WELT: Interview mit dem LMP-Parteivorsitzenden András Schiffer

Die Tageszeitung WELT bringt heute ein Interview von Boris Kálnoky mit dem LMP-Parteivorsitzenden András Schiffer. Die LMP gilt als Ungarns „grüne“ Partei. Schiffer spricht insbesondere über das Problem der rechtsradikalen Partei Jobbik – die laut einer aktuellen Umfrage bei den Europawahlen mit dem 2. Platz rechnen kann – sucht nach Gründen für deren Erstarken.

http://www.welt.de/politik/ausland/article128197099/Die-Rechtsradikalen-sprechen-echte-Probleme-an.html

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9 Kommentare zu “WELT: Interview mit dem LMP-Parteivorsitzenden András Schiffer

  1. Sieht aus als könnte aus der LMP noch eine vernünftige Partei werden, wenn auch eher nur eine kleine. Es scheint sogar gewisse Schnittmengen mit Fidesz zu geben, sodass eine Koalition im Ernstfall möglich erscheint, wenn die Wahlergebnisse der Fidesz mal nicht mehr zu einer eigenen Mehrheit reicht.

    Wenn da nur nicht derlei Blutgrätschen wären: http://hvg.hu/itthon/20140519_Noi_kvotat_vezetne_be_a_valasztason_allam 50%?! So wie es da steht, hätten Frauen eine Garantie mindestens 50% der Listenplätze zu bekommen, oder mehr. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Männer dann höchstens noch 50% der Listenplätze besetzen dürften. Wenn das nicht sexistisch ist, dann weis ich auch nicht. Leider gleicht das der Diskussionskultur in Deutschland zu diesem Thema, auch da wird die Stellung des Mannes ausgeblendet. Möglicherweise werden evtl. zeitgleich einzuführende Männerquoten nur nicht genannt, aber auch das würde zur Diskussion dazu gehören. Wird aber keine Männerquote eingeführt, so halte ich das für schlicht und ergreifend für verfassungswidrig, weil eine einseitige Frauenquote eine Benachteiligung einer Gruppe aufgrund des Geschlechts darstellen würde. Was sagt uns das? Das gleichzeitig auch eine Männerquote von 50% eingeführt werden müsste, das also die Listenplätze gleichmäßig zu verteilen wären. Das wäre wenigstens fair, jedoch fragt sich, ob es auch sinnvoll ist. Ich wähle jedenfalls nach Kompetenz, nicht nach Geschlecht. Und wenn es keine Kompetenz gibt, dann enthalte ich mich eben, egal ob es Geschlechterquoten gibt oder nicht.

  2. „Nun, es stimmt, dass es eine EU der zwei Geschwindigkeiten gibt, die den Interessen des Kapitals entspricht. Eine Schande, dass die Sozialisten, die sich links nennen, das nicht nur nicht ansprechen, sondern es antieuropäisch nennen, wenn man es wagt, dies zu kritisieren. Sie haben diese Debatte links ganz blockiert – darüber, dass heute die Ausbeutung nicht nur zwischen Kapital und Arbeitskraft stattfindet, sondern zwischen Regionen und Nationen.“

    Meine Güte, das ist hard! Alle Achtung! ob man davon, in Deutschland, in der angeblichen Melkkuh Europas iwas verstanden wird?

  3. „Ich halte etwa die freie Bewegung des Kapitals nicht für einen „Wert“. Besser wäre es, wenn die EU verhindern würde, dass österreichisches oder holländisches Kapital ungarischen Agrarboden aufkauft“.
    Mit solchen Sätzen und anderen wird LMP tatsächlich Fidesz-tauglich, dort, wo Fidesz-
    Politik links verortnet wird und die Probleme an der Wurzel packt. Insgesamt wird jedoch mit Orbáns Atom- und Machtpolitik kaum eine Koalition möglich sein.
    Danke an Kálnoky für dieses Interview. Es kann dazu beitragen, dass wenigstens einige im Westen verstehen, wie es zur Machtkonzentration in Ungarn gekommen ist. MSZP und SZDSZ
    kontrollieren mehr denn je die Debatte um Ungarn in Deutschland. An vorderster Front spielen Heller und Konrád eine üble Rolle. Fragen werden gestellt – Antworten bleiben aus. Solange die Ursache nicht mit MSZP und SZDSZ und ihren katastrophalen 8 Jahren in Verbindung gebracht wird, solange Selbskritik fehlt, wird die ganze Hysterie im Westen ein Schuss in den Ofen bleiben. LMP! Weiter so Schiffer!!

    • Ich halte die LMP seit ihrer Gründung für eine Kraft, die man unterstützen sollte. Nicht nur, weil ich z.B. die Atompolitik Ungarns für falsch halte (insbesondere, wenn man hier gemeinsam mit Russland operiert und sich in Abhängigkeit begibt).

      Mehr noch: Die LMP ist die einzige Partei, die die Gründe für den Zustand der ungarischen Gesellschaft tragfähig erklärt. Und daraus die korrekten Schlüsse zieht, d.h. eine ungefähr gleiche Distanz zu den beiden Lagern wahrt. Weder Rechte noch die sog. „Linken“ sind willens oder in der Lage, aus der heutigen Situation zu lernen und die Wogen zu glätten. Man schüttet stattdessen immerzu neues Öl ins Feuer. Ob man nun László Kövér oder György Konrád heißt, es ist dieselbe Freund-Feind-Denke.

      Schiffer hat nicht nur die schwere Aufgabe, das Überleben seiner Partei in Ungarn zu sichern (bis zu einem Zeitpunkt, in dem die Wähler für eine ökologische Kraft „bereit“ sind). Er muss auch seinen Parteifreunden in Westeuropa zu erklären, dass man die Welt eben nicht nur mit dem 68er Augedes durchschnittlichen westeuropäischen Grünen aus Deutschland oder Frankreich sehen kann/darf. Das werden zwar Dani Cohn-Bendit und jene, die in Freiheit aufwuchsen, aber noch immer in der Sympathie für den Sozialismus verharren, nicht begreifen: Aber es gibt Leute, die bereit sind, sich weiter in die Situation Mittelosteuropas zu vertiefen, als das im heutigen Antisemitismus- und Rassismus-Stakkato der Mainstream-Medien möglich ist. Man lese nur die Online-Kommentare in den Mainstream-Medien. Da scheint manch ein Leser weiter zu sein als die Verfasser von Beiträgen.

  4. Für die Blog-Leser noch ein kleines Leckerli: Ich fragte Schiffer, warum die deutschen Medien so fehlerhaft und negativ über das Land berichteten. Er hielt es für ein „psychosoziales Problem“ der deutschen Journalisten. 🙂 Ihre Berichterstattung sage mehr über sie und über Deutschland aus als über Ungarn.

    • Diese Auffassung ist in Ungarn weit verbreitet – und das nicht erst seit 2010. Der von mir hochgeschätzte András Oplatka bezeichnete das Phänomen als die „Auslagerung lästiger Reminiszenzen nach Ostmitteleuropa“.
      Ich kann dieser Auffassung einiges abgewinnen. Manch ein Landsmann scheint sich besser zu fühlen, wenn er die Geister der eigenen Vergangenheit in der Gegenwart anderer zu finden glaubt und mit dem Finger zeigen kann. Und zugleich betont, wie vorbildlich doch die Aufarbeitung der Geschichte in Deutschland ablief. Man fühlt sich wohl einfach besser.
      Natürlich werden Schiffers Worte auf wenig Gegenliebe stoßen.

  5. Aus diesem einen Interview erfährt der Leser mehr über Ungarn, als durch jahrelange Lektüre von Spiegel, SZ und TAZ. Danke Herr Schiffer, danke Herr Kalnoky! Und ich hoffe sehr, dass die ungarischen Grünen den Sprung ins EU-Parlament schaffen.

  6. Gut, dass es das Schiffer-Interview auf diesen Blog geschafft hat.

    Ich schätze Schiffer seit 2009 für seine oft erfrischend präzisen Analysen und differenzierten Ansichten.

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