicht-Wähler sind hier ja noch abzuziehen)…
    Soweit zu den abermillionen Jobbik-Fans hier in Ungarn…

    Ach, es ist wirklich traurig…

  2. Die Wahrheit ist schockierend genug: Verschiedenen Presseangaben zufolge sollen die Attentäter bei ihren Brand- und Mordanschlägen 2008/09 insgesamt 55 Menschenleben gefährdet haben. Tatsächlich erschossen haben sie sechs Menschen. Zum Teil schwer verletzt wurden fünf Menschen.

    • „Die Wahrheit ist schockierend genug“

      Da stimme ich Ihnen zu, Ungarnfreund. Andererseits sollten Journalisten mit solchen schockierenden Wahrheiten sehr sorgsam umgehen. Wenn Journalisten die gebotene Sorgfalt bei solch schockierenden Themen missen lassen, laufen sie Gefahr die Leser zu manipulieren. In Zusammenhang mit den Romamorden in Ungarn konnte man häufig beobachten, dass in der deutschsprachigen Presse, ähnlich wie in dem vorliegenden Artikel, die gebotene Sorgfalt fehlt. Fahrlässig oder vorsätzlich werden immer wieder wichtige Details aus den Berichten weggelassen oder falsche Tatsachen – mindestens – suggeriert. Mein Eindruck war, dass dieses Thema in der deutschsprachigen Presse unzählige Male dazu mißbraucht wurde, Stimmung gegen die Orbán-Regierung zu machen. Die häufigsten Bausteine dieser Stimmungsmache waren:

      1) Es wurde in den Berichten häufig der Eindruck erweckt, die Morde passierten in der aktuellen Regierungsperiode, die nationalkonservative Regierung hat also irgendwie Verantwortung dafür, dass die Mordserie nicht gestoppt wurde. In Wahrheit passierte die Mordserie noch in der Amtszeit der „sozialliberalen“ Vorgängerregierung.

      2) Lange Zeit, nachdem die Täter gefasst waren sind noch in der deutschsprachigen Presse Berichte zum Thema erschienen, in denen die Tatsache der Festnahme nicht erwähnt wurde.

      3) Wie wir beim aktuellen Artikel sehen können, gibt es bis heute Berichte, in denen behauptet wird, dass die Täter nicht verurteilt wurden.

      Ein Land, in dem eine Mordserie an einer Minderheit nicht gestoppt wird, die Täter nicht gefasst werden und nicht verurteilt werden ist ein seltsames Land mit einer seltsamer Regierung. Ungefähr dieses Bild hat der Mainstream der deutschsprachigen Presse über Ungarn vermittelt.

      • Ich verstehe Ihr Anliegen, halász, und stimme Ihnen auch in Vielem zu. Der Autor des o. g. Artikels hat massiv falsch informiert und unparteiisch ist er auch nicht. Trotzdem stört mich diese ganze Sekundärdiskussion, weil darüber das Wichtigste aus dem Blick gerät: Der eigentliche Skandal sind diese sechs Toten und fünf Verletzten — das sollten wir nicht vergessen. Es schien mir daher nötig, einen Kontrapunkt zu setzen und an die Opfer-Perspektive zu erinnern.

        In wessen Regierungszeit die Anschlagsserie oder die Verurteilung der Täter gerade fielen, halte ich z. B. für komplett irrelevant. Man möchte entgegnen: Schon mal was von der Unabhängigkeit der Justiz gehört? Sicher käme niemand auf die Idee, die NSU-Verbrechen oder die noch laufende Verhandlung gegen Beate Tschäpe dazu in Beziehung zu setzen, wer gerade in Berlin regiert(e). Diese Art von Überpolitisierung finde ich einfach nicht angemessen.

      • Es ist, Ungarnfreund, gar nicht nötig, einen Kontrapunkt zu setzen. Offene Türen einzurennen macht wenig Sinn. Niemand hier hat bestritten, dass jedes der Opfer eines zu viel ist. Über die Mordserie, die lange Verfahrensdauer und das Urteil wurde auch hier berichtet.

        Es ist zwar grundsätzlich ohne Relevanz, in wessen Regierungszeit die Mordserie fiel. Bedenkt man aber, dass wir Beiträge gesehen haben, in denen durch geschickte Erzählfäden versucht wird, die (1) Regierung für angeblich seit 2010 zunehmenden Antiziganismus und Rassismus verantwortlich zu machen und dann (2) mit der Mordserie zu verknüpfen, so ist Ihre o.g. Aussage zu relativieren. Etwa durch die geschickte Verwendung der zeitlichen Einordnung in die „letzten vier Jahre“…

        Jan Mainka fand in der Budapester Zeitung hierfür die richtigen Worte:

        „Der Orbán-Regierung werden in dem Film aber nicht nur das heutige soziale Elend voll und ganz in die Schuhe geschoben, sondern auch gleich noch ein paar rassistische Morde. So fällt in dem Abschnitt, der sich mit der gegenwärtigen Lage der ungarischen Roma beschäftigt, plötzlich aus dem Off die Aussage: „In den letzten vier Jahren wurden in 21 Dörfern Überfälle mit Schusswaffen auf Roma verübt oder Brand­bomben in Roma-Häuser geworfen. Sieben Roma wurden erschossen.“ Hinter der zunächst einmal harmlos klingenden Aussage verbirgt sich die vielleicht schlimmste bewusste Manipulation des ganzen Streifens, der sich fast ausschließlich mit den letzten beiden Jahren, also den Orbán-Jahren beschäftigt. Warum ist dann an dieser Stelle mit einem Mal von den „letzten vier Jahren“ die Rede? Etwa, um der Orbán-Regierung geschickt die Verantwortung für die Roma-Mordserie anzulasten?“

        http://www.budapester.hu/2012/10/05/halbwahrheiten-auslassungen-und-verdrehungen/

  3. Traurig dass selbst Araber die Unarten der dt. Journaille annehmen können. Wie das sein kann? Naja-Ungarn,Slowakei,Polen usw sind sowas wie Afrikaner -man braucht sich nicht anstrengen Haupsache es stimmt ideologisch. Da darf dann auch das Wort nazi-xyz verwendet werden für Leute die wirklich nur Patrioten sind. In Deutschland wundert mich ehrlich gesagt gar nichts mehr :-/

  4. Ach das waren noch Zeiten, als ich für den Tagesspiegel aus Ungarn berichtet habe 😉 Wenn das jetzt die Nachfolger sind… Oh jeeee 🙂 Es wird immer schlimmer. Wann wird die Grenze des Absurden erreicht sein?

  5. Na, da hat sich aber der Ungarnexperte einen tollen Aufhänger für seinen Beitrag entgehen lassen.Das hättte er so richtig schön völkisch, nationalistisch und und und
    ausschlachten können.
    Ich mein, darauf wäre es dann schon auch nicht mehr angekommen.
    Ich sag nur: Lorántné Hegedüs !!!

  6. Pingback: Ungarn-Berichterstattung: Alles übertrieben? | Keno Verseck

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s