Wahl 2014: Vorläufige Zusammenfassung und Bewertung

Die Regierungspartei Fidesz/KDNP ist klarer Sieger der gestrigen Parlamentswahlen in Ungarn. Nach dem vorläufigen Ergebnis konnte die Regierungspartei 96 von 106 Direktwahlkreise für sich entscheiden. Bei den Zweitstimmen errang Fidesz/KDNP im landesweiten Durchschnitt 44,54 %, das oppositionelle Linksbündnis „Regierungswechsel“ erreichte 25,99 %, die rechtsradikale Partei Jobbik 20,54 % sowie die grün-alternative LMP (Politik kann anders sein) 5,26 %.

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In diesem Ergebnis sind allerdings noch nicht alle von den Wahlbürgern im Ausland abgegebenen Stimmen enthalten. Ebenso wenig umfasst das Ergebnis jene Stimmen, die von Wahlbürgern in Wahllokalen fernab ihres Wohnortes abgegeben wurden. Die betreffenden Urnen werden nur zum „Wohnort“ der Wähler befördert und dort ausgezählt. Ein Ergebnis wird frühestens für den 8. April 2014 erwartet.

2/3-Mehreit für Regierungsfraktionen unklar

In Anbetracht der noch nicht abgeschlossenen Stimmenauszählungsteht bislang noch nicht fest, ob Ministerpräsident Vikto Orbán auch im neuen Parlament mit dem Rückhalt einer Zweidrittelmehrheit regieren kann. Die aktuelle Projektion verheißt Fidesz/KDNP eine Mehrheit von 133 von 199 Sitzen, dies wäre exakt die verfassungsändernde Mehrheit.

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Hier ist jedoch zu berücksichtigen, dass in einigen Wahlkreisen – unter anderem im XVIII. Budapester Stadtbezirk und in einem Wahlkreis der ostungarischen Großstadt Miskolc – die nach relativer Mehrheitswahl zu bestimmenden Direktkandidaten so nah beieinander liegen, dass ein Endergebnis trotz des hohen Auszählungsstands noch nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann. Hier werden insbesondere die Stimmen jener o.g. Bürger den Ausschlag geben, die ihre Stimme in anderen Wahllokalen abgegeben haben, die jedoch in ihrem Heimatswahlbezirk berücksichtigt werden. Sollte das linke Oppositionsbündnis den XVIII. Bezirk oder Miskolc für sich entscheiden, würde die Zweidrittelmehrheitwohl knapp verfehlt. In Miskolc stehen Fidesz, die Linksallianz und die rechtsextreme Jobbik (Kandidaten Dr. Varga, Pakusza und Sebestyén, vgl. Tabelle) annähernd gleichauf.

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Klare Niederlage für Linksallianz, Jobbik stark

Das Wahlergebnis,welches eine klare Niederlage des aus fünft Parteien bestehenden linken Oppositionsbündnisses darstellt, wurde von den Bündnispartnern noch gestern Abend zur Kenntnis genommen und akzeptiert. Sowohl der Oppositionsführer, MSZP-Chef Attila Mesterházy, als auch die Ex-Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány und Gordon Bajnai teilten ihren Anhängern jedoch demonstrativ mit, das Ergebnis sei vorwiegend unfairen Verhältnissen zu verdanken, weshalb man dem Wahlsieger unter gar keinen Umständen gratulieren könne und wolle. Lediglich Gyurcsány und Bajnai räumten in einem Nebensatz ein, den Menschen keine Alternative geboten zu haben. Der Kampf aber gehe weiter.

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Tatsächlich stellt das Wahlergebnis, bei dem abermals alle ländlichen Direktwahlkreise an die Regierungsfraktionen gingen – Oppositionskandidaten waren lediglich in Budapest und Szeged erfolgreich, eine vernichtende Niederlage der Herausforderer dar. Selbst die zu einem Bündnis zusammengefunden fünf Oppositionsparteien waren nicht in der Lage, den Menschen brauchbare Lösungen für ihre Probleme als Wahlvorschlag zu unterbreiten. Großer „Sieger“ in Ost- und Nordostungarn ist, wie schon im Jahr 2010, die rechtsradikale Oppositionspartei Jobbik, die insbesondere in den Komitaten Heves, Szabolcs-Szatmár-Bereg, Borsod-Abaúj-Zemplén zweitstärkste Kraft bei den Direktstimmen wurde. Die Partei erreichte insgesamt etwa 21% der Listenstimmen, knapp 5% mehr als 2010. Die nachfolgende Grafik zeigt in grauer Farbe jene Direktwahlkreise, in denen Jobbik zweitstärkste Kraft bei den Direktmandaten wurde.

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Die Partei, die sich im Wahlkampf moderater als in der Vergangenheit gegeben und sich offen antisemitischer und romafeindlicher Äußerungen weitgehend hatte, nahm das Ergebnis mit Verbitterung auf. Parteichef Gábor Vona kündigte an, sich „den Staub abzuklopfen und 2018 die Regierung zu übernehmen“.

Die ungarische linke ist durch dieses Wahlergebnis aufgerufen, nicht nur eine personelle, sondern vor allem inhaltliche Erneuerung zu vollziehen, und anstelle der teilweise in diametralem Widerspruch zu westeuropäischer „linker“ Politik stehenden neoliberalen Positionen die Rückkehr zu ihrer Stammwählerschaft zu finden. Es ist nicht der Wähler, sondern die Partei, die sich ändern muss, wenn sie erfolgreich sein will; dies hat der als Opportunist verschriene Viktor Orbán, der seine Partei von einer radikal liberalen zu einer rechtskonservativen Kraft gewandelt hat, bewiesen. Es kann konstatiert werden, dass linke Politik nach dem Zuschnitt von Tony Blair oder Gerhard Schröder in Ungarn derzeit offenbar nicht mehrheitsfähig ist. Ebenso gescheitert ist der Versuch, Politik ausschließlich an Contrapositionen zur aktuellen Regierungzu zu definieren und zu versuchen, das Land über ausländische Meinungsführerschaften „auf den richtigen Weg“ zu bringen. Kurzum: Es hat nicht genügt, Ungarn unter Orbán als protofaschistische Diktatur zu karikieren.

LMP zieht nach Zitterpartie ein

Eine wahrhafte Zitterpartie wurde der Wahlabend die grün-alternative Oppositionspartei LMP. Nachdem sich die Schließung der Wahllokale in Budapest wegen starken Wählerandrangs verzögerte und das letzte Wahllokal erst gegen 21:00 Uhr schloss, verzögerten sich die Auszählungsergebnisse aus der Hauptstadt, in der LMP zum Teil drittstärkste Kraft wurde und bei den Direktwahlstimmen solide zweistellige Ergebnisse einfahren konnte. Daher schien es anfangs so, als würde Partei den Wiedereinzug in das hohe Haus knapp verfehlen. Erst gegen 23:00 Uhr überschritt LMP dauerhaft die 5%-Hürde und konnte sich bei 5,26 % manifestieren. Die Partei ist, nach einer für sie lebensbedrohlichen Spaltung im Vorjahr, somit weiterhin in der Lage, Ungarns Politik jedenfalls aus der Opposition heraus mitzubestimmen.

Minderheitenwahl mit geringer Resonanz

Die nach dem aktuellen Wahlrechts erstmals durchgeführte Wahl der Vertreter von 13 anerkannten nationalen Minderheiten rief wenig Resonanz hervor. Es war gehofft worden, dass jedenfalls die zahlenmäßig größten Minderheiten, Roma und Ungarndeutsche, in ausreichender Zahl auf die gesonderte Minderheitenliste stimmen, um einen quotenmäßig privilegierten Minderheitenvertreter in das Parlaments zu entsenden. Hierzu ist zu sagen, dass eine Wahl des Minderheitenvertreters nur möglich ist, wenn sich der Wähler a) zu einer nationalen Minderheit bekennt und b) den Wunsch äußert, statt der Parteiliste (Zweitstimme) die Minderheitenliste wählen zu wollen. Gerade Vertreter von Roma-Organisationen und die auf der „normalen“ Landesliste an tretende „Zigeunerpartei Ungarns“ (MCP) rieten den Angehörigen der Zigeunerschaft jedoch ab, vom Minderheitenwahlrecht Gebrauch zu machen.

 

Dass die Resonanz bei der größten nationalen Minderheit dementsprechend niedrig war, zeichnete sich schon vor der Wahl an den Registrierungszahlen ab. Andererseits machten sich Verschwörungstheorien breit, etwa die, dass Offizielle in kommunalen Arbeitsprogrammen massiv Druck auf die Roma ausübten, um sie von der Parteiliste „fern zu halten“. Die mitunter konzertierte Angstmache mag ihren Beitrag zu der niedrigen Akzeptanz geleistet haben,ebenso die Versuche der auf Parteilisten antretenden Gruppierungen, Roma zur Unterstützung zu bewegen. Folge ist, dass in Anbetracht zu geringer Stimmenzahl weder die Roma-Minderheit noch die Ungarndeutschen stimmberechtigte Minderheitenvertreter in das Parlament entsenden können, sondern ihnen stattdessen nur ein so genannter „szószóló“ (Sprecher) zur Verfügung steht. Dieser hat ein Rederecht und kann Anträge einbringen, ist jedoch nicht stimmberechtigt. Es fällt auf, dass gerade Roma-Vertreter, welche von der Wahl des Minderheitenvertreters abgeraten hatten, nunmehr konstatieren möchten, dass des Minderheitenwahlrechts ungarische Prägung gescheitert ist. Sie selbst haben ihren Beitrag dazu geleistet.

Regierungsumbildung erwartet

Das neue Kabinett von Ministerpräsident Viktor Orbán wird personell nicht dem vorherigen entsprechen. Fest steht, dass Außenminister János Martonyi nicht erneut das Amt des Chefdiplomaten übernehmen möchte. Als aussichtsreich werden der bisherige Londoner Botschafter, János Csák, gehandelt. Auch der bisherige Verwaltungs- und Justizminister Tibor Navracsics könnte jedoch Außenminister werden. Dessen Posten dürfte dann wiederum an den Orbán-Intimus János Lázár gehen, der bislang das Amt des Ministerpräsidenten leitete. Auch im Bereich der Regionalentwicklung (zuständig für die Vergabe von EU-Mitteln) zeichnet sich ein Personalwechsel ab, als Favorit galt bislang der Fidesz-Fraktionsvorsitzende Antal Rogán, der jedoch kurz vor der Wahl in eine Affäre um seinen Immobilienbesitz geraten war – ob dies seiner Ernennung entgegensteht, bleibt abzuwarten.

Wirtschaftsminister Mihály Varga und Zoltán Balog, der das Ministerium für Humanressourcen leitet, dürften fest im Sattel sitzen.

Sollte Fraktionschef Rogán einen Ministerposten übernehmen, stellt sich die Frage, wer die Parlamentsfraktion führen wird: Als Favorit gilt der Abgeordnete Lajos Kósa, der zugleich Bürgermeister der Stadt Debrecen ist. Hungarian Voice geht hingegen davon aus, dass aussichtsreicher Kandidat der bisherige stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gergely Gulyás ist. Gulyás ist in der Öffentlichkeit bekannt, hat sich durch Mitarbeit an der neuen ungarischen Verfassung Meriten erworben und gilt als loyaler Mitstreiter Viktor Orbans.

Wie geht es weiter?

An der grundsätzlichen Ausrichtung der ungarischen Politik dürfte sich auch in den kommenden vier Jahren wenig ändern. Die Regierungsparteien haben sich zahlreiche, teils umstrittene, Gesetzes und Verfassungsänderungen dafür gesorgt, das selbst bei Verfehlen der Zweidrittelmehrheit ein relativ problemloses Durchregieren möglich sein sollte. Die Frage wird sein, ob Orbán bereit ist, sich für weitere vier Jahre auf Konfrontationskurs mit der Europäischen Union und anderen internationalen Organisationen zu begeben oder willens ist, Ungarn in – wirtschaftlich notwendiges – ruhigeres Fahrwasser zu steuern. Zarte Anzeichen hierfür könnten Äußerungen gegenüber diplomatischen Vertretern im Januar 2014 sein. Weitaus wichtiger jedoch wäre es, die innenpolitische zur Spaltung des Landes endlich zu überwinden und den Versuch zu unternehmen, über die großen Lager hinweg Dialoge in Sachfragen zu führen, wenn auch die beiden Kontrahenten – Fidesz/KDNP und die Linke – in den vergangenen Jahren alles dafür getan haben, die Feindschaft ihrer Anhänger um jeden Preis zu vergrößern, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Auch die Äußerungen der Wahlverlierer geben wenig Anlass, zu glauben, dass sich hieran etwas ändern könnte. Diese Spaltung zu mildern, hängt nicht allein von den ungarischen Konservativen ab, sondern würde auch ein entsprechendes Umdenken – inhaltlich und ideologisch – bei der Links Opposition fordern. Beilage dazu in der Lage sind, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Ebenso wird sich zeigen, ob die ausländische Presse in ihrer Mehrheit weiterhin undifferenziert Partei für eine inhaltsleere um vom Wähler nunmehr zum zweiten Mal abgestrafte Linke ergreifen will und damit die Spaltung mit vertieft oder den selbstkritischen Versuch unternimmt, zu verstehen, warum Ungarn Viktor Orbán nun zum zweiten Mal in Folge das Vertrauen ausgesprochen hat.

Dass „Manipulatione“n am Wahlrecht für das Ergebnis verwantwortlich sein sollen, erweist sich beim zweiten Hinsehen als Ente: Die Linksopposition errang nach dem neuen Wahlrecht 10 Direktmandate, d.h. fünfmal mehr als 2010 (damals fielen nur zwei Budapester Wahlkreise an die MSZP). Die Opposition schnitt also bei der Mehrheitswahlkomponente deutlich besser ab als nach altem Wahlrecht. Dies gilt umso mehr, als man berücksichtigen muss, dass 2010 176 Direktmandate vergeben wurden, 2014 hingegen nur 106. Allein die Aussage, die relative Mehrheitswahl in einem Wahlgang begünstige – wie bei der deutschen Bundestagswahl – den stärksten Kontrahenten, ist richtig: Wie aber sonst soll es in einer Demokratie sein?

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9 Kommentare zu “Wahl 2014: Vorläufige Zusammenfassung und Bewertung

  1. Die Wahl hatte so ihre Höhepunkte, so viel steht fest. Und zwar im Positiven wie im Negativen. Der positive Höhepunkt war sicherlich, dass nun auch die Auslandsungarn wählen durften, selbst wenn ich nun nicht dabei sein durfte. Ich bin jetzt mal gespannt wie die abermillionen, vor Orbán erzitternden „Republiksflüchtlinge“ nun das Wahlergebnis beeinflussen werden. Schenkt man der alten und neuen linksliberalen Opposition Glauben, müssten die ja alle gegen Orbán stimmen. Da von den „alteingesessenen“ Auslandsungarn sicherlich nicht alle über eine ungarische Staatsbürgerschaft verfügen und sicherlich auch nicht alle wählen gegangen sind, werden die – ich betone nocheinmal – abermillionen Flüchtlinge, diese Auslandsungarn leicht überflügeln 😉

    Der negative Höhepunkt waren sicherlich die Auftritte der führenden Politiker der Opposition. Keiner von ihnen kommt um Anspielungen auf Wahlmanipulation herum, keiner schafft es, der Regierung zu gratulieren. Dabei wollen doch gerade die Linksliberalen für Respekt und Toleranz eintreten. Besonders von Bajnai hätte ich mehr erwartet. Eine Leistung war auch die lange – gähn! – Rede von Gyurcsány – richtig anstrengend. Ich bin mal gespannt, ob die Opposition nun mal endlich personelle Veränderungen durchführt.

  2. LMP:

    „Die Partei ist, nach einer für sie lebensbedrohlichen Spaltung im Vorjahr, somit weiterhin in der Lage, Ungarns Politik jedenfalls aus der Opposition heraus mitzubestimmen.“

    Mit 5 Sitzen und einer „2/3“ Mehrheit für Orban (bei wohlgemerkt 60% Wahlbeteiligung und 44%).

    Das war wohl eher als Witz gemeint, oder?

    Demokratie eben auf „Orbanisztanisch“….

  3. Ganz und gar nicht.

    Die fünf LMP-ler dürften es inhaltlich spielend mit 38 sog. „Regierungswechslern“ aufnehmen können. Jedenfalls solange von der sog. ungarischen Linken auch weiterhin so konstruktiv Oppositionspolitik betrieben wird wie bisher (Achtung, Ironie!). Die LMP verkörpert etwas, das Ungarns politische Landschaft dringend braucht. Und ich bin zuversichtlich, dass eine zunehmende Zahl von Menschen das auch sieht.

    • Das sehe ich auch so wie Hv! Die LMP ist eine wählbare und vernünftige Alternative. Es wurde Zeit für eine solche Partei in Ungarn und es freut mich aufrichtig, dass sie die 5% Hürde genommen haben. Ich selbst habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt sie zu wählen. Allerdings bin ich Auslandsungar und hatte somit zum ersten mal die Gelegenheit meine Stimme, wenn auch nur per Briefwahl und auch nur auf Parteilisten, zu vergeben. Ich weiß also wem ich dieses Recht verdanke! Für mich/uns war es ein sehr schöner Tag, ein Tag der Freude, des Glückes und der Hoffnung !
      Itt az idő.

      Gruss aus München

      P s. Ich möchte noch anmerken, dass das neue Wahlsystem schon gewisse Zweifel aufkommen lässt über die man reden sollte und sogar muss.

      • Werter Nimród,
        ich freue mich, dass sich unsere Einschätzung der LMP deckt.
        Welche konkreten Punkte sind Ihnen denn am Wahlrecht am meisten aufgestoßen?
        Die exklusive Gewährung des Briefwahlrechts halte ich z.B. für sehr problematisch – wegen der „gleichen Wahl“. Eine Verfassungsbeschwerde ist anhängig, mal sehen, wie das Gericht entscheidet. Was die Wahlwerbung angeht, so konnte ich bei meinem Budapestaufenthalt vor etwa zwei Wochen nicht feststellen, dass es nur Regierungsplakate gegeben hätte. Das gleiche gilt für den Außenbezirk in Richtung Ferihegy. Vom allergrößten Plakat grinste mich Frau Bernadett Szél (LMP) an. Und jeden Morgen im Kossuth-Rádió liefen ca. sechs Wahlwerbungen unterschiedlichster Parteien hintereinander. Dies nur als Beispiel, jene, die behaupten, es hätte keine Oppositionsplakate gegeben (z.B. auf dem Ring), werde ich ohnehin nicht überzeugen.

        Mich würde z.B. interessieren, wie Sie, Nomród, die Abwicklung der Wahl selbst empfunden haben, ggf. wollen Sie uns ja auch mitteilen, ob Sie per Brief oder auf dem Konsulat abgestimmt haben. Ich war im Laufe des Tages beim Konsulat, und es schien mir alles sehr geordnet abzulaufen.

  4. Wie sehr der „demokratische“ Parlamentarismus noch funktioniert, hat der 10 Milliarden/30Jahre-Paks Deal zwischen Orban und seinem Freund, dem lupenreinen Demokraten Putin, gezeigt. Was Abhängigkeit zu Russland bedeuten kann, ist nebenbei bestens aktuell in der Ukraine zu besichtigen. Da ist eine LMP Fraktion bestenfalls noch als ein Feigenblatt pseudo-demokratischer Verhältnisse zu werten.

    Zu meinem grossen bedauern hat darüber hinaus LMP gegenüber 2010 Stimmen verloren und ist nur noch knapp über die 5% gekommen. Statt dessen haben die Faschisten auf über 20% zugelegt, 40% aller Ungarn haben gleich ganz resigniert (sei es aufgrund der unfähigen Opposition oder allg. Desinteresse). Von Fidesz gibt es als Programm nur ein „weiter so“ – was schwerlich vorstellbar ist: die privaten Rentenfonds sind bereits enteignet, ein weiteres Frisieren der Arbeitlosenzahlen via Közmunka kaum möglich und der populistische Kampf gegen die „bösen“ Multis (die Arbeitplätze schaffen könnten) respektive die EU-Hetze (Ungarn ist einer der grössten Netto-Empfänger) auf Dauer nicht durchhaltbar. Ein weiterer Aderlass der jungen, gut gebildeten Ungarn gen Ausland scheint unter solchen Rahmenbedinungen nur folgerichtig.

    Als Demokrat, Europäer und Freund Ungarns bin ich nicht nur sehr in Sorge, sondern habe das Land fast schon abgeschrieben.

  5. Für mich war es die erste Teilnahme an freien Wahlen fürs ungarische Parlament. Ich stimmte am Konsulat im Zelt ab. Die Organisation empfand ich als professionell, auch in Vergleich mit den vielen Wahlen, an denen ich in Deutschland teilgenommen habe.

    Das Ergebnis bedeutet natürlich ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin nicht unglücklich darüber, dass Orbán weiterregieren darf. Ausgesprochen glücklich bin ich darüber, dass die grüne Partei LMP es geschafft hat, über die 5%-Hürde zu kommen. Die „Regierungswechsler” haben das bekommen, was sie verdient haben. Das Abschneiden von Jobbik ist besorgniserregend und für alle anderen Parteien ein Schuss vor den Bug.

    Die Befürchtung, dass die Änderungen des Wahlrechts das Linksbündnis massiv benachteiligen würden, hat sich nicht bewahrheitet. Zwar bekommt das Linksbündnis über die Liste nach neuem Wahlrecht weniger Mandate, das wird aber durch die gewonnenen Direktmandate aus den Wahlkreisen so gut wie aufgewogen. Nach altem Wahlrecht mit Stichwahl hätten die Kandidaten des Linksbündnisses diese Direktmandate wohl nicht gewinnen können.

    Das verstärkte Mehrheitswahlrecht-Komponente des neuen Wahlrechts hat noch eine sehr wichtige Wirkung: es hilft extremistische Parteien klein zu halten. Es ist merkwürdig, dass diese Tatsache bei der Würdigung des neuen ungarischen Wahlrechts in der um den Vormarsch von Extremisten ansonsten so besorgten deutschen Presse kaum eine Erwähnung findet.

    Vorwürfe, dass das linke Parteibündnis in den Medien benachteiligt wurde, kann man pauschal nicht stehen lassen. In Ungarn gibt es so gut wie keine unabhängige Medien. Jede Zeitung, jeder Fernsehsender, jeder Radiosender hat klare politische Sympathien. Je nach Richtung wird dann die eine Partei bevorzugt die anderen benachteiligt. Berechtigt ist hingegen die Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien. Diese Medien waren schon immer regierungslastig, unabhängig von der Farbe der Regierung. Aber in den letzten vier Jahren hat der Zustand der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen einen traurigen Höhepunkt erreicht. Trotz Nachteile in den öffentlich-rechtlichen Medien hatte das Linksbündnis in der ungarischen Medienlandschaft vielfältige Möglichkeiten, ihre Botschaften unter das Volk zu bringen. Die Partei Jobbik hat es sogar in einem kräftigen medialen Gegenwind geschafft, ein gutes Ergebnis zu erzielen.

    Dass es in Ungarn wirtschaftlich eher aufwärts gehen wird, da bin ich ziemlich sicher. Die Zeit vor 2010 war geprägt vom Glauben an Wunder. Seit Orbán an der Regierung ist, heisst es: von Nichts kommt Nichts, jeder ist verantwortlich, jeder muss anpacken dann kann es was werden.

    Ein Wechselbad der Gefühle blieb auch beim Anhören und Lesen der Reaktionen auf die Wahl. Hin und her zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Die entscheidende Frage für mich: ist es möglich, dass der tiefe Graben der Ungarn von Ungarn trennt einmal verschwindet. Es scheint hoffnungslos zu sein, wenn ich Orbán anhöre, wie er über die nie dagewesene Einheit der Ungarn spricht. Es scheint hoffnugslos zu sein, wenn ich Mesterházy anhöre, wie er sagt, dass Ungarn keine Demokratie und kein Rechtstaat ist. Es scheint hoffnungslos zu sein, wenn ich Galamus lese:
    http://www.galamuscsoport.hu/tartalom/cikk/372429_gyonyorkodjunk
    http://www.galamuscsoport.hu/tartalom/cikk/372710_kellemes_pusztulast_magyarorszag
    Es scheint hoffnungslos zu sein, wenn ich den verbalen Amoklauf von Zoltán Lovas anhöre:
    http://www.atv.hu/videok/video-20140407-hirvita-2014-04-07
    Es scheint hoffnungslos zu sein, wenn ich Olga Kálmán im Geschpräch mit András Schiffer anhöre. Hoffnung gibt aber András Schiffer im gleichen Gespräch. Oder ein Gespräch zwischen Gábor Horn und Ágoston Mráz:
    http://www.atv.hu/videok/video-20140408-hirvita-2014-04-08

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